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Transformation

Jobabbau durch Digitalisierung: Wie kreativ sind die Maschinen?

Durch zunehmende Automation und Technisierung werden auch Arbeitsplätze bedroht, die noch vor wenigen Jahren als zukunftssicher galten. Wie „gefährlich“ die Maschinen als Jobkonkurrenz wirklich werden, erklärt der Technikphilosoph Mads Pankow im Interview mit XING Spielraum.

Technikphilosoph Mads Pankow

Technikphilosoph Mads Pankow: „Menschen müssen Maschinen kontrollieren und anleiten.“ (©Foto: Steven Haberland)

XING Spielraum: Herr Pankow, bislang gelten vor allem jene Arbeitsplätze durch Automatisierung und Digitalisierung gefährdet, die eher eindimensionalen Charakter haben: Fabrikproduktionen etwa oder verwaltungstechnische Aufgaben. Die Kreativen unter uns wiegen sich noch in Sicherheit. Zu Recht?

Mads Pankow: Ich glaube, da liegt ein großes Missverständnis, gerade in der Verwaltung werden wir weiterhin viele Menschen brauchen. Computer versuchen alles zu formalisieren, auf eindeutige Regeln runterzubrechen. Die Verwaltung ist aber gerade dafür da, eine komplexe und uneindeutige Realität in formale juristische Raster zu übersetzen und diese Raster gegebenenfalls auch mal großzügig auszulegen. Dienst nach Vorschrift, so wie Computer ihn leisten würden, gilt in Behörden als Streikzustand, der den ganzen Laden sofort lahmlegt.

Aber Sie haben ja nach den kreativen Berufen gefragt. Klar vermuten wir hinter guten Ideen, hinter Inspiration, Muse und Eingebung immer etwas Metaphysisches, Übernatürliches. Und natürlich sind solche „Heureka“-Momente magisch, aber wie häufig haben wir diese wirklich herausragenden Einfälle? Und wie oft brauchen wir diese für unsere „kreative Arbeit“? Ein Großteil der Tätigkeiten, die wir als „kreativ“ bezeichnen, sind stark formalisierbar. Selbst die Komposition von Musik oder das Arrangement grafischer Elemente in der Gestaltung. Die basieren entweder auf formalen Formtheorien wie dem Quintenzirkel oder goldenem Schnitt oder sie sind durch viel Erfahrung erlernt. Beides lässt sich in Algorithmen einschreiben, bzw. durch diese selbst erlernen. Ich denke, ein Großteil der „kreativen“ Arbeit ist eher eine Art Kunsthandwerk, also ein Beruf für den man Gefühl und Erfahrung braucht, der aber auch keine herausragenden Einfälle benötigt, wie nur Menschen sie mit ihrem Bewusstsein erreichen können.

Was können Menschen denn noch besser als Maschinen?

Pankow: Menschen können sich selbst beobachten, das nennen wir dann Bewusstsein. Jede Selbstbeobachtung ist aber eine Paradoxie: Man fühlt sich auf der einen Seite als Teil der Welt, spürt sie und gleichzeitig steht man der Welt gegenüber, man denkt über sie nach, beobachtet sich also selbst bei seinen Gefühlen und Empfindungen. Bewusstsein ist ein widersprüchlicher Operationsmodus. Computer sind zu dieser Reflexion nicht in der Lage, weil sie formale Rechner sind, die keine Paradoxien verarbeiten können. Das lässt sich formal nicht abbilden, an dieser Paradoxie des Bewusstseins arbeitet sich auch die Geschichte des menschlichen Geistes ab.

Mit dieser Fähigkeit zur Reflexion und zur Einsicht müssen wir die Vorschläge, die uns künstliche Intelligenz durch die Analyse riesiger Datenberge zur Verfügung stellt, immer wieder überprüfen. Denn eine KI, die sich und ihr Arbeiten nicht selbst reflektieren kann und deshalb auch keine Vorstellung von Innen- und Außenwelt hat, kann die Plausibilität ihrer Vorschläge nicht überprüfen. Das führt dann zu sehr absurden Vorschlägen. Eine KI, die sich durch zigtausende Krankenakten gewühlt hatte, meinte beispielsweise herausgefunden zu haben, dass Lungenentzündungspatienten mit Asthma ein weniger gefährdet sein als ohne Asthma, dass man diese also nach Hause schicken könne.

Eine lebensgefährliche Entscheidung auf die die KI nur kam, weil Menschen mit dieser Krankheitskombination sofort auf die Intensivstation kommen und dort eine Intensivpflege erhalten, die das Sterberisiko senkt, also so ziemlich das Gegenteil einer Entlassung. Den Zusammenhang konnte die KI jedoch nicht herstellen, weil sie keine Vorstellung davon hat, wie ein Krankenhaus funktioniert, sie denkt nicht, sie rechnet nur aus.

Menschen müssen Maschinen also kontrollieren, sie anleiten, ihnen die Welt erklären, alles was diese also selbst nicht können. Und die ganz herausragenden Einfälle, auf die man nur durch Einsicht in die Welt, durch Bewusstsein kommt, die müssen wir auch nach wie vor liefern.

„Die Rolle der Kreativen verlagert sich in Richtung Kontrolleur“

Gibt es ein „Weiterbildungsprogramm“, dass unsere Jobs „KI-sicher“ macht?

Pankow: Die wenigsten Jobs werden wirklich verschwinden. Es wird eher so sein, dass unsere Werkzeuge immer besser werden, dass uns unsere Gestaltungsprogramme bei der Arbeit beobachten und in Zukunft Vorschläge machen, sobald man die ersten Eingaben macht. Aber wir bleiben die, die entscheiden müssen. Die Rolle des Kreativen und der Kreativen verlagert sich stärker in Richtung Konzepter und Kontrolleur, also in etwa wie beim Art Director. Die KI kann zuarbeiten und inspirieren, aber sie kann am Ende nicht entscheiden, was wirklich sinnvoll für die jeweilige Aufgabe ist.

Wie wir unsere Aufgaben mit der KI aufteilen, werden wir in der Praxis selbst ausprobieren müssen. So schnell entwickelt sich die Technologie auch nicht, dass wir den Anpassungsprozess nicht mithalten könnten. Immerhin forschen wir schon 70 Jahre an KI und freuen uns galaktisch, wenn ein Bild mal als Katzenfoto erkannt wird. Die Fortschritte werden auch in den nächsten Jahren nicht überraschen. Im Endeffekt wird alles stetig genauer und schneller, aber eine neue Qualität, wie ein eigenes Bewusstsein, wird die digitale Technik nicht erreichen. Dazu bräuchten wir paradoxiefähige Technologie, wie Quanten- oder Biocomputer, aber die sind noch nicht hinreichend erforscht, als dass wir wüssten, ob die reflektionsfähig wären.

Die Weiterbildung findet also in der Praxis statt. Wenn wir uns über Bildung Gedanken machen, könnte man höchstens sagen, dass sich das Erlernen von formalisierbaren Tätigkeiten nicht mehr lohnt, es sei denn, man will an diesen das eigene Reflexions- und Einsichtsvermögen trainieren, wie bei der Mathematik.

Wie groß wird trotzdem der ökonomische Druck sein, auch in kreativen Berufen auf die günstige KI-Lösung zu setzen?

Pankow: Ich denke, in Bereichen, die schon jetzt auch als Baukasten angeboten werden, die Gestaltung von Homepages beispielsweise, werden durch KI jetzt noch bessere und individuellere Ergebnisse von der Stange produziert. Eine Zahnarzthomepage kann eine Maschine mit etwas Training auch machen. Und Sportberichterstattung schreiben Algorithmen ja längst bravourös. Wir müssen also alle weg von der Anwendung hin zur Reflexion.

Sie sind einer der Speaker beim „Mind the Progress“-Kongress* in Hamburg in wenigen Wochen. Welchen Fortschritt müssen wir denn sonst noch im Auge haben?

Pankow: Ich denke die Automatisierung unserer Gesellschaft durch KI und Robotik ist schon hinreichend umfassend und aufwändig. Damit werden wir einige Jahrzehnte beschäftigt sein und daran werden viele andere Entwicklungen anschließen. Interessant finde ich persönlich die Entwicklungen von Alternativen zur formalen elektronischen Digitaltechnik, so wie optische Computer oder Quantencomputer. Die Architektur ist da eine ganz andere, die nicht notwendig mit formaler Logik operiert. In der Quantenwelt gelten andere Gesetze. Da könnten sich ganz neue Operationsformen erschließen. Das könnten spannende Maschinen werden, die wir dann wirklich nicht mehr verstehen. Aber das ist bisher reine Theorie, also gegenwärtig in etwa so praktikabel wie Beam-Technologie oder der Warp-Antrieb.

Interview: Ralf Klassen

Zur Person: Mads Pankow ist Herausgeber der Zeitschrift für Gegenwartskultur DIE EPILOG und arbeitet als Politikberater. Einmal im Jahr veranstaltet er das DIGITAL BAUHAUS, eine Boutiquekonferenz zur Schnittstelle von Technologie, Design und Gesellschaft in Weimar. Er hat in Marburg, Malmö und Weimar Medien-, Kultur- und Organisationswissenschaft studiert und sich auf technikphilosophische und -soziologische Fragen spezialisiert.

*Event-Tipp: Der von der Hamburger Kreativgesellschaft am 31.5/01.6. veranstaltete Kongress Mind the Progress  widmet sich dem sich wandelnden Verhältnis von Kreativität und Digitalisierung, Inhalt und Technologie.  Wie sehr macht uns die Künstliche Intelligenz als schöpferische Kraft Konkurrenz? Schon jetzt bestimmen Algorithmen sozialer Netzwerke und Suchmaschinen zunehmend, welche Inhalte wir aufnehmen. Digitale Technologien verändern unsere Kommunikation, unsere Begriffs- und Schriftkultur. Der Kongress stellt in Keynotes, Vorträgen und Panels gegenwärtige und historische Ansätze, Visionen und Utopien der Zukunft vor.


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