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Arbeitsplatz Deutschland

"Deutschland muss zur Gigabitgesellschaft werden"

Deutschland hinkt der Digitalisierung in vielen Bereichen noch hinterher: Das Netz ist im internationalen Vergleich zu langsam, in Schulen, Behörden und Wirtschaft fehlt es oft an Infrastruktur und Verständnis. Auch darum plädiert die scheidende Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries im XING Spielraum-Interview für den massiven Ausbau von Datenleitungen und eine grundlegend neue digitale Ordnungspolitik. 

XING Spielraum: Frau Zypries, Sie haben als Staatssekretärin und Ministerin im Wirtschaftsministerium in den vergangenen Jahren die Transformation der Wirtschafts- und Arbeitswelt sehr intensiv erlebt. Was hat Sie dabei am meisten beeindruckt?

Beate Zypries: Ich habe bei meinen zahlreichen Treffen mit Gründerinnen und Gründern immer wieder erlebt, wie diese mit Begeisterung und hohem persönlichen Einsatz ganz neue Wege gehen und sehr engagiert für ihre innovativen Ideen arbeiten. Mich beeindruckt ihr Fleiß und ihr Mut, mit dem sie nicht nur ihr Geschäftsmodell voranbringen, sondern auch zum Innovationsmotor unserer Gesellschaft werden. Sie sind Treiber einer Wirtschafts- und Arbeitswelt, die sich immer mehr digitalisiert. Es ist nun Aufgabe der Politik, die digitale Infrastruktur in unserem Land zu verbessern und für einen fairen Wettbewerb, auch in der digitalen Geschäftswelt, zu sorgen. Dabei denke ich an Plattformen wie Amazon und Google, die nicht nur den Alltag vieler Menschen verändert haben, sondern auch immer stärker die Rahmenbedingungen, zu denen Wettbewerb stattfindet, definieren. Mit dem Weißbuch Digitale Plattformen hat mein Ministerium konkrete Maßnahmen für eine digitale Ordnungspolitik vorgeschlagen. Ich hoffe, die künftige Regierung wird das aufnehmen.

Glasfaser-Verteiler im Wohnhaus

Glasfaser-Verteiler im Wohnhaus: „Wir brauchen schnellere Netze für die „Hidden Champions“ (©Foto: QSC AG)

Experten sehen angesichts der fundamentalen Veränderungen der Arbeitswelt großen Nachholbedarf in Deutschland, etwa in Sachen technischer Infrastruktur, arbeitsrechtlicher Rahmenbedingungen und Ausbildung. Welche Aufgaben hat die Politik dabei?

Zypries: Wir müssen beim Ausbau der digitalen Infrastruktur und bei der digitalen Bildung besser werden. Mit einer durchschnittlichen Verbindungsgeschwindigkeit von 15,3 Mbit/s liegt Deutschland international momentan nur auf Platz 25. Um aber Zukunftstechnologien, wie autonomes Fahren oder Cloud-Computing nutzen und auch in Zukunft erfolgreich wirtschaften zu können, brauchen wir Übertragungsgeschwindigkeiten, die weit über dem liegen, was den meisten heute zur Verfügung steht. Gerade der Mittelstand in ländlichen Regionen braucht bessere und schnellere Netze, insbesondere die vielen ‚Hidden Champions‘ , die dort den jungen Leuten Beschäftigung und Perspektive geben. Hier entstehen die Innovationen, die uns erfolgreich machen. Wenn wir auch Morgen noch einen wettbewerbsfähigen Standort haben wollen, müssen wir eine Gigabitgesellschaft werden und brauchen dazu Netzinvestitionen von bis zu 100 Milliarden Euro bis 2025.

Infrastrukturen sind das Eine, Köpfe das Andere. Deshalb müssen wir die Menschen bei den Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, unterstützen. Sei es als kompetente Verbraucher, oder auch als qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Auch beim Thema digitale Bildung gibt es noch viel zu tun. Kompetenz und Orientierung in der digitalen Welt müssen in der Schule vermittelt werden. Der Fokus muss hier ganz klar auf Aus- und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer und auf der strukturellen Verankerung in den Lehr- und Ausbildungsplänen liegen. Daneben müssen es aber auch die Unternehmen noch stärker als ihre Aufgabe begreifen, ihre Beschäftigen entsprechend weiterzuqualifizieren bzw. umzuschulen.

Viele Menschen finden die Möglichkeiten der Digitalisierung großartig, nicht wenige aber haben auch Sorgen vor den Entwicklungen. Was entgegnen Sie auf solche Ängste?

Zypries: Angst ist nie ein guter Ratgeber, es ist besser, die Veränderungen durch Digitalisierung zu gestalten. Wir müssen der Digitalisierung einen Rahmen und Regeln geben und sie nach unseren europäischen Werten prägen. Die Vergangenheit hat immer wieder gezeigt, dass mit der Einführung neuer Technologien die Zahl der Arbeitsplätze nicht zurückgeht, sich aber die Berufsbilder ändern. Obwohl die Digitalisierung schon heute immer weiter voranschreitet, hat sich die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland auf insgesamt über 44 Millionen erhöht. Hinzu kommt, dass der demografische Wandel dazu führen wird, dass wir in vielen Bereichen eher einen Mangel an Arbeitskräften haben werden. Wir werden einen starken Wandel in der Arbeitswelt haben. Berufe, die heute alltäglich sind, wird es in Zukunft nicht mehr geben, andere werden neu entstehen. Politik, Sozialpartner und Wissenschaft müssen diesen Prozess gemeinsam mit der Wirtschaft gestalten.

Was bedeuten New Work und Digitalisierung für Sie ganz persönlich? Wie hat sich Ihre Arbeitsweise im Laufe Ihrer Karriere verändert?

Zypries: Auch das politische Leben ist durch die Digitalisierung und Kommunikation über Social Media viel schnelllebiger geworden. Nachrichten verbreiten sich nahezu in Echtzeit. Politiker müssen und können heute viel schneller und direkter reagieren. Aber auch Arbeitsabläufe sind schneller und effizienter geworden, Smartphone und Tablet erleichtern die Kommunikation. Ich persönlich nutze häufig soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook. Dort sehe ich schnell, was es Neues gibt und kann gegebenenfalls sofort reagieren.

Bundesministerin Zypris mit Minicomputer "Calliope"

Bundesministerin Zypries mit Minicomputer „Calliope“ für Schüler: „Die Lehrerausbildung in Sachen Digitalisierung muss verbessert werden.“ (©Foto: BMWi)

Sie haben angekündigt, sich nach Ende Ihrer Amtszeit für Jugendliche zu engagieren und dabei vor allem die Vermittlung von Digitalkompetenzen verbessern möchten. Welche Ideen haben Sie dazu?

Zypries: Zum einen werde ich mich weiter in Darmstadt und für Darmstadts Schulen engagieren. Zum anderen gibt ein tolles Projekt namens Calliope, dass jede Unterstützung verdient.

In wenigen Wochen werden Sie ihr Amt aufgeben – mit welchem persönlichen Fazit verlassen Sie das Haus?

Zypries: Ich habe immer gerne gestaltet und Probleme gelöst, egal ob als Staatssekretärin im BMI, als Bundesministerin der Justiz, als Koordinatorin für Luft- und Raumfahrt oder als erste Ministerin für Wirtschaft und Energie. In den vergangenen vier Jahren im Bundeswirtschaftsministerium habe ich besonders die Digitalisierung im Blick gehabt. Insbesondere die Stärkung des Mittelstandes und der Startup-Szene war mir ein großes Anliegen. Hier konnten wir einiges erreichen. Wir haben z.B. die Bedingungen für Wagniskapitalfinanzierung weiter verbessert, Bürokratie abgebaut und bei Veranstaltungen wie den Startup-Nights gezielt Startups und etablierte Unternehmen zusammengebracht. Mit den Kompetenzzentren 4.0 unterstützen wir KMU in ganz Deutschland bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse. Wichtig war und ist es mir, Frauen in der Wirtschaft voranzubringen, deshalb gibt es #starkefrauenstarkewirtschaft!

Interview: Felix Altmann


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