New Work

"Unglaubliche Leidenschaft und Motivation"

Ist Design Thinking nur etwas für Startups und kleinere Unternehmen? Nein, überhaupt nicht. Im zweiten Teil unserer Kooperation mit der „D-School“ des Hasso-Plattner-Instituts erklärt Andreas Leinfelder* von Bosch, was die innovative New-Work-Methode in einem großen, alteingesessenen Konzern bewirken kann.

Andreas Leinfelder

Bosch-Organisationsexperte
Leinfelder: „Wir haben uns auf den Weg einer der wahrscheinlich größten Transformationen gemacht, die wir bisher im Unternehmen hatten.“

XING Spielraum: Herr Leinfelder, Design Thinking gilt ja so ein bisschen als das kreative Chaos. Warum ist gerade dieses Konzept für Ihr Unternehmen so interessant? Und hilft es Ihnen dabei, auch neue Wege in der Organisation zu gehen?

Andreas Leinfelder: Ich würde Design Thinking nicht als kreatives Chaos beschreiben. Es ist ein Mindset und ein sehr klares Konzept, das den Verwender in den Mittelpunkt stellt. Durch die Tatsache, dass sich beim Design Thinking das gesamte Denken und Handeln um das Verständnis des Verwenders und seines Problems dreht, ergibt sich der Vorteil, dass alle Aktivitäten in Bezug auf Produkt oder Service auf den Verwender ausgerichtet werden.

Daher ist Design Thinking im Prinzip extrem geordnet. Ich löse mich einfach nur aus einer reinen Produkt- und Technologie-Denkweise, die in großen Organisationen oft vorherrscht und wende mich dem Verwender zu.

Design Thinking scheint auch so etwas wie die Etablierung einer neuen Fehlerkultur zu sein: Dinge werden ausprobiert, neue Ideen werden geboren und dann wieder verworfen. Sehen Sie das auch so? Und ist genau dieser Punkt vielleicht sogar wichtig?

Leinfelder: Ja. Es hilft uns sogar. Im Design Thinking sagt man ja auch: Mach Fehler früh und mache viele Fehler, was nicht bedeutet, dass man die gleichen Fehler wiederholen soll. Und wenn man sich diese Prinzipien genauer anschaut, merkt man sehr schnell, dass das eigentlich das Credo in jedem Unternehmen sein sollte. Also häufig und früh Fehler zu machen und aus diesen zu lernen.

Natürlich haben wir in der Vergangenheit auch Fehler gemacht. Doch vielleicht haben wir das erst dann bemerkt, wenn das Produkt schon in den Markt eingeführt wurde. Außerdem kommen unsere Ideen heute von überall her. Wir binden cross-funktional sehr viel mehr Menschen in die Ideen- und Lösungsfindung ein, sodass wir am Ende ein sehr viel breiteres Portfolio an Ideen und Lösungen haben. Und damit heben wir das gesamte Potenzial unserer Organisation.

Während man früher davon ausgegangen ist, dass Lösungen primär aus der Entwicklung kommen, haben wir jetzt die Möglichkeit, alle unsere Mitarbeiter miteinzubeziehen. Und das ist es, was wir auch organisatorisch umzusetzen versuchen. Wir brechen alte Silos auf und bringen Teams cross-funktional und mit deutlich reduzierten Hierarchieebenen zusammen. Das Zusammenwirken von unterschiedlichen Erfahrungshintergründen und Denkweisen hilft uns ganz immens, einen großen Schritt in Richtung wirklich verwenderorientierter Lösungen zu machen.

Hat das auch etwas mit einer Veränderung der Firmenkultur zu tun? Ihr Unternehmen ist über 130 Jahre alt. Da haben sich sicherlich viele Strukturen im Laufe der Zeit verfestigt.

Leinfelder: Nicht nur mit der Kultur. Wir fassen an sehr vielen Stellen an: Bei Führung und Zusammenarbeit, Kommunikationsverhalten und bei der Organisation haben wir vieles angepasst, beziehungsweise völlig neu ausgestaltet. In unserem Geschäftsbereich Power Tools haben wir abgeleitet aus Design Thinking Prinzipien gesagt: Das müssen auch die neuen Grundsätze unserer Organisation und Unternehmenskultur werden.

Wir stellen den Verwender klar ins Zentrum unseres Handels und wollen, dass Menschen cross-funktional zusammenarbeiten. Wir glauben, dass Ideen von überall herkommen. Deswegen binden wir alle unsere Mitarbeiter ein. Wir wollen, dass Fehler möglichst früh und somit preiswerter gemacht werden, bevor ein Produkt auf den Markt kommt und dass wir uns aktiv damit auseinandersetzen. Und das wirkt sich sehr stark auf unsere Kultur aus.

Wir haben uns in den vergangenen ein bis zwei Jahren auf den Weg einer der wahrscheinlich größten Transformationen gemacht, die wir bisher im Unternehmen hatten. Wir haben viele Dinge elementar umgestellt und sind immer noch im Begriff diese umzustellen. Und Design Thinking ist das Mindset, das wir dafür verwenden.

Schneller, schlanker, flexibler: So baut Bosch um

Was für Umstrukturierungen sind das zum Beispiel?

Leinfelder: Wir haben in einer Business-Unit die funktionalen Silos aufgelöst und stattdessen dauerhaft cross-funktionale Teams etabliert. Und wir haben die Arbeitsbedingungen entsprechend angepasst. Die Mitarbeiter arbeiten in einem sehr inspirierenden Umfeld und haben die entsprechenden Möglichkeiten, um Design Thinking zu leben. Und wir haben Hierarchien abgebaut, weil wir der Meinung sind, dass in einem cross-funktionalen Team alle die gleiche Stimme haben müssen. So sind wir deutlich schneller, schlanker und flexibler aufgestellt, weil jeder mit jedem sprechen kann, ohne dass er bestimmten Hierarchien folgen muss.

Studien haben ergeben, dass kreative Konzepte wie das Design Thinking die Motivation der Mitarbeitenden stärken. Können Sie das ebenfalls beobachten?

Leinfelder: Unbedingt. Gerade haben wir hier im Geschäftsbereich vier Leuchtturmprojekte durchgeführt, bei denen wir Kollegen aus der ganzen Organisation beworben haben, um jeweils ein Verwenderproblem zu lösen. Und diese Teams haben mit einer unglaublichen Leidenschaft und Motivation an diesen Themen gearbeitet. Wir waren überwältigt, welche Ergebnisse dort herausgekommen sind. Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, die zum Teil nichts mit dem Thema oder auch der Produktentwicklung zu tun hatten, haben drei Monate lang zusammengearbeitet.

In dieser Zeit ist in vielen Iterationen mit dem Verwender dann der erste funktionsfähige Prototyp entstanden. Das hatten wir so noch nie. Die Leute sind mit riesiger Begeisterung an die Arbeit gegangen und waren auch dazu bereit, Extrameilen zu gehen, um das bestmögliche Ergebnis für den Verwender zu erzielen.

Ist es denn wichtig, dass man hierfür kreative Räume etabliert?

Leinfelder: Hier am Standort haben wir viele Möglichkeiten geschaffen, damit die Leute kreativ arbeiten können. So gibt es jetzt bei der vorher angesprochenen Business-Unit, wie auch in vielen weiteren Einheiten bei Power Tools, ein User Experience Lab, in dem Design Thinking aktiv gelebt werden kann.

Zusätzlich gibt es dort eine kleine Werkstatt mitten in der Bürofläche, in der die Mitarbeiter direkt an Prototypen arbeiten und Verwenderfeedback einbauen können. Früher mussten sie dafür extra in ein technisches Labor in einem anderen Gebäude gehen. Wir schaffen hier also die besten Voraussetzungen, um schnelle Iterationen drehen zu können.

Anlass unseres Interviews ist das d.confestival*, das kreative Denker zusammenbringt. Sie werden auch dabei sein. Was glauben Sie, wie kreatives Denken Unternehmen dabei helfen kann, sich besser für die Zukunft zu rüsten und Produkte noch mehr auf die Bedürfnisse der Käufer anzupassen?

Leinfelder: Ich sagte eingangs ja schon, dass Design Thinking ein Mindset und eine Methode ist, die sich um den Verwender rankt. Dadurch, dass wir in diesen Prozess ganz viele Menschen einbeziehen, wird das Potenzial auch von sehr vielen Menschen gehoben. Dabei steckt die Kreativität häufig bei denen, von denen wir das gar nicht unbedingt erwartet haben. Und das ist sehr herausragend. Insbesondere erreichen wir durch Design Thinking aber, dass der Verwender so intensiv in die Entwicklung von Lösungen einbezogen wird, dass er diese quasi mitgestaltet.

Wir streben eine breite Durchdringung von Design Thinking im Geschäftsbereich an und unser Ziel ist es, dass wir bis Ende 2018 im Geschäftsbereich Power Tools alle indirekten Mitarbeiter in Design Thinking geschult haben. Denn Design Thinking ist das Mindset, das wir für unseren Kulturwandel brauchen.

Interview: Daniela Lukaßen-Held

*Person- und Eventinfo: Andreas Leinfelder ist Vice President Business Development bei der Robert Bosch Power Tools GmbH. Er ist einer der vielen interessanten Speaker auf dem „d.confestival“. Das Festival ist ein einzigartiges Event, das kreative Denker aus verschiedensten Disziplinen zusammenbringt, um kollaborativ über den Einfluss von Design Thinking auf Management, Lernprozesse und Ausbildung zu diskutieren. Vom 14. bis 16. September 2017 findet das d.confestival zum zweiten Mal auf dem HPI Campus statt und feiert damit gleichzeitig das 10-jährige Bestehen der HPI School of Design Thinking.


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