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Neue Führung

Arbeitsalltag in Deutschland: Zwischen Angst und Weichspüler

In vielen Unternehmen wird nach einer neuen Arbeitskultur gerufen: mehr Vertrauen, Leistung und Mut. Doch das sind oft nur Lippenbekenntnisse. Tatsächlich herrschten häufig nach wie vor entweder Angst und Schrecken – oder Weichspüler sorgt für Wohlfühlklima statt Ergebnisse, klagt Peter Holzer* in seinem streitbaren Gastbeitrag für XING Spielraum.

„Die Kultur eines Unternehmens bestimmen und beeinflussen im Wesentlichen die Führungskräfte. Sie entscheiden, welche Verhaltensweisen zugelassen oder sanktioniert werden. Ich begleite mittelständische Unternehmen dabei, Veränderungen erfolgreich umzusetzen. In meinen Projekten begegnen mir in den meisten Fällen zwei Arten von Unternehmenskultur:

1. Angst und Schrecken

Wir leben im 21. Jahrhundert. Bezeichnen uns als moderne Zivilisation. Und im Grundgesetz steht an erster Stelle: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und trotzdem erlebe ich in den meisten Unternehmen eine Atmosphäre der Angst. Solange die Zahlen im Plan liegen, ist alles in Ordnung. Aber wehe, die Zahlen sind rot. Dann gibt es nur noch eine Lösung: Druck.

Ich erlebte mal einen Geschäftsführer, als die Zahlen hinter Plan lagen. Er fragte seine Führungskräfte: „Ich weiß nicht, ob Ihnen die Brisanz unserer Situation bewusst ist“ und zeigte ein Bild aus Pamplona. „Sie kennen dieses Bullenrennen. Es spiegelt sehr gut unsere aktuelle Situation wider. Und nur damit wir uns richtig verstehen: Sie sind nicht die Bullen!“

Dann führte er Details zu den Zahlen aus und beendete seinen Vortrag mit den Worten: Und wenn Sie unser Unternehmen bis zum Jahresende nicht wieder auf Kurs bringen, dann enden Sie so“. Der Beamer zeigte ein Bild, auf dem die fliehenden Menschen zu Boden gegangen sind und die Bullen über sie hinwegtrampelten. Immerhin machte er am Ende Mut: „Deswegen lassen Sie uns alles dafür tun, diese Situation zu vermeiden“. Übersetzt: Sehen Sie zu, dass Sie (nicht wir) es schaffen. Sonst können Sie sich einen neuen Job suchen.

2. Weichspüler für Wohlfühlklima

Es gibt einige „Baum-Umarmer“-Typen, die erkannt haben, dass Druck und Angst keine guten Mittel sind. Der Gedanke ist richtig. Doch die daraus abgeleiteten Maßnahmen sind falsch. Denn sie verordnen dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern Weichspüler. Ihr gefährlichstes Werkzeug: das 360-Grad-Feedback.

Beispiel: Das Projekt läuft aus dem Ruder. Nettes Zureden und Motivations-Blabla des Projektleiters reichen leider nicht mehr aus. Er haut auf den Tisch, redet Klartext. Doch sein Klartext wird von den Mitarbeitern als persönliche Härte missverstanden. In der nächsten 360-Grad-Beurteilung bekommt er die Retourkutsche: „Ihr Verhalten ist unangemessen.“ Und so wird er durch das 360-Grad-Feedback wieder auf Weichspüler getrimmt.

Natürlich ist es richtig, respektvoll und fair mit Menschen umzugehen. Kaffee, Kuchen und in Watte verpackter Klartext mögen dazu hilfreich sein. Doch leider fehlt dann das, was für Unternehmen nun mal entscheidend ist: Ergebnisse!

Es scheitert an den Basics

Bevor Sie sich also die Frage stellen, welche der hyper-modernen, ausgefeilten und neudeutsch klingenden Führungsmethoden Sie in Ihrem Unternehmen anwenden, sollten Sie mit Ihrer Mannschaft über die Basics diskutieren.

In meinen Projekten fange ich gerne mit der Frage an: Was verstehen Sie unter Arbeit? Sie werden erstaunt sein, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen, obwohl es sich um einen vermeidlich banalen Alltagsbegriff handelt. Das geht soweit, dass sich in unserem Sprachgebrauch ein dicker Fehler eingeschlichen hat. Wir sagen: „Ich fahre zur Arbeit“. Doch Arbeit ist kein eindeutiger Ort, an den ich fahre. Das wird spätestens im Zeitalter von Home Office, Arbeiten im Café, Zug, Flugzeug, Auto oder am Strand deutlich.

Arbeit hat auch nichts damit zu tun, die psychologischen Herausforderungen der Mitarbeiter zu bewältigen, den persönlichen Lebenssinn zu finden oder sich selbst zu verwirklichen.

Arbeit ist eine Tätigkeit, die dafür sorgt, Ergebnisse zu erzielen. Punkt!

Der Ton macht die Musik

Doch wie lösen wir das Dilemma „Ponyhof und Wohlfühlen“ oder „Ergebnisse durch Druck und Angst“ auf? Indem wir einen dritten Weg wählen: Hart in der Sache, fair zum Menschen. Es geht darum, Menschen für ihr Verhalten und ihre Ergebnisse verantwortlich zu halten. Und ihnen gleichzeitig das Gefühl von Sicherheit zu geben, dass ihnen nicht gleich der Kopf abgerissen wird, wenn mal etwas schief geht.

Dieses hart in der Sache und fair zum Menschen sein führt dazu, dass Sie eine Atmosphäre des Lernens schaffen. Und das ist genau das, was Unternehmen brauchen, um zukunftsfähig zu sein. Wer sich wandeln will, Innovationen entdecken und neue Geschäftsfelder erschließen will, der braucht Menschen, die lernen. Nur wer lernt, kann sich einer sich ständig wandelnden Umwelt gut anpassen.

Zwei Stellschrauben für den Büroalltag

Fangen Sie am besten an, indem Sie echten Respekt leben. Wenn ich in meinen Projekten frage: „Was verstehen Sie unter Respekt?“. Dann höre ich oft so Dinge wie: Achtung, Anerkennung, Ehrfurcht, also auch eine gewisse Form der Scheu. Mir geht es jedoch um Respekt im Sinne von Wertschätzung. Heißt: akzeptieren Sie, dass Ihr Gegenüber anders denkt, fühlt und handelt als Sie. Prüfen Sie selbst, wie sehr Sie diese Form von Respekt im Alltag leben. Das ist gar nicht so einfach, wenn „die anderen“ mal wieder nicht schnell genug die Themen umsetzen…

Die zweite Stellschraube ist Vertrauen. Damit meine ich nicht das oberflächliche Vertrauen, das Sie automatisch gewinnen, wenn Sie nur lange genug mit einem Menschen zusammenarbeiten. Das ist eher Vertrautheit. Vertrauen hat zwei wesentliche Komponenten. Die erste hat mit Ihnen zu tun: Vertrauen Sie anderen, indem Sie sich trauen, ihnen eine persönliche Schwäche zu zeigen? Oder verstecken Sie sich lieber in Ihrem Kostüm der Perfektion und Unfehlbarkeit?

Sie könnten zum Beispiel zugeben: „Davon habe ich keine Ahnung. Kannst Du mir das mal erklären?“ oder „Bei meiner Entscheidung damals habe ich einen Fehler gemacht. Dein Vorschlag wäre rückblickend in der Tat die bessere Alternative gewesen.“

Sie ahnen schon, wer mit solchen Offenbarungen anfangen muss, damit sich ein Klima des Vertrauens im Unternehmen ausbreitet: die Führungskräfte. Sie müssen als Vorbild vorangehen, sonst ändert sich gar nichts. Und da kommt die zweite Komponente von Vertrauen ins Spiel: Haben Sie den Mut, eine Entscheidung zu treffen – und dabei das Risiko einzugehen, möglicherweise auch enttäuscht oder verletzt zu werden?

Ihr Weg zur Zukunftssicherheit

Wenn Sie Respekt und Vertrauen in Ihrem Unternehmen anfangen vorzuleben, dann haben Sie die Chance, dass andere es Ihnen nachtun. So entsteht zunehmend ein Klima der „Sicherheit“, in dem sich Menschen trauen, den Mund aufzumachen. Fragen zu stellen. Dinge auszuprobieren. Und in Konsequenz von den gemachten Erfahrungen bzw. den anderen zu lernen.

Digitalisierung, Veränderungen und Führung sind keine Frage von Techniken. Sondern eine Frage der Persönlichkeit.“

*Autoren-Info: Peter Holzers Karriere bgann bilderbuchhaft: Bereits mit 24 Jahren verantwortete er den Vertrieb eines Mittelstandsfonds. Nach einer plötzlichen Krebserkrankung fasste er den Mut, einen Neustart zu wagen. Heute unterstützt er als Berater mittelständische Unternehmen, ihre Ideen und Vorhaben mutig in die Praxis umzusetzen. Zudem ist er ein gefragter Vortragsredner. www.peterholzer.com

Buch-Info: Im Gabal-Verlag ist Holzers erstes Buch „Mut braucht eine Stimme: Wie Sie Ihrem Leben Wirkung geben“ erschienen. Dort beschreibt der Autor, wie wir in der modernen Zeit wieder lernen auf unsere innere Stimme zu hören. Und wie wir den Mut finden, diese nach außen auch hörbar und wirksam zu machen.


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