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Familie & Beruf

Ein Jahr Elternzeit (III): Eine erste Lehre fürs Leben

Als Topmanager in Elternzeit – und dann gleich ein ganzes Jahr? Oliver Knoblauch beschreibt für XING Spielraum sein ganz persönliches Experiment in Sachen Work-Life-Balance. In dieser dritten Folge zieht er in einem alten Lieferwagen in Neuseeland ein erstes Zwischenfazit.

Oliver Knoblauch Elternzeit

©Foto:privat

Von Oliver Knoblauch*

Was ist in den letzten vier Monaten Elternzeit passiert? Was ist mit der anfänglichen Euphorie und dem großen Traum geworden? Ist die Entscheidung der größte Fehler, den ich je gemacht habe?  Nach einem Vierteljahr ziehe ich die ersten Konsequenzen.

Ich sitze hier frühmorgens mitten in der Landschaft von Neuseeland mit meinem dicken Fleece-Pullover: Die Nacht war eiskalt, der Rücken tut seit Tagen weh, weil wir zu alle zusammen auf einer dünnen Matratze im selbstgebauten Sperrholzbett (1,60 Meter breit) in unserem neu erworbenen, aber 18 Jahre altem Lieferwagen Mitsubishi L300, geschlafen haben. Zum Frühstück gibt es weißes Toastbrot mit Käse und Erdbeermarmelade. Die Füße sind zerstochen von Sandfliegen, aufgekratzt, weil der Juckreiz so unglaublich stark ist. Unweit von uns steht ein großes Wohnmobil, die Standheizung lief die Nacht durch, ein älterer Mann mit gebügeltem Hemd und kleinem Hund steigt entspannt aus und schaut uns mitleidig an. „Na, wie habt ihr geschlafen?“

So fühlt sich das also an, für das wir uns vor einigen Monaten entschieden haben. Ein paar Monate raus, eine Alternative draußen testen, gucken, ob wir beim Gesellschaftsspiel mal aussetzen können.

Dabei ging der Einstieg in den temporären Ausstieg so überraschend einfach. Immer wenn ein Problem auftat, gab es Lösungen und Menschen, die geholfen haben. Als die Autosuche unerwartet lange dauerte und wir keine Unterkunft oder Auto hatten, öffneten sich neue Wege und Hilfe von fremden Leuten, die uns einen Platz anboten. Besorgt wollte ich schon irgendein Auto kaufen, damit wir starten können, da entdeckten wir durch Zufall unser jetziges Auto – mit frischem „TÜV“, wenig Kilometern und preiswerter als gedacht.

Für unseren „Lieferwagen“ benötigten wir allerdings einen Umbau und besondere Kindersitze, die es im Laden für teures Geld gab. Doch dann fanden wir einen – für 12 Euro gebraucht. Und den Um- und Einbau für diese speziellen Kindersitze haben wir umsonst bekommen.

No worries, mate!

War ich früher nervös und besorgt bei solchen Situationen und habe es als Problem betitelt, habe ich gemerkt, dass gerade die Unbesorgtheit zur (günstigeren) Lösung führte. Es gibt einige Beispiele in den letzten Wochen, die das immer wieder bestätigen, dass man ein Ziel haben muss und vertrauen muss, dass es einen Weg dorthin gibt. Der geht sicherlich nicht geradeaus, man verläuft sich auch mal, aber gerade dann ist Besonnenheit und Entspanntheit am Wichtigsten.

Oliver Knoblauch mit Tochter am Strand in Neuseeland

Oliver Knoblauch mit Tochter am Strand in Neuseeland: „Man muss ein Ziel haben und vertrauen, dass es einen Weg dorthin gibt.“ (©Foto: privat)

Meine persönliche Konsequenz der letzten Wochen ist sicherlich mehr Mut, Geduld und Durchhaltevermögen. Das mag für viele klingen wie „Das ist nichts Neues!“ Aber jeder sollte sich fragen, ob er das auch in die Tat umsetzt. Ich will, dass meine Kinder dieses mitnehmen und mehr Selbstsicherheit und Entspanntheit bekommen. Letzteres kann man von den Neuseeländern und Australiern wirklich gut lernen.

Die Frage des älteren Herrn, ob wir gut geschlafen haben, beantwortete ich übrigens mit „Ja! War es nicht ein herrlicher Sonnenuntergang und ein toller Sternenhimmel? Meine Tochter hat ganz aufgeregt erzählt, was sie Alles gesehen hat und ist dann direkt bei Mama eingeschlafen. Die Kinder lieben es bei Mama und Papa im Bett zu schlafen.“ Der ältere Mann lachte und sagte „Ihr werdet euch sicherlich noch lange an diese Zeit erinnern.“

Ja, das werden wir.


*Zur Person: Oliver Knoblauch ist Ehemann, Vater – und Digitalchef des Kinounternehmens Cinemaxx. Auf XING Spielraum beschreibt er „das Abenteuer“, als stark eingespannte Führungskraft für ein ganzes Jahr in Elternzeit zu gehen. Welche Reaktionen kommen von Chefs und Kollegen? Wie lässt sich so etwas organisieren und finanzieren? Wie schwer fällt es, wirklich loszulassen und wie schwierig ist der Wiedereinstieg? Darüber berichtet Knoblauch hier in regelmäßigen Abständen bis zum Sommer 2018. 

Hier geht es zu den ersten beiden Teilen unserer Serie:

https://spielraum.xing.com/2017/08/wenn-der-chef-pause-macht-neue-serie/
https://spielraum.xing.com/2017/09/ein-jahr-mit-risiko-wer-soll-das-bezahlen/

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