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Neue Führung

Ja, das hier ist ein Chefbüro!

Die Hamburger Maren und Matthias Wagener leiten ein erfolgreiches IT-Unternehmen – auf die etwas andere Art: Sie führen die Geschäfte von Bord ihrer Segelyacht „Vast“, mit der sie durchs Mittelmeer kreuzen. Im Interview mit XING Spielraum erzählen sie, wie erstaunlich gut das geht.

Maren und Matthias Wagener

Maren und Matthias Wagener an Bord ihrer Segelyacht „Vast“: Wir haben uns einen Traum erfüllt“ (©Alle Fotos: M.Wagener)

„Lass uns das doch bitte bei besserem Wetter tun.“ Mit diesem Satz fiel vor ein paar Jahren der endgültige Entschluss bei Maren und Matthias Wagener, ihrem Berufsleben eine Wende auf die Sonnenseite zu geben:  Die IT-Unternehmer aus Hamburg, die mit Ihrer Firma Vast Forward digitale Dienstleistungen für Agenturen und Markenunternehmen anbieten, bereiteten sich drei Jahre lang intensiv darauf vor, ihr Business von nun an von Bord eines Segelschiffes auszuüben. Sie orderten auf einer französischen Werft ein geeignetes Boot, machten sich kundig über satellitengestützte Kommunikationstechniken und übten in der Ostsee wochenlang die „Fernsteuerung“ Ihres Teams in Hamburg.

Dann, im Frühjahr 2015, war es soweit. Das Ehe- und Geschäftspaar begann, nach einigen Testfahrten, ihre Reise in Richtung Mittelmeer. Dort kreuzt die „Vast“ nun von einem schönen Revier ins andere. Und währenddessen führen die Wageners ihre Geschäfte dank Internet- und Telefonverbindung weiter. Zwischendurch werden, wenn möglich, neue Branchenkontakte vor Ort geschlossen.

Auf der Internetseite Vast Floating dokumentieren die beiden mit Fotos, Videos und Texten ihre Reiseerlebnisse. Und so mancher Leser dürfte bei den Geschichten aus dem sonnigen Süden auch anfangen, seine Karrierepläne zu überdenken. XING Spielraum sprach mit dem Paar per Telefon in einem südfranzösischen Hafen.

XING Spielraum: Ahoi, wo erreichen wir Sie gerade?

Matthias Wagener: Wir liegen im Hafen von La Grand Motte an der französischen Mittelmeerküste.

Maren Wagener: Wir sind aus Griechenland hierhergekommen, waren eigentlich den ganzen Sommer im Ionischen Meer unterwegs.

Wie oft sind Sie denn überhaupt noch in Deutschland?

Matthias Wagener: Drei- bis viermal im Jahr. Zu hohen Feiertagen, wichtigen Familien- und Freundesfesten – und manchmal auch zu dringenden Terminen bei Kunden…

Und solange bleibt das Schiff in dem Hafen zurück, in dem Sie gerade sind – oder fliegen Sie getrennt?

Maren Wagener: Nein, wir fliegen eigentlich immer zusammen nach Deutschland, das längste Mal für rund einen Monat, ansonsten immer nur ein paar Tage.

Matthias Wagener: Wir versuchen natürlich auch, die Businessthemen mit den privaten Themen zu verknüpfen. Wir machen dann immer eine ganze Reihe von Terminen.

Sie haben Ihre Wohnung in Deutschland ja auch komplett aufgegeben, richtig?

Maren Wagener: Ja, wir haben vergangenes Jahr beschlossen, nachdem wir 1 ½ Jahre unterwegs waren, dass wir die Wohnung auflösen, weil sie wirklich überflüssig war. Wir wollten sie auch nicht untervermieten, wir haben fast alles aufgelöst, gespendet, verkauft. Nur einen ganz kleinen Teil ganz persönlicher Dinge haben wir behalten und eingelagert.

Das wünschen sich ja manche Menschen, dass sie sich so trennen könnten von vielen Dinge und einer vertrauten Umgebung. Ist Ihnen das sehr schwer gefallen?

Matthias Wagener: Als wir die Entscheidung einmal getroffen hatten, eigentlich nicht. Der Prozess, dorthin zu kommen, war schwieriger. Sich von all dem wegzubewegen, was wir uns ja auch aufgebaut hatten. Aber auf dem Schiff haben wir gelernt, was wir nicht brauchen oder nicht mehr wollen. Das ist dann auch irgendwann eine logische Konsequenz und darum ist uns das zum Schluss auch nicht mehr schwergefallen.

Maren Wagener

Maren Wagener bei einer Besprechung mit dem Team: „Das Gefühl von Distanz kommt selten auf.“

Unter Freiberuflern gibt es dieses Digitale-Nomaden-Dasein ja schon etwas häufiger – aber als Chefs sind Sie noch Exoten, oder?

Matthias Wagener: Also, wir bezeichnen uns nicht als Digitale Nomaden, wir mögen den Begriff auch nicht so gerne, weil wir uns durch das Management unseres Unternehmens relativ fest verankert fühlen. Auch und vor allem innerhalb des Teams, mit dem wir ja nach wie vor arbeiten. Wir sind im ständigen Kontakt von montags bis freitags, mit dem Kern unseres Projektmanagements im permanenten Chat.

Maren Wagener: Alle Fragen und Ideen werden quasi sofort geteilt, als säße man in einem gemeinsamen Büro. Und wir ziehen auch nicht jeden Tag weiter, das Schiff ist zwar unser Zuhause und unser Büro, damit bewegen wir uns auch fort, aber gleichzeitig sind wir schon sehr mit unserem Business verbunden. Bei diesem Job geht es auch nicht, vom Strand aus in der Hängematte zu arbeiten. Wir haben da zwangsläufig einen sehr disziplinierten Tagesablauf.

Matthias Wagener: Mit dem Begriff Digitale Nomaden verbinden die meisten eben doch ein völlig anderes Arbeiten, das unserem so nicht entspricht. Darum verwenden wir den Ausdruck auch nicht.

Aber wie organisiert man denn ganz alltägliche berufliche Dinge? Viele kreative Ideen entstehen doch auch eher beiläufig, beim Treffen in der Kaffeeküche oder im spontanen Smalltalk nach einem Meeting.

Maren Wagener: Unsere wichtigsten Kommunikationsmittel sind Skype, Email und Telefon, wir haben einen gemeinsamen Skype-Chat mit dem Projektmanagement-Team, der den ganzen Tag läuft, also bin ich permanent verbunden. Jede Frage wird unmittelbar beantwortet, sodass das Gefühl von Distanz eher selten aufkommt.

Matthias Wagener: Wenn man sich einmal an diese Art von Kommunikation gewöhnt hat, wird das genauso normal, wie der Talk beim Kaffee. Da wir uns mit dem Schiff auch meistens in Küstennähe befinden, haben wir auch immer gute Datenabdeckung.

Dass das bei uns so gut funktioniert, liegt aber auch daran, dass das ganze Unternehmen langsam da reingewachsen ist, wir haben ja nicht von einem zu anderem Tag beschlossen, remote zu arbeiten. Maren hat schon direkt nach dem Studium angefangen, so zu arbeiten und wir haben mit wachsendem Geschäft unser Projektmanagement immer mehr so organisiert, dass alle auf Distanz arbeiten können.

Unsere Mitarbeiterinnen sind ebenso da reingewachsen und genießen die gleichen Freiheiten wir wir auch. Wir haben zwar ein Büro in Hamburg, aber die Kolleginnen können eben auch von dort arbeiten, wo sie möchten. Eine Projektmanagerin pendelt zwischen Barcelona und Paris, eine andere arbeitet häufig von Bremen oder Berlin aus.

Segelyacht "Vast" Maren und Matthioas Wagener

Wagener-Segelyacht „Vast“: „Oft wissen unsere Kunden gar nicht genau, wo wir gerade sind.“

Einem Chef alter Schule, der auf Anwesenheitspflicht und Leistungskontrolle pocht, stellen sich dabei ja vermutlich die Nackenhaare auf. Wieviel gegenseitiges Vertrauen ist für dieses System erforderlich?

Maren Wagener: Natürlich eine ganze Menge, das ist ja eines der Prinzipien unseres Vast Forward Projekts.

Matthias Wagener: Unser Versuch, die Kontrollinstanz durch Eigenverantwortung und gemeinsame Verabredungen mit den Mitarbeitern abzulösen, klappt sehr gut. Die Angst vor Kontrollverlust spielt im Management ja eine ganz große Rolle. Wie behaupte ich meine Position? Wie sorge ich dafür, dass Leistung erbracht wird?

Und wir sind inzwischen – jetzt im dritten Jahr – der Überzeugung, dass das auch ganz anders geht. Die Verantwortung abzugeben für eine Leistung, die man gar nicht selbst erbringt, ist einer der wichtigsten Schritte dabei. Das müssen die Mitarbeiter auch selbst wollen und daran mitarbeiten. Dazu gehören Disziplin und Konsequenz, und natürlich zeitnahes Feedback, wenn eine Sache nicht so läuft, wie sie soll. Dann muss man das sofort sehr offen ansprechen, das gehört aber dann auch zu einer solchen Arbeitskultur.

Ihr Arbeitsmodell braucht ja aber auch viel mit Vertrauen Ihrer den Kunden. Haben die eigentlich gar keine Probleme mit diesem Modell?

Maren Wagener: Wir haben diese Veränderungen zuerst einmal gar nicht so intensiv kommuniziert, weil nicht die Notwendigkeit dafür bestand. Unser Business lief schon immer hauptsächlich über Telefon und Mail.

Matthias Wagener: Wir bekommen zumeist ein digitales Briefing, man stimmt sich telefonisch ab, dann geben wir das Projekt weiter an unsere Programmierer. Das hat sich schon vor 2015 so abgespielt. Die einzige Veränderung ist nun, dass wir nicht in Hamburg ins Taxi steigen, wenn unsere Kunden uns sehen wollen, sondern erst zum nächsten Flughafen müssen. Aber das ist die absolute Ausnahme. Im Normalfall reicht ein Telefonat – und oft wissen unsere Gegenüber dabei gar nicht, wo wir gerade sind. Weil das nicht groß thematisiert wird.

Maren Wagener: Aber wir haben natürlich zu Beginn unseres Projekts auch genau darüber nachgedacht, das schien auch für uns erst eine große Hürde zu sein. Aber im Alltag ist das wirklich kein Problem.

Maren Wagener bei der Arbeit an Bord

Maren Wagener bei der Arbeit an Bord: „Wie viel anders wäre es jetzt doch bei Nieselregen in Hamburg…“

Die Vermischung von Arbeit und einem Leben, das für viele Leute ein Traum ist, ist bei Ihnen absolut eng. Gibt es Phasen, in denen das ein oder das andere darunter leidet?

Maren Wagener: Nein, nie (lacht). Im Ernst: Die Trennung klappt bei uns eigentlich sehr gut, wir halten uns da konsequent an den Plan. Wir versuchen zum Beispiel sehr viel am Vormittag zu erledigen, so dass man auch noch was hat von den Städten, in denen wir gerade sind. Und wenn gerade viel Arbeit ist und man hat diese Zeit nicht, dann ziehen wir uns gegenseitig hoch. Und denken daran, wie viel anders es doch jetzt bei kaltem Nieselregen in Hamburg wäre.

Aber das ist doch auch eine andere Form von Work-Life-Balance, die man finden muss….

Matthias Wagener: … Ja, und das Thema streift auch die Frage, die uns auch immer wieder gestellt wird. „Ihr seid ja auch verheiratet, wie haltet Ihr das aus?“…

... das wäre tatsächlich meine nächste Frage gewesen…

Matthias Wagener: Ich glaube, diese beiden Aspekte gehören halt zusammen. Wenn wir das nicht schon mal – in kleinerem Rahmen – versucht hätten und nur einer hätte den Traum gehabt, um die Welt zu segeln, und der andere wäre „nur“ mitgegangen, dann wäre vieles anders gewesen. Bei uns ist Maren ganz klar die treibende Kraft des Projekts, die, die immer „weiter, weiter“ sagt. Es war auch ihre Idee, ein Schiff zu kaufen. Ich segele zwar seit meiner Kindheit, aber ich hatte immer vor Augen, was das auch für eine Verantwortung ist. Natürlich finde ich es super, dass sie so antreibt.

Maren Wagener: Wir segeln ähnlich gerne, leben beide gerne das Leben, das wir leben, und wir arbeiten – normalerweise – beide gerne. Das hilft sehr. Wir sprechen auch viel in der Freizeit über unsere Arbeit, ohne dass der eine vom anderem genervt ist.

Maren und Matthias Wagener

Maren und Matthias Wagener „an Land“: „In ein paar Jahren geht es über den Atlantik“

Was sind die nächsten Ziele – geografisch und beruflich?

Matthias Wagener: Beruflich lautet das Ziel: Weitermachen! (lacht) Wir haben noch ein paar Ideen, für Erweiterungen neben unserem Kerngeschäft, aber es ist noch zu früh darüber zu sprechen. Und strukturell wollen wir uns ein bisschen mehr aus dem operativen Geschäft zurückziehen, weil wir – und das beantwortet dann die zweite Frage – ja auch mal über den Atlantik wollen. Dann würde es mit der Zeitverschiebung etwas schwieriger werden, immer parallel mit Team und Kunden zu kommunizieren.

Maren Wagener: Aber erst einmal, bis Ende 2019, werden wir uns hier weiter im Mittelmeer umschauen. Wir haben zwar schon viel gesehen, aber dieses Revier hält noch wahnsinnig viel Schönes für uns bereit.

Das Interview führte Ralf Klassen

5 Kommentare

Joachim Stephan

10.11.2017

Tja, aber ohne die Hanseln vor Ort, die ihre Nasen nicht ins Ionische Meer stecken können, klappt das Ganze gar nicht.

M&M

11.11.2017

Da wir das per PN schon geklärt haben kurz zur Aufklärung :)
– bei Vast Forward arbeiten gar keine „Hanseln“
– alle fest angestellten Mitarbeiter haben die selbe Freiheit der Wahl des Arbeitsplatzes – und nutzen sie auch
– Vast Forward ist seit Gründung mit dieser Struktur gewachsen
Wenn es Fragen dazu gibt, gern einfach fragen, melden, nachhaken. Wir sind da.
Viele Grüße
Maren& Matthias

Rudi Hampel

12.11.2017

Ich finde es sehr bemerkenswert, dass die Zusammenarbeit mit dem Team und Kunden ohne persönliche Anwesenheit so gut funktioniert. Bei welchen Branchen noch ausserhalb der IT funktionieren kann, wäre die spannende Frage.

Lydia Böhm

15.11.2017

Hallo M + M,

ich finde euer Modell und die Art zu arbeiten und zu führen klasse. Ich denke, wir brauchen Vorbilder wie euch noch mehr solche Role Models, um anderen die Impulse für New Work zu geben.
Welche Branchen sich darüberhinaus noch dafür eignen… Als Coach sage ich dann immer „Denke in ‚wie‘ nicht in ‚ob‘ !“
Weiterhin viel Erfolg und viele Grüße
Lydia

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