Arbeit & Sinn

"Wir müssen das Gefühl haben, dass es Sinn macht, was wir im Job tun"

Die moderne Arbeitswelt stresst viele Menschen mit Tempo, Multitasking und Druck. Wie man es trotzdem schaffen kann, Sinn und Freude in seiner Arbeit zu erleben, erklärt der Wiener Hirnforscher Bernd Hufnagl* im Interview mit XING Spielraum anlässlich der New Work Sessions in Wien**.

XING Spielraum: Herr Dr. Hufnagl, es ist jetzt Mittagszeit. Was haben Sie heute alles schon gemacht?

Bernd Hufnagl: Ich war beim Zahnarzt.

Oh, Sie Armer…

Hufnagl: … war alles harmlos.

Schön. Aber leider ist meine Eingangsfrage nun deplatziert, weil ich eigentlich gedacht hatte, dass Sie als vielbeschäftigter Mensch bis jetzt schon ganz viele, ganz unterschiedliche Dinge gemacht haben – und wir wollen ja über die Belastungen der modernen, stressigen Arbeitswelt sprechen.

Hirnforscher Bernd Hufnagl

Hirnforscher Hufnagl: „Man muss damit aufhören, ständig über Dinge in einer vergangenheits- und problemorientierten Art und Weise zu denken.“

Hufnagl: Da hätte ich Sie eh etwas enttäuschen müssen: Mein Leben ist viel einfacher als das der allermeisten Menschen. Ich lebe nämlich als Sprecher und Autor durchaus privilegiert. Ich fahre von einer Veranstaltung zur nächsten, die letzten Tage waren sehr voll, gestern Abend zum Beispiel bin ich erst sehr spät aus Köln gekommen.

Und so geht es hin und her, aber das Leben an sich ist sehr einfach. Ich bin zwar viel auf Reisen, aber Reisen sind, wenn man sich das im Kopf richtig zurechtrückt, ja auch Freizeit. Es ist nicht nur Stress, nicht nur belastend, sondern ich habe es tatsächlich geschafft, dass ich gerne reise.

Natürlich habe ich es auch nicht ganz so gerne, wenn Flüge gecancelt werden oder der Zug nicht pünktlich ist – aber mehr löst das nicht bei mir aus. Im Gegenteil, ich genieße die Zeit, trinke einen Cappuccino, lese ein gutes Buch. Und dann stehe ich eine Stunde auf der Bühne und reise anschließend wieder fünf Stunden lang zurück.

Jetzt haben wir wahrscheinlich gerade viele unser Leser neidisch gemacht. Die würden nämlich auch gerne so stressfrei auf Geschäftsreise gehen. Wie schafft man das denn?

Hufnagl: Unser Gehirn interpretiert die Welt einmal so – und dann wieder ganz anders. In stressigen Zeiten sind wir schnell von vielen Dingen genervt. Und wenn es uns besser geht, sehen wir in den gleichen Dingen vielleicht sogar das Positive. Zwischen diesen beiden Polen pendeln die meisten Menschen. Unsere Patienten, also Menschen, die sehr pessimistisch sind, mitunter depressiv, sind aber auf der einen Seite gefangen, kommen aus dem Jammern und Klagen kaum heraus.

Dabei es ist so, wie Sie mit Ihrer Frage suggerieren: Es liegt schon auch an uns selbst, nicht nur, aber auch an uns, wie wir mit unangenehmen Dingen umgehen. Zum Beispiel bei Menschen, die nach einem Malediven-Urlaub nur über die zwei Tage Regen meckern, die sie gehabt haben, und über das nicht ganz so üppige Buffet – aber die anderen 12 großartigen Tage in einer phantastischen Umgebung überhaupt nicht erwähnen.

Viele Menschen neigen dazu, in bestimmten Lebensphasen nur das Negative zu sehen und alles andere ausklammern. Die sind übrigens dann auch davon vollkommen überzeugt, dass alles negativ ist. Und das ist ein fataler Prozess.

Auch die Arbeit ist ja ein beliebtes Thema zum Meckern, Motzen und Jammern…

Hufnagl: Ja klar, vor allem auch, weil wir in der Komplexität der Arbeitswelt arbeits- und zeitteilig unterwegs sind, d.h. wir sind von anderen abhängig. Selbst viele CEOs von Großkonzernen, mit denen ich spreche, fühlen sich nur als Passagier des eigenen Lebens. Da gibt es dann noch den Aufsichtsrat, den Kunden, den Markt, die Globalisierung – niemand kann mehr sagen „Ich bestimme alles, da ist niemand über mir“.

Und dann wiederum gibt es Menschen, auch in den untersten Arbeitsebenen, die fühlen sich – ganz subjektiv – eben nicht als Passagiere.

Aber die sind doch auch nicht im Cockpit oder im Führerstand ihres Lebens, um bei diesem Bild zu bleiben. Was machen die anders?

Stress im Job: „Ich muss meine Arbeit auch tatsächlich schaffen können. Ich brauche die Ressourcen dafür.“ (©Foto: Jens Schierenbeck / dpa)

Hufnagl: Die haben gelernt, dass es im Leben darum geht, sich eine ganz wesentliche Fähigkeit zu bewahren: die sogenannte Selbstwirksamkeit. Das ist die Überzeugung, dass ich selbst dazu beitragen kann, wie es mir geht. Das heißt, innerhalb der gesteckten Leitplanken, der Beschränkungen des Alltags, zu erkennen, was sie verändern können und was nicht. Es geht also um die Akzeptanz der Fremdbestimmtheit.

Damit ist aber nicht die Resignation gemeint, die manche Menschen befällt. Diese Menschen glauben, genau zu wissen, wer daran schuld ist, dass es ihnen so schlecht geht. Die kennen die „Täter“.

Jene aber, die die Fremdbestimmtheit akzeptieren, die reden nicht von den Tätern, sondern überlegen sich, was sie dazu beitragen können, die Situation zu verändern. Und wenn sie zu dem Schluss kommen, sie können gar nichts dazu beitragen, reden sie nicht mehr darüber.

Das ist ein ganz wichtiger Prozess im Leben jedes Einzelnen. Dass man damit aufhört, ständig über Dinge in einer vergangenheits- und problemorientierten Art und Weise zu denken. Das bedeutet nicht, dass man nicht mehr über Probleme reden darf. Aber wenn man darüber redet, dann differenziert, mit dem Bestreben, selber etwas zur Lösung beizutragen.

Diese Akzeptanz soll aber nicht etwa dazu führen, dass ich es ertragen kann, irgendeine stumpfsinnige Arbeit acht Stunden am Tag zu machen.

Hufnagl: Nein, natürlich nicht. Die Glücksforschung zeigt, dass es selbst bei einer absolut stumpfen, monotonen Fließbandarbeit Menschen gibt, die es schaffen, dem Ganzen einen Sinn zu geben. Um so einer Arbeit oder auch einer hektischen, fremdbestimmten Büroarbeit einen Sinn zu geben, muss man sich drei Dinge bewahren und auch das Umfeld, also der Arbeitgeber muss dazu beitragen.

Erstens: Ich muss das Gefühl haben, ich kann mich selbst beteiligen, also: Partizipation. Ich kann, zumindest ein kleines bisschen, den Weg bestimmen, den ich zum Ziel gehen will.

Zweitens: Ich muss verstehen können, was ich da tue – und es auch wollen. Ich erlebe in der Arbeitswelt ganz viele Menschen, die scheinbar gar nicht verstehen wollen, warum diese und jene Management-Entscheidung so ausgefallen ist. Sie fragen nicht nach. Sie warten bis zur nächsten Mitarbeiterbefragung und kreuzen dann an „Mir sagt es ja niemand“.

Drittens: Ich muss meine Arbeit auch tatsächlich schaffen können. Ich brauche die Ressourcen dafür. Ich brauche die Kompetenzen, ich brauche auch den richtigen, passenden Job für mich.

Dies alles führt zu dem Gefühl, dass es Sinn macht, was wir tun. Und Sinn zu machen, das ist in der Arbeitswelt das Entscheidende überhaupt.

Dass genau das bei vielen Menschen aber nicht klappt, liegt das an dem, was Sie „nicht hirngerechtes Arbeiten“ nennen?

Hufnagl: Ja, auch. Aber was ich damit grundsätzlich meine, ist nicht der Vorwurf, dass wir grundsätzlich doof arbeiten, oder ohne Hirn, sondern dass wir Erben eines uralten Netzwerkes in unserem Hirn sind, das immerhin zwischen 300 und 150 Millionen Jahr alt ist. Und als Hirnforscher versuchen ich und meine Kollegen immer zu verstehen, wie uns dieser Erbteil prägt. Wir wissen, dass dort ganz viele Fallen eingebaut sind.

Zum Beispiel, dass wir durch das darin verankerte Belohnungssystem quasi gezwungen sind, uns anzustrengen und vor allem das Ergebnis unserer Anstrengungen sofort oder zumindest zeitnah sehen zu können. Ich nenne das die Rasenmäherlogik. Da sehen Sie auch sofort, was Ihre Arbeit bewirkt.

Und Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Menschen, darunter viele Topmanager, mir erzählen, wie gut sie sich beim Rasenmähen entspannen. Oder bei anderen handwerklichen Tätigkeiten. Und auf dieses Gefühl, dieses Bedürfnis muss die moderne Arbeitswelt Rücksicht nehmen.

Aber wie genau könnte das aussehen?

Team-Meeting: „Das fragmentierte Arbeitsleben lässt nicht zu, dass wir einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung sehen.“

Hufnagl: Zum Beispiel mit der verstärkten Nutzung agiler Methoden, die ja eigentlich gar nicht so neu sind, aber das nur am Rande. Was diese Methoden leisten, ist, Ursache und Wirkung wieder in einen näheren Zusammenhang zu bringen zusammenzubringen. Das ist wichtig in dieser digitalisierten Welt, wo es oft nur noch Großprojekte gibt, wo es um Meilensteine geht, die oft Monate, wenn nicht Jahre auseinanderliegen, wo zu viel Zeit zwischen den einzelnen Steps vergeht.

Das ist – um es zu wiederholen – nicht hirngerechtes Arbeiten. Es muss, im Selbstmanagement oder in der Organisation, berücksichtigt werden, dass Menschen davon abhängig sind, Ursache und Wirkung ihrer Arbeit wieder unmittelbar zu erleben.

Wir brauchen also gerade in unserer digitalisierten Arbeitswelt mehr dieser „Belohnungsmomente“?

Hufnagl: Ich würde das nicht unbedingt so formulieren. Es geht nicht um Spaß, sondern in erster Linie darum, dass ich jeden Tag erkennen können muss, was ich leiste. Es darf nicht passieren, dass Sie nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommen und sich mit diesem unangenehmen Gefühl fragen „Was habe ich heute eigentlich geleistet?“

Diese Intransparenz unserer digitalisierten Welt, dieser Zustand, dass Menschen nur noch von Meeting zu Meeting hetzen und während der Meetings noch Mails schreiben, also dieses fragmentierte Arbeitsleben – das lässt nicht zu, dass wir einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung sehen. Darauf müssen wir und unsere Organisationen mehr achten: dass Menschen zufrieden nach Hause gehen.

Und für alle, die damit bei sich selber anfangen wollen, habe ich einen Tipp: Fangen Sie an, ein Leistungstagebuch zu schreiben und, bevor Sie Feierabend machen, aufschreiben „Was war heute meine Leistung? Was habe ich heute wirklich getan?“

Klar, dass ist zusätzliche Arbeit, aber die ist gut investiert. Denn sich seiner Leistung zu vergegenwärtigen, die positiven Aspekte der eigenen Arbeit zu betonen, kann helfen, ihre Einstellung fundamental zu ändern. Dann kommen Sie vom Malediven-Urlaub zurück und erzählen von den zwölf traumhaften Tagen, nicht mehr vom Regen.

Zum Schluss eine fast schon klassische Frage: Sehen Sie gerade als Hirnforscher in der Digitalisierung mehr Chancen oder mehr Risiken?

Hufnagl: Definitiv mehr Chancen, auch im Gegensatz zu manch anderen, durchaus bekannten, Hirnforschern (lacht). Wir werden nämlich weder dumm noch debil. Natürlich gibt es medizinische Risiken, darüber gibt es ja auch viele Studien. Aber diese Panikmache von manchen Kollegen ist einfach übertrieben.

Ich hätte gerne in dieser Welt studieren und lernen dürfen: in den virtuellen Welten, in denen von Augmented Reality, der mit der direkten und schnellen Verfügbarkeit von Informationen. Für unsere Kinder gibt es – ob in Youtube oder anderen digitalen Räumen – so viele wunderbare Möglichkeiten zu verstehen und lernen, auch ohne Bücher. Das kann ein Lehrer nicht leisten, niemals.

Also: Viel mehr Chancen durch die Digitalisierung, natürlich mit Nebenwirkung. Aber auch hier ist es wie mit vielen Dingen auf der Welt: Die Dosis macht das Gift.

Das Interview führte Ralf Klassen.

*Zur Person: Dr. Bernd Hufnagl

Studien der Biologie und Medizin (Schwerpunkte: Neurobiologie, Hirnforschung und Verhaltensbiologie). Langjähriger Lehrbeauftragter an der Universität Wien. Zehn Jahre Hirnforschung an der Universität Wien und an der Universitätsklinik für Neurologie am Allgemeinen Krankenhaus Wien.

Hufnagl ist Dozent am Management Center Innsbruck (MCI). Buchautor („Besser fix als fertig! Hirngerecht arbeiten in der Welt des Multitasking“, er hält Keynote-Vorträge, Kongressvorträge und Dinnerspeeches.

**Veranstaltungstipp: Bernd Hufnagl wird die Eröffnungs-Keynote der New Work Sessions von XING halten, die am in Kooperation mit kununu und Das Neue Arbeiten DNA am 5. Dezember in Wien stattfinden. Die Sessions stehen unter dem Motto „Innovation durch Freiraum – Wie Kreativität und Transparenz Unternehmenskulturen verändern“. In dem vielfältigen, hochkarätig besetzen Programm diskutieren die Teilnehmer, wie Unternehmen, die dauerhaft wettbewerbsfähig sein wollen, eine Kultur schaffen, in der frische Ideen entstehen und sich weiterentwickeln können. Mehr Informationen finden Sie hier.

1 Kommentare

Stephan Jelinek

22.11.2018

Es stellte und es stellt sich seit Menschengedenken immer dieselbe Frage für jeden Menschen: Arbeitest Du noch oder lebst Du schon?
Komisch, dass heute dank Internet jeder Mensch so einfach wie nie zuvor an die entsprechenden Informationen kommen kann, um sein Leben so umzugestalten, dass der Ausstieg aus dem eigenen Hamsterrad erfolgreich gelingen kann. Gleichzeitig frisst die vor unseren mobilen Geräten verbrachte Zeit dieses theoretische Potenzial meist wieder auf.
Auch das galt jedoch schon immer und Kant hat es so treffend wie niemand sonst vor langer Zeit auf den Punkt gebracht: Ich kann, weil ich will, was ich muss.