Besser leben. Anders arbeiten.
Das New Work Themen-Portal.

Besser leben. Anders arbeiten.
Das New Work Themen-Portal.

New Work

"Die Stärke der Emotionen hat mich überrascht"

Frithjof Bergmann gilt als „Vater“ der New-Work-Bewegung. Und so wurde der Auftritt des 87-jährigen Philosophieprofessors auf der „New Work Experience“ von XING in Berlin natürlich einer der gefeierten Höhepunkte des Events. Im Interview mit XING Spielraum verrät Bergmann, wie er die NWX17 erlebte und welche Visionen er für das „Neue Arbeiten“ hat.

Frithjof Bergmann auf der NWX17

Frithjof Bergmann auf der „New Work Experience“ (mit Moderator Marc-Sven Kopka): „Jeder Mensch kann sehr viel tun, die Welt der Arbeit zu verbessern.“ (©Foto: XING)

XING Spielraum: Professor Bergmann, Sie sind auf der New Work Experience von XING mit stehenden Ovationen gefeiert worden. Wie haben Sie diesen Abend erlebt? (Anmerkung: Ein Video des Auftritts finden Sie am Schluss des Interviews)

Frithjof Bergmann: Die NWX war für mich emotional ein sehr schöner und positiver Event. Ich habe sehr große Freude sowohl in mir, als auch bei vielen anderen Menschen, denen ich an diesem Tag begegnet bin, empfunden. An alle Teilnehmer der NWX möchte ich für ihre Begeisterung und ihr Interesse meine tiefste Dankbarkeit übermitteln.

Mit Ihren Statements zu Leidenschaft und Glück im Beruf haben Sie offensichtlich ganz viele Menschen tief berührt. Hat Sie das überrascht?

Bergmann: Die Reaktion auf die Frage, was ein Mensch wirklich, wirklich will, hat mich natürlich nicht überrascht, da ich bei meiner Arbeit glücklicherweise schon jahrzehntelang in verschiedenem Ausmaß Rührung, Freude, Hoffnung und starke Sympathie beobachten und auch empfinden darf. Die Häufigkeit der auftretenden Emotionen ist erwähnenswert. Die war schon immer da, auch vor 30 Jahren und überall! Manchmal habe ich geheult, es haben aber auch schon Männer in Indien und Afrika geheult – und das ist dort noch unüblicher als bei uns hier oder in den USA.
Von der Qualität, Stärke und Tonart der emotionalen Resonanz auf dem Event war ich allerdings schon überrascht.

Sie haben Ihr Credo „Macht das, was Ihr wirklich wollt!“ mit tiefer Überzeugung vorgetragen – aber ist das wirklich immer machbar für Jeden?

Bergmann: Das geht nicht immer unbedingt für jeden, aber die Häufigkeit, dass so viele Menschen überall auf der Welt darauf sehr stark reagieren, ist außerordentlich und unbedingt erwähnenswert.

„Macht die Menschen stärker, dann wird die Welt der Arbeit besser“, lautete Ihre zweite Forderung an das Publikum. Was kann jeder an seinem Platz dafür tun?

Bergmann: Ja, macht die Menschen stärker! Aber das macht die Arbeit noch lange nicht besser. Wir können die Welt verbessern, wenn wir unsere Kinder von Anfang an Kraft, Mut und Ausdauer mit Löffeln geben würden. Im Grunde genommen kann jeder Mensch sehr viel tun – indem er in all seinen Beziehungen und täglichen Begegnungen allen anderen Menschen hilft, sich zu stärken.

Küchenroboter „Armar“ : „Man darf die Automatisierung nicht verallgemeinern und als Gefahr ansehen.“ (©Foto: Karlsruher Institut für Technologie, KIT)

Während viele andere Wissenschaftler vor den Folgen von Automatisierung und Digitalisierung warnen, begrüßen Sie die neuen Technologien ausdrücklich. Gibt es denn wirklich kein Risiko in dieser Entwicklung?

Bergmann: NEIN! Natürlich hat die Automatisierung und Digitalisierung Folgen und Konsequenzen mit sich gebracht, die ich sehr bedauerlich und schmerzhaft empfinde. Die mörderische Armut – für mich das Allerschlimmste auf der Welt – muss natürlich bekämpft werden und die Leute müssen sich dagegen wehren. Bauern, die bislang ein erträgliches Leben hatten, sind mit einem Stück Land zur Armut verdammt. Diese Armut wird sich verschlimmern und vertiefen.
Aber man darf die Automatisierung nicht verallgemeinern und als Gefahr ansehen, sondern in erster Linie, dass sie dem Menschen dient und von der Arbeit befreit, die er als milde Krankheit erlebt.

Sie fordern weltweit mehr „Zentren für die Neue Arbeit“, um die Folgen dieser Entwicklungen aufzufangen. Wie genau stellen Sie sich die Arbeit solcher Zentren vor?

Bergmann: Schon von Anfang an haben wir immer zwei Aufgaben gehabt: Erstens, Menschen unterstützen, sich aus ihrer Armut der Begierde zu befreien und sie hinter sich zu lassen, und stattdessen mit Klarheit und Deutlichkeit erkennen, was sie wirklich, wirklich wollen. Zweitens, dass sie diese Kenntnis in Arbeit verwandeln.

Ihr New Work war immer auch eine Forderung nach einer anderen, kooperierenden Gesellschaft über alle Grenzen hinweg – im Moment erlebt die Welt aber scheinbar einen Rückschritt in alte, längst überkommen geglaubte Nationalismen und Egoismen. Wie nehmen Sie diese Dinge wahr?

Bergmann: Ich stimme da mit Ihnen vollkommen überein. Zur Zeit ist der Fall eines Rückschritts, weg von einer gemeinschaftlich kooperierenden Gesellschaft. Ich bin aber der Überzeugung, dass dies ein sehr kurzfristiger Trend sein wird, denn die Welt wird sehr schnell erkennen, dass dieser Rückschritt zum Nationalismus und Fremdenhass keine Zukunft hat und die Schädlichkeit dieser Bewegung sehr schnell deutlich sichtbar werden wird.

Wir haben Sie auf der NWX17 auch in Ihrem, mit Respekt, höherem Alter, als frischen, charmanten, inspirierenden Menschen erlebt. Was sind Ihre nächsten Ziele und Projekte?

Bergmann:Wir arbeiten seit vergangenem Jahr an unserer ersten New-Work-Plattform in 70 Sprachen (www.newwork.global), die zum Treffpunkt aller New Worker weltweit werden soll. Natürlich wird die Page u.a. auch das erste virtuelle komplette New Work Center of the World beinhalten, welches wir in einem Kreis von engen New-Work-Freunden u.a. aus Deutschland, Österreich und den USA erarbeiten.
Außerdem diskutieren wir gerade die Location für die Errichtung des physisch ersten kompletten New-Work-Centers of the World – allerdings konnten wir uns bisher noch nicht einmal auf den Kontinent einigen, da uns verschiedene Einladungen und Angebote vorliegen. Für die Umsetzung dieses Projektes suchen wir auch noch einen starken Partner.

Standing Ovation nach Bergmann-Auftritt bei der NWX

Standing Ovation nach Bergmann-Auftritt bei der NWX: „Wenn es keine Redezeitbegrenzung gibt, komme ich wieder.“ (©Foto: XING)

Kommen Sie zur NWX18 nach Hamburg wieder? Es gibt auch keine Redezeitbegrenzung, haben wir gehört…

Bergmann: JA, dann komme ich!

Interview: Ralf Klassen / CONE

*Zur Person: Frithjof Bergmann, geboren 1930 in Sach­sen, wan­derte als 19-Jähriger nach Amerika aus. Zunächst schlug er sich mit Gelegenheitsjobs als Teller­wäscher, Preis­boxer und Hafe­nar­beiter durch, lebte auch mal für fast zwei Jahre lang als Selb­stver­sorger in den Wäldern von New Hampshire.

Er fing an, Philosophie zu studieren, promovierte und lehrte in Princeton, Stanford, Chicago und Berkeley. Später wurde er an der University of Michigan in Ann Arbor Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie, später auch für Anthropologie.

Anfang der achtziger Jahre forschte Bergmann über das klassische Lohnarbeitssystem und entwickelte ein Alternativmodell. Er nannte es „Neue Arbeit.“  Der große Erfolg eines von ihm 1984 gegründeten „Zentrums für Neue Arbeit“ in der von einer tiefen Krise heimgesuchten Automobilstadt Flint, machte ihn zu einem gefragten Referenten und Berater. Heute wird er von Wirtschaftsverbänden, Unternehmen, Lehrerverbänden und anderen Gruppierungen aus aller Welt eingeladen, um seine Vision einer humaneren und lebenswerten Zukunft näher zu erläutern. Er ist Autor des Buches „Neue Arbeit, Neue Kultur“ und leitet weltweit Seminare zu diesem Thema.

Mehr zum Thema:

1 Kommentare

Nina

23.04.2017

Sehr beeindruckend

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.