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Arbeit & Bildung

"Viele Universitäten bilden nicht für die Arbeitswelt von morgen aus"

Digitalisierung, Globalisierung, Wertewandel – die Arbeitswelt erlebt eine fundamentale Evolution. Doch die deutschen Hochschulen bewältigen ihre Aufgabe, die nächsten Generationen auf diese veränderte Welt vorzubereiten, nur sehr ungenügend, sagt der renommierte Hochschulexperte Jörg Winterberg*.

Hochschulexperte Jörg Winterberg

Hochschulexperte Jörg Winterberg: „Klassische Problemlösungen nach dem Motto: „Wenn A dann B“ helfen immer weniger.“

XING Spielraum: Herr Winterberg, wir sprechen anlässlich des „d.confestivals“ des Hasso-Plattner-Instituts miteinander. Was hat ein Hochschullehrer als Speaker auf einem Design-Thinking-Event über die Zukunft der Arbeitswelt zu sagen?

Jörg Winterberg: Ich werde dort über das Thema sprechen, inwieweit wir in unseren Hochschulen eigentlich die richtige Ausbildung für diese Zukunft anbieten – und was wir in Zukunft vielleicht anders machen sollten, um unsere Aufgabe zu erfüllen, Menschen auf die Welt von morgen vorzubereiten. Um sie mit einem Wissen und einem Werkzeugkoffer zu versehen, mit dem sie tatsächlich ein ganzes Leben lang von einem Studium profitieren können.

Ihrer Schilderung ist zu entnehmen, dass die Hochschulen diese Aufgabe derzeit nur ungenügend erfüllen. Wo sehen Sie die größten Defizite?

Winterberg: Ich glaube, dass wir an vielen Stellen die Weichen schon richtig gestellt haben. Für viele im Hochschulbereich ist ja Bologna, d.h. die gleichnamige Reform, ein Schimpfwort – ich sehe das ganz anders. Die Grundidee, dass wir an den Hochschulen kompetenzorientiert ausbilden müssen, und dabei akzeptieren, das Wissen immer schneller veraltet – diese Idee ist angekommen. Aber wir haben noch längst nicht alle Studiengänge so umgestellt, wie es nötig wäre. Methoden und Kompetenzen sind viel wichtiger geworden, ich muss im digitalen Zeitalter nicht mehr Theorien lernen, sondern die Anwendungen der Theorien und die damit verbundenen Konsequenzen. Und das würde, konsequent umgesetzt, natürlich einen ganz anderen Studienalltag verlangen.

Wie könnte so ein Studium denn genau aussehen?

Winterberg: Es müsste problem- und projektorientierter sein, die Realität der Arbeitswelt müsste viel mehr in die Hochschule hineingeholt werden. Fächerstrukturen müssten stärker aufgelöst werden, weil die wenigsten Probleme heutzutage fachorientiert gelöst werden können. Ein Beispiel: Rechtsfragen sind nach wie vor natürlich wichtig. Aber es macht eigentlich keinen Sinn mehr, eine einfache Vorlesung zum Thema Arbeitsrecht zu halten. Sondern, bestimmte Situationen zu lösen, in denen ich als Personalchef später sein werde – und das vor dem Hintergrund des Arbeitsrechts, der Psychologie und neuester Managementmethoden. Wie gesagt: eine themenorientierte Ausbildung, keine fachorientierte.

So eine Orientierung widerspricht aber tatsächlich dem Status Quo an den Hochschulen.

Winterberg: Ja, richtig, aber es gibt viele tolle Ansätze, leider international derzeit noch viel mehr als national bei uns. Bis auf wenige, gute Projekte.

Warum hinkt Deutschland dem internationalen Trend denn so hinterher?

Winterberg: In Deutschland können Sie als Hochschullehrer, der sich tatsächlich mit der Lehre, also dem Wie der Ausbildung, beschäftigt, längst nicht so punkten wie in anderen Ländern. Das ist übrigens nicht nur an Universitäten, sondern sogar leider auch an Fachhochschulen so.

Aber auch bei Kooperationen zwischen Hochschulen und der Wirtschaft scheint es immer noch immense Berührungsängste zu geben…

Winterberg: Die Diskussion über die Hochschulen in Deutschland wird immer noch bestimmt durch die bekannten, großen Universitäten. Und die verschreiben sich immer mehr dem „reinen“ Humboldtschen Bildungsideal, das – zumindest vorgeblich – ja einer Verzahnung aller gesellschaftlichen Bereiche entgegensteht. Da schließt sich der akademische Zirkel hermetisch gegenüber anderen ab.

Bei den Fachhochschulen sieht das dagegen ganz anders aus, da geht die Entwicklung meiner Meinung nach in die richtige Richtung – um die uns auch viele international beneiden, gerade auch wegen der erfolgreichen Modells des Dualen Studiums. Es ist richtig, die Unternehmenspartner mehr in die Hochschulen reinzuholen, und damit auch mehr Praxiserfahrungen.

Viele Experten bemängeln auch ein Mangel an der Vermittlung von Kreativitäts- und Kollaborationsmethoden an den Universitäten. Sind das auch für Sie zentrale Punkte einer „neuen Bildung“?

Winterberg: Definitiv. Ich brauche als Absolvent einer Hochschule heute einen Werkzeugkasten, mit dem ich gewappnet für die Probleme der Zukunft bin. Diese Probleme kenne ich aber größtenteils noch gar nicht. Also hilft es wenig, sich nur mit klassischen Wissen zu beschäftigen und klassischen Problemlösungen nach dem Motto: „Wenn A dann B.“

Ich brauche Techniken, mit denen ich mich überhaupt erst einmal komplexen Problemen nähern kann, um dann neue Lösungen zu erarbeiten. Und dafür brauche ich Kreativitätstechniken, Selbstreflektion, Kommunikations- und vor allem Teamfähigkeit, denn allein werden viele Probleme schon bald nicht mehr zu lösen sein.

Also einen „Lernplan für Lebenskompetenzen“ – und damit eine der Forderungen, die die Initiative „Eduaction“, der Sie auch angehören, im vergangenen Jahr aufgestellt hat. Was ist bisher daraus geworden?

Winterberg: Eine fundamentale Umkehr hat im deutschen Hochschulwesen noch nicht stattgefunden (lacht). Aber es fangen immer mehr Menschen an, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Und sie machen sich Gedanken darüber, welche Kompetenzen man als Lehrender an einer Ausbildungsstätte, egal ob Universität oder Schule, heutzutage vermitteln muss.

Man bildet heutzutage ja nicht mehr zwangsläufig Ingenieure aus, die in den nächsten 40 Jahren Ingenieure bleiben. Die sind vielleicht in 20 Jahren Manager und in 30 Jahren Coach oder Therapeut. Die entscheidende Frage lautet also: Wie können wir diesem Wandel, dieser Anpassungsfähigkeit in unseren Lehrplänen gerecht werden?

Das Interview führte Ralf Klassen

*Person- und Eventinfo: Prof. Jörg Winterfeld ist Geschäftsführer der
SRH Higher Education GmbH und war zuvor langjähriger Rektor an der SRH Hochschule in Heidelberg. Er ist einer der vielen interessanten Speaker auf dem „d.confestival“.  XING Spielraum ist Medienpartner dieses in Deutschland einzigartigen Events, das kreative Denker aus verschiedensten Disziplinen zusammenbringt, um kollaborativ über den Einfluss von Design Thinking auf Management, Lernprozesse und Ausbildung zu diskutieren. Vom 14. bis 16. September 2017 findet das d.confestival zum zweiten Mal auf dem HPI Campus in Potsdam statt und feiert damit gleichzeitig das 10-jährige Bestehen der HPI School of Design Thinking.


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