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Familie & Beruf

Ein Jahr Elternzeit (IV): Nehmt Euch mehr Zeit für Eure Träume!

Als Topmanager in Elternzeit – und dann gleich ein ganzes Jahr? Oliver Knoblauch beschreibt für XING Spielraum sein ganz persönliches Experiment in Sachen Work-Life-Balance. Mit dieser Folge aus Australien möchte er vor allem eins: Eltern Mut machen.

Oliver Knoblauch Elternzeit

Auszeitnehmer Oliver Knoblauch: „Die Geschenke „Lebensfreude“ und „Familienzeit“ gemeinsam erleben.“

„Als vor rund zehn Jahren Google Earth auf den Markt kam, habe ich angefangen, mich nach Feierabend an meinen Computer zu setzen und mit dem Coldplay-Album in den Ohren über Australien zu fliegen. In mir war ein Gefühl von Fernweh und Sehnsucht – aber auch, dass die Erfüllung dieses Traumes im wahrsten Sinne des Wortes sehr weit in der Ferne liegen wird. Ich habe immer die Freunde und Kollegen beneidet, die sich den Traum Australien erfüllt haben. Ich konnte leider nie – anfangs war es das fehlende Geld, dann die Zeit, um Karriere zu machen. Es gab immer Projekte und das Gefühl, dass ich jetzt nicht weg kann. Und so wurde das virtuelle Australien und Google Earth mein ständiger Begleiter über die letzten Jahre.

Im Winter 2016 war das Gefühl von Fernweh bei meiner Frau und mir so stark, dass wir uns nach mehr als zehn Jahren Sehnsucht nun diesen Traum mit unseren Kindern erfüllen und in unserer einjährigen Elternzeit für ein paar Wochen unter anderem durch dieses wunderschöne Land reisen.

Es ist damit nicht einfach nur eine Reise, die wir machen. Es ist auch das Abhaken von einer Sache, die seit Jahren auf der „Zu-erledigen“-Liste lag. Kennen Sie das auch, einen Traum zu haben, der eigentlich seit Jahren darauf wartet, erfüllt zu werden? Es wird mit den Jahren des Wartens nicht besser. Es kommen immer größere Fragezeichen und Zweifel auf. Bei uns zuletzt, als wir eine Familie geworden sind und damit Verantwortung für unsere Kinder tragen. Eine Frage, die uns zudem gestellt wurde, war auch, ob die Elternzeit nicht dafür geschaffen worden ist, dass beide Elternteile sich im Familienalltag gegenseitig unterstützen?

Und wäre das nicht auch richtig? Nach all den Jahren außergewöhnlicher 24 Stunden-Hingabe meiner Frau für die Familie mit jungen, fordernden Kindern, die unabhängig von Tageszeiten oder Gemütslage ihre Aufmerksamkeit benötigen und einem Mann, der morgens früh aus den Haus geht und abends spät wiederkommt und damit nicht ausreichend Zeit für den Familienalltag mitbringt? Für diese bedingungslose Liebe und Aufopferung danke ich meiner Frau sehr und habe heute noch größeren Respekt davor. Dazu gehört eine große Portion Energie und Verzicht. Die Frage von oben lässt sich dennoch für uns mit einem klaren „NEIN – NICHT NUR“ beantworten.

Die ersten Lebensjahre sollen für den Menschen am prägendsten sein. Für die Kinder wünschen wir uns, dass sie so bunt wie möglich sind – gemeinsam ganz viel lachen, spielen, kommunizieren, als Familie Neues entdecken, das Leben vielfältig wahrnehmen und neugierig die große Welt betrachten. Die Geborgenheit und Sicherheit von Mama und Papa spüren, die jetzt auf der Reise 24 Stunden, 7 Tage in der Woche da sind. Die Geschenke „Lebensfreude“ und „Familienzeit“ gemeinsam zu (er-)leben.

Sind Ihre Lebensträume nicht ein Risiko wert?

Jetzt, nach der Hälfte unserer Elternzeit, haben wir auch nochmal unsere „Bedenkenliste“ angeschaut, die wir vor unserer Elternzeit-Entscheidung gemacht haben. Zurückblickend sehe ich, wie verkopft ich das Thema angegangen bin und von welchen Ängsten ich mich blenden lassen habe. Lächerlich! Ausnahmslos alle Konsequenzen sind bis heute positiv. Auch die, die anfangs nicht so schienen. Auf der Reise haben wir mutige Familien getroffen, die unter ganz anderen Umständen sich für eine längere Elternzeit entschieden haben. Teilweise haben Sie Ihre Zelte in Deutschland komplett abgebaut, den Job aufgeben müssen, um ihren Traum zu Leben und sie starten nach der Elternzeit in eine neue, unbekannte Zukunft. Diese Familien verdienen für ihren Mut und ihre Entscheidung hohe Anerkennung.

Oliver Knoblauch mit Tochter in Australien: „Work-Family“-Balance ist das wichtigste Thema“

Bei uns haben sich manche Ansichten in den letzten Monaten geändert und verstärkt. Es wird sich einiges ändern müssen nach der Elternzeit. Wir sind gerade mittendrin und sind sicher, dass es der richtige Weg ist. Die „Work-Family“-Balance ist hier das wichtigste Thema.

All dies sind Erfahrungen, die ich schon von anderen gehört habe und lange als „sicherlich emotional übertrieben“ empfunden habe. Jetzt erlebe ich sie selber. Familie, Freunde und ehemalige Kollegen verfolgen unsere Reise aktiv und erleben unsere Veränderungen. Ein Freund schrieb mir, dass er sich diese Gedanken leider erst nach dem Auszug der Kinder gemacht hat und sich für uns freut, dass wir dieses rechtzeitig am Anfang unserer gemeinsamen Zeit als Familie tun.

Wenn Sie sich bis hier die Zeit genommen haben, diesen Beitrag zu lesen, so gönnen Sie sich bitte heute auch ein paar Minuten Zeit, um mal wieder über ihre (gemeinsamen) Träume nachzudenken.

WER oder WAS hindert Sie daran, diese zu erfüllen? Und was würde passieren, wenn Sie es trotzdem machen? Ist es nicht das Risiko wert?

Morgen fahren wir an der Sunshine Coast wieder weiter mit unserem kleinen Campervan.  Es läuft das alte Coldplay-Album von damals und wir werden wie die letzten Tage alle laut mitsingen und uns freuen, gemeinsam eine tolle Zeit zu haben und unseren Traum zu erfüllen. Wenn auch erst Jahre später.“


*Zur Person: Oliver Knoblauch ist Ehemann, Vater – und Digitalchef des Kinounternehmens Cinemaxx. Auf XING Spielraum beschreibt er „das Abenteuer“, als stark eingespannte Führungskraft für ein ganzes Jahr in Elternzeit zu gehen. Welche Reaktionen kommen von Chefs und Kollegen? Wie lässt sich so etwas organisieren und finanzieren? Wie schwer fällt es, wirklich loszulassen und wie schwierig ist der Wiedereinstieg? Darüber berichtet Knoblauch hier in regelmäßigen Abständen bis zum Sommer 2018. 

Hier geht es zu den ersten drei Teilen unserer Serie:

Ein Jahr Elternzeit (III): Eine erste Lehre fürs Leben

4 Kommentare

Angi

22.02.2018

Das ist ja alles schön und gut, aber nicht alle Eltern sind Topmanager mit opulentem Einkommen. Ein alleinverdienender junger Vater mit 3500 € brutto muss dann wohl leider weiterträumen – vielleicht auch von einem Lottogewinn….

Jörg

22.02.2018

Also erst einmal Hut ab für den Beitrag, ein tolles Thema. Was ich mich allerdings frage ist: Und wie macht da der Arbeitgeber mit? Findet er das Prima oder drohen Einschnitte nach der Rückkehr?

VG

J.Janssen

Astrid

22.02.2018

Genau und für das Jahr wo man im Ausland ist, fallen die laufenden Kosten zu Hause natürlich nicht weiter.
Klar aus Sicht eines Topmanagers eine super Sache, aber frag mal einen Alternpfleger oder gar einen Verkäufer bei einem Discounter, der in Elternzeit gehen will der kann sich eine doppelte Haushaltsführung natürlich leisten und alle Kinder gleich mit. Na gut, dem Titel ist ja bereits zu entnehmen, das es hier um Topmanager geht. Klar Wohnung kündigen und mit dem Nachwuchs dann nach Deutschland zurück und von H4 leben oder im Ausland bleiben, nicht wissen, wie die Zukunft verlaufen kann. Ist klar, auch dafür benötigt man ein gewisses Startkapital, das wird ein Verkäufer bei einem Discounter sicherlich haben. Und Wiedereinstiegsprobleme, naja bei Frauen die in einem normalen Job arbeiten in irgendeinem Bürojob, die sind so schnell draußen, so schnell kann man gar nicht schauen … macht doch mal die Augen auf und stellt Euch den Realitäten auf dem Arbeitsmarkt.

Alexander Schuh

23.02.2018

Keine Frage, das ist ein toller Beitrag – über Elternzeit, Work-Life-Balance, Träume, etc. Die allermeisten jungen Eltern würden sich wahrscheinlich gerne mal so eine lange Auszeit nehmen. Aber es ist halt so wie Angi schreibt: Man(n) muss es sich leisten können. Ich habe bei unserem dritten Kind die zwei sogenannten „Vätermonate“ genommen. Und das waren schon deutliche finanzielle Einbußen. Letztendlich sehe ich es so: Elternzeit ist eine super Sache, ob 2, 6 oder 12 Monate – aber im Endeffekt muss ich es auch im Alltag hinbekommen, genug Zeit für Kinder & Familie zu haben. Und rückblickend kann ich sagen: Klar hätte ich gerne mehr Zeit mit den Kids gehabt, aber ich hatte nie das Gefühl, was verpasst zu haben.

Aug jeden Fall wünsche ich eine tolle Zeit in „Down under“ und ich bin gespannt auf die nächsten Beiträge.

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