Karriere & Leben

Toni Schumacher: "Über mich hätte man auch als Briefträger gesprochen"

Harald „Toni“ Schumacher ist eine Legende des deutschen Fußballs, auf und neben dem Platz. Der ehemalige Nationaltorwart glänzte mit überragenden sportlichen Leistungen und sorgte mit Enthüllungen über Missstände in seiner Branche für heftige Diskussionen. Im Interview mit XING Spielraum blickt er auf seine Karriere zurück und erklärt, was der jungen Generation von Profifußballern heute häufig noch fehlt.

XING Spielraum: Herr Schumacher, Sie werden auf den New Work Sessions von XING bei der Orgatec* Gast auf einem Diskussionspanel sein. Da geht es um die Veränderungen der Arbeitswelt und der Kultur in Unternehmen. Wie erleben Sie denn diese Veränderungen, in ihrer Branche, dem Profifußball?

Toni Schuhmcher als erfolgreicher Nationaltorhüter:

Toni Schumacher als erfolgreicher Nationaltorhüter: „Im Leben wie auf dem Platz muss man lernen, gegen etwas anzukämpfen“ (©Foto: Getty Images)

Toni Schumacher: Für mich ganz entscheidend ist die Entwicklung der Neuen Medien. Sehen Sie, unsere Medien damals, das waren der Kicker, Express, Bild, kurz – die schreibende und gedruckte Zunft. Damals wurde noch eins zu eins – fast – alles gedruckt, was man gesagt hat. Heute geht kein Interview mehr raus ohne das OK der Presseabteilung. Das ist sicher anders für die Journalisten als früher.

Auf der anderen Seite sind die Jungs heute durch die elektronischen Medien so gut wie gläsern. Wo wir früher noch verrückte Sachen machen konnten, wie zum Beispiel nach einem Abendspiel noch um die Häuser ziehen, mitunter im Trainingsanzug – mit sowas bist Du heute dank Handys innerhalb von 10 Sekunden im Netz.

Früher war auch das Verständnis für solche Aktionen von Spielern größer, meine ich. Heute denken viele nur daran, eine tolle Story zu haben. Ein bisschen tut es mir deshalb für die Jungs leid, dass sie so vorsichtig sein müssen.

Aber die Spieler, gerade die ganz jungen, tragen doch auch ihren Teil dazu bei, dass sie so gläsern werden. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass da keine Fotos von schicken Autos, edlen Hotels oder schicken Stränden gepostet wird. Manchmal auch aus der Muckibude, wenn man den Eindruck von Trainingsfleiß vermitteln will.

„Die jungen Spieler haben nicht mehr so großes Interesse am Verein“

Schumacher: Natürlich haben Sie auch „Mitschuld“, denn sie befüllen ihre Social-Media-Accounts. Jeder will so viele Follower haben wie möglich, nicht nur, weil es schmeichelt, das sind ja auch Einnahmequellen. Und die Spieler können sich direkter an Fans und Öffentlichkeit wenden. Ohne Filter. Aber dafür zahlen die Spieler auch einen hohen Preis.

Was man der jungen Generation in der „normalen“ Arbeitswelt nachsagt ist, dass sie immer mehr Mitsprache und Offenheit in ihrem Job einfordert. Ist das im Profifußball auch so? Sie sind ja in ihrer Funktion als Vizepräsident des 1.FC Köln sehr nah dran an dieser Generation.

Schumacher: Was Training und Taktik betrifft, ist das wohl so. Aber ansonsten kann ich das für den Fußball nicht so bestätigen. Das liegt aber auch daran, dass die meisten Spieler heutzutage ja nur zwei, drei Jahre in einem Verein bleiben und dann wieder wechseln. Ich dagegen war 16 Jahre im Club, viele meiner Mitspieler wie Bernd Cullmann oder Wolfgang Overath 12, 13 Jahre. Da hat man schon mehr Interesse, mitreden zu wollen, weil man ja morgen und übermorgen und nächstes Jahr ja auch noch da sein will.

Die Jungs heute konzentrieren sich mehr auf sich, daher kommt ja auch der heute gängige Begriff der Ich-AG. Es hat für viele nicht den hohen Stellenwert, was man mit den Jugendspielern im Verein besser machen kann, oder was sie persönlich dafür tun könnten. Oder dass sie sich mehr für soziale Belange des Vereins interessieren und einsetzen.

Das macht die Arbeit für Verantwortliche im Klub, ob Trainer, Manager oder Präsident nicht einfacher.

Schumacher: Nein, sicher nicht. Und die Kehrseite ist: Wenn es dann zum Konflikt um seine eigenen Interessen kommt, weil der Spieler unbedingt wechseln will oder sein Berater ihm etwas einflüstert, dann geht es teilweise schon sehr hart zu. Und die Vereine sind dann mitunter in der Klemme, wenn Stars rumzicken.

Schumacher-Buch: "Anpfiff"

Schumacher-Buch: „Anpfiff“: „Dieses Aufbegehren habe ich der Erziehung meiner Mutter zu verdanken.“

Sie galten ja in ihrer Zeit als – Achtung Schlagworte – „echter Typ“ und „Rebell“. Auf jeden Fall waren sie nicht duckmäuserisch und haben mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg gehalten, eine sehr umstrittene Buchveröffentlichung inklusive. Sie haben es Ihren Verantwortlichen damals ja auch nicht leicht gemacht.

Schumacher: Ja, aber der Klub war ja mein Zuhause, da wollte ich – wie gesagt – gerne auch noch die nächsten fünf, sechs, am liebsten zehn Jahre sein. Da musste ich ja was anstoßen, wenn ich etwas für die Zukunft verändern wollte. Sie haben das Buch „Anpfiff“ erwähnt. Die Themen, auf die ich damit aufmerksam machen wollte, wie das Doping-Problem oder die schlechte WM-Vorbereitung, die hatte ich ja intern schon lange und deutlich angesprochen. Aber als sich trotzdem nichts änderte, hatte ich das Gefühl ich müsste das öffentlich machen. Kurz nach meiner Veröffentlichung wurde die Dopingkontrolle im deutschen Fußball eingeführt.

Und wenn ich mir meine Forderungen so anschaue, wie eine Reform der Trainingsmethoden, das Vollprofitum, besseren Komfort in den Stadien, den vierten Schiedsrichter usw… – also da war ich damals, 1987, der Zeit ganz schön voraus (lacht).

Aber damals galten Sie als Nestbeschmutzer und Tabubrecher.

Schumacher: Heute würde man sagen „Whistleblower“. (lacht) Dieses Aufbegehren, wenn ich der Überzeugung war, dass etwas Wichtiges in die falsche Richtung läuft, das habe ich der Erziehung meiner Mutter zu verdanken. Sie hat immer gesagt: „Du musst ehrlich sein und Du musst fleißig sein“. Was meinen Sie, warum „Anpfiff“ keine einzige Einstweilige Verfügung bekommen hat? Weil alles stimmt, was da drinsteht. Dabei ging es mir nicht um mich, sondern immer um die Sache.

Nochmal zurück zu den jungen Spielern von heute: Man hat den Eindruck, dass die von den Vereinen schon sehr in Watte gepackt und rundum betreut werden.

Schumacher: Ja, das ist teilweise so. Es kommt dabei auch sehr auf den jeweiligen Berater an. Die Spieler müssen sich um sehr wenig kümmern, weil ihnen sehr vieles vermeintlich Lästiges rund um das alltägliche Leben usw. abgenommen wird. Ein bisschen mehr Erfahrung im echten Leben wäre für die persönliche Entwicklung der Jungs sicherlich gut. Das wird ja auch immer gefordert. Zu Recht.

„Der Fußball war meine große Chance, etwas zu erreichen“

Hat dieses verwöhnt werden denn auch Auswirkungen auf das Spiel selber, auf das Verhalten auf dem Platz?

Schumacher: Im Leben wie auf dem Platz muss man lernen, gegen etwas anzukämpfen. Dagegen, dass es, um ein Beispiel zu nennen, nach einem 0:3 Rückstand in der 60. Minute nicht 0:5 oder 0:6 ausgeht, sondern dass man im besten Fall das Spiel noch dreht. Da sehe ich auch die Vorbilder, die Stars in den Mannschaften, in der Pflicht – auch wenn sie zur nächsten Saison möglicherweise wieder bei einem anderen Verein spielen.

Sie selbst waren ja auch ein Spieler, der immer von einer großen Motivation gelebt hat. Ist das eigentlich alles ihr eigener Ehrgeiz gewesen, oder hatten sie auch Trainer und Mitspieler, die Sie da noch weiter gepuscht haben?

Schumacher im WM-Finale 1986 gegen Argentinien

Schumacher im WM-Finale 1986 gegen Argentinien: „Ich war sehr rücksichtslos zu mir und meinem Körper.“ (©Foto: Mike King / Getty Images)

Schumacher: Da kommen wieder meine Eltern ins Spiel: Das gehört zum fleißig sein, das haben sie mir mitgegeben. Und der Fußball war eine gute Möglichkeit für mich, etwas zu erreichen: Ich komme aus einer Arbeitersiedlung, wir wohnten mit meinen Eltern und meiner Schwester zu viert in einer 43-Quadratmeter-Wohnung, Enge. Das hat mich wahnsinnig angespornt.

Ich habe diesem Ehrgeiz während meiner aktiven Karriere alles untergeordnet. Mit gebrochenen Knochen und kaputtem Knie weitergespielt, ich war sehr rücksichtslos zu mir und meinem Körper.

Machen Sie sich nun dafür Vorwürfe?

Schumacher: Nein, überhaupt nicht. Der Ehrgeiz gehörte damals zu mir. Und ich fand immer schon, auch als junger Spieler: Es ist besser, man setzt sich selbst unter Druck, als wenn das andere tun, ob nun Trainer, Manager oder Medien. Das hat auch dazu geführt, dass ich gerne Neues ausprobiert habe, um besser zu werden, zum Beispiel autogenes Training oder statische Datensammlungen über Elfmeterschützen, das alles schon in den 70er Jahren.

Also waren Sie ein Vollprofi, der sich auf und außerhalb des Platzes für seinen Beruf und seinen Arbeitgeber, den Klub, total eingesetzt hat.

Schumacher: Ja, aber das hätte ich auch in jedem anderen Beruf gemacht. Ich habe unter anderem einmal gesagt: „Und wenn ich Briefträger geworden wäre – über mich hätte man gesprochen.“

Als schnellster Briefträger von Köln…

Schumacher: … ja, oder weil ich den Mütterchen schon einmal eine Blume mitgebracht hätte…

Der Beruf als Frage der Ehre, da können Sie mit so einem neuen Schlagwort wie Work-Life-Balance Sie wahrscheinlich nicht so viel anfangen, oder?

Schumacher: Nein, meine Arbeit war meine Balance, ich wollte keine Pausen, auch nicht nach internationalen Turnieren. Der Beruf, der Sport – das war mein Leben.

„Lieber einen Knick in der Laufbahn als im Rückgrat“ – noch so ein bekannter Satz von ihnen über Arbeit und Leben…

Schumacher: Genau, das gilt heute immer noch so. Ehrlich zu sein, Dir selbst gegenüber, egal, was Du machst, das ist das Wichtigste.

Das Interview führte Ralf Klassen


*Veranstaltungshinweis: Toni Schumacher gehört zu den spannenden Gästen, die am 23. Oktober auf den New Work Sessions von XING auf der Trendmesse ORGATEC in Köln auftreten werden. Lassen Sie sich von New Workern, Rebellen und Vordenkern – siehe Banner – inspirieren, die mit ihrem Engagement und ihren erfrischenden Denkweisen eingefahrene Muster durchbrechen und damit zum Nachdenken und Mitmachen anregen.

Mehr Informationen und Tickets für die New Work Sessions inklusive Besuch der ORGATEC erhalten Sie beim Klick auf das Banner:


1 Kommentare

Jost Tödtli

18.10.2018

Sehr gutes kurzes Interview !

Schade, dass Fussball gegenüber den US-Sportarten (speziell NFL) bezüglich Professionalität immer noch so weit zurück liegt.