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Azubi-Trip zum Polarkreis: "Entwicklung gibt es nur außerhalb der Komfortzone"

Raus aus den Seminarräumen, Schluss mit ewig gleichen Teambuilding-Spielchen. Bodo Janssen, Chef der Hotelgruppe Upstalsboom, hatte eine andere Workshop-Idee für seine Auszubildenden: eine Polarexpedition – Schießtraining und Eisbärenwache inklusive.

Als Bodo Janssen erfuhr, dass seine Mitarbeiter ihn für einen schlechten Chef hielten, krempelte er sich und sein Unternehmen, die Hotelkette Upstalsboom,komplett um. Dort soll nun der Mensch im Fokus stehen. Dafür geht Janssen extreme Wege: Vor Kurzem erst hat er mit Auszubildenden eine Polar-Expedition unternommen. Im Interview mit XING Spielraum erzählen Janssen und die Auszubildende Michèle Kleemann, was es heißt, bei eisigen Temperaturen in der Natur auf die Toilette gehen zu müssen und nachts auf die Eisbär-Wache zu vertrauen – und wie sich das auf den Arbeitsalltag auswirkt.

Spielraum: Herr Janssen, Sie kommen gerade von einer Polar-Expedition zurück, die Sie mit Ihren Auszubildenden auf Spitzbergen unternommen haben. Was wollten Sie damit erreichen?

Bodo Janssen: Im Vordergrund sollte stehen, sich etwas Neues zuzutrauen und Teamwork in einer Extremsituation zu erleben. Spitzbergen erschien uns perfekt für eine Tour, bei der sich jeder überwinden muss, das schier Unvorstellbare zu schaffen, aber bei der eben auch die Themen Nachhaltigkeit und Umwelt ins Bewusstsein gerückt werden. Für mich war auch wichtig, dass sich diese Expedition maßgeblich von unserer ersten “Tour des Lebens” auf den Kilimandscharo unterscheidet. Ich wollte keinen Wettkampfgedanken entstehen lassen.

Upstalsboom-Azubis mit Chef Bodo Janssen beim Training für die Polar-Expedition

Upstalsboom-Azubis mit Chef Bodo Janssen beim Training für die Polar-Expedition:“Nicht unter dem Deckmantel des Abenteuers irgendeine Pauschalreise machen“

Spielraum: Frau Kleemann, was haben Sie gedacht als Sie das erste Mal von der Expedition gehört haben?

Michèle Kleemann: So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben. Deswegen wollte ich sofort dabei sein.

Spielraum: Was waren die größten Herausforderungen?

Janssen: Wir mussten dieses Mal alle Vorbereitungen selbst treffen und auch während der Tour haben wir das ganze Gepäck selbst getragen, konnten nichts an Sherpas abgeben wie wir es auf dem Kilimandscharo getan hatten. Und natürlich waren die Gefahren deutlich größer. So eine Tour mit Menschen in diesem Alter und ohne nennenswerte Ski-Erfahrung hat noch nie jemand gemacht, und das hat es zu einer echten Expedition gemacht.

Wir wollten nicht unter dem Deckmantel des Abenteuers irgendeine Pauschalreise machen. Es ging darum, die Menschen wirklich herauszufordern, mich eingeschlossen. Die Führer haben uns anfangs nur 20 Prozent Chance eingeräumt, das haben sie aber zum Glück nicht gesagt. So haben wir das Ausfliegen mit dem Hubschrauber gar nicht in Erwägung gezogen, alle mussten mitziehen. Das hat es sehr speziell gemacht.

Spielraum: Wollten Sie wirklich nie abbrechen?

Kleemann: Bei mir gab es so einen Moment nur einmal, direkt am zweiten Tag. Wir waren an einer verschneiten Stelle, auf Skiern Richtung Gipfel und nur mit einem Seil befestigt. Da habe ich Angst gekriegt und hätte fast nicht weitergehen können. Ohne die Gruppe hätte ich das in dem Moment nicht geschafft.

Spielraum: Vor der Reise hatten Sie Schießtraining, um im Notfall Eisbären abwehren zu können. War das nötig?

Kleemann: Wir sind letztlich keinen Eisbären begegnet, aber wir hatten jede Nacht eine Bären-Wache aufgestellt, die aufgepasst hat. Zwar ist am Ende nichts passiert, aber es war auf jeden Fall sicherer so.

Spielraum: Machen sich schon Auswirkungen dieser Expeditionen im Unternehmen bemerkbar?

Janssen: Mir geht es in erster Linie darum, was die Menschen davon haben, nicht das Unternehmen als solches. Das gilt auch für mich, ich bin ja als Bodo mitgefahren, nicht als Geschäftsführer. Für die Menschen sehe ich großen Nutzen. Die Expedition war geprägt durch ein immer wiederkehrendes Sich-Überwinden. Zum Beispiel, wenn wir an die Küste gehen mussten, während die anderen währenddessen mit Ferngläsern nach Eisbären Ausschau hielten. Das war schon ein komisches Gefühl.

Sich zu überwinden hieß auch: bei Schnee und Wind in der Natur auf die Toilette zu gehen, eine Lösung zu finden, wenn jemand krank wird. Wir haben gelernt, zu sagen: Ich mache das jetzt. Das habe ich im Nachgang schon von einigen Auszubildenden gehört: Sie sind im Alltag mit einer Aufgabe konfrontiert worden, und ohne groß darüber nachzudenken, was alles schiefgehen könnte, haben sie sie einfach erledigt. Erst wenn ich meine Komfortzone verlasse, entsteht Entwicklung.

Upstalsboom-Gruppe auf Spitzbergen

Upstalsboom-Gruppe auf Spitzbergen: „Wir haben gelernt, zu sagen: Ich mache das jetzt.“

Spielraum: Welche Rolle hat denn der Chef bei der Expedition eingenommen?

Kleemann: Auf der Tour haben wir bei Bodo genauso Rat gesucht wie bei allen anderen Mitgliedern der Gruppe. Er hatte so etwas ja auch noch nie gemacht und so waren wir alle in derselben Situation. Bodo war somit einer von uns.

Spielraum: Sind Sie heute zufrieden mit der Stimmung in Ihrem Unternehmen?

Janssen: Wir werden immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert sein, auch was die Stimmung angeht. Spätestens, wenn diese schlecht ist, müssen wir darüber reden. Ich sehe das als Geschenk. Wir sind nicht auf die Welt gekommen, um nur Freude zu haben, sondern um aneinander zu wachsen und gemeinsam Dinge zu gestalten. Von daher ist mein Ziel gar nicht unbedingt, immer eine Superstimmung im Unternehmen zu haben.

Spielraum: Trotzdem: Was macht Menschen Ihrer Erfahrung nach zufrieden?

Janssen: Wir sollten weniger eine Rolle spielen, sondern uns als Menschen begegnen. Wenn ich mit Auszubildenden spreche, spreche ich einfach mit jungen Leuten, für die ich mich interessiere, von denen ich lernen kann. So habe ich das auf der Tour empfunden und es ist auch mein Gefühl im Unternehmen. Wohl wissend natürlich, dass ich auch anders gesehen werde, weil ich eben Geschäftsführer bin. Der Wunsch, dass jeder mich einfach als Bodo sieht, wäre zu groß.

Aber ich kann täglich daran arbeiten, dass das so wird. Dazu gehört auch, sich verletzlich zu zeigen. Der erste große Fehler der Tour etwa ist mir selbst unterlaufen, als mir am zweiten Tag eine Zeltstange gebrochen ist. Das Annehmen von Hilfe kann in solchen Momenten dazu beitragen, dass gute Stimmung entsteht.

Bei großen Konzernen geht es immer um Konzepte und Strukturen. Nichts davon ist erforderlich, um die Atmosphäre zu optimieren. Da kommt es ausschließlich auf Haltung an: Wie gehe ich mit anderen um? Traue ich ihnen? Habe ich ein positives Menschenbild? In diesem Fall wird es gar nicht zu verhindern sein, dass gute Stimmung entsteht.

Das Interview führte Antonia Thiele


Veranstaltungshinweis: Bodo Janssen gehört zu den spannenden Referenten, die am 23. Oktober auf den New Work Sessions  von XING auf der Trendmesse ORGATEC in Köln auftreten werden. Lassen Sie sich von New Workern, Rebellen und Vordenkern – siehe Banner – inspirieren, die mit ihrem Engagement und ihren erfrischenden Denkweisen eingefahrene Muster durchbrechen und damit zum Nachdenken und Mitmachen anregen.

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