Entspannter arbeiten

Achtsamkeit in der Arbeitswelt: "Wir sind nicht für Multitasking geschaffen"

Wer achtsam ist, stärkt sein Konzentrationsvermögen, das Immunsystem und allgemein die Freude am Leben. Auch immer mehr Unternehmen wollen durch spezielle Trainings ihre Mitarbeiter vor Stress und Überforderung schützen. Im Interview mit XING Spielraum erklärt der Autor und Achtsamkeitsexperte Jan Eßwein*, warum wir in Deutschland trotzdem noch hinter der Entwicklung hinterherlaufen.

XING Spielraum: Herr Eßwein, wie definieren Sie Achtsamkeit, und warum ist sie auch in der Arbeitswelt entscheidend?

Jan Eßwein: Achtsamkeit bedeutet, mich voll und ganz darauf zu konzentrieren, was ich gerade erlebe und was ich tue. Präsent sein und den Moment erleben. Der Fokus der Wahrnehmung kann auf mir selbst liegen, meinem körperlichen Befinden, meinen Gefühlen oder auch auf dem Menschen, mit dem ich in Kontakt bin. Ebenso kann Achtsamkeit gegenüber meiner Umgebung wichtig sein, ob Raumtemperatur, Licht oder Geräusche. Wer achtsam ist, geht gelassener, freudiger durch den Alltag, handelt bewusster und effektiver.
Die Fähigkeit, sich am Stück zu konzentrieren, sinkt immer weiter. Schon deshalb interessieren sich immer mehr Menschen und natürlich auch Unternehmen für Achtsamkeitstechniken, die nicht nur bei der Stressreduktion helfen, sondern auch die Konzentration fördern und für eine gelungene Kommunikation sorgen.

Achtsamkeiitsexperte Jan Eßwein:

Achtsamkeitsexperte Eßwein:“Zersplittere ich meine geistige Energie durch Lesen von 200 Chatnachrichten, oder bin ich in der Lage mich auf das Wichtigste zu konzentrieren „

Warum fällt es uns schwer, wirklich achtsam zu sein?

Eßwein: Menschen lassen sich leicht ablenken. Wir nehmen heute im Schnitt 80 Mal so viele Informationen auf wie vor dem Interzeitalter. Zeitgleich ist die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen in den vergangenen Jahren auffallend stark gesunken.
Ein anderes Beispiel: Eine Untersuchung ergab, dass Manager im Schnitt drei Minuten am Stück an einer Sache arbeiten können, bevor sie unterbrochen werden. Doch bis ein Mensch sich richtig in ein Thema eingearbeitet hat, braucht sein Gehirn je nach Komplexität der Aufgabe zwischen 15 und 30 Minuten. Jeder braucht also ungestörte Zeit für bestimmte Arbeiten und einen sehr bewussten Umgang damit, was gut und hilfreich für einen ist.

Sollte die Achtsamkeits-Bewegung also auch noch mehr die Arbeitswelt erobern?

Eßwein: In immer mehr Unternehmen wird erkannt, dass die Ressource Achtsamkeit das Wichtigste ist, denn daran hängt die Kreativität und die Fähigkeit, neue Produkte oder bessere Dienstleistungen zu entwickeln. Im modernen Arbeitsalltag geht es weniger hierarchisch zu. Es wird kommunikativer gearbeitet, und es ist gefragt, sich selbst einschätzen zu können: Was brauche ich gerade, um produktiv sein zu können? Wir haben heute mehr Freiheit, unsere Arbeit zu gestalten und den so genannten „sweet spot“ zu finden, den Bereich, wo jeder seine höchste Effektivität entfalten kann. Wann brauche ich einen ruhigen Raum, wann eine stimulierende Umgebung in Gesellschaft? Deshalb brauchen wir Achtsamkeit in der Arbeitswelt.

Ihrer Erfahrung nach bieten in Großbritannien und Nordamerika Unternehmen ihren Mitarbeitern häufiger Achtsamkeitstraining an als in Deutschland.

Eßwein: Ja, das ist richtig. In den USA hat bereits in den späten 1970er Jahren der bekannte Medizin-Professor Jon Kabat-Zinn einen Weg entwickelt, wie man Stress begegnen kann. „Mindfulness Based Stress Reduction“ (MBSR) heißt das aus dem Buddhismus-Kontext herausgelöste Programm: Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Er war schon damals der Überzeugung, damit die Wirtschaft und die Politik verändern zu können. MBSR ist auch die Basis meines Ansatzes. Um den spezifischen Anforderungen für Führungskräfte und Mitarbeiter in Unternehmen gerecht zu werden, habe ich ihn im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Das Thema Umgang mit digitalen Medien spielt hier auch eine wichtige Rolle.

Kann ich Achtsamkeit auch allein üben?

Eßwein: Sinnvoll ist, zu überlegen, wie gehe ich mit digitalen Medien um? Zersplittere ich meine geistige Energie durch Lesen von 200 Chatnachrichten, oder bin ich in der Lage mich auf das Wichtigste zu konzentrieren und zu selektieren. Jeder kann üben, sich selbst zu steuern: Emails nur gebündelt abrufen, WhatsApp-Gruppen verlassen und ähnliches. Kleine Pausen einlegen und dadurch keine automatisierten Entscheidungen treffen, sondern bewusste. Im Alltag können wir uns bewusst achtsame Momente schaffen. Ich kann achtsam essen oder gehen, meinen Atem spüren.

Was sollten Führungskräfte lernen?

Eßwein: Vielen Managern ist nicht bewusst, wie sehr Ablenkung und Multitasking die Menschen uneffektiv macht. Wir sind nicht für Multitasking geschaffen. Man kann nur eine Sache nach der anderen abarbeiten. Durch Multitasking verlieren Unternehmen einen großen Anteil an der wichtigen Ressource Achtsamkeit, die zentral ist für fokussiertes Arbeiten.
So einigen Führungskräften fällt in unseren Workshops die Kinnlade runter, und ihnen wird klar: Ja, wir müssen etwas verändern. Sie müssen Kontexte gestalten, die konzentriertes Arbeiten ermöglichen. Eine Möglichkeit ist eine fest verabredete „Fokuszeit“. Ein Team von zehn Leuten zum Beispiel verabredet morgens von acht bis zehn Uhr eine Zeit, in der keine Mails beantwortet und keine Anrufe entgegen genommen werden. Nur eine Person dient als „Feuerwehrmann/-frau“ und reagiert, wenn es sehr dringend ist, und hält den anderen den Rücken frei. Das wird bisher gern angenommen und umgesetzt.
Diese Teams sagen heute, in dieser Fokuszeit hätten sie mehr geschafft als in der restlichen Zeit zusammen. Wie viele Menschen erzählen denn, dass sie erst ab 19 Uhr richtig gut arbeiten können, weil sie nicht mehr unterbrochen oder abgelenkt werden? Also müssen wir dahin kommen, dass fokussiertes Arbeiten auch in den regulären Arbeitszeiten gut möglich ist.

Stress bei der Arbeit: „Wenn mich ständig der Gedanke beschäftigt, dass ich niemanden enttäuschen darf und alles kontrollieren muss, dann kann das Arbeitsleben zur täglichen Hölle werden.“ (©Foto: Fotolia/kite_rin)

Können Sie uns eine Übung sagen, die wir im Büro praktizieren können?

Eßwein: Eine Übung ist der „breathing space“, maximal drei Minuten lang. Phase 1. Wahrnehmen, wie geht es mir gerade, wie ist mein Energielevel und meine Stimmung? Phase 2: Fokus auf den Atem und spüren, wie der Atem in den Bauch ein- und ausströmt, wie sich die Bauchdecke hebt und senkt. Dabei bleiben, etwa zehn Atemzüge. Phase 3: Sich fragen, was brauche ich jetzt? Woran möchte ich arbeiten, was ist das Wichtigste, und was brauche ich dafür? Welchen Kontext und welchen Menschen?
Das ist eine effektive kleine Übung, um sich selbst im schnellen Alltag wahrzunehmen. Und Klarheit zu erhalten darüber, wie ich ihn angehe. Denn die Art, wie wir die Dinge machen, hat Auswirkung darauf, wie stressig unser Alltag ist. Wenn mich ständig der Gedanke beschäftigt, dass ich niemanden enttäuschen darf und alles kontrollieren muss, dann kann das Arbeitsleben zur täglichen Hölle werden.

Hat sich schon etwas verändert im Zuge von New Work?

Eßwein: Ein bisher nur kleiner Anteil der Unternehmen engagiert sich da wirklich. Aber es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass Achtsamkeit bei Stressbewältigung hilft und mit den gegebenen Belastungen besser umzugehen. Wer in der Arbeitswelt 4.0 ankommen und Mitarbeiter anziehen will, kommt im Gesundheitsmanagement nicht mehr um dieses Thema herum. Produkte und Dienstleistungen werden immer komplexer, die Hierarchien flacher, die Fähigkeit auf Augenhöhe in großen Teams achtsam kommunizieren zu können, ist entscheidend für ein agiles Projektmanagement.

Was lernt man über sich und das Leben, wenn man – wie Sie 2006 in Nepal – ein halbes Jahr in einem Kloster verbringt?

Eßwein: Welches Glück sich einstellt, wenn man sehr fokussiert, achtsam und im Moment ist. Je mehr mein Geist zur Ruhe kam von Woche zu Woche, desto stärker wurde die Ruhe in mir und eine tiefe Zufriedenheit breitete sich aus. Zuvor war ich die meiste Zeit auf Autopilot und oft gar nicht präsent. Viele Menschen essen ja den Salat und denken schon an den Nachtisch. Oder sie sprechen mit jemanden und denken schon an den nächsten Teil ihrer Agenda. Sie sitzen im Büro, haben einen Moment Ruhe und genießen ihn gar nicht.

Im Schweigekloster hatte ich alle paar Tage ein kurzes Interview mit dem Mönch, der mich angeleitet hat. Dann musste ich innerhalb von drei Minuten berichten, was ich in den vergangenen 30 bis 40 Stunden Meditation erlebt hatte. Ich musste mich sehr auf den Punkt bringen, es war unmöglich auszuschweifen. Dafür erlebte ich die totale Präsenz und Wertschätzung des Mönchs. Das habe ich für das Arbeitsleben mitgenommen. Wir sollten lernen, auf den Punkt zu sprechen und wertschätzend zuzuhören.

Es hilft uns auch im Privatleben, wenn wir große wie kleine Dinge und Gefühle bewusster wahrnehmen?

Eßwein: Ja, absolut. Überraschungen, wie dass sich der Partner „plötzlich“ trennt, gibt es nicht. Neue Bedürfnisse oder Veränderungen kündigen sich an. Wenn wir achtsam sind, kriegen wir früher mit, was in unserem Leben und in sozialen Beziehungen so läuft und können bewusster in eine Richtung steuern, die uns gut tut.

Das Interview führte Silja Schriever

*Zur Person: Jan Eßwein ist Unternehmer, Speaker, Executive-Coach und Autor zum Thema Achtsamkeit. Seine frühen Veröffentlichungen und Trainings machen ihn außerdem zu einem Wegbereiter der Achtsamkeitsbewegung in Deutschland. Mehr Informationen gibt es auf seiner Webseite.

Veranstaltungstipp: Jan Eßwein ist einer der vielen profilierten Speaker auf den New Work Sessions von XING, die in Kooperation mit kununu und Das Neue Arbeiten DNA am 5. Dezember in Wien stattfinden. Die Sessions stehen unter dem Motto „Innovation durch Freiraum – Wie Kreativität und Transparenz Unternehmenskulturen verändern“. In dem vielfältigen, hochkarätig besetzten Programm diskutieren die Teilnehmer, wie Unternehmen, die dauerhaft wettbewerbsfähig sein wollen, eine Kultur schaffen, in der frische Ideen entstehen und sich weiterentwickeln können. Mehr Informationen finden Sie hier.


Das könnte Sie auch interessieren: 

„Wir müssen das Gefühl haben, dass es Sinn macht, was wir im Job tun“

0 Kommentare