New Work

Platz für neues Denken: So wird Ihr Büro zum "Innovationsraum"

Neue Tools, Werte und Methoden verändern die Welt der Arbeit rasant. Doch unsere Arbeitsplätze sind oft noch unveränderte Orte des alten Denkens. Dabei können sie – richtig eingerichtet – eine enorme Hilfe für Kreativität und Innovation sein.  

Ein Gastbeitrag von Ingrid Gerstbach*

Noch vor wenigen Jahren war der arbeitende Mensch Teil einer effizienten und immer gleichen Prozesskette: Strikte Abläufe bestimmten den Arbeitsalltag. Nach und nach wurde die Idee der Fließbandabfertigung durch produktivere Varianten ersetzt, die aber nach wie vor die Optimierung der Prozesse in den Vordergrund stellte.

Facebook Zentrale in Menlo Park

Facebook-Zentrale in Menlo Park: „Erfolgreiche Unternehmen wissen um die Macht der Räume“ (©Foto: Facebook PR)

Die Zeiten haben sich geändert: Prozesse treten immer mehr in den Hintergrund und die Arbeit wird mehr in Projekten organisiert. Gefragt ist nicht mehr, immer mehr vom Gleichen zu produzieren, sondern immer mehr Neues. Ein kollaboratives und netzwerkartiges Arbeiten prägt das Denken. Das ist auch der Grund, warum Methoden wie Design Thinking, das den Menschen und seine Fähigkeiten bzw. die kollaborative Herangehensweise in den Vordergrund stellt, populärer werden.

Doch die alten Strukturen brechen nur langsam auf und viele Unternehmen verabschieden sich nur ungern von linearen Arbeitsabläufen. Dadurch entsteht ein Zwiespalt, denn in der Zukunft wird die Arbeit in heterogenen Teams, wie es im Design Thinking der Fall ist, zur Normalität. Die Mitarbeiter bewegen sich dann von Arbeitsprojekt zu Arbeitsprojekt, je nachdem wo ihre Fähigkeit, ihre Kompetenz und ihr Wissen gebraucht wird. Denn Wissen veraltet immer schneller und die zunehmende Spezialisierung mit der eng gefassten Expertise der Mitarbeiter macht Projektarbeit sinnvoller als es bisher der Fall war. Allerdings mangelt es dadurch an einem Überblick, an den Kenntnissen und Wissen von Zusammenhängen. Und gerade weil die Mitarbeiter von morgen Spezialisten sind, können sie immer schlechter komplexe Aufgabenstellungen alleine lösen.

Diese neuen Arbeitsstile strukturieren und beeinflussen bereits jetzt schon die neue Arbeitswelt. In vielen Unternehmen haben bereits die Angestellten keine fixen Büros mehr zugeteilt. Um die Produktivität besser zu steuern und die Information schneller für alle Beteiligten zur Verfügung stellen zu können, bedarf es neuer Methoden.

Erfolgreiche Unternehmen wissen um die Macht der Räume und setzen diese bewusst ein. Die Mitarbeiter von Facebook teilen sich einen einzigen, kilometerlangen Raum. Yahoo erkannte, dass einige der besten Entscheidungen und Einsichten in den Fluren entstehen oder sich aus Cafeteria-Diskussionen entwickeln. Und Samsung entwirft spezielle Außenbereiche, damit Führungskräfte, Ingenieure und Verkäufer mehr oder minder zufällig aufeinandertreffen und sich austauschen. Denn eines ist sicher: Die besten Ideen kommen nicht aus dem Computer, sondern entstehen im Austausch mit anderen.

Design Thinking-Expertin Ingrid Gerstbach

Design Thinking-Expertin Gerstbach: „Die besten Ideen kommen nicht aus dem Computer, sondern entstehen im Austausch mit anderen.“ (©Foto: Budiono Nguyen)

In meiner Arbeit als Innovationsberaterin habe ich gelernt, dass die wichtigste Funktion eines Arbeitsraumes ist, Interaktionen zwischen den Mitarbeitern zu fördern. Zufällige Begegnungen und ungeplante Gespräche zwischen Wissensarbeitern innerhalb und außerhalb eines Unternehmens verbessern nachweislich die Leistung. Sie sollten dennoch den Raum nicht mit einer amortisierten Anlage verwechseln. Vielmehr ist es ein wichtiges, strategisches Wachstumsinstrument.

Räume in Unternehmen reflektieren die neue Zeit und zeigen, wie die digitale Arbeit unser alltägliches Tun verändert. Denn es sind nicht die Gebäude, in die wir uns täglich begeben, die sich stark verändert haben. Es sind die Werkzeuge und Techniken, mit denen wir die Arbeit erledigen. Wenn wir diese mit unseren Arbeitsräumen verschmelzen, erhöht dass die Wahrscheinlichkeit von Interaktionen – die wiederum zu Innovation und Produktivität führen. Der Innovationsraum nutzt hochgradig vernetzte, gemeinsame Mehrzweckräume, die die Grenzen zwischen den Unternehmen neu definieren und die Leistung jedes Einzelnen verbessern.

Richtig eingerichtete Räume verbessern die Kommunikation, beschleunigen die Entscheidungsfindung und unterstützen das Denken. Aber es nützt der schönste Raum nichts, wenn darin das Werkzeug fehlt, mit dem Sie tatsächlich innovieren können.

10 Tipps, um einen Innovationsraum zu gestalten

  • Unauffälliges Design: Intelligent aufgebaute Innovationsräume schreien nicht in schrillen Farben. Sie brauchen auch keine hippen Möbel. Viel wichtiger ist, dass diese Räume intern gut organisiert sind, sodass die Mitarbeiter in ihrer Arbeit unterstützt werden und sich wohlfühlen.
  • Sicherheit beim Ausprobieren: Bei Innovation ist es ein ganz wesentlicher Aspekt, Risiken einzugehen, um neue Gebiete zu erkunden. Der Mensch strebt von Natur aus aber nach Sicherheit. Ein guter Innovationsraum bietet ein sicheres Umfeld, das die Mitarbeiter einlädt, Ideen auszuprobieren. Legen Sie dazu überall Papier und Stift, Haftnotizen und Farben bereit, räumen Sie Tische raus und schaffen Sie Platz zum Denken und Ausprobieren.
  • Die Größe macht den Unterschied: Nicht nur der Mensch allein braucht Platz, um sich zu bewegen. Auch Whiteboards und die Prototyping-Materialien nehmen Raum ein. Wenn sich nun Menschen aneinander vorbeiquetschen müssen, wenn sie den Platz wechseln wollen, werden unnötig Nerven strapaziert und die Dynamik beschnitten. Anders gesagt: Wenn die Kreativität Sie sucht, muss der Weg frei sein …
  • Mehr Licht: Natürliches Licht hebt die Laune und macht müde Menschen munter. Selbst an einem bewölkten Tag sorgt viel Tageslicht sofort für eine komfortable Atmosphäre. Je mehr Fenster Sie haben, desto mehr Sauerstoff können Sie den grauen Zellen zufügen. Der frische Wind stimuliert zugleich auch die Sinne.
  • Zu kalt, zu warm: Wussten Sie, dass die perfekte Temperatur zum Arbeiten an einem Schreibtisch zwischen 22 °C und 25 °C liegt? Gerade bei Innovationsworkshops bewegen sich die Mitarbeiter viel. Achten Sie daher bei der Wahl des Raumes darauf, dass Sie diesen gut klimatisieren und immer wieder temperaturmäßig an die jeweilige Phase anpassen können.
  • Ohren auf: Nicht nur die Bewegung sorgt für Schwung, sondern auch die Lautstärke. Wenn Menschen ihre Ideen miteinander teilen, kann es mitunter schon mal laut werden. Damit aber nicht die Lautstärke den Raum beherrscht, stellen Sie sicher, dass es innen nicht zu stark hallt und jeder sein eigenes Wort laut und deutlich versteht.
  • Mobiles Stehen: Auf erhöhten Tischen lässt es sich einfach besser innovieren. Warum? Weil diese Möbel vor allem für eine aufrechte Körperhaltung sorgen. Und diese hält die einzelnen Teammitglieder wiederum wach und aktiv.
  • Bequeme Komfortzone: Ein angenehmer Rückzugsort ist viel wert. Einfach mal zurücklehnen und entspannen, unterstützt die Kreativität mindestens genauso wie das aktive Forschen und Erfahren.
  • Visuelles Denken: Whiteboards und Flipcharts stehen immer Mittelpunkt eines Innovationsworkshops. Im Idealfall sind diese mobil und können in den einzelnen Phasen eingesetzt werden.
  • Prototyping-Utensilien: Denken mit den Händen schreit förmlich nach viel Material, um den Ideen Form und Gestalt einhauchen zu können. In einem gut ausgestatteten Innovationsraum findet sich dementsprechend eine breite Palette an Ressourcen, die für jeden zugänglich ist.

Um gute Ideen zu haben und zu innovieren, ist vor allem eines notwendig: Neugierige Menschen mit Mut zum Ausprobieren. Der ideale Innovationsraum greift diesen Aspekt auf und setzt ihn um – mit viel Platz und Licht, Tonnen von buntem Prototyping-Material in einer inspirierenden Umgebung.

*Autoren-Info: Ingrid Gerstbach ist Expertin für Design Thinking und Innovationsmanagement, Wirtschaftspsychologin und Unternehmensberaterin. Sie sieht sich als Entwicklungshelferin für Unternehmen, um Innovationen, neue Erfolgspotentiale und nachhaltige Wertschöpfung zu ermöglichen. Mehr Informationen finden Sie hier.


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3 Kommentare

Markus Schumann

09.08.2018

Großraumbüros sind ein absoluter Killer für ein konzentriertes und zielgerichtetes Arbeiten. Eine sachgerechte und funktionierende Ausstattung der Arbeitsplätze ist auch in einem Einzelbüro möglich.

Angela Brauchle

20.08.2018

Hallo,
die Küche oder der Kaffeeautomat sind tatsächlich Ideenorte. Großraumbüros sind jedoch Stressorte. Die Lautstärke ist belastend, sowie das Thema Datenschutz ist mit dieser Variante auch nicht sichergestellt. Lieber kleinere gemütliche Büros zur Verfügung stellen und dafür viele Möglichkeiten anbieten, den Arbeitsplatz in andere Bereiche, dann wie im Beitrag beschrieben, verlagern zu können. Das wäre aus meiner Sicht arbeitnehmerfreundlich, schafft eine gute Arbeitsatmosphäre, unterstützt konzentriertes Arbeiten und Kreativität.

Jürgen Petersen

21.08.2018

Hallo,
vielleicht ist es aber auch nur das Bild des „klassischen“ Großraumbüros, das hier kritisiert und zu recht in den anderen Kommentaren abgelehnt wird. Moderne Möbel, unterschiedliche Akustik-Elemente und eine hohe Variabilität im Arbeitsplatzangebot können wahre Wunder wirken.
Wenn ich im Laufe des Tages (oder auch einer Woche) meinen Arbeitsplatz je nach Arbeitsweise auch wechseln kann, ist das für mich Motivation, lässt mich das richtige Maß an Nähe zum Team oder Ruhe zur fokussierten Arbeit finden, ist aber auch genauso eine gute Unterstützung meiner eigenen Arbeitsprozesse.
Kurzum: Für mich liegt großer Wert in einem variablen Arbeitsplatzangebot, denn wie die Autorin schreibt, findet unsere Arbeit immer weniger in immer gleichen, linear ablaufenden Prozessen statt.