Besser leben. Anders arbeiten.
Das New Work Themen-Portal.

Besser leben. Anders arbeiten.
Das New Work Themen-Portal.

Feel good @ work

"Respekt, Vertrauen, Mitgefühl - darum macht Arbeit die Skandinavier glücklich"

Skandinavier gehören – statistisch erforscht – zu den glücklichsten Menschen der Welt. Skandinavier arbeiten anders. Hat das womöglich etwas miteinander zu tun? Für Buchautorin Maike van den Boom ist das eindeutig. Im Interview mit XING Spielraum erklärt sie, warum die Menschen im Norden soviel Freude und Kraft aus ihrer Arbeit schöpfen. Und in Deutschland oft Kollege Miesepeter regiert.

Autorin Maike van den Boom

Autorin Maike van den Boom: „Arbeit ist etwas ganz Persönliches für die Skandinavier. Menschen streifen keine Rollen über, sie kommen als ganzer Mensch zur Arbeit und gehen als intakter Mensch wieder heim.“ (©Foto: Wolf Gatow)

XING Spielraum: Frau van den Boom, vor einigen Tagen ist Ihr neues Buch erschienen, mit dem Titel „Acht Stunden mehr Glück – Warum die Skandinavier glücklicher arbeiten und was wir von ihnen lernen können“* – und dafür sind Sie viel durch Skandinavien gereist. Was haben Sie dabei erlebt?

Maike van den Boom: Nach meinem ersten Buch „Wo geht’s denn hier zum Glück?“  habe ich in den 13 glücklichsten Ländern übereinstimmende Werte identifiziert, bei denen auch in Deutschland jeder nickt und sagt, „ja, das ergibt Sinn“. Werte, wie Vertrauen, Respekt, Freiheit, Miteinander und Gelassenheit zum Beispiel. Im Allgemeinen sind diese Werte der Grundstein unserer Gesellschaft. In der Arbeitswelt aber werden sie für acht Stunden oft völlig vergessen. Nicht in Skandinavien. Dort lebt die Gesellschaft im Job haargenau dieselben Werte wie in Erziehung, Schule und dem täglichen Miteinander. Da gibt es überhaupt keinen Unterschied.

Wie die das machen und was dadurch möglich wird, habe ich zwei Jahre lang in Norwegen, Dänemark und Schweden durch 300 Interviews in 30 total unterschiedlichen Unternehmen herausgefunden.

Wir kommen gleich auf Skandinavien zurück, aber eine Frage drängt sich da ja sofort auf: Heißt das, dass Arbeit ganz viele Menschen unglücklich macht – oder zumindest am Glück hindert?

Maike van den Boom: Arbeit selbst ist völlig neutral, es kommt darauf, was wir selbst und die Menschen, die uns umgeben, zusammen daraus machen. Arbeit gibt die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, etwas Bedeutungsvolles mit anderen zu schaffen. Dann macht Arbeit echt glücklich und bringt enorme Energie.

Wenn man aber Arbeit anders sieht oder man in einem Umfeld ist, das einem nicht guttut, und dafür kann es 1000 Gründe geben, dann entzieht das sehr viel Energie. Arbeit ist wie das Wetter: Manche sind glücklich, wenn es schneit, weil sie dann Skifahren können. Und andere motzen, weil sie nasse, kalte Füße kriegen.

Van den Boom-Buch: "Acht Stunden mehr Glück"

Van den Boom-Buch: „Acht Stunden mehr Glück“*: Viele empfinden ihr Unternehmen auch als eine Familie, einen geschützten Raum, in dem auch Platz für Unsicherheit, Schwächen und Fehler ist.“

Das heißt, die ohnehin glücklichen Skandinavier verstärken ihre Glücksgefühle noch dadurch, dass sie auf der Arbeit ihre Energie noch verstärken.

Maike van den Boom: Ja, aber das geht nur zusammen mit anderen. Es ist hier nämlich nicht so, dass ein Individuum zur Arbeit geht, sein Ding macht, und wieder nach Hause geht. Skandinavier nehmen sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit, mit ihren Stärken und Schwächen, ihrem persönlichen Leben auf die Arbeit mit. Ihrer Einzigartigkeit eben. Sie streifen keine Rollen über, sie kommen als ganzer Mensch zur Arbeit und gehen als intakter Mensch wieder heim. Wenn sie nicht gerade Home Office machen natürlich, oder während der „Arbeitszeit“ joggen gehen.

Was wir in Deutschland über die Arbeit der Skandinavier wissen, sind ja meist Schlagworte wie: Die sind ganz anders organsiert, die sind freier und selbstbestimmter in ihren Entscheidungen, die haben flexiblere Arbeitszeiten und so weiter. Eben alles, was als „New Work“-Errungenschaften gepriesen werden.

Maike van den Boom: Diesen Begriff gebraucht hier keiner, weil alles oder vieles davon hier einfach selbstverständlich ist. Das, was wir in diesen schönen Begriff packen, leben die Menschen hier schon seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten sogar – und nicht nur bei der Arbeit, das ist die Crux. Wir trennen mit dem Begriff ja schon wieder die Arbeit vom Leben. „New Life“ wäre aus nordischer Sicht angebrachter. Denn man geht hier einfach so miteinander um. Du sorgst dich für deinen Nächsten, für deinen Kollegen, deine Eltern, deine Nachbarn – und auch um deinen Chef.

Du nimmst Dir die Freiheit, auch auf der Arbeit du selbst zu sein. Du machst nicht einfach, was dir jemand sagt, du fragst nach, ob das sinnvoll ist, oder vielleicht besser geht. Weil Du davon überzeugt bist, dass deine Meinung wichtig ist und auch gehört wird. Skandinavier fragen ständig „Warum?“ Bis zum Umfallen! Und was sie nicht einsehen, das tun sie nicht. Denn sonst werden Dinge ja egal. Nur wer eine Antwort auf das Warum bekommt, erkennt den Sinn seines Tuns und dann macht Arbeit auch Spaß. Und das gilt in allen Bereichen des Lebens.

Die Skandinavier arbeiten also, wie sie leben?

Maike van den Boom: Ja, diese Art zu leben, dieser Teamspirit, geht zurück bis in die Wikingerzeit. Dieses tiefe Empfinden, wir können nur zusammen gut sein, führt auch dazu, dass die Menschen hier milder mit einander umgehen. Viele empfinden ihr Unternehmen auch als eine Familie, einen geschützten Raum, in dem auch Platz für Unsicherheit, Schwächen und Fehler ist. Und zwar nicht als „Fehlerkultur“, als einen Umstand, den man nutzen kann. Wenn man Fehler so sieht, dann kreiert man mutige Menschen, die sich trauen, Entscheidungen zu treffen und Ideen einzubringen. Hier ist man an Lösungen und Ergebnissen interessiert, die im Konsens entstehen. Sprich jeder ist gleich wichtig und jede Meinung zählt gleich viel. Das führt zu einem anderen Miteinander auch auf der Arbeit.

Da kommt kein „Mahlzeit“ von den Kollegen, wenn jemand erst um 10 Uhr kommt. Keiner schaut böse, wenn du schon um 14 Uhr zur Tür raus bist, und schon gar nicht auf die Uhr. Denn jeder respektiert, dass jeder ein Leben neben der Arbeit hat und vertraut darauf, dass er seinen Beitrag zum Unternehmen, zur gemeinsamen Sache schon leisten wird. Arbeitszeiten sind ja im Norden flexibel. Jeder macht sein Ding, so gut er kann, davon geht man aus. Und da schaut man nicht so genau hin. Neid ist im Norden nicht verbreitet. Man fragt eher: „Kann ich dir helfen?“

Und die Basis dafür ist ein schier grenzenloses Vertrauen in seinen Kollegen, Mitarbeiter oder Chef und das positive Menschenbild, dass jeder Mensch nur sein Bestes geben will und für den anderen Gutes im Sinn hat. So entsteht eine Atmosphäre, in der man darauf vertrauen kann, das andere auch so denken. Denn so tolle Begriffe wie Agilität und Change, das sind ja erstmal nur Wörter. Worum es wirklich geht, ist, dass man fühlt: „Wie geht’s Dir? Als Mensch.“

Damit will ich nicht sagen, dass wir in Deutschland alles falsch machen, im Gegenteil. Wir haben ganz viele Dinge, die – kombiniert mit der skandinavischen Art – unglaublich erfolgreich wären. Unsere Strukturiertheit gepaart mit der kindlichen Neugierde der Wikinger. Die skandinavischen Unternehmen sind wie die deutschen ja auch erfolgreich. Nur der Weg zum Erfolg geschieht im Norden mit Hilfe glücklicher Mitarbeiter. Und das will man explizit. Menschen soll es gut gehen, sie sollen glücklich sein. Und dafür strengen sich alle an.

In Deutschland herrscht auf der Arbeit oft Miesepetrigkeit. Weshalb? An einer Ängstlichkeit, einem fehlenden Vertrauen?

Maike van den Boom: Ich habe oft das Gefühl, dass wir in Deutschland Angst haben, irgendwie zu kurz zu kommen. Dabei geht es uns echt gut in Deutschland. Trotzdem versuchen wir, alles möglichst festzuzurren, damit möglichst nicht schief oder verloren gehen kann. Abteilung versus Abteilung, Chef versus Mitarbeiter, Gewerkschaften versus Arbeitgeber, usw. Sich offen und verletzlich zu zeigen, zu zeigen: „Hey, ich habe noch ein Leben neben der Arbeit“ oder „Ich kann das nicht so gut“, das liegt uns nicht. Bei uns gibt es dann gleich einen Stempel: „Zu weich“ oder „Unprofessionell“.

Und das verhindert, andere Menschen mit anderen Meinungen ernst zu nehmen und zu respektieren. Wenn man Angst hat, etwas zu verlieren, kann man eben nicht loslassen, egal ob es Überzeugungen sind oder alte Gewohnheiten. So kommt dieses „Haben wir noch nicht so gemacht“ zustande, das so vieles lähmt. In Norden sagt man zum Praktikanten: „Hier ist dein Tisch, dann zeig uns mal, was du so für Ideen hast.“

Maike van den Boom auf Recherche-Reise in Skandinavien

Maike van den Boom auf Recherche-Reise in Skandinavien: „Hier sagt keiner „Mahlzeit“, wenn Du erst um 10 Uhr zur Arbeit kommst.“

Sie haben viele Menschen für Ihr Buch interviewt, welche Geschichte war besonders beeindruckend?

Maike van den Boom: Die Geschichte von Jens, jetzt deutscher CEO eines großen Ingenieurbüros in Kopenhagen. Seine erste Begegnung mit der dänischen Mentalität sah so aus: Er wurde innerhalb eines Tages zum Vorstandsvorsitzenden eines Windenergie-Unternehmens berufen. Am Morgen wusste er noch nichts davon, am Nachmittag hielt er, gerade angekommen, bereits seine Antrittsrede vor 7000 Mitarbeitern. Ein paar Minuten später sitzt er – noch ganz geplättet – in seinem neuen Büro, als es an der Tür klopft und ein Kerl in blauem Overall vor der Tür steht und sagt: „Hallo Jens, ich bin Søren von der Produktionslinie 3. Nach deiner Rede saßen wir zusammen und haben uns überlegt, Mensch, der hat alles stehen und liegen lassen, um hier den Betrieb aufzufangen und dann gleich eine so persönliche Rede gehalten. Das fanden wir echt gut. Und da dachten wir: Der kann es jetzt auch bestimmt gebrauchen, das zu hören. Und deshalb bin ich hochgekommen, um’s dir einfach mal zu sagen.« Hier steht eben der Mensch im Vordergrund, der hat im Job nur eine andere Rolle. Und auch wenn umgekehrt hier Chefs mit Mitarbeitern reden, dann von Kollege zu Kollege.

Klingt ja alles sehr schön und gut, aber ist denn in Skandinavien wirklich alles Gold, was glänzt?

Maike van den Boom: Es ist schon alles ziemlich goldig hier (lacht). Natürlich gibt es hier auch Ausnahmen und Schwarze Schafe, Alphatierchen – aber die überleben hier meistens nicht sehr lange. Weil ein Skandinavier keinen Finger rührt, wenn ihm kein Sinn geboten wird und der Respekt nicht da ist. Denn man hat nur ein Leben, und das will man sich ja für acht Stunden am Tag nicht versauen lassen. Egal von wem.

Das Interview führte Ralf Klassen


Zur Person: Maike van den Boom ist eine gefragte Glücksforscherin. Die studierte Kunsttherapeutin schreibt Bücher, berät Unternehmen und tritt als Rednerin auf Veranstaltungen** auf. Ihre Mission ist es, sagt sie, „die Deutschen einfach etwas glücklicher zu machen“. Dafür fliegt sie regelmäßig und gerne von ihrer derzeitigen Wahlheimat Stockholm zurück nach Deutschland.  Mehr unter maikevandenboom.de

*Buch-Tipp: Für ihr neues Buch Acht Stunden mehr Glück: W​arum ​Menschen in ​Skandinavien​ glücklicher arbeiten ​und​ was wir von ihnen lernen können“ reiste Maike van den Boom sechs Monate durch Skandinavien, sprach mit Bauarbeitern, Krankenschwestern und Vorständen, deutschen Gastarbeitern, interviewte Experten und Menschen auf der Straße.  Was sie entdeckte, sind glückliche, mutige und selbstbewusste Menschen, die miteinander mehr erreichen wollen als allein.

**Veranstaltungshinweis: Maike van den Boom gehört zu den spannenden Referenten, die am 23. Oktober auf den New Work Sessions  von XING auf der Trendmesse ORGATEC in Köln auftreten werden. Lassen Sie sich von New Workern, Rebellen und Vordenkern – siehe Banner – inspirieren, die mit ihrem Engagement und ihren erfrischenden Denkweisen eingefahrene Muster durchbrechen und damit zum Nachdenken und Mitmachen anregen.

Mehr Informationen und Tickets für die New Work Sessions inklusive Besuch der ORGATEC erhalten Sie beim Klick auf das Banner:


12 Kommentare

Felix Bongen

03.10.2018

Schöner Artikel. Noch eine Anmerkung von mir. Mir scheint es, dass das „deutsche Pflichtbewusstsein“ oft dazu führt, dass wir uns an externen Anforderungen orientieren und dabei den wirklichen Kontakt zu uns selbst leider oft vernachlässigen. Dies führt wiederum auf Dauer zu einer höheren Unzufriedenheit und leider auch oft zu Missgunst gegenüber anderen, die möglicherweise viel selbstbewusster auf die eignenen Grundbedürfnisse achten. Bitte nicht Missverstehen es geht mir hierbei nicht um individuellen Egoismus, sondern um Selbstwirksamkeit und Selbstorganisation, welche auf Dauer zu einer vertstärkten Innovationskraft und Zufriedenheit führt.

Yves-Oliver Theisen

03.10.2018

Ich habe Maike im Interview bei Bayern 3 „Mensch Otto“ gehört. Dabei kam natürlich auch das Buch zur Sprache. Der Inhalt des Interviews und die Art wir Maike es erzählt hat, haben mich neugierig gemacht. Buch gekauft und schon zur Hälfte gelesen. Ja, die Skandinavier machen es anders. Nicht alles ist Gold was glänzt, aber dennoch auch bei uns erstrebenswert. Ich habe viel gelernt, viel mitgenommen. Vor allem habe ich den Vorsatz viele Aspekte a) in meinem persönlichen Alltag und b) in meiner Rolle als Personalchef mit einzubringen. Mutig sein, sich auf etwas anders einzulassen. Wenn man das Buch gelesen hat, kann man erahnen was das bedeuten kann. Und sehr wichtig: Anfangen, voran gehen und nicht darauf warten das andere mitmachen. Freue mich schon auf die ersten Experimente und Erfahrungen. Danke an Maike, dass Sie uns diese Erfahrungen weitergegeben hat.

Jörg Merk

04.10.2018

Ja, das kann ich nur bestätigen. Ich habe selbst 3 Jahre in Schweden gelebt. Wenn es darauf ankommt, packen die Schweden einfach zu. Sie sind entspannt und hilfsbereit. Und Sie haben gelernt, zuzupacken. Durch das andere Klima und die sehr kurzen Tage im Winter weiß jeder, dass die Dinge fertig werden müssen und keiner schiebt etwas auf die lange Bank. Jeder denkt mit bei dem, was er macht.
Jeder hat einen Glasfaseranschluss, die Infrastruktur ist sehr gut und es gibt deutlich weniger Bürokratie. Keiner hat Zeit für sinnlose Diskussionen. Es wird mitgedacht und zugepackt.

Diana Nutzmann

04.10.2018

Hallo Zusammen und Glückwunsch zu diesem tollen Buch…macht mich sehr neugierig und ich werde es wohl auch kaufen. Ich kann mich auch zu diesem Menschen zählen die auf die Kraft der/des Gruppe/Teams zählen, sich auszutauschen und an Projekten zu arbeiten macht mir unglaublich viel Spaß und so eine Schaffenspause, ob beim Joggen oder bei einem Spaziergang ist sehr viel wert und schafft wieder neue Energie. Vielen Dank und ich hoffe, daß wir hier in Deutschland uns noch mehr davon leiten lassen hierzu hoffe ich, daß diese Erziehung bereits in den KiTa und Schulen erlernt wird. Ein Wink 😉 an alle die, die sich hier vielleicht einbringen… viel Erfolg und Spaß bei der Arbeit.

LG
Diana

Christine Werminghaus

04.10.2018

Ich kann das nur bestätigen. Die ersten 13 Jahre meines Berufslebens habe ich in Norwegen verbracht und genau das erlebt, über das Maike van den Boom berichtet. Die erste Lektion bekam ich von einer jungen Kollegin verpasst, die mir nach knapp einer Woche den Rat gab, nicht so verbissen zu sein und mich zu entspannen, denn die Arbeit sei kein Wettbewerb und ich mache mit meinem übertriebenen deutschen Ehrgeiz das Arbeitstempo kaputt. Ich habe mich anfangs nur schwer daran gewöhnen können, dass es völlig normal ist, wenn der Werksleiter mit einem einfachen Arbeiter aus der Schweißerei zusammen für einen Marathon trainieren oder dass mein Chef sich mir gegenüber auf der Arbeit genauso verhält wie als mein Nachbar, der er auch war.
Man identifiziert seinen Stellenwert in der Gesellschaft nicht über den beruflichen Rang oder die Größe des Firmenwagens vor der Tür. Hierarchien dienen allenfalls zur Organisation der Arbeit, nicht jedoch als Manifestation der Wichtigkeit einer Person in der Hackordnung. Wichtigstes Thema am Montag morgen unter den Kollegen war, was man am Wochenende so gemacht hat, weil man füreinander ein echtes Interesse hat. Büroklatsch und Flurfunk habe ich erst in Deutschland kennengelernt.
Grundlage für all das ist die tief verwurzelte Überzeugung, das die Menschen im Grundsatz alle gleich sind und niemand sich für furchtbar wichtig hält.
Mit dieser Erfahrung und Art mit Menschen auf der Arbeit umzugehen bin ich bei meinem ersten Job in Deutschland prompt nach kurzer Zeit angeeckt und wurde von einem Teamleiter gerügt, weil ich mich erdreistet hatte, als kleine Mitarbeiterin den Finanzvorstand unseres Unternehmens direkt anzusprechen und dabei auch noch seinen Doktortitel vergaß. Der Vorstand selbst sah das ganz anders als er mich einige Tage später in sein Büro bestellen ließ. Er mochte meine herrlich unentspannte Art, wie er mir bei einem netten Gespräch mit Kaffee und Keksen erzählte. Der Mann selbst war Holländer.
Ich habe mir meine skandinavischen Eigenarten auch nach fast 20 Jahren arbeiten in Deutschland bewahrt, was meine Mitarbeiter sehr schätzen, muss aber erkennen, dass das nicht unbedingt förderlich ist, um in Deutschland Karriere zu machen.

Erik

04.10.2018

Sehr lesenswerter Artikel über (skandinavische) Werte und Normen, danke dafür liebe Maike. Er rüttelt wach und regt zur generellen Reflexion an. Einige „New Work Pioniere“ existieren ja auch schon in Deutschland – Blick nach vorn, diese positive Entwicklung geht weiter – stets auch die Nachbarn im Norden als Vorbilder im Blick. Irgendwann nennen wir es dann auch auch nicht mehr „New Work“ ;)

Frank Sauerteig

04.10.2018

Ich habe einen weiteren, wohl eher tiefgreifenden Aspekt in Dänemark kennengelernt. Besitz, Macht, Missgunst und Neid habe ich dort nicht gesehen. So viel Gelassenheit und Nächstenliebe ist mir selten aufgefallen. Selbst im Auto kommt kein Stress auf, wenn man durchs Land fährt: ganze 3 Autobahnen, maximal 130kmh und auf Landstraßen nur 80! Man wird so dermaßen positiv ausgebremst. Wie soll man auch diese wundervolle Landschaft sehen, wenn man mit 200 über die Bahn brettert? Die Einfachheit trug dazu bei, dass ich keinem gestressten Menschen begegnet bin. Einfach faszinierend.

Sandra Klinkenberg

04.10.2018

ich liebe diese positive skandinavische Art und wünsche mir seit langem, dass mehr davon nach Deutschland transportiert wird. Allerdings ist in gesamt Europa eine zunehmend erschreckende Entwicklung zu erkennen. Und dennoch oder jesser genau deswegen sollten diese positive Art in Skandinavien aufrecht gehalten ubd vielleicht ja auch nach Deutschland transportiert werden.

Frank Martini

04.10.2018

Ein positives Menschenbild und Vertrauen ineinander – das wird bei uns in den Unternehmen oft zwar postuliert, aber überhaupt nicht gelebt oder gar verstanden. Mitarbeiterführung funktioniert im Management dagegen meist nach dem Verständnis, Mitarbeitern durch „ein gewisses Drucklevel“ mehr Leistung abpressen zu können. Oder auch mal jemanden zu „schlachten“ (feuern), um wieder „Zug in den Laden“ zu bringen…
Mit dem Menschenbild, dass nur derjenige auf sein kreatives Potential und seine Leistungsfähigkeit maximal zugreifen kann, wenn er angstfrei leben und arbeiten kann und sich gewürdigt fühlt, hat das nicht viel zu tun.
Und ich denke, es fehlt nach wie vor an einem Algorithmus, der diesen Unterschied und die Verluste durch Nichbeachtung mal in eine griffige betriebswirtschaftliche Formel gießt.

Bernd Zacharias

04.10.2018

Sehr frisches Interview über eine andere Art zu leben und zu arbeiten. Hoffe, dass es viele Leser und vor allem viele Nachahmer findet.
Dass es auch ein Leben nach bzw. neben der Arbeit gibt, zeigt derzeit verstärkt die jüngere Generation. Wenn dann die Arbeit engagiert angepackt wird, weil es gemeinsam Spaß macht, entstehen gute Ideen, Innovation und letztlich auch der angestrebte Unternehmenserfolg.

Helmut Meyer

04.10.2018

Vor Jahrzehnten lernte ich in Kiruna, Nordschweden als Berufsschüler auf Klassenfahrt auf eine für mich erfrischend muntere und aufgeschlossene Art Emma kennen, eine ca. gleichaltrige Schwedin. Der Inhalt Deines Artikels – Maike – erschließt mir einiges dieser Begegnung und läßt mich darüber verzeifeln, damals nicht dort bei Emma „hängen geblieben“ zu sein. Was mir vom Schwedischen hängen geblieben ist: „… jag älskar dig“
und „… Ja, jag vill leva jag vill dö i Norden.“
Ich danke Dir Maike !!!

Siri Corsepius

05.10.2018

Ich lebe und arbeite seit über 20 Jahren als Lehrerin in Oslo und kann Maikes Eindruck zum Großteil bestätigen, aber nicht ganz. Diese so glücklichen und selbstbewussten Menschen werden unter anderem durch ein sehr menschliches Schulsystem gefördert, in dem es z. B. bis zur 7. Klasse keine Noten und bis zur 10. keine leistungsbedingten Einteilungen gibt. Darauf waren alle lange sehr stolz. Als dann aber im Jahre 2000 die ersten Pisa Untersuchungen kamen, machte sich Verunsicherung breit. „New Public Management“ sollte das Schulsystem und die OECD Ergebnisse verbessern. Seit 2009 entscheiden die Durchschnittsnoten von der 10. Klasse wie und an welcher weiterführenden Schule/ Oberstufe es in Oslo weitergeht. Für die beliebtesten Schulen braucht man einen hohen Schnitt, dann gibt es viele Schulen so in der Mitte und zum Schluß noch ein paar wenige, in denen sich alle Schüler sammeln, die nirgendwo anders einen Platz bekommen haben. Und schon sind nicht mehr alle so entspannt und glücklich. Die Zahl der psychischen Probleme unter Jugendlichen steigt laut Statistik und Zeitungsberichten.
Ich möchte noch ein Buch nennen, das vielleicht einige Deutsche glücklich machen kann. „Tyskland stiger frem“ von Sten Inge Jørgensen. Leider gibt es das nur auf norwegisch. Ich habe noch nie so viel Lob und Anerkennung für Deutschland und die deutsche Gesellschaft auf einmal gefunden und möchte es allen empfehlen, die immer nur das Schlechte an sich selbst sehen können und gerade deswegen vielleicht auch so miesepetrig sind. Auf norwegisch sagt man, „das Gras sei immer grüner auf der anderen Seite“ . Da lohnt es sich doch die Beschreibung der anderen Seite von der eigenen zu lesen! Viel Vergnügen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.