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New Work

"Die Arbeit wird uns bald in den letzten Winkel verfolgen"

Als seine kleine Tochter ihn bat, doch nicht immer auf sein Handy zu starren, merkte Autor Markus Albers, dass etwas mit ihm, der Arbeit und dem Leben schief lief. Im Interview mit XING Spielraum erklärt Albers, warum wir jetzt gegen die Schattenseiten von „New Work“ angehen sollten.

Buchautor Markus Albers:

Buchautor Markus Albers: „Ich habe daran mitgewirkt, die Geister zu rufen. Ich will helfen, sie zu bändigen.“

XING Spielraum: Herr Albers, eigentlich sollte die Digitalisierung ja unser aller Leben, vor allem auch das Arbeitsleben, leichter machen. Nun führt Sie uns – folgt man dem Titel Ihres aktuelles Buches – in die „Digitale Erschöpfung“. Was ist passiert?

Markus Albers: Das eigentliche Versprechen der Neuen Arbeit war es nie, Technik um ihrer selbst willen einzusetzen. Es ging darum, mit neuen, intelligenteren Arbeitsweisen effizienter zu sein. Dann zu arbeiten, wenn man am produktivsten ist. Zwischendurch private Dinge erledigen zu können und so die Arbeit von acht oder neun Stunden in fünf zu erledigen. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Wir quetschen immer mehr Leistung und Ergebnisse in unseren Tag, stehen ständig unter Strom, schalten nie ab. Einige Zahlen: 84 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer sind erreichbar, nachdem sie das Büro verlassen haben. 46 Prozent geben an, keine 5-Tage-Woche zu haben, sondern auch abends und an den Wochenenden zu arbeiten. 20 Prozent arbeiten mit ihrem Smartphone, Tablet oder Computer, kurz bevor sie schlafen gehen. Kein Wunder also, dass Krankenkassen Alarm schlagen. Über 50 Prozent aller von ihnen Befragten haben regelmäßig Schlafprobleme, 13 Prozent sogar jede Nacht. Durch psychische Erkrankungen verursachte Fehlzeiten erhöhten sich in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent. »Flexibilität braucht klare Schranken«, mahnt die AOK. Ein frommer Wunsch – der Trend geht in die andere Richtung.

Früher war das Problem, dass die Menschen sich von Ihrer Arbeit entfremdet haben, nun ist unsere Beziehung oft zu eng. Warum finden wir nicht das richtige Maß?

Albers: Ich habe mir für das Buch von Suchtforschern erklären lassen, warum wir alle von den ständig neuen Nachrichten, Notifications, Updates abhängig sind – dahinter steckt ein Phänomen, das Psychologen „intermittierende Verstärkung“ nennen. Ich habe auch mit Technologiekritikern darüber gesprochen, dass Tech-Konzerne ihre Produkte – ob Hard- oder Software – auf maximale Nutzung hin konzipieren. Alles richtig: Das größte Problem ist aus meiner Sicht aber eine Arbeitswelt, die das Neue einführt, aber zugleich am Alten festhält.

Aber es gibt ja auch Menschen, die mögen diese neuen Formen von Arbeit. Für die ist das Freiheit und Selbstbestimmung pur. Sind das alle irrgeleite Geister oder zu weit vorgepreschte Pioniere einer neuen Bewegung?

„Wir haben im Moment das Schlechteste aus beiden Welten“

Albers: Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Ich bin kein Maschinenstürmer. Die Digitalisierung wird unaufhaltsam weitergehen, und das hat ja auch viele Vorteile. Wir müssen aber die Schattenseiten klar benennen und die Spielregeln stärker definieren. Unser größtes Problem heute: Unternehmen führen mit großer Begeisterung das Neue ein, vergessen dabei aber, das Alte abzuschaffen. Wir sollen um 23 Uhr noch das Kollaborations-Tool füttern, aber trotzdem am nächsten Morgen um neun wieder am Schreibtisch sitzen. Beides geht nicht, das macht die Menschen kaputt. Die neue Welt räumt uns theoretisch viele persönliche Freiheiten in der zeitlichen und räumlichen Gestaltung von Arbeit ein. Die alte, hierarchisch organisierte und auf maximale Effizienzsteigerung hin optimierte Unternehmenswelt ist aber immer noch da, und im Ergebnis haben wir das Schlechteste aus beiden Welten: ständige Erreichbarkeit und Kontrolle ohne Flexibilität und Freiheit.

Ich habe auf das Buch vor allem positive Reaktionen von jüngeren, sehr modern arbeitenden Menschen bekommen. Die gesellschaftliche Debatte über neue Kulturtechniken, die ich einfordere, findet derzeit sogar eher in Technologie-Unternehmen und bei Digital Natives statt. Es mehren sich die Zeichen, dass das emanzipatorische Potential des Digitalen im Alltag an seine Grenzen stößt. Die Hoffnung vieler Menschen, dass Technologie uns ein besseres Leben ermöglichen kann, weicht zusehends der Ernüchterung. Insofern ist die Digitale Erschöpfung, von der ich spreche, eine doppelte. Gemeint ist sowohl die konkrete, individuelle Erschöpfung, die das Always-On des Digitalen in uns Menschen auslöst. Aber ebenso die abstrakte, begriffliche eines sich erschöpfendenden Heilsversprechens.

Markus Albers Buch zur "Digitale Erschöpfung"

Albers-Buch zur „Digitalen Erschöpfung“: „Das Neue Arbeiten macht uns nicht automatisch produktiver, kreativer und glücklicher“

Auch Sie selbst haben ja durchaus mal kräftig für das „Neue Arbeiten“ und all seine Versprechungen geschwärmt, heute sprechen Sie ganz offen über einen Fehler, den Sie damals gemacht haben. Was ist mit Ihnen persönlich passiert?

Albers: Als meine damals vierjährige Tochter zum ersten Mal sagte „Schau nicht immer auf dein Handy, Papa“, war ich erst amüsiert, dann betroffen, dann hilflos. Denn ich habe gemerkt, dass ich nicht aufhören konnte, dass mich die Arbeit überallhin verfolgte, und ich nie wirklich präsent war. So ein Vater wollte ich nicht sein, so ein Mensch auch nicht.

Wir erleben gerade eine Zeit des tiefgreifenden Umbruchs in der Art und Weise, wie wir arbeiten leben. Neues Arbeiten ist en vogue, wird in immer mehr Unternehmen eingeführt. Das ist einerseits ein Sieg für New-Work-Apologeten wie mich. Aber wir merken jetzt – in der Praxis – eben auch, dass uns das Neue Arbeiten nicht automatisch produktiver, kreativer und glücklicher macht. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht gerade für die nächste Generation eine Arbeitswelt schaffen, die so keiner wollte. Die einfach passiert ist. Umso mehr, als wir in vielen technologischen Bereichen das Gesetz des exponentiellen Wachstums sehen: Analog zur Leistung von Computerchips, die sich etwa alle zwei Jahre verdoppelt, verändern sich auch andere durch Technik geprägte soziale und gesellschaftliche Bereiche immer schneller.

Es ist wie mit dem Gleichnis vom Schachbrett, auf dessen erstem Feld ein Reiskorn liegt, auf dem zweiten liegen zwei, auf dem dritten vier, und so weiter. Etwa ab der Mitte des Schachbretts werden die Mengen und Zuwächse so groß, dass wir sie uns nicht mehr vorstellen können. Es kann sein, dass wir uns bei der Digitalisierung der Arbeitswelt gerade in der Mitte des Schachbretts befinden. Bisher war die Veränderung schnell und verwirrend. Schon sehr bald wird sie unvorstellbar. Ein Grund mehr, jetzt diese Debatte zu führen. Ich habe daran mitgewirkt, die Geister zu rufen. Ich will helfen, sie zu bändigen.

Haben Sie denn überhaupt Hoffnung, dass wir, um mit Ihren Worten zu sprechen, jemals wieder „die Kontrolle über uns Leben“ gewinnen können? Und wenn ja, wie?

„Welche Regeln wollen wir uns geben? Was geht, was nicht mehr?“

Albers: Die Zeit, in der wir ständig auf Bildschirme schauen, geht jedenfalls gerade zu Ende. Wir stehen an der Schwelle zu einer Welt von sprachgesteuerten Systemen, Mixed-Reality und lernenden Personal Assistants. Im besten Fall kann das bedeuten, dass wir künftig wieder mehr von unserer Umwelt mitbekommen. Aber: Wenn die Brillen kleiner werden und die intelligenten Assistenten uns per Knopf im Ohr ständig begleiten, wird uns auch die Arbeit in wirklich noch den letzten Winkel unseres Lebens verfolgen, sich als permanenter digitaler Schleier über die Realität legen. Dann wäre der scheinbare Überfluss an digitalen Kanälen und Stimuli, wie wir ihn derzeit erleben und beklagen, nur ein kleiner Vorgeschmack auf eine Welt, in der wir permanent kommunizieren, teilen, kollaborieren – und eben: arbeiten.

Jüngst machte Porsche-Betriebsrat Uwe Hück Schlagzeilen mit seiner Forderung, alle dienstlichen Mails, die nach 19 Uhr verschickt werden, sofort zu löschen. Andere Firmen haben Email-Verbote in der Betriebsvereinbarung stehen. Ist so etwas nötig – und hilfreich?

Albers: Nein, ich fürchte, das geht an den Anforderungen eines zunehmend vernetzten und globalisierten Arbeitslebens vorbei, aber auch an den Bedürfnissen der Menschen. Wenn die Kollegen aus den USA nach unserer Zeitzone abends mailen, werden Angestellte immer einen Weg finden, solche Verbote zu umgehen – übrigens zu Recht und zum Wohl des Unternehmens. Ich glaube nicht an paternalistische Top-Down-Modelle. Ich glaube an kleine Siege im Alltag, in Teams und Familien. Gleichzeitig brauchen wir politisch und gesellschaftlich eine viel intensivere Debatte darüber, wie wir mit den neuen digitalen Werkzeugen zusammenarbeiten und -leben wollen. Welche Regeln wollen wir uns geben, was geht, was nicht mehr?

Interview: Ralf Klassen

*Zur Person: Markus Albers lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Er ist Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter von Rethink sowie Mitgründer von Neuwork.
Markus’ Bücher „Meconomy“„Rethinking Luxury“„Morgen komm ich später rein“ und „Digitale Erschöpfung“ wurden vielfach besprochen und in fünf Sprachen übersetzt. Zu den Buchthemen hält er Vorträge, moderiert Panels und Workshops.

*Veranstaltungshinweis: Markus Albers ist einer von vielen hochkarätigen Speakern und Diskussionsteilnehmern der von XING ausgerichteten „New Work Experience 2018“. Das Event findet am 6. März in der Hamburger Elbphilharmonie statt. Mehr Informationen zu Programm und Ticketbestellungen für die #NWX18 bekommen Sie unter newworkexperience.xing.com

1 Kommentare

Beatrice Legien-Flandergan

05.01.2018

Danke für dieses interessante Interview. Solche Erfahrungen mit der Digitalisierung und den Versuchen, mit New Work etwas im Arbeits- und Privatleben zu verbessern, sind mir sehr bekannt. Ich beobachte das ständig, habe selbst schon gesundheitlich extrem darunter gelitten, so dass ich mich oft fragte, wieso so wenig Menschen erkennen, dass wir uns damit auf dem Holzweg befinden. Die Ziele dahinter mögen verständlich und wünschenswert sein, sind jedoch unerfüllbar. Anstrengungen, Unannehmlichkeiten und Probleme wird es immer geben im Leben. Gut ist es, wenn man erkannt hat, wenn ein Weg nicht mehr vorteilhaft ist, vielleicht eher schädlich geworden ist, und dann eine Kehrtwende zu machen.

Meines Erachtens ist es heutzutage notwendig, dass sich jeder mit sich selbst und seinem Leben bewusster auseinandersetzt und zu einer gesunden Selbstführung und guten Selbstorganisation findet. Jeder für sich muss herausfinden, wie er mit den heutigen Herausforderungen so umgehen kann, dass er gesund und leistungsfähig bleibt. Unsere Ressourcen und Belastungsmöglichkeiten sind nun mal begrenzt. Wir sind Menschen und keine Maschinen, die rund um die Uhr funktionieren können – aber auch die verschleißen irgendwann oder können kaputt gehen bei Überforderung.

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