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Gefährliche Leidenschaft: Wenn der Job zu wichtig wird

Leidenschaftlich arbeiten, seine Berufung finden: Was nach allzeit Erfüllung und Glück im Job klingt, sehen Experten durchaus kritisch. Ihr Plädoyer: Ein bisschen mehr Dienst nach Vorschrift kann nicht schaden.

Das Hobby zum Beruf machen, für den Job brennen, sich bei der Arbeit selbst verwirklichen – das erhoffen sich viele. Das sind zweifelsohne hohe Ansprüche, doch nicht selten bleibt die Wirklichkeit hinter den Erwartungen zurück. Was folgt, ist oft Unzufriedenheit und Frustration. Mitunter geht die Suche nach dem Beruf als Berufung von vorne los. Aber muss das immer sein – mit Leidenschaft arbeiten, für den Job brennen? Experten sind sich recht einig: nein. Es gibt natürlich ein Aber.

Für den Job brennen – das ist eigentlich etwas, das als erstrebenswert gilt. Aber der Schein trügt: „Brennen, das hat etwas Unkontrollierbares“, sagt die Karriereberaterin Ute Bölke aus Wiesbaden. Und Bernd Slaghuis, Karrierecoach aus Köln, ergänzt: „Da ist auch die Gefahr groß, auszubrennen – Stichwort Burn-out.“ Beim Arbeiten in einen Flow kommen, mal Überstunden machen – das sei alles kein Problem. Außerdem sei Leidenschaft auch für die Motivation wichtig. Wer aber vor lauter Leidenschaft für den Job zum Beispiel den Partner, Freunde oder die Familie vernachlässigt, werde das über kurz oder lang wahrscheinlich als Belastung erleben, sagt Slaghuis.

Leidenschaft für den Job ist ein Luxus, der nicht allen vergönnt ist

Überhaupt: „Manche können von ihrer Arbeit kaum leben, bei vielen Jobs ist man nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Muss man dafür brennen? Nein“, sagt Bölke. Leidenschaft im Job sei ein Luxus, der nicht allen vorbehalten ist oder auch nicht angestrebt wird.

Autor Volker Kitz: „Die Masse der arbeitenden Bevölkerung kann ihren Job nicht wechseln wie ein Profilfoto auf Facebook.“ (©Foto: Andreas Labes)

Ähnlich sieht es Volker Kitz, Autor des Buches „Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss“. „Arbeit ist zu einem Lifestyle-Objekt geworden“, kritisiert er. Es werde suggeriert, dass der Job einen erfüllen muss, man seine Arbeit toll finden muss, dass man für seinen Beruf brennen muss. Die Realität sehe aber anders aus: Die breite Masse – und die werde laut Kitz nicht wahrgenommen – mache ihren Job gut und sei zufrieden. Eigentlich. Denn: „Die bekommen ständig vermittelt, dass das nicht reicht und sie zusätzlich noch für den Job brennen müssten“, sagt Kitz. „Das macht sie unzufrieden und unglücklich.“

Statt Leidenschaft sollte man sich eher Zufriedenheit zum Ziel nehmen, rät Slaghuis. Vielen Angestellten sei dieses nachhaltige Gefühl wichtiger als Hingabe oder Passion. „Es muss nicht himmelhoch jauchzend und Achterbahn sein.“ Dafür sollte man sich überlegen, was man von seinem Beruf erwartet. Wer als Kassierer Herausforderung und Abwechslung sucht, werde in seinem Job kaum zufrieden sein. Wer den Kontakt zu Menschen mag und Routine bevorzugt, schon eher.

Wenn man gerne zur Arbeit geht, man seine Fähigkeiten einsetzen kann und das Geld stimmt, sei das schon viel wert, sagt auch Bölke. Um das im Job zu finden, rät sie, sich zu überlegen, was einen antreibt – Geld, Unabhängigkeit oder die Vereinbarkeit von Job und Privatleben zum Beispiel. Wer sich im Klaren darüber ist, was er will, kann gezielter suchen und habe somit größere Chancen auf Zufriedenheit.

Immer gute Laune haben zu sollen – das schafft erst recht Druck

In manchen Unternehmen wird das Thema Zufriedenheit und Leidenschaft auch überinterpretiert, wie Bölke aus ihren Beratungen weiß. Sie habe mal einen Marketing-Manager beraten, in dessen Unternehmen alle immer super drauf sein sollten und niemand mal seinen Unmut zum Beispiel über die Unlust am Montagmorgen äußern sollte. „Das ist dann nicht mehr ehrlich.“ Dadurch entstehe viel Druck. Mit dem Beruf sei es schließlich oft ähnlich wie mit der Liebe, meint Bölke: „Am Anfang ist es Leidenschaft, und dann wird es harte Arbeit.“

Anleitung zum Burnout

„Brennen, das hat etwas Unkontrollierbares“ ©Foto: Jeffrey Coolidge / Getty Images

Es werde immer suggeriert, dass Routine im Job nicht erstrebenswert ist, dass man die Herausforderung suchen müsse, meint Kitz. Das sei nicht realistisch. Denn: „Wir alle wollen mit Menschen arbeiten, die routiniert sind. Wer will schon einen Piloten, der seinen Flug als Herausforderung sieht, oder eine Ärztin, die beim Blutabnehmen nicht routiniert ist“»

Kitz nennt sein Buch nicht umsonst Streitschrift – und hat noch mehr an der Verknüpfung von Leidenschaft und Arbeit zu kritisieren: „Wir nehmen es als gegeben hin, dass wir etwas, das wir mit Leidenschaft machen, auch gut machen.“ Das sei allerdings ein Trugschluss. Bestes Beispiel seien Castingshows. Dort singen viele Menschen schlecht, sind aber mit größter Leidenschaft dabei. „Leidenschaft und Können schließen sich nicht aus, gehen aber nicht automatisch miteinander einher.“ Sein Buch sei kein Plädoyer für Faulheit, auch nicht dafür, seinen Job möglichst ungern zu machen, betont Kitz. „Aber es ist ein Plädoyer dafür, Arbeit als Austausch von Zeit gegen Geld zu sehen.“

Text: Elena Zelle, dpa

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5 Kommentare

Jochen Stargardt

08.06.2017

„Arbeit als Austausch von Zeit gegen Geld“???
Das ist Mitsicherheit bei der Mehrzahl der Bevölkerung schon der Fall, den Appell braucht es deshalb eher nicht.
Aber verkauft sich vermutlich, da endlich alle Durchschnittsleister ihre Bestätigung haben.
Arbeit sollte mehr sein als Tausch von Zeit gegen Geld – Arbeit braucht Freude am Tun!

Joerg Schneider

08.06.2017

Ein Mensch sagt, und ist stolz darauf, er gehe ganz in seiner Arbeit auf. Bald aber, nicht mehr ganz so munter, geht er in seiner Arbeit unter. Eugen Roth

Frank Salchow

08.06.2017

Derzeitiger Mainstream idealisiert ein modernes Industrieproletariat, das versucht mit minimalem Einsatz sein Einkommen fürs Privatleben zu erwirtschaften. Allein der Begriff Work-Life-Balance ist absurd, da er impliziert, dass Arbeit nicht zum Leben gehört.
Die meisten von uns verbringen so viel Zeit mit ihrem Beruf, dass es eine unverantwortliche Verschwendung von Leben ist, wenn diese Zeit mit etwas gefüllt wird, für das keine Leidenschaft empfunden wird. Leidenschaft ist keine Garantie für gute Leistung. Aber fehlende Leidenschaft ist eine Garantie für miese Leistung. Das sind die typischen C-Mitarbeiter, die ein Unternehmen deutlich mehr kosten als sie ins Unternehmen einbringen.
Man kann jedem Menschen nur raten, seine Berufung zu suchen und beruflich das zu tun, was er/sie gut kann und gern macht. Das gilt nicht nur für Führungskräfte. Ich habe viele Menschen getroffen, die auch in sogenannten „einfachen Tätigkeiten“ engagiert und sehr zufrieden sind.
Eines unserer größeren Probleme in der Arbeitswelt ist die (fast) fehlende Möglichkeit berufliche Fehlentscheidungen zu korrigieren. Anstatt solche Reflektion und Flexibilität zu unterstützen, wird sie eher als Makel gesehen und die Betroffenen werden behindert und entmutigt. Deshalb klammern sich viele Menschen an Jobs, die sie nicht gut machen können und in denen sie deshalb unglücklich sind. Dies führt dann zur Trennung zwischen dem ungeliebten Job und dem so viel erstrebenswerteren „Leben“.
Die weite Verbreitung dieses Zustandes führt zu einer völlig irrational überfrachteten Erwartungshaltung gegenüber dem sog. Privatleben (Beziehungen, Freizeitaktivitäten, etc.).

Stefan Koch

25.07.2017

Wie schön ist es doch, wenn man von Gleichgesinnten lesen kann!
Ich sehe es auch so:
– Arbeit als „nicht zu mir gehörend“ zu betrachten, macht über 40 Jahre gewiss nicht glücklich
– ich traf Menschen, die sich „freiwillig“ und täglich „Schmerzen“ zufügen(sie hatten Macht im Haus, waren eine Mehrheit und hätten sagen dürfen, welche Software-„Werkzeuge“ sie gut finden und haben wollen – im Sinne aller)
– auch ich habe Menschen erlebt, die in „einfacheren Arbeiten“ ihren Platz finden und nichts anderes wollen
– es ist sehr schwer, mit „C-Mitarbeitern“ dauerhaft zu arbeiten (die Diskrepanzen zwischen Empfinden, Sinn, Wollen… sind absolut zu groß)
– ja und es stimmt: Jahrelang hören wir vom „flexiblen Markt“. Und vergessen wird die Erlaubnis, dass auch die Mitarbeiter flexibel sein dürfen(sofern sie es in ihrer Situation können und wollen)

Iris Güniker

04.08.2017

Ich habe auch die Erfahrung gemacht. Für mich war der Burnout das beste, was mir passieren konnte, denn dadurch bin ich aufgewacht. Im eigenen Unternehmen ist es oft schwierig, die richtige Messlatte zu finden.
Heute arbeite ich als Coach und Expertin für Achtsamkeit mit dem Schwerpunkt dem Leben eine neue Richtung zu geben. Denn eins ist zu beachten, das Problem kann nicht auf dem selben Weg gelöst werden, wie es entstanden ist. Der Weg zur Gesundheit und Leistungsfähigkeit geht nur über einen Weg: Ab sofort aufzuhören, den Akku auszupowern und über die Grenzen zu gehen. Wer mehr Energie verbraucht, als er zuführt, muss sich irgendwann in seinem Leben den Konsequenzen beugen. Für mich in meiner Arbeit ist heute aber viel wichtiger entspannt erfolgreich zu sein, statt dem Leistungsdenken und Anspruch der Gesellschaft hinterher zu hechten.
Es gilt in der Arbeit entspannt zu sein und nicht den Fehler zu machen, ich kann es über die Freizeit ausgleichen. Es ist eine Frage des Arbeitsstils, sich selbst wichtig zu nehmen und die Lebensqualität genauso wichtig zu nehmen, wie die Karriere. Wenn ich mich ausschließlich auf den Job konzentriere und das Leben auf später verschiebe, dann bin ich auf dem falschen Weg! Egal ob alle es in deinem Umkreis tun. Gehe deinen eigenen Weg! Es ist es wert! Alles Liebe Iris Güniker