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New-Work-Trend "Design Thinking": Keine Angst mehr vor der Schlange

Die moderne Arbeitswelt erfordert fundamentale Veränderungen und permanentes Lernen. Wie das sogenannte „Design Thinking“ bei diesen Prozessen helfen kann, erklärt DT-Experte Ulrich Weinberg im Interview mit XING Spielraum.

Design-Thinking-Experte Ulrich Weinberg

Design-Thinking-Experte Ulrich Weinberg: „Viele Unternehmen stecken noch in der alten Brockhaus-Denke fest“.

XING Spielraum: Herr Professor Weinberg, was ist eigentlich Design Thinking und was bedeutet es für unsere Arbeit?

Ulrich Weinberg: Wir verstehen Design Thinking als einen Dreiklang, der Menschen dazu befähigt, sich in der neuen, immer stärker vernetzten Welt besser zu bewegen, besser zu arbeiten und besser zu lernen. Dieser Dreiklang besteht zum einen aus konzentrierter Teamarbeit über die Fächergrenzen hinweg, zum zweiten aus neuen Räumen, die diese Teamarbeit auch ermöglichen – neue physische Räume, aber auch neue virtuelle Räume – und zum Schluss aus einer Entwicklung weg von linearen Denkprozessen hin zu nichtlinearen.

Das ist das, was wir hier an der HPI School of Design Thinking seit 10 Jahren mit Studierenden praktizieren. Aber in realen Projekten, gar nicht im tradierten Lehr-Kontext, sondern in einem intensiven Lern-Kontext.

Und dieses praktizieren wir nun auch zunehmend mit Partnern aus der Wirtschaft und aus Organisationen, mit rund 4000 Menschen pro Jahr. Wichtig ist: Es geht dabei immer um das Verhältnis „Project – People“, und wie wir genau das in Zeiten radikalen Wandels neu denken und fassen müssen.

Anlass unseres Gesprächs ist das d.confestival, das anlässlich des 1o-jährigen Bestehens der HPI School of Design Thinking stattfindet. Sie haben dieses Institut am HPI ja damals aufgebaut. Was hat sich in diesen zehn Jahren verändert?

Weinberg: Ja, ich hatte die Ehre, Design Thinking von der Stanford Universität, wo wir schon seit zwei Jahren damit unterwegs waren – unter dem Oberbegriff „D-School“ – hier nach Deutschland zu bringen. Damals lag der Fokus noch sehr stark auf der Produkt- und Service-Innovation und wir haben gesehen, dass Design Thinking sehr wirksam sein kann, um Out-of-the-box-Lösungen zu schaffen.

Funktionale Lösungen, die aber auch grundsätzlich infrage stellen, wie ein Produkt oder ein Service überhaupt aussehen muss, mit einem extrem starken Fokus auf den Nutzer, den Menschen.

In den letzten Jahren hat das, auch durch unsere vielen Trainings im professionellen Bereich – die zu Beginn eigentlich gar nicht geplant waren -, auch bei uns zu einer Kulturveränderung geführt. Einer Veränderung der Lernkultur, im hochschulischen Kontext, aber auch einer Veränderung der Arbeitskultur.

Wir verweben an der HPI School of Design Thinking Lernen und Arbeiten und reagieren damit auf eine wichtige gesellschaftliche Entwicklung: Die Lerneinheiten, die früher in Kindergarten, Schule und Hochschule portioniert und abgeschlossen wurden,gehen heutzutage fließend über in einen lebenslangen Lernprozess.

Auf diesen permanenten Wandel bereiten wir Menschen hier vor. Und zwar so, dass sie vor den Veränderungen in der Welt nicht wie ein Karnickel vor der Schlange erstarren, sondern, dass sie Neues positiv annehmen und sagen: Wandel ist etwas Wunderbares, wenn man ihn kollaborativ angeht.

Studenten an der HPI School of Design Thinking

Studenten an der HPI School of Design Thinking: „Wir versuchen, die Menschen aus ihren Silos herauszuholen“

„Arbeit ist Lernen und Lernen ist Arbeit“, lautet Ihr Credo. Und darum müssen Firmen sich in der New-Work-Welt deutlich verändern. Besonders große und „alteingesessene“ Unternehmen in Deutschland tun sich damit aber noch schwer.

Weinberg: Meine These ist, dass große Unternehmen und Organisationen immer noch in analogen Strukturen feststecken, die ich „Brockhaus-Strukturen“ nenne. Brockhaus deshalb, weil er ein gutes Beispiel für den Wandel ist. Die alte, gedruckte Ausgabe dieses Wissen-Aggregators wurde vor drei Jahren beendet, weil sie immer stärker durch digitale, vernetzte Wissensplattformen ersetzt wurde.

Das ist dieselbe Sackgasse, in der auch große Unternehmen stecken. Die merken natürlich, dass sich durch die Digitalisierung ihre ganzen Geschäftsbereiche und Businessmodelle verändern und auf dem Prüfstand stehen – sie sind aber durch die alten Strukturen, die ehemals durchaus wirksam waren, gefangen.

Nun können sie sich gar nicht schnell genug in eine vernetzte Denk- und Arbeitswelt hineinbewegen. Hier setzen wir an: Wir versuchen, die Menschen aus ihren Silos herauszuholen. So wie wir auch unsere Studenten aus den ldeen- und Lernsilos herausholen – wir setzen sie stattdessen zum Beispiel konsequent neu zusammen in gemischte Teams.

Für Unternehmen heißt das: Die Durchlässigkeit zwischen den Abteilungen muss viel größer werden, ebenso wie das trennende Denken in individuellen Ergebnissen ersetzt werden muss durch eine Arbeitsweise, die viel stärker auf Kollaboration setzt, auf das Verbindende zwischen den Abteilungen und den Menschen – und das auch stärker honoriert.

Aber je größer ein Unternehmen ist, desto schwieriger ist das. Weil die meisten Menschen sich damit abgefunden haben, dass man sich in einer bestimmten Position- und Hierarchiestruktur organisiert und in diesen engen Bahnen auch seine Karriere plant.

Wir versuchen dagegen ein radikales Umdenken zu vermitteln, auch den unternehmerischen Organisationen – etwas, was ich interessanterweise gerade in China erleben durfte, beim Besuch der Firma Haier, eines Großkonzerns für Haushaltsgeräte und Elektronik. Die bauen ihr 70.000-Mann-Unternehmen, immerhin so groß wie Audi, komplett um in Richtung Micro-Enterprises.

Sie bewegen sich mit radikalen Veränderungsprozessen in eine vernetzte Kultur, haben bereits 900 dieser „Mikro-Unternehmungen“ innerhalb des Konzerns aufgebaut. Das ist ein Ökosystem mit einem sehr innovativen Klima – für mich eine Blaupause dafür, wie sich Unternehmen in der Zukunft aufstellen sollten.

Es ist ja interessant, das es gerade in China solche modernen Organisationsveränderungen gibt. Unsere Wahrnehmung von China besteht doch eher aus sehr starren, sehr hierarchisch aufgebauten Firmenstrukturen mit durchregulierten Arbeitsabläufen.

Weinberg: Ja, ich war selbst überrascht. Der CEO von Haier hatte mich eingeladen, weil er mein Buch „Network Thinking“ gelesen hatte. Für ihn ist das, was darin beschrieben wird, und für deutsche und europäische Unternehmen noch ferne Zukunft ist, alltägliche Praxis. Allerdings kommt die chinesische Denkweise einer vernetzten Arbeitskultur ja tatsächlich viel näher als wir mit unserer „Brockhaus-Denke“. Für mich war das auch neu und interessant zu sehen.

Und auf welche Programmpunkte freuen Sie sich am meisten bei Ihrem d.confestival?

Weinberg: Ich freue mich darauf, dass wir Teilnehmer aus mindestens 40 Ländern haben werden und dass wir die Vielfalt von Design Thinking mal gebündelt erleben können. Und natürlich auf die Berichte, wie viel Energie freigesetzt wird, wenn sich Menschen in einem neuen Arbeitsmodus miteinander verbinden.

Zu guter Letzt freue ich mich auch besonders auf die Statements jener großen Unternehmen, wie etwa der Robert Bosch AG, die in den letzten Jahren massive Veränderungsschritte gegangen sind. Die sehen auf den ersten Blick sehr radikal aus, sind aber getrieben von dem Wunsch, in eine vernetzte Kultur zu finden – und das mit über 300.000 Mitarbeitern.

Interview: Ralf Klassen


Zur Person: Prof. Ulrich Weinberg ist seit 2007 Leiter der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Zuvor war er Professor für Computer Animation an der Film-Universität in Babelsberg.

Über die HPI School of Design Thinking: Die HPI School of Design Thinking wurde 2007 von Hasso Plattner nach dem Vorbild der Stanforder d.school in Potsdam gegründet und hat sich seither zum europäischen Drehpunkt für Bildung im Bereich Design Thinking entwickelt. Seit 2007 bietet die HPI School of Design Thinking jährlich 240 Plätze für ein Zusatzstudium in der Innovationsmethode an. Revolutionär daran ist, dass sowohl die vier bis sechs Studenten pro Lerngruppe als auch ihre Professoren und Dozenten aus völlig unterschiedlichen Disziplinen stammen.

Als multidisziplinäres Team, zum Teil auch mit Partnern aus der Wirtschaft, entwickeln sie Lösungsansätze, die die menschlichen Bedürfnisse in den Vordergrund rücken und nutzerzentriert sind. In diesem Jahr kommen die Studierenden der HPI School of Design Thinking aus 20 Nationen, von 60 Universitäten und aus 75 Disziplinen.

Das „d.confestival“ ist ein einzigartiges Event, das kreative Denker aus verschiedensten Disziplinen zusammenbringt, um kollaborativ über den Einfluss von Design Thinking auf Management, Lernprozesse und Ausbildung zu diskutieren. Vom 14. bis 16. September 2017 findet das d.confestival zum zweiten Mal auf dem HPI Campus statt und feiert damit gleichzeitig das 10-jährige Bestehen der HPI School of Design Thinking.

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