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Arbeit & Sinn

Mit Omas Rezepten gegen die Einsamkeit

Altersarmut? Vereinsamung? Demographischer Wandel? In „Valentinas BackSalon“ in Hamburg trotzen Seniorinnen den Herausforderungen des Alters – mit köstlichen Kuchen.

Von Larissa Kern

"Valentinas Backsalon" lockt nicht nur mit traditionellen Kuchen, sondern auch dem Charme alter Zeiten (©Foto: Larissa Kern)

„Valentinas Backsalon“ lockt nicht nur mit traditionellen Kuchen,
sondern auch dem Charme alter Zeiten (©Foto: Larissa Kern)

Verführerische Torten, fruchtige Obstküchlein und eine harmonische Wohlfühlatmosphäre wie bei Oma – dies findet sich alles in „Valentinas BackSalon“ mitten im Grindelviertel von Hamburg. Der Ausdruck „wie bei Oma“ ist hier keine leere Phrase: In der Backstube des Cafés stehen tatsächlich Seniorinnen, die ihre wohlbehüteten Familiengeheimrezepte in leckere Kuchen verwandeln – und die können sich wahrlich sehen und schmecken lassen: Vom Apfelstrudel über Nussecken bis hin zum Strawberry Cheesecake ist alles mit dabei. Aber Kuchenbacken bildet nur eine Komponente des Konzepts, wichtig ist für die Senioren weiterhin gesellschaftlich eingebunden zu sein (Siehe auch Interview unten). Ist das eine Lösung für den demografischen Wandel?

Denn der führt dazu, dass bereits im Jahr 2050 37 Prozent der Bevölkerung in Deutschland älter als 60 Jahre sein werden. Neben der positiven Wirkung sozialer Kontakte trägt sicherlich auch das Horrorszenario von wachsender Altersarmut und kollabierendem Rentensystem dazu bei, dass viele Senioren auf den Wunsch nach einer Erwerbstätigkeit im Ruhestand äußern.

Denn laut den Ergebnissen der aktuellen IZA Studie, die gemeinsam mit XING durchgeführt wurde, setzen nur ein Drittel der Befragten im Alter von 40 bis 54 Jahren ausschließlich auf die gesetzliche Rente als Alterseinkunft. Das Institut für Demoskopie in Allensbach ermittelte, dass bereits 42 Prozent der 65- bis 85-Jährigen in kleinen oder ehrenamtlichen Jobs tätig sind. Hier knüpft die Idee von Gründerin Katrin Rauser direkt an – sie beschäftigt nämlich in ihrem Café „Valentinas BackSalon“ ausschließlich Senioren.

"Valentinas Backsalon"-Gründerin Katrin Rauser: "Man muss mit dem Herzen dabei sein" (©Foto: Larissa Kern)

„Valentinas Backsalon“-Gründerin Katrin Rauser: „Man muss mit dem Herzen dabei sein“ (©Foto: Larissa Kern)

Im Interview mit XING Spielraum spricht Katrin Rauser über ihre außergewöhnliche Geschäftsidee:

Frau Rauser, wie ist die Idee von Valentinas Backsalon entstanden?

Katrin Rauser: Ich habe während meiner Tätigkeit als Buchhändlerin und Sozialpädagogin schon immer gerne mit Menschen gearbeitet. Dann bin ich auf ein ähnliches Projekt in München gestoßen, bei dem ich einen Tag hospitieren durfte. Diese Erfahrung hat meine Idee weiter entfacht und mich dazu bewogen, in die Selbstständigkeit zu gehen. Im September 2016 habe ich das Café dann eröffnet, nachdem ich spontan das Ladenlokal im Grindelviertel entdeckt habe. Mittlerweile habe ich sechs Damen angestellt, die fleißig jeden Tag bis zu fünf Kuchen backen – die Zutaten sind dabei alle frisch und regional vom Markt.

Bei Ihnen in der Backstube stehen ausschließlich Senioren. Welche Motivation steckt dahinter?

Rauser: Das hat viele Komponenten – vor allem soll es Spaß machen. Das Café ist ein Treffpunkt, hier kann man Kontakte pflegen und bekommt das Gefühl „gebraucht zu werden“. Viele der Damen sind alleinstehend und freuen sich über die Möglichkeit eine sinnstiftende Beschäftigung zu finden. Sie haben Freude am Backen und bekommen direkt positives Feedback von unseren Gästen.

Welche Rolle spielt dabei wachsende Altersarmut?

Rauser: Eine Motivation ist es sicherlich auch, dass meine Mitarbeiter etwas zur Rente hinzuverdienen können. Von der Problematik der wachsenden Altersarmut sind schließlich einige betroffen. Außer ehrenamtlichen Tätigkeiten und einer kleiner Auswahl an Minijobs gibt es wenig Alternativen, bei denen sich die ältere Generation mit einbringen kann. Das ist schade, denn schließlich verfügt diese Generation über einen großen Wissensschatz, den sie gerne weitergeben – bei uns eben in Form von wohlbehüteten Kuchenrezepten.

Sich zu einer Gründung zu entschließen, benötigt einiges an Mut. Was waren die größten Herausforderungen für Sie?

Rauser: Finanziell besteht die größte Problematik – als Gründer muss man zunächst einige Durststrecken durchstehen. Zugleich hat man meist an mehreren Ecken einige Baustellen: Schließlich muss neben dem Cafébetrieb und der Mitarbeitergewinnung, die weitere Entwicklung des Konzepts vorangetrieben werden und der ganze Bürokratie-Kram erledigt werden. Jedoch stößt dieses Konzept auf sehr positive Resonanz und ermutigt zum Weitermachen. Zur weiteren Finanzierung spiele ich mit dem Gedanken ein Crowdfunding-Projekt zu starten, damit die Idee weiter wachsen kann.

Welche Tipps können Sie Gründern auf XING als Rat geben?

Rauser: Total wichtig ist es, von seiner Idee überzeugt zu sein! Abgesehen von einer guten Struktur, muss man mit dem Herzen dabei sein. Zudem sollte man flexibel sein, damit Hürden überwunden werden können.

Haben Sie zuvor schon mit der Idee der Selbstständigkeit gespielt?

Rauser: Nein, noch nie! Die Idee hat mich regelrecht überrollt, schließlich begibt man sich von einem sicheren Angestelltenverhältnis in eine gewisse Unsicherheit. Aber das Tolle daran ist, dass meine Arbeit nun völlig authentisch ist. Das Ganze gestalte ich, da fließt meine Person ein und die Unterstützung meiner Damen – das ist ein Gewinn.

Und wie sehen Sie die Zukunft für „Valentinas BackSalon“? Gibt es weitere Pläne?

Rauser: Eine weitere Idee ist die Belieferung von anderen Cafés und Unternehmen mit unserem Kuchen. Zudem würde ich gerne mehr Damen und Herren einstellen, um Seniorenarbeit populärer zu machen. Übrigens sind auch Herren stets willkommen, bisher ist reine Frauen-Power bei uns vertreten! Des Weiteren haben wir ein kleines Kulturprogramm auf die Beine gestellt: Wir hatten bereits eine Lesung und eine Opernsängerin hier. Jedoch das Wichtigste ist, dass „Valentinas BackSalon“ ein Ort ist, in dem sich jeder willkommen fühlt.

Fotocredit: Das Aufmacherbild haben wir mit freundlicher Genehmigung vom Blog „Fräulein Immerglück“ übernommen. Vielen Dank.


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2 Kommentare

Barbara Törker

07.07.2017

Toller Beitrag und ein super Projekt, Frau Rauser, weiterhin viel Erfolg, Freude und Kraft für Ihr Unternehmen und im Miteinander der jungen und alten Generationen. Wünscht Ihnen eine 55 jährige Begeisterte aus NRW, schade, dass zwischen uns leider einige Kilometer Entfernung liegen, sonst hätte ich mich gleich spontan zu Ihnen auf den Weg gemacht! Lieben Gruss von Barbara aus Wetter

Maria Al-Mana

28.07.2017

Super tolles Porträt eines großartigen Projekts, danke dafür!

Ich gehöre ja auch zu denen, die fest davon überzeugt sind, dass die Generation der Menschen „50plus“ heute – virtuell wie im „echten Leben“, als Hobby oder in der Gestaltung neuer Arbeitswelten unendlich viel mehr zu bieten hat, als den meisten bewusst ist. Da gibt es so viele Beispiele für Menschen, die sich neu auf den Weg gemacht haben, kreativ und eigensinnig, caritativ, selbstbestimmt und für andere da sind!

Die sich nach Mobbing, burnout oder Arbeitslosigkeit einfach „neu erfinden“, die Arbeitswelt mehr oder weniger „auf eigene Faust“ – oft aber durchaus gut untereinander vernetzt – menschlicher machen wollen. Und das auch schaffen. Das sind ganz viele Erfolgsgeschichten, die Mut machen können. Und oft noch ziemlich unentdeckt sind…

Ja. Ich zähle mich selbst dazu… Darum habe ich meinen Blog „Unruhewerk.de“ gegründet… Daraus wurde ganz schnell gemeinsam mit einer Freundin die kostenfreie Plattform „blogs50plus.de“: Über 200 Menschen, die älter als 50 sind und bloggen, haben sich dort mittlerweile versammelt. Und ich staune selbst noch jeden Tag über die Vielfalt an Themen, die Qualität und das Engagement, das sich dort versammelt hat!

Älter werden – und sichtbar bleiben – das ist das Motto. Und das Internet bietet dafür optimale Möglichkeiten. Nutzen wir sie!

In diesem Sinne,
herzlichen Gruß
Maria

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