„Mit dem Luxus unserer Generation geht soziale Verantwortung einher“

Eine sinnstiftende Tätigkeit wird für Arbeitnehmer zunehmend wichtiger. Seit 2016 gibt es nun ein „digitales Zuhause“ für nachhaltige und soziale Jobs: GoodJobs.eu. XING Spielraum spricht mit dem Gründer Paul Berg über Spaß bei der Arbeit und auf was es beim Job jenseits der Bezahlung wirklich ankommt.

XING Spielraum: Was versteht GoodJobs unter „guter Arbeit“?
Paul Berg: Wir konzentrieren uns auf den sozialen Aspekt und den der Nachhaltigkeit. Wir glauben, dass Jobs in diesem Bereich es verdient haben, in besonderer Art und Weise hervorgehoben zu werden. Das heißt jedoch nicht, dass das die einzig sinnvollen Tätigkeitsfelder sind. Jede NGO oder jedes Sustainable Start-Up hat eine Kommunikationsinfrastruktur, fährt auf Straßen und nutzt ansonsten viele Dinge, die unser System braucht, um zu funktionieren.

XING Spielraum: Was heißt das praktisch für Ihre Plattform –  wie entscheiden Sie, mit welchen Unternehmen Sie  zusammenarbeiten?
Berg:
Alle unsere Partner, müssen in einer der folgenden Felder verankert sein:  Umweltschutz, humanitäre Hilfe, Wissensvermittlung, fair wirtschaften – wie beispielsweise faire Modelabels – und gesellschaftlich gerecht gestalten – wie etwa die Entwicklungshilfe. Diese nennen wir die GoodJobs-Kriterien der Nachhaltigkeit. Auf unserer Blacklist stehen beispielsweise politisch zu radikale Organisationen oder konkrete Branchen, wie die Rüstungs- und Pharmabranche, fossile Brennstoffe.


„Ab einem Jahreseinkommen von 60.000 € macht uns jeder zusätzliche Euro nicht glücklicher.“


XING Spielraum: Was sehen Sie als Grund für die Entwicklung, dass der Sinn im Job für Arbeitnehmer häufig wichtiger ist, als die Bezahlung?
Berg: In Deutschland hat das mit dem Wohlstand unserer Industrienation zu tun. Wir befinden uns in der luxuriösen Situation, nicht nur darauf achten zu müssen, einen Job zu bekommen, um Geld zu verdienen. Eine Studie von Angus Deaton aus der Glücksforschung besagt, dass jeder zusätzliche Euro ab einem Jahreseinkommen von 60.000 uns nicht glücklicher macht. Dies zeigt, dass es eine Grenze gibt und es nicht sinnvoll ist, sich in seinem Leben nur auf Geld zu fokussieren. Ich glaube dies erkennen gerade immer mehr Menschen in unserem Land.


„Unsere Generation lebt einerseits im Luxus, jedoch geht andererseits auch soziale und ökologische Verantwortung einher. Damit es weitergehen kann, brauchen wir eine stabile und funktionierende Gesellschaft.“


XING Spielraum: Identitätsstiftende Arbeit kann schnell zur Selbstausbeutung führen – sehen Sie dies als Gefahr?
Berg:
Natürlich muss man bedenken, dass etwa im sozialen Bereich nicht alle Überstunden bezahlt werden und die intrinsische Motivation hoch ist. Arbeitnehmer achten oft weniger auf eigene Bedürfnisse. Wir betonen deshalb immer wieder, dass man nicht nur demütig und engagiert seine Aufgaben erledigen soll. Es ist wichtig, dies achtsam und im Einklang mit der körperlichen Gesundheit und dem Privatleben zu tun. Denn nur dann kann man den Job auch so ausfüllen, dass er im Kleinen wie im Großen wirklich Sinn ergibt.

XING Spielraum: Was wären Aspekte, die Sie an der heutigen Arbeitswelt ändern würden, wenn Sie könnten?
Berg:
Es reicht eigentlich, wenn man eine Sache ändern würde: Alle Leute sollten sich Gedanken darüber machen, für wen und was sie arbeiten möchten und darin einen Sinn sehen.


„Reflektion über Fragen, was ich im Leben eigentlich möchte, wird uns schon frühzeitig abtrainiert.“


Schon im Schulsystem werden diese Reflektionsprozesse gestoppt. Menschen lernen relativ früh, nicht für das eigene Interesse zu lernen, sondern für künstlich erstellte Aufgaben. Das gleiche übernimmt man dann auch in der Arbeitswelt. Man betrachtet die Faktoren, die eben gesellschaftlich anerkannt sind, wie etwa Geld und Status, und optimiert sein Arbeitsleben darauf.

Eine zweite Sache, die mich in vielen Hinsichten stört, ist zu viel Konformität. Ich erinnere mich an mein Praktikum bei einem großen Medienunternehmen. Mir wurde dort verboten, mit Jogginghose und T-Shirt zur Arbeit zu kommen, obwohl ich einen ganz guten Job gemacht habe und auch keinen Kundenkontakt hatte. Das war zur gleichen Zeit, in der viele CEOs ins Silicon Valley geflogen sind und für ihre Anzüge und Krawatten ausgelacht wurden.

Das Interview führte Julia Nedoma

Paul Berg ist 27 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Kiel. Nach seinem (schlechten) Abitur hat er an der Zeppelin Universität am Bodensee Wirtschaftswissenschaften studiert. Nach ein paar praktischen Erfahrungen bei großen Medienhäusern ist er nach Berlin gezogen und hat im Jahr 2016 GoodJobs gegründet.
GoodJobs ist eine Job- und Informationsplattform rund um Jobs mit Sinn. Menschen können einen Job finden, die einen sozialen oder nachhaltigen Sinn in Ihrer Arbeit suchen – egal in welcher Branche oder welchem Berufsfeld. Partnerunternehmen sind beispielsweise Lemonaid, die GLS Bank, Speick, Greenpeace, Amnesty International.

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