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Kreativer, motivierter, loyaler – wenn aus acht Arbeitsstunden fünf werden

Lasse Rheingans ist Geschäftsführer der Digital-Agentur Rheingans Digital Enabler in Bielefeld. Ende 2017 führte er in seinem Unternehmen den Fünf-Stunden-Arbeitstag ein – bei gleicher Bezahlung und gleichbleibendem Urlaubsanspruch. Und erlebte viele positive Veränderungen.

Arbeitszeitreduzierer Lasse Rheingans

Arbeitszeitreduzierer Lasse Rheingans: „Ich bekomme das gleiche Ergebnis, für das die Beschäftigten vorher acht Stunden gebraucht haben“ (©Foto: Margarete Klenner, www.margareteklenner.de)

XING Spielraum: Was war für Sie der Anlass, ein solches Kurzzeit-Modell einzuführen?

Lasse Rheingans: Ich bin seit 20 Jahren in der Digitalbranche unterwegs. Es ist eine persönliche Leidenschaft. Und ich habe als einer von vielen in der Branche Hobby und Leidenschaft zum Beruf gemacht. Ich glaube, wenn das so ist, stellt man schnell fest, dass sich Berufs- und Privatleben vermischen und dass man sehr viel arbeitet. Und irgendwann wird das Leben komplizierter. Man bekommt Kinder, hat herausfordernde Stellen, übernimmt Führungsaufgaben. Vieles ist in den vergangenen Jahren komplexer geworden. Man hat mehr Auswahlmöglichkeiten, was den Beruf betrifft oder bei der Freizeitgestaltung.

In meinem vorangegangenen Job war ich Gründer und Geschäftsführer einer größeren Agentur. Schon da habe ich es mir herausgenommen, an zwei Tagen in der Woche nachmittags frei zu machen, um meine Kinder zu betreuen und einfach mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Ich habe gemerkt, wie viel vorher durch Abend- und Wochenendtermine auf der Strecke geblieben ist. Und ich habe festgestellt, dass ich mein Arbeitspensum trotz der zwei freien Nachmittage in der Woche geschafft habe. Gleichzeitig habe ich eine größere Balance gefunden und war zufriedener. Ich habe gemerkt, dass ich in fünf Stunden besser performe als in acht Stunden. Zwei oder drei Jahre lang habe ich dieses Modell in meinem letzten Job ausprobiert, und als ich dann im Oktober 2017 dieses Unternehmen übernommen habe, habe ich die Beschäftigten gefragt, ob sie Lust auf so ein Experiment hätten.

Und wie haben Sie das Modell dann ganz konkret umgesetzt?

Rheingans: Ich habe das Unternehmen Mitte Oktober 2017 übernommen. Zunächst wollte ich den Mitarbeitern mein Verständnis von Teamarbeit vermitteln. Ich habe im Vorfeld gedacht: „Irgendwann im nächsten Jahr probierst du das mit dem Kurzzeit-Modell einmal aus.“
Dann habe ich aber in meinen Referaten vor den Mitarbeitern gemerkt, dass es sinnvoller wäre, es zeitnaher zu testen. Als neuer Chef in der Agentur war der Zeitpunkt einfach sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Kunden günstiger. Und so habe ich es zwei Wochen, nachdem ich das Unternehmen übernommen habe, eingeführt. Ich habe den Beschäftigten klar gemacht, dass wir nicht weniger arbeiten, sondern dass wir schauen, wo es Störfaktoren und Verbesserungspotentiale gibt, sodass wir das Pensum auch in fünf Stunden schaffen können. Und so haben wir einfach angefangen. Ich habe auch kommuniziert, dass es im ersten Monat wahrscheinlich etwas hakelig sein wird. Aber das war dann gar nicht der Fall.

Wie waren denn die Reaktionen Ihrer Mitarbeiter als Sie ihnen gesagt haben, dass Sie dieses Modell einführen wollen?

Rheingans: Ich glaube in der Branche, in der wir tätig sind – Medien und Digitales – gibt es immer mal wieder solche verrückten Modelle. Deswegen sind die Beschäftigten auch nicht komplett aus allen Wolken gefallen. Aber einige haben schon gesagt: „Mist, wie soll ich das jetzt schaffen?“ Letztlich überwog aber die Freude.

Was war für Sie selbst in den vergangenen Monaten, in denen Sie das Modell bei sich im Unternehmen eingeführt haben, besonders überraschend?

Rheingans: Ich hätte nicht erwartet, dass es von Beginn an so gut läuft und dass es so eine Welle schlägt. Überrascht hat mich auch die Erkenntnis, dass ich als Chef und Unternehmer viel mehr von meinen Mitarbeitern zurückbekomme. Ich bekomme das gleiche Ergebnis, für das die Beschäftigten vorher acht Stunden gebraucht haben und gleichzeitig eine höhere Motivation, Loyalität und Kreativität. Darüber hinaus haben die Beschäftigten mehr Zeit für Ihre persönlichen Leidenschaften und Hobbies; und viele davon haben sozusagen ohnehin ihr Hobby zum Beruf gemacht und nutzen die neu gewonnene Zeit um sich in ihren jeweiligen Fachgebieten fortzubilden, und sind dafür auch dankbar: Dass sie jetzt endlich wieder Zeit dafür haben, sich mit Muße ihren Leidenschaften zu widmen, ohne den Druck des Jobs und mit mehr Energie, als sie nach acht bis zehn Stunden im Büro jemals gehabt haben. Sie wollen sich – intrinsisch motiviert – weiterbilden und besser werden. Das freut mich einfach, und ich sehe das als wichtigen Baustein für eine gute Work-Life Balance an.

Außerdem habe ich festgestellt, dass einige Beschäftigte vorher sehr überlastet waren. Hier funktioniert das Fünf-Stunden-Modell also wie eine Lupe, die Missstände im Ablauf oder der Organisation an sichtbar macht. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis für mich. So konnte ich die Aufgaben, die vorher bei diesen Leuten lagen, auf anderen Schultern verteilen und weitere Mitarbeiter einstellen.

Wie sieht denn Ihr Fazit aus? Wird das Modell beibehalten?

Rheingans: Ja, wird es, in jedem Fall für weitere sechs Monate. Und ich habe gemerkt, dass das Thema sehr relevant ist. Und zwar für ganz Deutschland. Unsere Vision bei Rheingans Digital Enabler ist es, mit unseren Kompetenzen und unserer Arbeit den deutschen Mittelstand zu retten. Das ist natürlich eine Utopie, aber dennoch unser Anspruch für die tägliche Arbeit mit unseren Kunden. Und durch die Resonanz, die hier auf den Fünf-Stunden-Tag kam, ist es immer auch eine Überlegung wert, ob sich das Modell für unsere Kunden lohnt. Hier können wir unsere Kunden in der digitalen Transformation und deren Auswirkungen auf die Arbeitswelt und Unternehmenskultur begleiten und unsere Erkenntnisse in der Beratung den Kunden nahebringen.

Auf jeden Fall haben wir einen wunden Punkt getroffen. Und wir lassen das Modell nun von Wissenschaftlern begleiten, um am Ende vielleicht Kriterien herausgearbeitet zu haben, mit denen auch Unternehmen, die kritisch sind, einfach darüber diskutieren können.

Ich möchte das Thema also weiter unterfüttern.

Interview: Daniela Lukaßen-Held


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8 Kommentare

Martina Wirth

04.04.2018

Seit 15 Jahren habe ich diese Vision und ich gratulieren Ihnen zu diesem Schritt! Von den positiven Effekten bin ich seit der Zusammenarbeit mit Teilzeit-Müttern überzeugt: sie brachten durch fokussierten Einsatz die gleichen Ergebnisse in der halben Zeit im Vergleich zu Vollzeit-Mitarbeiterinnen … und die Stimmung war auch immer wesentlich besser!

Thomas Paulußen

04.04.2018

Nach fünf Stunden konzentrierter Arbeit erreicht man sowieso kaum noch mehr, jeden Tag merke ich wie die restlichen Stunden vergehen ohne dass ich noch wirklich viel schaffe, und eh ich eine kompliziertere Problemstellung am Nachmittag bearbeite, verschiebe ich das besser auf den nächsten Tag, denn morgens schaffe ich in einer halben Stunde, was ich sonst vielleicht noch in den restlichen drei Stunden am Tag zuvor erledigt bekomme. Außerdem fehlen mir diese Stunden für mein Privatleben, es muss eine Änderung herbei, das einzige was ich da momentan sehe ist die Selbstständigkeit. Der Ansporn durch Gewinnbeteiligung und die Einbeziehung zur Verantwortlichkeit ist genauso wie ein gesundes Arbeitszeit Verhältnis maßgeblich für Erfolg und Zufriedenheit.

Ruth Pink

04.04.2018

Eine tolle Vision – und wie schön, dass es nicht visionär bleibt, sondern real umgesetzt wurde/wird.
Interessant finde ich auch, dass der Prozess wissenschaftlich begleitet wird. Bin gespannt, wie es weitergeht…
Weiterhin viel Erfolg!
Ruth Pink

Hans GEorg Groß

04.04.2018

Das sollten sich Politiker mal zu Gemüte führen, die bei „Sondierungen“ und Koalitionsverträgen oft 14 bis 20 Stunden am Stück verhandeln. Das da oft nur Halbgares dabei rauskommt, ist nicht verwunderlich. Leider baden wir alle das dann aus.
Hans Georg Groß

Angelika Limmer

04.04.2018

Eigentlich ist das alles schon lange bekannt und ich freue mich, dass es nun auch in die Umsetzung kommt. Weiter viel Erfolg. Es wird weiter funktionieren.

Andre E.

04.04.2018

Ich bin eher ein 12 Stunden Mann, aber das ist leider nicht erlaubt. Blöd nur, wenn man auf Zuarbeit oder Infos von 9-2-5 Kollegen angewiesen ist. Da hilft es nicht länger im Büro sitzen zu bleiben und darüber nachzudenken was man noch erledigen könnte.

Jürgen Schulz

07.04.2018

Lasse Rheingans schreibt in seinem Artikel -und die Mitarbeiter schaffen die gleiche Menge Arbeit wie vorher-
Dann würde mit der Änderung des Arbeitszeitmodells ja sicherlich auch nicht das Gehalt der Mitarbeiter reduziert? Oder doch,
Herr Rheingans, auf Ihre Antwort bin ich gespannt.

Marcus Pikarek

09.04.2018

ich finde den Ansatz, Aufgaben, Kompetenzen und Ziele, von der Arbeitszeit zu entkoppeln, gut. ich habe noch nicht ganz verstanden, was vorher in den 3 Stunden „Mehrarbeit“ passierte, jedenfalls nicht bei den Projekt- oder Sachbearbeitern. Bei uns in Hannover läuft derzeit ein ähnliches Projekt in einem Bau- und Wohnungsunternehmen mit 125-jähriger Geschichte, vereinfacht ausgedrückt: Die Führungskräfte machen Sachbearbeiter zu Teamleadern, um so selbst mehr Zeit für andere Tätigkeiten zu gewinnen. Ein insgesamt neues Zeitmanagement soll Mutarbeiter motivieren und binden, sehr spannend.

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