Darf der Arbeitgeber Arztbesuche während der Arbeitszeit untersagen?

Gesundheit geht vor. Ist das wirklich immer so? Wenn es sich um Arztbesuche während der Arbeitszeit handelt, antworten Juristen auf diese Frage mit einem etwas unbestimmten Jein. Sie unterscheiden hier unter anderem danach, wie akut die Krankheit ist.

 

Recht auf Arztbesuch in akuten Fällen

Sind Sie so krank, dass Sie gar nicht arbeiten können, gibt es in der Regel keine Probleme. In diesem Fall spricht nichts dagegen, wenn Sie nicht ins Büro, sondern in die nächste Arztpraxis gehen, so z.B. bei heftigen Zahn-, Ohren-, Bauch- oder Halsschmerzen, bei hohem Fieber und nach Unfällen. Der behandelnde Arzt wird Ihnen in solchen akuten Fällen ohnehin eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für den Tag ausstellen.

 

Was aber, wenn es sich um weniger schlimme Erkrankungen handelt, die eine Krankschreibung nicht rechtfertigen? Was ist, wenn Sie nur den halbjährlichen Vorsorgetermin beim Zahnarzt oder die immer wieder aufgeschobene Konsultation des Facharztes wegen Ihres Rückenleides wahrnehmen wollen? Können Sie auch solche Termine in Ihre Arbeitszeit legen? Diese Fragen sind schwieriger zu beantworten. Hier gilt die Regel: Arztbesuche in der Arbeitszeit muss Ihr Arbeitgeber nur dulden, wenn es gar nicht anders möglich ist. Das ist z. B. der Fall, wenn Sie für eine Blutabnahme nüchtern sein müssen und deswegen nur am Vormittag in Praxis gehen können. Auch wenn Sie sonst bei einem begehrten Spezialisten viele Wochen oder sogar monatelang auf einen neuen Termin warten müssten, liegt eine Ausnahme vor. Anders sieht es aus, wenn ein Arzt nur Öffnungszeiten hat, die genau in Ihre Arbeitszeit fallen. Hier kann Ihr Chef verlangen, dass Sie sich einen anderen Mediziner mit flexibleren Sprechstunden suchen – sofern Sie ihm nicht plausibel erklären können, warum es ausgerechnet dieser Arzt sein muss. Auch die Arbeitszeiten spielen eine Rolle. Teilzeitkräfte mit geringer Wochenarbeitszeit haben es schwerer als in Vollzeit Arbeitende, einen Arztbesuch während der Arbeit zu rechtfertigen.

 

So ziemlich alles ist Verhandlungssache. Sprechen Sie mit Ihrem Chef. Vielleicht gibt er Ihnen auch für einen Arzttermin frei, der nicht unbedingt in die Arbeitszeit fallen müsste. Bieten Sie ihm dafür an, die versäumten Arbeitsstunden am Nachmittag dranzuhängen.

 

Vorher informieren ist immer Pflicht

Was immer gilt: Sie müssen Ihren Chef rechtzeitig, d. h. vorher, über den Arzttermin informieren, und zwar über dessen Grund und die voraussichtliche Dauer. Auch eine Bescheinigung über den Arztbesuch darf der Arbeitgeber verlangen. Verletzen Sie diese Informationspflichten, riskieren Sie unter Umständen eine Abmahnung und im Wiederholungsfall sogar eine Kündigung. Gleiches gilt, wenn Sie gegen den Willen Ihres Arbeitgebers Arzttermine zu Unrecht in Ihre Arbeitszeit legen.

 

Wer zu Recht einen Arzt aufsucht, muss versäumte Arbeitsstunden nicht nachholen und behält den vollen Anspruch auf seinen Lohn. So sieht es das Gesetz vor[1]. Allerdings kann davon durch vertragliche Abreden abgewichen werden. Es lohnt also ein Blick in Ihren Arbeitsvertrag oder für Sie geltende Tarifverträge.

 

 

[1] § 616 BGB