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Herr Ha Vinh Tho, was macht ein Direktor für "Bruttonationalglück"?

Was kann die westliche (Arbeits-) Welt, was können wir alle, von einem kleinen Land im Himalaya lernen? Möglicherweise sehr viel mehr, als wir ahnen, wie unser Interview mit Ha Vinh Tho, dem „Direktor für Bruttonationalglück“ von Bhutan zeigt.

Wer den Wohlstand eines Landes nur anhand des finanziellen Wachstums misst, erhält so noch lange keine Auskunft darüber, ob dessen Bewohner auch glücklich sind. In Bhutan richtet man sich daher nach dem Prinzip des „Bruttonationalglücks“. Ha Vinh Tho ist Direktor des „Zentrums für Bruttonationalglück“ und tritt im März bei der New Work Experience 18 in Hamburg als Keynote-Speaker auf. Im Interview mit XING Spielraum erklärt er, wie sich Glück messen lässt und was Unternehmen von dem Konzept des Mikrostaates lernen können.

XING Spielraum: Ihr Arbeitsplatz ist das „Zentrum für Bruttonationalglück“ in Bhutan. Haben Sie dort jemals Stress?

Ha Vinh Tho: Wir versuchen das, was wir predigen, auch zu leben. So starten wir zum Beispiel jeden Tag mit einer 30-minütigen Achtsamkeitsübung und jede Sitzung mit einer kurzen Sequenz, in der jeder sagen kann, wie er sich fühlt. Wir haben viel zu tun, aber Stress entsteht dort, wo Arbeit sinnlos und repetitiv erscheint, und dieses Gefühl haben wir nicht.

Was hat es mit dem Konzept des sogenannten Bruttonationalglücks auf sich? Anhand welcher Parameter lässt sich Glücklichsein überhaupt messen?

Ha Vinh Tho: Rein finanzielles Wachstum kann auch negativ sein für die Menschen. Als Beispiel: In einem Land ist die Umweltverschmutzung hoch, und es muss viel investiert werden, um dagegen vorzugehen. Dann fließt zwar viel Geld, aber die Lebensqualität der Menschen ist alles andere als gut. Vieles von dem, was für ein gutes Leben entscheidend ist, kommt also in der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes nicht vor. Wir machen das Bruttonationalglück daher anhand von vier Faktoren fest: Wirtschaft, Umwelt, gute Regierung und Kultur. Dann gibt es neun Gebiete, die wir alle drei Jahre messen. Dazu zählt unter anderem die „Community Vitality“, also die Frage nach dem Zusammenleben in der Gemeinschaft. Aus der Forschung wissen wir, wie wichtig dieser Faktor für die Zufriedenheit ist.

Bhutan hat mit seinem Prinzip des Bruttonationalglücks weltweite Aufmerksamkeit bekommen. Kann der Mikrostaat sein Konzept in westliche Länder „exportieren“?

Ha Vinh Tho: Die Geschichte und Kultur Bhutans sind natürlich maßgeblich an der Entstehung des Konzepts beteiligt, aber es ist durchaus auch in anderen Ländern anwendbar. Nur müssen die Indikatoren an den jeweiligen Staat angepasst werden. So gibt es in entwickelten Ländern weniger Probleme mit Armut, dafür mehr mit Überarbeitung, der Isolierung der Bewohner von Großstädten oder mit der Integrierung der ausländischen Bevölkerung.

Immer neue Arbeitskonzepte werden zurzeit entwickelt, „Work-Life-Balance“ ist in den vergangenen Jahren zu einem viel genutzten Wort geworden. Ist dieser Trend zu „New Work“ in Ihren Augen ein gutes Zeichen dahingehend, dass die Leute ihr Recht auf Glück einfordern?

Ha Vinh Tho

Ha Vinh Tho: „Wir müssen überlegen, wie wir unseren Arbeitsplatz so gestalten können, dass er auf angenehme Weise Teil unseres Lebens werden kann.“

Ha Vinh Tho: Ich finde es positiv, dass die Menschen ein Bewusstsein für dieses Thema entwickeln. Die Tatsache, dass solche Begriffe häufig verwendet werden, zeugt aber auch davon, dass viele unzufrieden sind und das Gefühl haben, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Mir gefällt an dem Begriff „Work-Life-Balance“ nicht, dass er Arbeit und Leben als zwei polare Gegensätze darstellt. Wir müssen stattdessen überlegen, wie wir unseren Arbeitsplatz so gestalten können, dass er auf angenehme Weise Teil unseres Lebens werden kann.

Der damalige König Bhutans sagte Ende der 70er-Jahre, der Wohlstand eines Landes lasse sich nicht allein an finanziellem Wachstum messen. Inwiefern können sich Unternehmen diese Denkensweise zu eigen machen und dabei wirtschaftlich bleiben?

Ha Vinh Tho: Wer Mitarbeiter motiviert und ihnen das Gefühl gibt, dass sie einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten, schafft ein besseres und auch produktiveres Arbeitsklima. Wir nennen das Happiness Skills. Auch im Personalbereich muss ein Umdenken stattfinden: Potentielle Mitarbeiter sollten nicht nur anhand ihrer fachlichen, sondern auch ihrer menschlichen Fähigkeiten gemessen werden. Konflikte sind einer der größten Stressfaktoren am Arbeitsplatz, mehr noch als Überarbeitung. Konkrete Beispiele, mit denen wir erfolgreich zusammenarbeiten, sind etwa der thailändische Energiekonzern B.Grimm und die New Yorker Modedesignerin Eileen Fisher. Dort merken wir, dass Firmen, die unser Konzept anwenden, auch einen kompetitiven Vorteil haben können. Konsumenten achten verstärkt auf das Image einer Firma und sind bereit, mehr zu zahlen für ein Produkt eines Unternehmens, das ethische Werte vertritt.

Sie kennen zwei kleine Staaten gut. Bhutan, wo Sie arbeiten, ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Schweiz, lange ihr Lebensmittelpunkt, eines der reichsten. Wo sind die Menschen glücklicher?

Ha Vinh Tho: Die äußeren Bedingungen sind in der Schweiz natürlich besser. Die Menschen sind in vielen Punkten reich, aber haben Angst, ihren Reichtum zu verlieren. Die Schweiz ist eines der Länder, in denen die meisten Versicherungen abgeschlossen werden, obwohl man sich ja bekanntlich im Leben nie ganz absichern kann. Als unglücklich würde ich sie deshalb aber nicht bezeichnen.
In Bhutan dagegen haben die Menschen viel Vertrauen. Es herrschst das Gefühl, dass es aufwärts geht und es gibt einen starken sozialen Zusammenhalt. Bei unseren Umfragen wollen wir wissen: „Wenn Sie ein Schicksalsschlag ereilte, wie viele Menschen wären für sie da?“ Ich erinnere mich an einen Bauern, der sagte, er verstehe die Frage nicht, denn selbstverständlich sei in so einem Fall das ganze Dorf für ihn da. Dieses Gefühl ist in entwickelten Ländern weitgehend verloren gegangen, und das ist eine große Quelle des Unglücks.

Sie sind als Keynote-Speaker zu der New Work Experience 2018 in Hamburg eingeladen und werden dort im März einen Vortrag halten. Was erhoffen Sie sich persönlich von der Konferenz?

Ha Vinh Tho: Ich hoffe, dazu beizutragen, das Glück mehr in Unternehmen hineinzutragen, sodass diese eine bessere Balance finden zwischen wirtschaftlichen Elementen und Menschlichkeit. Außerdem möchte ich ein Verantwortungsbewusstsein für unsere Umwelt und den Planeten schaffen. Gerade Führungskräfte müssen sich darüber im Klaren werden, dass ethische Werte nicht trennbar sind von Wirtschaft.

Interview: Antonia Thiele


Veranstaltungshinweis: Die von XING ausgerichtete „New Work Experience 2018“ ist am 6. März kommenden Jahres in der Elbphilharmonie zu Gast. Mehr Informationen zu Programm  und Ticketbestellungen für die #NWX18 erfahren Sie unter newworkexperience.xing.com

1 Kommentare

Osman Zöllner

08.09.2017

Es ist schön zu sehen, dass sich, in all dem Chaos das es auf der Welt gibt, doch das ein oder andere in die richtige Richtung bewegt. Das Thema ist sehr spannend und mich würde sehr interessieren, wie das Bruttonationalglück in Deutschland momentan aussieht.

Auf die Konferenz und den Vortrag im März bin ich schon sehr gespannt.

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