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Teamwork

"Reverse Mentoring": Von den Jungen lernen

Immer mehr Unternehmen setzen auf das sogenannte „Reverse Mentoring“. Dabei werden ältere Mitarbeiter von jüngeren Kollegen vor allem in Sachen Digitalisierung geschult. Aber das Programm hat noch mehr zu bieten – für beide Seiten. 

Weiterbildung anders gedacht: Ältere Mitarbeiter, oft Führungskräfte, lernen von den – vergleichsweise – „Neuen“ im Unternehmen: Reverse Mentoring heißt das Prinzip, das vor allem durch die Digitalisierung an Bedeutung gewonnen hat. Gerade in traditionell geprägten Firmen sind ältere Mitarbeiter auf bestimmten Positionen in der Vergangenheit oft kaum in Kontakt gekommen mit Apps und Social-Media-Themen, die aber für die meisten Unternehmen mittlerweile immer wichtiger werden. Seit die Generation der „Digital Natives“ das Berufsalter erreicht hat, bietet das Möglichkeiten, den älteren Kollegen digitales Wissen zu vermitteln, das über das Schreiben und Beantworten von E-Mails hinausgeht.

Lara Luisa Schott nimmt bei Henkel am "Reverse-Mentoring"-Programm teil

Henkel-„Mentorin“ Lara Luisa Schott: “ Ich habe durch das Programm noch mal ganz andere Bereiche des Unternehmens kennengelernt“ (©Alle Fotos: Henkel)

In vielen großen Unternehmen und Konzernen werden Reverse-Mentoring-Programme bereits genutzt, darunter beispielsweise Lufthansa, IBM, VW, Telekom, Robert Bosch und Henkel. Teilweise sind die Programme auch so ausgerichtet, dass ein „Paar“ immer aus einem Mann und einer Frau besteht. So sollen neben den generationsbedingten Unterschieden auch Geschlechterrollen aufgebrochen werden. Dabei gilt das Prinzip: Gegenteiliges ist positiv. So wird es als erfolgsversprechend für ein Mentoring angesehen, wenn sich die Partner sowohl in Alter als auch in Hierarchie unterscheiden – oder eben auch im Geschlecht.

Für Lara Luisa Schott war sofort klar, dass sie bei dem Programm mitmachen wollte. Die 28-Jährige ist Managerin bei Henkel Beauty Care und hat in dem 26 Jahre älteren Eric Dumez ihren Mentee gefunden. „Es war eine tolle Erfahrung, mein Wissen, zum Beispiel zu den neuesten Apps und Entwicklungen in der Digitalisierung weitergeben zu können“, sagt sie. Von dem Programm profitierten ihrer Meinung nach jedoch beide Seiten. „Ich war gespannt auf den Austausch, durch den ich mein berufliches Netzwerk noch weiter ausbauen konnte. Auch die persönliche Chemie muss stimmen, das ist klar.“

Dabei geht es beim Reverse Mentoring nicht immer nur darum, dass der jüngere Mitarbeiter dem älteren digital auf die Sprünge hilft. „Bei einem Treffen wurde ich von meinem Mentee mit einer App überrascht, die ich selbst noch nicht kannte“, sagt Lara Luisa Schott. Für die jungen Mentoren kann der Austausch auch eine Hilfe sein, um sich innerhalb eines Unternehmens zu vernetzen und Kollegen aus anderen Abteilungen kennenzulernen.

Lara Luisa Schott sagt, für sie sei es spannend gewesen, ihren Mentee Eric Dumez als Führungskraft eines „komplett anderen Bereichs“ kennenzulernen. „Insbesondere schätze ich die Neugierde, Offenheit und Positivität, durch die Eric die Treffen geprägt hat.“ Auch nach Ende des Programms treffen sich die beiden weiterhin regelmäßig beim Mittagessen, um sich auszutauschen.

 

Eric Dumez Henkel AG

Henkel-„Mentee“ Eric Dumez: Mein erstes Handy hatte ich mit 35.“

Eric Dumez, der bei Henkel die Position des Corporate Vice President Human Resources Beauty Care innehat, sagt rückblickend, seine Erwartungen an das Programm seien „mehr als erfüllt“ worden. „Die Digitalisierung spielt nicht nur in unser aller Berufsleben, sondern auch im Alltag eine immer größere Rolle – und das erst einmal ganz unabhängig vom Alter, also ob man mit diesen Technologien aufgewachsen ist. Ich bin es definitiv nicht! Mein erstes Handy hatte ich mit 35 Jahren und bei meinem ersten Job noch nicht einmal einen E-Mail-Account“, sagt Dumez. Er glaube gerade aus diesem Grund, hier sehr viel von jüngeren Kollegen lernen zu können. „Wie soll das besser gehen als durch den direkten, persönlichen Austausch?“

Zu dem Programm gehört auch die Vorbereitung der Partner. „Wir wollten eine Plattform anbieten, die einen inspirierenden Austausch zu digitalen Themen auf eher unkonventionelle Art und Weise ermöglicht. Für dieses Programm haben wir uns bewusst auf das persönliche Nutzungsverhalten der Mentoren konzentriert, um inspirierende Diskussionen rund um Digitalisierung von einem anderen Blickwinkel aus anzuregen“, sagt Julia Huhn, die das Reverse Mentoring bei Henkel als Communications Managerin verantwortet. Das Programm sei für Henkel ein weiterer Schritt zu einer digitalen Kultur, meint sie.

Die Unternehmen zielen dabei nicht nur darauf ab, ihre eigenen Mitarbeiter digital fitter zu machen. „Natürlich sind viele Erkenntnisse übertragbar und helfen dabei, auch unsere Stakeholder besser zu verstehen“, sagt Julia Huhn. Dabei nutzen Firmen solche Programme auch dazu, ihr Image zu schärfen. „Das Reverse Mentoring unterstreicht den offenen Austausch innerhalb des Konzerns – über Hierarchie- und Abteilungsgrenzen hinweg“, so Huhn.

Henkel-Projektleiterin Julia Huhn

Mentorin-Projektleiterin Julia Huhn: „Offener Austausch über Hierarchie- und Abteilungsgrenzen hinweg“

Wichtig ist dabei natürlich, dass sich der Mentor nicht nur auf seinem Gebiet auskennt, er sollte auch gut erklären können und soziale Kompetenz besitzen, um Distanz zu überwinden. Lara Luisa Schott sagt, der Alters- und Hierarchieunterschied sei in ihrem Fall überhaupt kein Problem mehr gewesen. „Durch den Rollentausch – bei dem ich als jüngere Mitarbeiterin die Mentorin und Eric digitaler Mentee ist – war das Eis schnell gebrochen.“

Bestenfalls nehmen die Mentees aus dem Austausch auch ganz konkrete Tipps für sich mit. „Ich habe viel gelernt, das mir hilft, effizienter zu arbeiten. Und ganz persönlich auch einige Dinge in meinen Alltag – privat wie beruflich – eingebaut“, sagt Eric Dumez. Beim Reverse-Mentoring-Programm gehe es ja gerade nicht um den geschäftlichen Austausch, sondern auch um den persönlichen digitalen Alltag, sagt er. „Da konnte mir meine Mentorin wichtige Einblicke geben. Danach habe ich sogar mit einer App angefangen, Spanisch zu lernen. Das hilft mir auch für meinen Beruf, da wir gerade ein mexikanisches Unternehmen erworben haben.“

Text: Antonia Thiele


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1 Kommentare

Bettina Stackelberg

10.10.2017

Ja, Reverse Mentoring ist eine sehr spannende Sache.
Ich habe eine Zeitlang bei Saint-Gobain das Reverse Mentoring begleitet als externer Coach.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist meiner Erfahrung nach ein exzellent gestalteter Start, der unbedingt moderiert und gut strukturiert sein sollte. Es sollte einen ganzen Tag geben, an dem die Tandems ganz in Ruhe sich finden und kennenlernen können, über verschiedene Runden. Ganz wichtig sind individuelle Spielregeln:
* Wie oft wollen wir uns treffen – persönlich, virtuell oder telefonisch?
* Wie bereiten wir die Treffen vor, welche Themen sind wichtig, gibt es Tabuthemen?
** besonders wichtig: Was erwarte ich von Dir und andersherum? Was ist mir/Dir wichtig? Womit würde ich Dich/würdest Du mich verärgern?

Ein Stolperstein: Die jungen MentorInnen hatten anfangs teilweise Schwierigkeiten damit, sich wirklich was zu trauen. Wenn ich als 24-Jährige einen 55-jährigen Topmanager als Mentée habe, muss ich mich trauen, nachzuhaken, wenn er wieder mal keine Zeit hat. Muss ich hartnäckig bleiben. Und v.a. auch sehr ehrlich sagen, wenn mir etwas nicht gefällt an unserer Zusammenarbeit.

Der ältere Mentée profitiert neben dem Thema Digitalisierung z.B. enorm davon, von den Jungen deutlich und offen zu hören, was aus deren Sicht schief läuft oder unrund läuft im Unternehmen. Die „Alten“ bekommen wertvolle Einblicke in die Denke der jungen Generation von Mitarbeitern. Sie bekommen Impulse darüber, wie die Jungen gut zu motivieren sind, was ihnen wichtig ist, womit das Unternehmen sie verprellen und verscheuchen kann etc.

Und die jungen MentorInnen lernen auch enorm viel. Sie lernen, wie solch ein Begleitungsprozess gut gelingen kann. Sie erfahren, wie die Erfahreneren ticken, wie deren Karriereweg und Geschichte verlief, sie können exzellentes Networking betreiben und lernen und sie erfahren viel über sich selbst: Wie funktioniert gutes Erklären, wie gestalte ich solch einen Unterstützungsprozess, welche Posten im Unternehmen strebe ich später an etc.

Ob Reverse- oder „normales“ Mentoring – meiner Ansicht nach mit das effektivste und nachhaltigste Instrument einer modernen, gelungenen Personalentwicklung.

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