Karriere & Leben

Praktikumsjob Schafhirte: Ein Alp-Traum für's Leben

Ein Praktikum als Schafhirte? Was kann man dabei schon für eine Karriere in der modernen Berufswelt lernen? Eine Menge, meint unser Autor. Zum Beispiel, wenn die lieben Tierchen durchgehen.

Ein Erfahrungsbericht von Klemens Mrogenda

Student des Wirtschaftsingenieurwesens, zwei Jahre Schlips im Bankhaus Lampe, anschließend Praktikum auf einer Schafsalp und als diplomierter schweizer Schafhirte zurück ins Corporate Development bei XING. Ist das dieses New Work?

Vorstellungsgespräch beim Schafsmeister: „Haben Sie bereits Erfahrungen im Umgang mit Schafen sammeln können?“. Meine Antwort: „Nein, die letzen zwei Jahre habe ich in einer Privatbank im Bereich Private Equity Finanzierungen gearbeitet…“ Lautes Gelächter.
Vorstellungsgespräch bei XING, Lebenslaufdiskussion: „Was war ihre letzte arbeitsrelevante Station?“ Antwort: „Ich habe als Schafhirte auf einer Alp gearbeitet…“ Lautes Gelächter.

Bekommen habe ich beide Anstellungen trotzdem – und das nicht wegen meinen umfangreichen Vorerfahrungen hinsichtlich Schafen oder der Etablierung digitaler Geschäftsmodelle im Kontext eines sozialen Netzwerks. Aber warum dann?

Weil immer mehr Unternehmen erkennen, dass neben dem 1,0-Studium, umfangreicher Auslandserfahrung, dem Beherrschen von vier Sprachen und 15 kompakt formulierten Soft Skills noch ein anderer Bereich von hoher Relevanz für die Erfüllung der im Unternehmen angestrebten Rolle ist: Charakter! Jeder Mensch entfaltet sein Potential dann am besten, wenn er seinen Weg selbstbestimmt bestreitet. Dort am besten, wo er aufgrund seines geformten Charakters sein möchte.

Die neue Arbeitswelt braucht besonders im digitalen Bereich nicht nur Arbeitskräfte, die Ihr Leben lang einem vordefinierten Strom folgen, sondern auch Menschen, die ständig über den Tellerrand schauen, Dinge in Frage stellen und Ihr Ziel vielleicht erst über Umwege erreichen. Denn so gestaltet sich auch das digitale Umfeld: komplex, vielseitig, schnelllebig und schwer zu planen. Ein Unternehmen, sowie auch seine Mitarbeiter, brauchen dafür die gleiche Vielfalt, Buntheit, Flexibilität und eben, einen gefestigten Charakter um in den turbulenten Phasen bestehen zu können.

Was habe ich also für meine Zukunft und meinen Charakter aus der Zeit als Schafhirte, meinem „Alp-Traum“, mitgenommen? Sicherlich die Fähigkeit, mich schnell an unbekannte Gegebenheiten anzupassen, Neues zu lernen, zuzuhören – und Rückschläge einzustecken, wenn 600 Schafe durch den Zaun preschen und Schaf und Schäfer erst spät in der Nacht zur Ruhe kommen. Darüber hinaus aber auch einfach die Gewissheit, eine Entscheidung aus freien Stücken heraus getroffen zu haben und eine Erfahrung für mein Leben mitzunehmen, auf die ich gerne zurückschaue.

Oder, um die Frage im Postkartenformat zu beantworten: „Und wenn der Blick nach dem morgendlichen Aufstieg auf die Zinne des Berges über das Tal schweift, sich im Hintergrund die 4000er Eiger, Jungfrau und Mönch erheben, die 600 Schafe im Licht der aufgehenden Sonne friedlich weiden und sich ein leises Gefühl der Freiheit anbahnt, ward die Zeit sicherlich nicht verschwendet.“


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4 Kommentare

Bernd Krentscher

25.05.2017

Hallo Herr Mrogenda
Das ist super so. Charakter, einfach Machen und Mut. Wo war die Alp?
Bernd Krentscher

Sebastian Becker

26.05.2017

Grossartiger Erfahrungsbericht und mehr wert als jeder Lebenslauf. Hoffentlich dauert es nicht mehr lange, bis alle so denken. Motivierte Mitarbeiter sind das allerwichtigste.

Klemens Mrogenda

01.06.2017

@Bernd Krentscher: Freut mich :) Die Alp befand sich im Morgeten-Tal, Zugang über das Simmental. Grob: Berner Voralpen ;)

@Sebastian Becker: Sehe ich genauso!

Klemens Mrogenda

04.06.2017

Die Alp war im Morgeten-Tal, Berner Oberland ;)
LG
Klemens