Arbeitsplatz der Zukunft

Arbeitswelten der Zukunft: "Unsere Büros müssen individueller werden"

Die Wiener Architektin Denise Riesenberg entwickelt Arbeitsräume der Zukunft. Worauf es bei den modernen Jobwelten künftig ankommt, und wie New Work die Räume verändert, erklärt sie anlässlich der New Work Sessions von XING in Wien* im Spielraum-Interview.

Architektin Denise Riesenberg

Architektin Denise Riesenberg: „Wir müssen unsere Arbeitsräume komplett neu denken“

XING Spielraum: Frau Riesenberg, wie kann Architektur zum Erfolg eines Unternehmens beitragen, beziehungsweise die Innovationsfähigkeit verbessern?

Denise Riesenberg: Ein Raum ist nicht nur eine gebaute Hülle, in der wir arbeiten, sondern er beeinflusst unsere Verhaltensweisen. Wir spüren bewusst oder unbewusst seine Wirkung und prägen dort unsere täglichen Routinen und Gewohnheiten aus. Dieser gelebte Raum bestimmt letztendlich mit, wie erfolgreich eine Arbeitswelt ist.

Was sollte denn so einen prägenden Raum idealerweise ausmachen?

Riesenberg: Wir leben in einer Zeit, in der es für immer mehr Menschen theoretisch möglich ist, von jedem Ort aus zu arbeiten. Da muss ein gutes Büro den bestmöglichen Komfort bieten, nicht nur im Hinblick auf Klima, Service und Infrastruktur. Die Arbeitslandschaft entscheidet über die Beziehungen der Menschen, wie sie zusammenarbeiten oder kommunizieren können. Dazu gehört auch, individuellen Bedürfnissen Raum zu geben und unterschiedliche Arbeitsweisen zuzulassen. Denn wir sind alle nur dann produktiv, wenn wir so arbeiten können, wie es zu uns passt. Das ist für den einen der fixe Schreibtisch, während ein anderer den Arbeitsort nach seiner jeweiligen Worksession oder Stimmung wählt.

Brauchen also Unternehmen mehr Platz?

Riesenberg: Es geht darum, dass das Raumangebot und wie die Räume zueinander angeordnet sind, individuell auf die Ziele des Unternehmens und die Bedürfnisse der Mitarbeiter abgestimmt werden. Raum ist nichts Statisches, er verändert sich mit der individuellen Nutzung. Ein Bürokonzept sollte die Fähigkeit haben, Veränderungen zu ermöglichen und den Nutzern Prinzipien mitzugeben, wie sich das Büro anpassen lässt, wenn sich Organisationen und Geschäftsmodelle entwickeln und verändern. Neben den eigentlichen Arbeitsräumen werden andere Orte immer wichtiger, Orte in denen man experimentieren kann oder die Kreativität anregen, in denen die soziale Gemeinschaft gelebt werden kann und Freiräume um sein Energielevel aufzufüllen.

Arbeit wird zunehmend in Projekten organisiert. Was bedeutet das für unsere Arbeitsräume?

Riesenberg: Das ist eine spannende Frage, denn ich glaube, dass wir Arbeitsräume komplett neu denken müssen. Unternehmen unterliegen einem Wandel in ihren Organisations- und Zusammenarbeitsstrukturen. Früher gab es geschlossene stabile Systeme mit Linien- und Pyramidenstrukturen, und so saßen die Mitarbeiter im Büro abteilungsweise zusammen. Derzeit sehen wir einen Wandel in Richtung einer fluiden Organisation mit parallelen Vielstrukturen. Es geht heute also vermehrt darum, dass die Menschen auch so dauerhaft oder temporär zusammensitzen können, wie sie organisiert sind, z.B in Projekten oder der Wertschöpfungskette.

Mehr denn je ist es Unternehmen wichtig, die Fähigkeiten der richtigen Mitarbeiter zum richtigen Zeitpunkt zu verknüpfen. Wer möchte, dass seine Mitarbeiter schneller und effizienter zu Ergebnissen kommen, muss ihnen auch eine räumliche Struktur geben, ihr Wissen und ihre Ideen bedarfsgenau schnell und unmittelbar teilen zu können. So kann die Geschwindigkeit der Arbeitsprozesse erhöht werden, wenn einem Mixed Team die notwendigen Räume oder Raumzonen für ihren Arbeitsprozess zugeordnet sind, und sie dort jederzeit zwischen Zusammen- und Alleinarbeit wechseln können. Das ist die so genannte „Valued or Project based Space Organisation“.

Sinnvoll können auch mehrmals täglich wechselnde Arbeitsorte sein, wie es die „Activity Based Working“ Konzepte vorsehen. Sie eignen sich besonders für diejenigen, die in fluiden und schnell wechselnden Aufgaben und Teams arbeiten und von ihrer Tätigkeit her schon mobil sind.

Ein Unternehmen muss sich heute also mit modernen Arbeitswelten beschäftigen?

Riesenberg: Ja, denn der Wunsch nach mehr Arbeits- und Lebensqualität wird eine immer größere Rolle beim Wettbewerb um gute Mitarbeiter spielen. Unternehmen müssen dafür sorgen, dass einerseits effizienter gearbeitet werden kann, und die Mitarbeiter dabei zugleich leistungsfähig und gesund bleiben. Eine entsprechend gestaltete Arbeitslandschaft kann dabei helfen.

Wie wichtig sind dennoch Rückzugsorte, Arbeitsplätze, wo man sich konzentrieren und kreativ sein kann?

Riesenberg: Ich bin überzeugt, dass ich Räume, wo ich kreativ sein möchte und ‚das Unmögliche‘ denken will, von den Arbeitsräumen des Daily Business, trennen sollte. Denn wir kennen das alle, wenn wir im Kopf nicht frei sind und am Schreibtisch das Tagesgeschäft wartet, bleibt keine Zeit ‚off‘ zu sein. Erst wenn ich mich diesem hektischen Treiben entziehen kann und meine Nische finde, habe ich die Muße, mich auf eine Sache einzulassen, sie zu durchdenken und in den Kreativprozess einzusteigen.

Dafür braucht es Orte, die nicht von Verpflichtungen besetzt sind, sogenannte Dritte Orte. Die kein klassischer Arbeitsort sind und die man frei aufsuchen kann. Unternehmen sollten also vielfältige Orte, z.B. der Ruhe, Bewegung und Kulinarik anbieten, zu denen man gehen kann. Diese Räume dürfen nicht neutral und beliebig sein, sie müssen anders sein und durch ihre Stimmung und Atmosphäre Energie und Ideen freisetzen.

Das Interview führte Silja Schriever

(©Aufmacherfoto: Collaboration im Miba Forum, Fotograf Peter Garmusch)

Zur Person:
Denise Riesenberg arbeitet mit Unternehmen und Institutionen an den Herausforderungen einer zukunftsfähigen Büro- und Arbeitswelt, die Menschen produktiver und zufriedener macht. Die Architektin hat langjährige Erfahrung im Office Consulting und bei der Begleitung räumlicher Veränderungsprozesse. Sie hat unter anderem bei Hadi Teherani, der zu den Vorreitern im Bereich Coporate Architecture zählt, in Hamburg und Moskau gearbeitet. Mehr Infos: http://www.deniseriesenberg.com  und hier: Profil von Denise Riesenberg bei DNA – Das neue Arbeiten

*Veranstaltungstipp: Die New Work Sessions von XING finden in Kooperation mit kununu und Das Neue Arbeiten DNA am 5. Dezember in Wien statt. Die Sessions stehen unter dem Motto „Innovation durch Freiraum – Wie Kreativität und Transparenz Unternehmenskulturen verändern“. In dem vielfältigen, hochkarätig besetzten Programm diskutieren die Teilnehmer, wie Unternehmen, die dauerhaft wettbewerbsfähig sein wollen, eine Kultur schaffen, in der frische Ideen entstehen und sich weiterentwickeln können. Mehr Informationen finden Sie hier.

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