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Jobsharing in Top-Positionen: Geteilte Führung macht doppelt Sinn

Eine Führungsposition im Jobsharing zu besetzen, kann nicht nur für Arbeitnehmer attraktiv sein.  Auch Unternehmen können einiges gewinnen, wenn sie Schlüsselstellen auf zwei Kollegen aufteilen. 

Ein Gastbeitrag von Svenja Christen* / XING-Ambassador

Svenja Christen Jobsharing Hub

Jobsharing-Hub-Gründerin Svenja Christen: Mit Führungs-Tandems gegen den Fachkräftemangel und für zufriedene Mitarbeiter

Junge Frauen, die Karriere machen wollen – und trotzdem noch Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten. Männer, die genau das Gleiche wollen, sich aber noch nicht richtig aus der Deckung trauen. Talente der Generation Y, der fachliche Vielfalt und eine ausgewogene Work-Life Balance wichtiger sind als eine hohe Vergütung. Der Top-Manager, der seine kranke Mutter pflegt. Der Fachexperte, der sich gerne ehrenamtlich engagieren möchte. Die Projektmanagerin, die gerne mehr Zeit hätte, um ihr Golf-Handicap zu verbessern. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind extrem qualifiziert und haben Lust auf berufliche Verantwortung – aber nicht in Vollzeit.

Aber nun wird es kompliziert: Denn genau diese Stellen haben in der Regel einen hohen Workload, eine breite Führungsspanne, eine hohe Komplexität oder erfordern einfach eine umfangreiche Verfügbarkeit. Kriterien, die im Grunde schon durch eine Vollzeitkraft nur schwer erfüllbar sind. Kein Wunder, dass die meisten Arbeitgeber deshalb immer noch oft die Teilzeitwünsche ihres Top-Personals abschlägig bescheiden. Eine nüchterne, aber plausible Haltung.

Und auch für den Mitarbeiter erweist sich die Teilzeit in wichtigen Schlüsselpositionen oft mehr als Falle denn als Chance: Da ist das Gefühl, seiner Stelle nicht gerecht zu werden, Netzwerkpflege zu vernachlässigen. Dann kommen die „freiwilligen“ Nachtschichten, Zerrissenheit und am Ende mehr Be- statt Entlastung. Aber niedriger bezahlt, versteht sich. In unser Beratungsagentur „the jobsharing hub“ haben wir Kunden, bei denen der Ausdruck „Teilzeit nahe Vollzeit“ gängig für die gelebte Praxis ist. Und zum Glück wollen unsere Klientinnen und Klienten dort das ändern.

Ein kniffeliger Fall also. Teilzeit und hohe Verantwortung sind scheinbar zwei Puzzlestücke, die nicht so recht zueinanderpassen wollen.

Hand aufs Herz: Gäbe es nun eben diese hoch qualifizierten Arbeitnehmer – Ingenieure wie IT-ler, Manager wie Vertriebler – wie Sand am Meer, wäre das vielleicht schon das Ende vom Lied und die Lösung simpel: Wichtige Schlüsselpositionen werden nur in Vollzeit besetzt. Punkt.

Doch genau hier fangen die Probleme für die meisten Unternehmen an: Der Fachkräftemangel ist oder wird allerspätestens in den nächsten fünf Jahren immanent, Recruitingkosten steigen, unbesetzte Stellen kosten Geld. Ein zusätzlicher Kostentreiber ist nach wie vor eine hohe Krankheitsquote von durchschnittlich rund 15 Tagen im Jahr – besonders häufig aufgrund zu hoher psychischer Belastung in eben den besagten Schlüsselpositionen. Hinzu kommen Megatrends, wie ein immer dynamischeres Marktumfeld und weltweite Digitalisierung. Trends, die Umdenken und neue Arbeitsmodelle in einer Arbeitswelt 4.0 erfordern, um schnelle Reaktionszeiten sicherzustellen. Doch jetzt raus aus dem Buzzword-Dschungel. Was heißt das konkret? Welche Lösungen gibt es?

Ein ganz konkretes, greifbares Modell ist Jobsharing: Zwei Kollegen teilen sich eine Stelle in Führungs-, Fach- oder Projektpositionen und decken sie so optimal ab. Die hohe Stellenabdeckung, selbst in Urlaub und bei Krankheit eines Tandempartners, ist nur einer der Vorteile, die Unternehmen durch Jobsharing genießen. Strategisch gedacht bietet das Modell sehr viel mehr. Beispiele gefällig? Gerne: Nachfolgeplanung durch Junior-Senior Tandems, Aufbrechen von Silos durch Cross-funktionale Tandems oder Treiber von Innovation durch gezielte Diversity Tandems.

Die oberste Prämisse eines echten Jobsharings: Das Tandem funktioniert hochgradig selbstgesteuert und erzeugt keinerlei zusätzliche Komplexität in seinem Umfeld, im Gegenteil. Optimal ein- und aufgestellte Tandems entziehen ihrem Umfeld Komplexität durch ihre Agilität im Zweierteam. Forschungsergebnisse zeigen: Je turbulenter die Umgebung, desto vielfältiger und bruchstückhafter sind die Aufgaben eines Führungsteams. Und desto mehr Informationen muss dieses auch verarbeiten können. Diese Vielfältigkeit ist durch eine (Vollzeit)Person alleine schwer erfüllbar.

High performing tandems treten daher kohärent, offen, selbst- und verantwortungsbewusst auf. Ganz praktisch bedeutet das: Egal ob Kunde, Vorgesetzte oder eigene Mitarbeiter – im Fokus steht die Anforderung an die Stelle. An welchen Tandempartner sie gerichtet wird, darf keinen Unterschied machen. Ein hoher Anspruch an das Tandem, für den zwei Qualifikationen essentiell sind: eine klare, gemeinsame Haltung und gelebtes Lean Management. Letzteres bedeutet z.B. sauberes Reporting von Kunden-, Mitarbeiter- und Vorgesetztengesprächen. Schlankes und effizientes Aufgabenmanagement anstatt fünf verschiedener To Do Listen an fünf verschiedenen Ablageorten. Und klare, messbare und transparente Zielsetzungen anstatt „mal vor sich hin probieren“.

Das Modell Jobsharing erweckt also Arbeitsweisen zum Leben, die sich jedes moderne Unternehmen von seinen Mitarbeitern wünscht, aber in der Realität doch nur selten erfüllt werden. Schlichtweg, weil im gängigen Ein-Personen-Vollzeitmodell der konkrete Anreiz und gefühlte Mehrwert im operativen Tagesgeschäft fehlt.

Zurück zur Projektmanagerin mit dem verbesserungswürdigen Handicap und dem jungen Vater, der sich gerne für seinen Job und seine Kinder engagiert. Sie sind der Grund für einen weiteren unternehmerischen Mehrwert von Jobsharing. Denn sie repräsentieren jene hochqualifizierten Zielgruppen, die dem Unternehmen ohne das modernes Arbeitsmodell entgehen. Und, ja, als Sahnehäubchen oben drauf entsteht auch noch ein toller Employer-Branding-Effekt!

Noch gibt es in der deutschen Unternehmenslandschaft kaum strategisch gedachtes und umgesetztes Jobsharing.  Aber einige Leuchttürme. Fast alle dieser Tandems sind ad hoc und durch das Engagement von Einzelpersonen entstanden. Das sind tolle Erfolgsgeschichten, Hut ab für diese Leistung! Doch da geht noch mehr!


*Autoreninfo: Svenja Christen ist zusammen mit Yannic Franken XING Ambassador für das Thema Jobsharing. Mit „the jobsharing hub“ helfen sie Unternehmen und Jobsharern bei allen Fragen rund um das Thema und unterstützen sie dabei, zügig erfolgreiche Tandems zu entwickeln.

Das XING Ambassador Programm vereint darüber hinaus über 100 Gruppen zu verschiedenen Themen und Regionen. Die Ambassadoren organisieren rund 2.000 Events pro Jahr mit ca. 30.000 Teilnehmern und machen damit XING auch persönlich erlebbar. Mehr erfahren Sie unter https://ambassador.xing.com.

1 Kommentare

Yannic

11.10.2017

Offenbar hat die IG Metall mitgelesen ;-): http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/stunden-arbeit-sind-genug-das-modell-vollzeitbeschaeftigung-hat-ausgedient-1.3702234.
Mal Frage in die Runde: was würdet Ihr mit den restlichen Stunden machen, wenn Ihr mit einem vernünftigen Arbeitsmodell Eure Wochenstunden auf 28 senken könntet?
Mir kommt als erstes ein genossenschaftlich organisierter Plattenladen in den Sinn….

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