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New Work

Moderne Organisation: Schluss mit der Überregulierung!

Menschen brauchen in ihrem Job mehr Freiheiten, um sich bestmöglich zu entfalten. Aber nicht ohne einen Rahmen, der diese Freiheiten definiert, verkündet unser Gastautor Lars Vollmer* und erklärt, warum „überregulierte, planwirtschaftlich organisierte und  von Management-Sklerose versteifte“ Unternehmen bald ihre besten Leute verlieren werden.

Buchautor Lars Vollmer

Buchautor Lars Vollmer: „Jede Organisation braucht einen wachen Widerstand gegen das Unkraut der Regulierung.“

Wieder einmal ist der Kollege aus der vierten Etage – seines Zeichens Junior Consultant – für eine Dienstreise nach London in der Ersten Klasse geflogen, hat sich an der ersten Adresse am Platz eine Suite gegönnt und sich den kurzen Weg vom Hotel zum Kongresscenter jeden Morgen und Abend chauffieren lassen.

Ich höre sie schon rufen, die Stimmen in den Fluren und Kantinen: „Aber Moment mal – darf der das eigentlich?“

Ich lehne mich jetzt einmal ganz weit aus dem Fenster: Ja, darf er. Unter einer Voraussetzung …

„Aber laut § 323 Abs. 6 Nr. 18 der Reisekostenregelung …“, würde es dann in den meisten Unternehmen Widerworte hageln.

Was fällt Ihnen bei dieser Reaktion auf?

Trotz New Work, Agilität und dem weiterverbreitet aufkommenden Schrei nach weniger Bürokratie und mehr Freiheit regen sich die meisten bei einer Ausnahme von der Regel oder einem Missstand zunächst einmal auf. Und dann rufen sie nach einer Regel, um den Missstand ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Empörung ist der Mutterboden für Regeln, die so auch in modernen Unternehmen mit erstaunlicher Vitalität und Beständigkeit vor sich hinwuchern können.

Nehmen Sie also die Reisekostenregelungen: Welcher Mitarbeiter darf mit welchen Verkehrsmitteln und in welchen Klassen reisen? Sind bestimmte Fluggesellschaften oder Hotels zu bevorzugen? Über welche Wege müssen die Mitarbeiter buchen, zahlen und abrechnen? Mehrere Seiten lange Regelkataloge mit gefühlt fünf Milliarden Unterparagraphen werden getextet, um auch ja nicht Gefahr zu laufen, irgendeine mögliche Ausnahme oder ein Schlupfloch außer Acht zu lassen.

Wo da der Spielraum und die Freiheit bleiben, fragen Sie? Genau, die sind in einem solchen Szenario gleich null.

Chaos und Anarchie?

Natürlich werde ich den Teufel tun und jetzt Anarchie in großen Lettern an die Unternehmenswände sprühen! Allerdings bin ich überzeugt, dass ein Unternehmen auch oder gerade ohne oder mit nur wenigen Regeln, Prozessvorschriften, Checklisten und Zielvorgaben perfekt koordiniert funktioniert und sich um die echten Probleme, nämlich die des Kunden, kümmert. Wenn … ja, wenn es Prinzipien festlegt.

Lars Vollmer Buch

Vollmer-Buch über Organisation: „Menschen brauchen weder einen völlig überregulierten Alltag noch Scheinprinzipien.“

Denn: Eine Organisation ohne Prinzipien ist wie ein Staat ohne Verfassung! Und so etwas können wir – zumal im 21. Jahrhundert – nun wirklich nicht gebrauchen.

Die Artikel einer Verfassung sind nichts anderes als die formulierten Prinzipien eines Staates. Diese Grundprinzipien sind absolut konstituierend: Sie bestimmen, wie es in einem Staat zugeht, ob sich die Leute den Kopf einschlagen, ob sie sich gegenseitig unterdrücken, ob sie fair miteinander umgehen, ob sie sich gegenseitig helfen – eben wie die Menschen sich ganz generell verhalten. Aber nicht, indem sie den Menschen vorschreiben, was sie tun sollen, sondern indem diese Prinzipien einen Rahmen aufspannen, innerhalb dessen Freiheit herrscht.

Also so ein Prinzip wie die Meinungsfreiheit zum Beispiel. Wenn es das gibt, dann können Sie innerhalb des Geltungsbereichs des Prinzips sagen, was Sie wollen, solange Sie keine anderen Prinzipien dabei verletzen. Und dann kann der Staat eben nicht einfach den Anbieter eines Sozialen Netzwerks im Internet mit Strafandrohungen dazu bewegen, Ihre dem Staat missfallenden Meinungsäußerungen in diesem Netzwerk zu löschen.

Prinzip gesattelt und losgeritten

Was darum eine jede Organisation braucht: einen wachen Widerstand gegen das Unkraut der Regulierung. Wenn ohne Reisekostenregelung ein Mitarbeiter für eine Dienstreise erste Klasse fliegt, dann müssen Sie das aushalten. Anstatt eine Regel zu erlassen, die Reisen in der ersten Klasse untersagt und die zweite Klasse zwingend vorschreibt, müssen Sie besser den Einzelfall diskutieren und daraus lernen. Und dabei Ihr allgemeingültiges Prinzip erkennen.

Zum Beispiel: ›Wir reisen wirtschaftlich.‹

Das ist ein Prinzip. Das erkennen Sie daran, dass ein Endzustand beschrieben wird, nicht die Durchführung. Ob einer Erster oder Zweiter Klasse reist, ist damit nicht bestimmt. Und ob das Hotel 220 Euro oder 80 Euro kostet, auch nicht.

Der Punkt ist, dass es ja wirklich Umstände gibt, unter denen der Erste-Klasse-Flug und das 220-Euro-Zimmer wirtschaftlicher sind als der Zweite-Klasse-Flug und das 80-Euro-Zimmer. Viel Fantasie brauchen Sie dafür gar nicht.

Schein oder Sein? Das ist hier die Frage …

Übrigens sind Sätze wie „Wir sind ehrlich zueinander“ oder „Wir bieten dem Kunden beste Leistung“ KEINE Prinzipien. Lassen Sie sich solche Banalitäten nicht als solche verkaufen! Echte Prinzipien schließen immer etwas aus – und zwar etwas, das ebenfalls plausibel und denkbar wäre. Erst daraus erwächst der orientierende Charakter von Prinzipien. Was soll »Wir tun Gutes« bitte ausschließen? Dass Sie Böses tun? Kommen Sie! Das ist Unfug. Wenn Sie sich ohnehin nicht streiten müssen, wo Norden ist, weil es jedem klar ist, dann brauchen Sie auch keinen Kompass. Menschen brauchen weder einen völlig überregulierten Alltag noch Scheinprinzipien.

Zudem ist es hochgradig attraktiv für viele Menschen (vielleicht nicht alle …), in vorschriftsarmen und dafür prinzipienbasierten Umfeldern zu arbeiten. Die Lebensentwürfe der Menschen werden immer unterschiedlicher und individueller. Die individuellen Eigenheiten der Menschen drängen immer stärker zur Verwirklichung in ihrem Leben.

Und für Unternehmen und Gesellschaften, die wirksame Freiheitsprinzipien anbieten, ist es schon jetzt wesentlich leichter, gut ausgebildete, motivierte, junge und mobile Menschen einzubürgern. Unternehmen und Gesellschaften hingegen, die überreguliert, planwirtschaftlich organisiert und von Management-Sklerose versteift sind, werden ihre besten Leistungsträger nach und nach verlieren. Ohne Zweifel.

Über den Autor: Lars Vollmer, Jahrgang 1971, promovierter Ingenieur und Honorarprofessor, ist Unternehmer und Begründer von intrinsify.me, dem größten offenen Thinktank für die neue Arbeitswelt und moderne Unternehmensführung im deutschsprachigen Raum. Er lehrt an mehreren Universitäten und Instituten und ist gefragter Redner auf internationalen Kongressen und Unternehmensveranstaltungen. Er lebt in Barcelona, ist leidenschaftlicher Jazzpianist und Musikkenner, liebt Wortwitz, schlichtes Design, guten Kaffee und New York.

Über das Buch: Nach seinem SPIEGEL-Bestseller »Zurück an die Arbeit« ermittelt Lars Vollmer in seinem neuen Werk: »Wie sich Menschen organisieren, wenn Ihnen keiner sagt, was sie tun sollen«. Ein inspirierendes Buch mit augenöffnenden Geschichten für mehr Erfolg und Agilität in Gesellschaft und Wirtschaft.

2 Kommentare

Walter Lannig

24.01.2018

Merke :
Kleinlich bleibt immer klein.

Stefan Feldotto

29.01.2018

… schöner Merksatz ; )

Gruss aus dem Bergischen

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