New Work

"Es ist doch nicht aus der Mode gekommen, mit Menschen zu reden"

Uwe Lübbermann ist Gründer von Premium Cola, einem der außergewöhnlichsten Unternehmensprojekte Deutschlands. Dessen Geschäftsphilosophie ist ebenso schlicht wie außergewöhnlich: radikal gleichberechtigter und fairer Umgang mit Mitarbeitern, Partnern und Kunden.

Uwe Lübbermann von Premium Cola im Interview mit XING SPielraum

„Premium Cola“-Gründer Lübbermann: „Das Kümmern um Menschen ist unser eigentliches Produkt“ (©Foto: funkenzeit.de)

Als Uwe Lübbermann  2001 sein „Getränkekollektiv“ in Hamburg gründete, war er nicht nur auf der Suche nach einem Nachfolgeprodukt für die von vielen Menschen verehrte „Afri Cola“. Lübbermann wollte beweisen, dass man „Wirtschaft auch anders gestalten kann“. Mit der Marke Premium Cola, die neben Cola mittlerweile auch Bier, ein Holunderblüten- und ein Mate-Getränk anbietet, wollen er und seine derzeit zwölf hauptamtlichen „Kollektivisten“ nach eigenem Bekunden „ein faires, ökologisches und sozial tragfähiges Wirtschaftsmodell in hoher Qualität vorleben und verbreiten“.

Fünfzehneinhalb Jahre geht das nun – mit immer mehr Aufs und immer weniger Abs – jetzt schon gut. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch und vor allem, im Arbeiten mit- und füreinander. Das Unternehmen Premium Cola ist mittlerweile ein Netzwerk aus beeindruckenden 1700 Partnern und Dienstleistern, die alle zu gleichen Teilen mitbestimmen können – über den Kurs der Firma, neue Produkte, aber auch über alltägliche Organisationsfragen. Und die Gleichberechtigung hört auch beim Geld nicht auf, im Gegenteil: Bei Premium Cola verdienen die meisten Mitarbeiter gleich viel, derzeit 20 Euro pro Stunde. Auch Lübbermann, der Chef. Obwohl… Chef ist Lübbermann nicht, sondern nach eigenen Aussagen „Zentraler Moderator“.

Und Moderation ist wichtig bei Premium Cola: Entscheidungen werden grundsätzlich im Kollektiv gefällt, nach teilweise langem Ringen um einen Konsens. Und wem das alles zu romantisch klingt, um es glauben zu können, dem kann Lübbermann einiges entgegenhalten. Zum Beispiel im folgenden Interview mit XING Spielraum.

Herr Lübbermann, wie viele Telefonate haben Sie ungefähr in der vergangenen Woche geführt?

Uwe Lübbermann: So ungefähr zwei, drei pro Tag. Wieso?

So wenige? Muss bei einem solchen Konstrukt wie Premium Cola nicht extrem viel Kommunikation laufen?

Lübbermann: Ja, aber das kann man ja auch anders machen, online zum Beispiel. Außerdem telefoniere ich nicht so gerne, und das wissen die meisten Beteiligten (lacht). Im Übrigen glaube ich auch, dass die Zahl der Gespräche weniger entscheidend ist, als die Qualität.

Und wie genau läuft denn die Organisation bei Ihnen ab?

Lübbermann: Wir sind im Orgateam jetzt 12 Leute und betreuen damit rund gewerbliche 1700 Partner. Das ist jeweils in den ersten Wochen einer neuen Zusammenarbeit tatsächlich etwas mehr Kommunikation und ein Abklopfen von Wünschen und Plänen – aber wenn das einmal vernünftig besprochen wurde, geht anschließend vieles mit sehr wenig Aufwand.

Kommen trotzdem über 140 Partner auf einen Betreuer…

"Premium Cola"-Flaschen:

„Premium Cola“-Flaschen: „Streitigkeiten, Preisdruck, Gebietskämpfe – das alles fehlt bei uns“

Lübbermann: Laut gängiger Lehre geht so etwas auch nicht. Aber es gelingt uns anscheinend besser als anderen, auf die Wünsche und Bedürfnisse aller Beteiligten einzugehen und Lösungen zu finden, mit denen alle leben können. Ich würde sogar behaupten, dass genau dieser Prozess, nämlich das Kümmern um Menschen, unser eigentliches Produkt ist und das Ergebnis davon sind Getränke, die produziert, geliefert und abgerechnet werden.

Cola, Bier und Limonaden, das können andere auch. Aber dass wir nach fünfzehneinhalb Jahren noch da sind, regelmäßig wachsen und mit keinem unserer 1700 Partner einen schriftlichen Vertrag haben – und keinen einzigen Rechtsstreit bisher –das ist unser größter Erfolg.

Stattdessen haben wir mündliche Vereinbarungen, an die sich beide Seiten halten. Und wenn es für den einen nicht mehr möglich ist, die einzuhalten, wird darüber geredet und eine neue Lösung gefunden.

„Ich frage mich oft, warum unsere Art zu arbeiten nicht in BWL-Büchern steht“

Das ist ja eine Flexibilität und eine auf Werten beruhende Vertrauensgeschichte, die es so in der modernen, globalisierten Wirtschaftswelt kaum noch gibt.

Lübbermann: Ja, ich bin davon immer wieder selbst überrascht. Ich habe zum Beispiel in Indien eine Auszeichnung bekommen, als einer der weltweit 50 einflussreichsten Sozialinnovatoren – aber meine Innovation besteht ja eigentlich nur darin, dass ich mit Menschen rede. Das ist gesunder Menschenverstand, das Eingehen auf die andere Seite, dabei möglichst wenig Machtgefälle herstellen – und davon hat man als Ergebnis so wenig Probleme, dass ich mich frage, warum das nicht in jedem BWL-Lehrbuch steht.

Und, gibt es darauf eine Antwort?

Lübbermann: Nein, nicht wirklich. Ich mache viele Veranstaltungen, habe hunderte Vorträge gehalten, in Hochschulen und Unternehmen und speziell, wenn ich unsere Geschichte bei Business Schools erzähle, fallen die Leute immer vom Glauben ab und suchen den Haken. So, als ob es aus der Mode gekommen ist, mit Menschen zu reden.

Das liegt vielleicht auch daran, dass man solche Philosophien, wenn überhaupt, nur von wesentlich kleineren Organisationseinheiten hört. Von basis-demokratisch aufgebauten Start-ups mit acht Leuten vielleicht, aber nicht in der Größenordnung von Premium Cola. Da hat man es doch auch häufig mit Leuten zu tun, die nicht so ticken wie man selbst und die sich sonst im Geschäftsleben ganz anders verhalten müssen.

Lübbermann: Es gibt Menschen, die sich tatsächlich erst daran gewöhnen müssen. Deshalb komme ich bei neuen Händlern zum Beispiel immer erst mit den harten Fakten: Liefermengen, Gebietsaufteilung, Rabatte – damit bekomme ich sie in der Regel zum Einstieg motiviert. Und dann muss ich mit denen halt unser übliches Verfahren mit den schon beschriebenen Vereinbarungen praktizieren – bis sie irgendwann merken, was da fehlt: Streitigkeiten, Preisdruck, Gebietskämpfe usw. Und wenn das passiert, dann habe ich sie in der Regel, und muss nur noch wenig Aufwand in der Zusammenarbeit betreiben.

Aber ständige Konsensbildung in so einem großen Gebilde muss doch wirklich anstrengend sein.

Lübbermann: Schon, aber die gelingt bei uns deshalb so gut, weil wir auch dort mit dem gesunden Menschenverstand herangehen. Und obwohl ein einziges Veto reicht, egal von wem, um Beschlüsse zu stoppen, kommen wir damit gut zurecht.

Wir haben drei Kategorien für unsere Entscheidungsfindungen entwickelt:  Erste Kategorie sind die Fragen, die einen primär selbst betreffen: „Was arbeite ich?“ „Wie lange und wann arbeite ich?“ Das kann ich allein entscheiden, bei uns bekommt das nämlich niemand gesagt.

Die zweite Kategorie sind Gruppenentscheidungen, also Absprachen zwischen mehreren Parteien, zum Beispiel, wenn es um eine bestimmte Lieferung zwischen Produzent, Spediteur und Händler geht. Natürlich kann man so etwas per Dekret „befehlen“, also durch einen vorgegebenen Liefertermin. Man kann aber auch alle Beteiligten im Vorfeld fragen, so dass jeder die Chance hat, seine Wünsche vorzubringen. Und meine Aufgabe ist es dann, solange zu moderieren, bis jeder der Beteiligten glücklich ist. Oder zumindest keiner mehr unglücklich.

Das heißt, jeder Partner und Mitarbeiter von uns ist an allen Entscheidungen beteiligt, die ihn betreffen. Das gilt auch für Kategorie 3, jene Entscheidungen, die das gesamte Unternehmen betreffen. Strategie, Produktauswahl et cetera. Und weil jeder theoretisch jede Entscheidung in eine nächst höhere Kategorie schieben darf, findet die Überzeugungs- und Abstimmungsarbeit natürlich immer im Vorfeld statt, damit eben das nicht passiert.

„Viele Menschen wissen schlichtweg nicht, dass es auch anders gehen kann“

Zufriedenheit mit dem Job bedeutet aber für die meisten Menschen: Ausreichend Geld zu bekommen…

Lübbermann: Wir sehen mittlerweile sechs Lohnfaktoren, die wichtig sind und der erste ist sicherlich das Gehalt. Wir müssen alle Beteiligten ausreichend entlohnen, wir haben derzeit einen Einheitslohn von 20 Euro in der Stunde, für alle Mitarbeiter und Dienstleister. Familienmütter und- väter, behinderte Teammitglieder und Kollegen, die sich ihren Arbeitsplatz organisieren müssen, bekommen mehr. Es muss zum Versorgen, Versichern, Sparen reichen.

Der zweite Faktor ist Sicherheit unserer Arbeit, dazu gehört in unserem Fall die Entscheidung gegen zu große Kunden und stattdessen für viel kleine Einzelkunden, das macht uns unabhängiger und stabiler.

Der dritte Faktor ist Freiheit, zu entscheiden, wo, wann und was man arbeitet. Für mich zum Beispiel bedeutet das auch: Ich kann eine Person sein. Nicht so wie viele meiner Freunde, die zwei Persönlichkeiten haben: eine, die sie selbst sind und eine andere für die Arbeit.

Weitere Faktoren wären zum Beispiel wären Reichweite für eigene Ideen, Sinn der Arbeit und eine Möglichkeit zur permanenten Weiterbildung. Wir versuchen, diese Faktoren für alle zu realisieren, aber nicht alle nehmen alles wahr.

Sie sind, wir sprachen schon davon, viel unterwegs, halten viele Vorträge und beraten Unternehmen und Organisationen. Wie viel Verständnis schlägt Ihnen da für Ihre Philosophie entgegen?

Lübbermann: Bei den meisten Terminen erlebe ich Menschen, die schlichtweg nicht wissen, dass es anders gehen kann – weil man eben an der Uni nur eine Art von BWL lernt, nur eine VWL und eine Managementlehre. Und dann geht man in die Unternehmen und findet das alles mehr oder weniger genauso überall vor. Wir, ich und andere Kollegen die unterwegs sind, müssen dann als Kernbotschaft demonstrieren, dass es mit unserem radikal anderen Weg auch geht – und oft besser. Denn fast überall lassen sich bessere Ergebnisse durch verbesserten Austausch zwischen Stakeholdern erzielen.

Haben Sie denn das Gefühl, dass es wirklich eine Veränderung im Denken rund um die Arbeit gibt?

 Lübbermann: An der Zahl der Einladungen, die wir bekommen, kann man ablesen, dass zumindest das Interesse an neuen Formen von Arbeit und Führung deutlich steigt. Aber ich glaube, dass man zwischen dem Interesse und einem wirklichem Veränderungswillen oder gar tatsächlicher Veränderung noch deutlich unterscheiden muss. Das Thema „Neue Arbeitswelt“ ist sicherlich durch viele Publikationen und Initiativen deutlich präsenter in der Öffentlichkeit als noch vor wenigen Jahren. Und es gibt zum Glück auch immer mehr Unternehmen, die sich zaghaft auf den Weg machen – aber leider werden dabei oft noch viele Fehler gemacht. Weil man sich dann doch nicht traut, alte Strukturen aufzugeben. Oder von Beratern umgeben ist, die mit dem Thema selber kaum eigene Erfahrungen haben. Da ist dann oft viel Geklapper und wenig Veränderung. Die realen Veränderungen in Unternehmen gehen für mich viel zu langsam. Aber sicher: Menschen brauchen auch Zeit für den Wandel.

Auch, weil nicht jeder mit so einer Lust und dem Mut für Veränderung ausgestattet wie Sie.

 Lübbermann: Ach, ich bin eigentlich auch ein Mensch, der auf Sicherheit bedacht ist und gerne sorgsam plant. Aber mit unserer Art der gemeinsamen Konsensfindung bekommt man so viel Erfahrungen, Sichtweisen, Ideen auf den Tisch und dafür weniger Fehler, Stress, Enttäuschungen, Reibereien hinterher – das zahlt sich absolut aus. Im Übrigen werden die schönsten Pläne sowieso meist dann bereits überholt, wenn ihre Umsetzung beginnt.

Interview: Ralf Klassen / CONE


Veranstaltungshinweise: Uwe Lübbermann ist einer der Keynote-Speaker auf der nächsten New Work Session von XING am 31. Mai in Wolfsburg.  Das ganztägige, hochkarätig besetzte Event bietet unter dem Motto „WENN AUS TRANSFORMATION INNOVATION WIRD“ eine Fülle von Vorträgen, Workshops und Diskussionen. Weitere prominente Speaker sind unter anderem Fabian Kienbaum, Sabine Kluge (Siemens), Reiner Bildmayer (SAP) und Christian Falkenberg (T-Systems). Einige wenige Tickets sind noch unter diesem Link zu bekommen.

Wer es nicht nach Wolfsburg schafft, kann Uwe Lübbermann auch im Rahmen der New Work Future am 15. und 16. Juni in Hamburg erleben. Mit dieser Konferenzreihe präsentiert die Ministry Group Führungsverantwortlichen und Nachwuchstalenten regelmäßig spannende Einblicke in das große Themenfeld “Zukunft der Arbeitswerte”. Auch hier geben hochkarätige Speaker wie Jurgen Appelo, Gabriele Fischer, Bernd Oestereich oder Uwe Lübbermann Inspiration, die Teilnehmer machen die Veranstaltung individuell, weil sie ihre Erfahrungen, Gedanken und Herausforderungen aus der täglichen Arbeit mitbringen und gemeinsam diskutieren.

10 Kommentare

Marcus Riesterer

23.05.2017

Großartig

Boris Reichelt

25.05.2017

Super! Das erinnert mich an Ricardo Semler von SEMCO! „Maverick & The seven day weekend“. Dieser Ansatz hat Zukunft!!

Astrid Linder

25.05.2017

Klingt wirklich sehr spannend!

Xenia Ritter

25.05.2017

Der junge Karl Marx ☺

Nicole Weinert

25.05.2017

Ich bin jetzt schon begeistert

Inge tank

25.05.2017

Ja, gut zu reden. nachdenken und mitzuteilen – good to think, think and share.

Barbara Eschbach

25.05.2017

Mehr davon – ich freue mich immer, von solchen mutigen und positiven Beispielen zu lesen. Die klassischen Fallbeispiele in den Marketing-Textbüchern sind immer dieselben alten Geschichten. Aber die Menschen verändern sich und ihre Grundhaltung auch. Textbücher hinken immer hinterher.

Matthias Brümmer

25.05.2017

Interessanter Beitrag , werde es auf jeden Fall weiter verfolgen. Mal ein ganz anderer Ansatz der auch auf Veränderungen des Menschen eingeht.

Birgit Schumacher

25.05.2017

Großartig! Als Wirtschaftsmediatorin würde ich sagen, dass das dauerhaft gelebte Mediation im Unternehmen ist: Offen sein für die Interessen der Anderen und gemeinsam Lösungen erarbeiten mit denen alle leben können.

Yannic

17.10.2017

Guter Mann, guter Beitrag. Habe ihn vor einigen Jahren (!) einmal persönlich treffen und sprechen können und kann das Bild, was er hier von seiner Art Premium zu führen zeichnet, nur bestätigen. Und obendrein schmeckt die Cola auch noch!