New Work

Jobtrend Freelancing: Dein neuer Chef? Das bist du selbst!

Von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft: Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich unsere Arbeitswelt grundlegend verändert. Vor allem freischaffende Kreative erleben die Auswirkungen von New Work hautnah. Sie müssen sich mit Themen wie Outsourcing, Automatisierung, ortsunabhängigem Arbeiten und Digitalisierung auseinandersetzen, um langfristig erfolgreich zu sein. Wie können sie von der Entwicklung der Arbeitswelt profitieren? Vivecca Frank* fragte bei Experten und Betroffenen nach.

Schon Anfang der 1990er Jahre, das Internet war gerade geboren, begannen junge Kreative, ihre Produkte und Ideen online zu präsentieren und später auch zu verkaufen. Mit dem Aufkommen des Web 2.0 ab 2003 rückte der bidirektionale Austausch von Inhalten zunehmend in den Vordergrund: Soziale Medien ermöglichten es, eigene Arbeiten nicht mehr nur zu präsentieren, sondern auch mit einer schnell wachsenden Community zu teilen und so überproportional zu verbreiten. Nutzer konnten nun mit nur wenigen Klicks zu Kunden werden – der Beruf des Freelancers, der mithilfe der Digitalisierung sein eigenes Geschäft selbst vorantreibt, erschien immer mehr Menschen als lukratives Gegenmodell zum klassischen 9-to-5-Job.

New-Work-Expertin Inga Höltmann

New-Work-Expertin Inga Höltmann: „Eine globale Entwicklung, der wir uns nicht entziehen können“ (©Foto: Axel Kuhlmann)

Dies beweist auch eine aktuelle Statistik des Bundesverbandes der Freien Berufe e.V. Laut dieser hat sich die Zahl der Freiberufler in Deutschland seit 1999 mehr als verdoppelt. Für die Wirtschaftsjournalistin und New-Work-Expertin Inga Höltmann ist diese Entwicklung auch Konsequenz eines Generationenwechsels, der sich in den vergangenen drei Jahrzehnten vollzogen hat: „New Work ermöglicht es uns, auf den Menschen und seine Bedürfnisse achtzugeben und ein passendes Gewand für ihn zu schneidern – denn die Bedürfnisse sind heute so individuell wie die Menschen selbst”. Initiativen wie Vertrauensarbeitszeit, Teil- und Gleitzeit sowie die Viertagewoche seien Ausdruck dieser Veränderung. Noch befinden sich die Auswirkungen von New Work in einer Übergangsphase, in der sowohl die analoge als auch die digitale Arbeit nebeneinander existieren.

Dieser Umstand kommt vor allem älteren Arbeitnehmern zu gute. Sie können derzeit noch ohne umfassende Kenntnisse des Internets bestehen. Diese Phase neige sich jedoch bereits dem Ende zu, so Höltmann. Daher werde die „Digital Literacy”, also die Fähigkeit, digitale Inhalte zu erstellen und zu bewerten, zunehmend zu einer der Kernkompetenzen der neuen Arbeitswelt.

Warum Freelancing 2018 trotzdem so schwer ist

Für Inga Höltmann ist New Work keinesfalls nur eine Option unter vielen: „Es ist eine tiefgreifende globale Entwicklung, der wir uns nicht entziehen können.“ Sie habe den Eindruck, dass vor allem große Unternehmen zunehmend auf die Zusammenarbeit mit selbstständig arbeitenden Personen setzten, die entweder allein oder in Teams und Projektgruppen an Projekten arbeiten. Die Beobachtungen der Expertin machen deutlich, wie stark sich New Work bereits heute auf Organisationen auswirkt: Sie werden an ihren Peripherien durchlässiger und erlauben es Mitarbeitern, entsprechend ihrer aktuellen Lebenssituation zu arbeiten – oder greifen projektbasiert gleich ganz auf Freischaffende zurück.

Die Grafikdesignerin Gila Fröhlich arbeitet seit mehr als acht Jahren als erfolgreiche Freelancerin mit Auftraggebern rund um den Globus: „Ich bin ein typischer Quereinsteiger”, so die Designerin. Zunächst habe sie Hotelmanagement studiert und später als Marketing Manager in den Niederlanden und Deutschland gearbeitet. Eine persönliche Krise und ein damit verbundener ehrlicher Blick auf die eigenen Stärken habe schließlich die Wende gebracht: „Da ich Grafikerfahrung aus meinem früheren Job hatte, wurden die Anfragen nach Flyern und Logos immer mehr. Da bin ich dann eine ganze Weile geblieben.“ berichtet Fröhlich.

Freiberufliche Grafikdesignerin Gila Fröhlich

Freiberufliche Grafikdesignerin Gila Fröhlich: „Zwei Monate warten, bis ich wieder Ressourcen frei habe? Das gibt es online kaum noch” (©Foto: G.Fröhlich)

Seit etwa sieben Jahren ist sie nun schon erfolgreich auf unterschiedlichen Online-Plattformen mit ihrem eigenen Portfolio vertreten. Die Auswirkungen von New Work auf ihren Arbeitsalltag erlebt sie in den vergangenen zwei Jahren besonders stark: „Ich denke, wir Designer sind austauschbarer als früher”, so Fröhlich. Wenn man nichts weiter könne, als „im Auftrag Pixel zu verschieben”, gäbe es heute zig Grafikdesigner in Indonesien oder den Philippinen, die das billiger und schneller lieferten. Dem stimmt auch Inga Höltmann zu: „Die Zunahme an Solo-Selbstständigen entlässt die Unternehmen ein bisschen aus ihrer Fürsorgepflicht”. Dies sei besonders problematisch in sogenannten „Care-Perioden“ wie etwa Krankheit oder der Geburt eines Kindes.

Neben der großen Zahl an Mitbewerbern ist es aber auch die steigende Nachfrage von Seiten der Auftraggeber, die viele Freelancer unter Druck setzt: „Wochenenden, Projektplanung, eventuell zwei Monate warten, bis ich wieder Ressourcen frei habe? Das gibt es online kaum noch”, so Gila Fröhlich. „Manche Aufträge haben zudem ein schwammiges Briefing und ein kleines Budget”, erzählt die Grafikdesignerin. Sie ärgere sich immer wieder über diese Mischung aus hohen Erwartungen bei kleinen Preisen. Kunden wollen heute alles, am besten sofort – weil wiederum ihre eigenen Kunden ein hochwertiges Branding erwarten. Wer 2018 weder mit einer modernen Visitenkarten noch mit einer nutzerorientierten Website aufwarten kann, verliert potenzielle Kunden schnell an die Konkurrenz.

Wie die Selbstständigkeit trotzdem gelingen kann

Internationale Kunden und großes Wachstumspotenzial versus wachsende Konkurrenz und große Eigenverantwortung – wie wandeln Freelancer diese Gegensätze in eine gute Auftragslage? Einer der größten Faktoren ist die finanzielle Unsicherheit. Gerade am Anfang können Monate des Auftragshochs von einer langen Flaute abgelöst werden, in denen trotzdem laufende Kosten gedeckt werden müssen. Viele Kreative wie Gila Fröhlich lassen ihren alten Lebensstil hinter sich und senken so zusätzlich ihre Ausgaben: „Ich lebe in einem modernen Mobile Home im Norden der Republik – für mich die absolute Freiheit und zusätzlicher Boost für meine Kreativität.“ Dieser Entwurf steht stellvertretend für eine Vielzahl an Möglichkeiten, die eigenen Fixkosten zu senken. Gerade zu Beginn einer Karriere kann auch die Investition in einen Coworking-Space  (s. Aufmacherbild: Beta Haus Hamburg) also einen geteilten Arbeitsplatz, sinnvoll sein.

Portfolio von Gila Fröhlich auf 99designs

Portfolio von Gila Fröhlich auf 99designs

Neben den eigenen Finanzen müssen sich Freelancer auch um die Kundenakquise kümmern – eine bei vielen Freiberuflern gefürchtete Tätigkeit. Gila Fröhlich sorgt mit unterschiedlichen Mechanismen dafür, dass sie „bis heute noch nie einen Cold Call machen musste”: All Ihre Arbeiten samt Kundenreferenzen präsentiert sie dauerhaft online – sowohl auf ihrer eigenen Website als auch auf Kreativplattformen wie 99designs. Hier präsentiert sie sich mit einem klaren Profil, das sich ganz bewusst auf einige Spezialgebiete konzentriert. Darüber hinaus verlässt sie sich nicht auf die Treue ihrer Stammkunden und nimmt regelmäßig neue Aufträge aus unterschiedlichsten Branchen an: „Für eine Konferenz in Las Vegas habe ich gerade ein neues Logo kreiert. Mit einem kanadischen Kunden arbeite ich an einer neuen Stoff-Kollektion. Und ein Lieblingskunde aus Doha hat diese Woche das dritte Logo bei mir bestellt. Nebenher schreibe ich an einem Kinderbuch und denke ernsthaft über den Start eines nachhaltigen Labels für Kinderkleidung nach”, so Fröhlich über ihre verschiedenen Standbeine.

Wer die eigenen Finanzen im Griff und gefüllte Auftragsbücher hat, kann sich auf die eigentliche Arbeit konzentrieren. Im Zeitalter unzähliger Tools und digitaler Helfer fällt es vielen Freelancern gar nicht so leicht, die richtige Hard- und Software für ihr Business auszuwählen (hierzu gehören übrigens auch soziale Medien wie etwa Instagram oder Snapchat). Schließlich kommen regelmäßig neue potenzielle Werkzeuge auf den Markt. PayPal, Payoneer oder die klassische Online-Überweisung haben sich für Gila Fröhlich bewährt. Auch die Kommunikation mit ihren Kunden findet heute fast ausschließlich virtuell statt. Über Plattformen wie Dropbox und Trello können Informationen, Entwürfe und Termine ausgetauscht und ggf. gemeinsam bearbeitet werden.

Eigeninitiative ist der Schlüssel zum Erfolg

Wir können den Einfluss der Digitalisierung auf unsere Arbeitswelt und die Wucht ihrer Transformation nicht überschätzen. Dieser Meinung ist auch Inga Höltmann. Für sie steht der Begriff New Work letztlich für eine unausweichliche Herausforderung, in der viele Chancen liegen. Dabei zieht die Expertin auch Vergleiche zur Industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert. Anders als vor 200 Jahren stehe nun die Rückkehr zum Menschen und die Möglichkeit, seine Bedürfnisse und Fähigkeiten ins Zentrum der Arbeit zu stellen, im Mittelpunkt.

Dabei gäbe es nicht das eine Konzept oder den einen Trend, mit dem sich Freelancer nun auseinandersetzen sollten: „Ein wesentlicher Teil meiner freiberuflichen Arbeit besteht darin, diese zu organisieren und mich damit auseinanderzusetzen, wie ich arbeiten möchte und welche Anforderungen ich erfüllen muss”, so Höltmann. Sie geht davon aus, dass die Arbeit der Zukunft zunehmend auch das Nachdenken über sie beinhalten wird.

Darüber hinaus sieht sie die Zukunft der Arbeit vor allem in Zusammenarbeit mit digitaler Unterstützung: „Wir werden mit Robotern zusammenarbeiten und mit Künstlicher Intelligenz, während Technologien wie Blockchain dem Internet eine komplett neue DNA verschaffen werden”, so Höltmann. Letztlich werde man in den nächsten zehn Jahren mehr und mehr erfahren, was lebenslanges Lernen wirklich bedeute – denn höchstwahrscheinlich hänge der professionelle Erfolg vieler Menschen dann maßgeblich von deren individueller Anpassungsfähigkeit und Lernwille ab.

*Über die Autorin: Vivecca Frank ist Marketing Coordinator bei 99designs, der globalen Kreativ-Plattform, die es Designern und Kunden leicht macht, gemeinsam an individuellen Designs zu arbeiten.


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