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"Niemand muss für seinen Job brennen!"

Nur wer leidenschaftlich arbeitet, bringt gute Ergebnisse und wird glücklich – so der gesellschaftliche Konsens. In seinem neuen Buch „Feierabend! – Warum man für seinen Job nicht brennen muss“ zerlegt Bestsellerautor Volker Kitz dieses Glaubensgerüst, das bisher erstaunlich wenige anzweifeln. Sein Gastbeitrag regt auf jeden Fall zu einer leidenschaftlichen Diskussion an.

„Die Masse der arbeitenden Bevölkerung kann ihren Job nicht wechseln wie ein Profilfoto auf Facebook“ (©Foto: Thomas Trutschel / Getty Images)

Von Volker Kitz*

Kürzlich sollte ich einen Vortrag auf einer Tagung für Personaler halten. Mein Vorredner war ein prominenter Mann. Sein Thema: Glück bei der Arbeit. Seine These: Wer es nicht gefunden hat, ist selbst schuld. Sein Beleg: eine wahre Geschichte, die ans Herz geht. Ein Herzchirurg in Zürich rettet Leben, verdient viel Geld, ist renommiert. Mit 56 Jahren fällt ihm ein, dass seine Leidenschaft das Lkw-Fahren ist. Er macht den Lkw-Führerschein, tauscht Skalpell gegen 460 PS und brettert mit 40 Tonnen über die Straßen Europas. Seine Verwandlung erregte Aufsehen, viele von Ihnen werden sie kennen.

Das Publikum schaut gerührt: Ja, so einfach ist es, mit seiner Arbeit glücklich zu sein. Was mache ich falsch?

Ich beschließe, meinen vorbereiteten Vortrag zur Seite zu legen.

»Stellen wir uns vor«, lade ich die Gäste ein, »die Geschichte hätte umgekehrt begonnen: Ein Lkw-Fahrer findet mit Mitte Fünfzig heraus, dass sein Lebenstraum darin besteht, als angesehener Herzchirurg zu arbeiten.«

Weiter komme ich nicht, Gelächter bricht aus. Die inspirierenden Erzählungen von Menschen, die ihrem Herzen folgen und plötzlich etwas ganz Anderes machen – manchmal müssen wir sie nur umdrehen, um zu merken, welchem Blödsinn wir aufsitzen.

Die Geschichten schaden, denn sie suggerieren zweierlei. Erstens: Es ist so leicht, eine Arbeit zu machen, für die man brennt; nur Trottel tun das nicht. Zweitens: Leidenschaft ist das Maß der Dinge im Arbeitsleben.

Beides ist falsch.

»Einfach nur der Leidenschaft folgen« – das ist eben doch nicht so einfach. Die Masse der Gesellschaft besteht nicht aus berühmten Herzchirurgen, sondern aus Lkw-Fahrern, wörtlich und im übertragenen Sinn. Der Lkw-Fahrer steht für alle, die nicht einfach »nur« herausfinden müssen, was sie erfüllt, und daraus ab morgen einen Beruf machen. Bankangestellte, Krankenschwestern, Controller: Die Masse der arbeitenden Bevölkerung kann ihren Job nicht wechseln wie ein Profilfoto auf Facebook.

Das hat nicht nur mit Ausbildung und Hierarchieebene zu tun: Es gibt mittlere Manager, die BWL-Abschluss, glänzende Referenzen und einen Traum haben, sagen wir, von der eigenen Surfschule in Kalifornien. Sie haben aber auch Ehepartner und Schulkinder und ein Haus gebaut. »Wenn die Surfschule dein Glück ist, worauf wartest du?« – der Rat hilft der Abteilungsleiterin so wenig wie ihrem Assistenten.

Dass etwas schwer zu erreichen ist, spricht noch nicht dagegen, es sich zum Ziel zu setzen. Ist es eben ein anspruchsvolles Ziel. Leidenschaft zum Maß der Dinge zu erheben wäre sinnvoll, wenn leidenschaftliche Arbeit eine Garantin für gute Ergebnisse und ein zufriedenes Leben wäre. Danach klingt ja das Leidenschaftsgeklingel, das heute in Leitbildern und anderem Unternehmenssprech wuchert: Autos bauen, Überweisungen ausführen, Hoteltoiletten schrubben – all das wird »mit«, wenn nicht »aus Leidenschaft« gemacht. Hier leisten begeisterte Menschen gute Arbeit, wollen die Unternehmen damit sagen. Es ist das Pendant zur »guten Milch von glücklichen Kühen«.

„Was bei vielen Unternehmen im Argen liegt, hat nichts mit zu wenig Leidenschaft zu tun.“

Wer die Leidenschaftsthese überprüfen will, schaue eine Folge Deutschland sucht den Superstar. Dort bewerben sich Musiker um einen Plattenvertrag. Es wimmelt von Menschen, die vor Leidenschaft für die Musik platzen – und atemberaubend schlecht singen. Deutschland sucht den Superstar ist ein kurzweiliger Beweis dafür, was Leidenschaft mit der Frage zu tun hat, ob jemand seine Arbeit gut macht: nichts. Das Kundenversprechen, das Unternehmen mit der Behauptung verbinden, bei ihnen gehe es leidenschaftlich zu, habe ich noch nie verstanden.

Außerhalb des Fernsehens gibt es weniger unterhaltsame, aber nicht weniger überzeugende Belege gegen die Leidenschaftsthese. Rechtsanwälte beherzigen die Regel, sich in einer wichtigen Angelegenheit nicht selbst zu vertreten. Ärzte operieren ungern Angehörige. Der Grund: Zu viel Leidenschaft, weil man betroffen ist, weil die Distanz fehlt. Auch für andere Tätigkeiten gilt: Rationale Entscheidungen, besonnenes Handeln und sorgfältige Arbeit gedeihen selten auf dem Lehmboden der Leidenschaft. Ein nüchterner Kopf liefert bessere Ergebnisse als ein leidenschaftstrunkener. Eine Zahnärztin kann Ihnen mit Hingabe die Zähne ruinieren. Ein Flugbegleiter kann Ihnen vor aufgeregter Begeisterung den Kaffee über die Bluse kippen. Jeder findet in seiner Umgebung leidenschaftliche Versager.

Dieser Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem neuen Buch von Volker Kitz „Feierabend! – Warum man für seinen Job nicht brennen muss“, den wir mit freundlicher Genehmigung des Autoren veröffentlichen.

Was bei vielen Unternehmen im Argen liegt, hat nichts mit zu wenig Leidenschaft zu tun. Es sind scheinbar banale Dinge, deren Fehlen die täglichen Fehler auslöst: Sorgfalt und Zuverlässigkeit, Konzentration und Aufmerksamkeit. Einen Termin im Kalender eintragen. Eine E-Mail gewissenhaft lesen. Einer Kundin oder einem Mitarbeiter genau zuhören. Ein Rückrufversprechen einhalten. Nachdenken, bevor man spricht. Sich am nächsten Tag an das erinnern, was man gesagt hat, und sich daran messen lassen. Korrekt schreiben und rechnen. Für diese schlichten Anforderungen braucht man Besonnenheit und die Bereitschaft, sich mit Details zu beschäftigen. Leidenschaft ist die Gegenspielerin dieser Fähigkeiten. Sie schafft ein erregtes Grundrauschen, das nüchterne Distanz zum eigenen Handeln zerstört. Sie täuscht mit flotten Floskeln darüber hinweg, dass gute Arbeit oft aus unglamourösen Zutaten entsteht.

Ein Plädoyer gegen den Leidenschaftszwang ist kein Plädoyer gegen gute Arbeit

Startups bieten Anschauungsmaterial. Zwei Dinge sind bei ihnen ausgeprägt: die Leidenschaft – und die Floprate. Gründer brennen für ihre Idee, ihr Projekt ist ihr Leben. Schätzungen zufolge hat aber nur eins von zehn Startups Erfolg. Die anderen verschwinden, weil ihre Gründer vor lauter Leidenschaft nicht bemerkt haben, dass sie ein Produkt anbieten, das niemand braucht – oder das schlecht ist. Sie staunen, wenn sie erfahren, dass es für ihre Pläne nicht einen einzigen Geldgeber gibt oder nicht eine einzige Kundin. Um diese Frage rechtzeitig wichtig zu finden, hätten sie Empathie gebraucht. Doch Leidenschaft hat der Empathie keinen Raum gelassen.

Ein Plädoyer gegen den Leidenschaftszwang ist also kein Plädoyer gegen gute Arbeit, im Gegenteil. Doch Achtung, Umkehrschlussfalle: Natürlich bedeutet das nicht, dass leidenschaftslose Leute automatisch bessere Arbeit leisten. Leidenschaft und Arbeitsqualität sind einfach zwei unterschiedliche Messgrößen.

Es gibt Menschen, die leidenschaftlich arbeiten und mit ihrem Leben glücklich sind. Es gibt Menschen, die leidenschaftlich arbeiten und mit ihrem Leben unglücklich sind. Und es gibt glückliche Menschen, die für ihren Beruf nicht brennen. Leidenschaft bei der Arbeit steht in keinem zwingenden Verhältnis zu einem gelungenen Leben. Es ist der Leidenschaftszwang, der über Generationen einen Schleier des Unglücklichseins gelegt hat. Dass wir so tun, als wäre Leidenschaft bei der Arbeit Normalfall und Idealfall zugleich: Wer seine Arbeit nicht mit an Besinnungslosigkeit grenzender Hingabe verrichtet, ist sich und anderen suspekt. Millionen sitzen im Büro, stehen am Fließband oder kriechen mit einem feuchten Tuch auf dem Boden herum und fragen sich: Was läuft falsch bei mir, wenn ich dabei keine Leidenschaft spüre? Sie suchen, grübeln und verzweifeln, weil in ihrem Leben etwas nicht »stimmt«.

Nehmen wir den Leidenschaftsdruck raus! Seine Arbeit gut zu machen statt sie nur gut zu finden – das kann ganz schön zufrieden machen. Und ganz schön erfolgreich.

*Autoren-Info: Dr. Volker Kitz ist promovierter Jurist, Autor und international gefragter Vortragsredner. Seine Bücher sind SPIEGEL-Bestseller und erscheinen in zehn Sprachen in über 30 Ländern.

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20 Kommentare

Georg Jansen

15.03.2017

Bei dem Beitrag musste ich schmunzeln. Auch wenn sich das irgendwie interessant und spannend anhört, so sehe ich das aus der täglichen Praxis und aus meiner Überzeugung heraus, anders.

Ganz nebenbei bemerkt, ist die Aussage „für etwas brennen“ nicht wirklich neu. Um diese Aussage/Wirkung wusste bereits Augustinus Aurelius (354 – 430) – der auch als Augustinus von Hippo oder Heiliger Augustinus bekannt ist. Es kommt halt immer darauf an, wie man die Sache sieht…

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die für den „Job brennen“ sich begeistern und verwirklichen, auch einen guten Job machen. „Niemand muss für seinen Job brennen!“, aber es hilft ihn gut zu machen.

Die These ist spannend. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Uwe Richter

15.03.2017

Dem kann ich wiederum nicht zustimmen. Ich sehe es in der IT-Branche. In unserer Firma brennen wirklich viele für Ihren Job, mit dem Resultat, dass Sie Hans-Dampf in allen Gassen sind, vielen Kunden mehr versprechen als Sie selbst halten können und das was sie nicht halten können, dann an Ihre Kollegen weiterreichen. Die dann logischerweise für Ihren Job nicht mehr brennen können, weil Sie die Arbeiten der „Hans Dampf“ in allen Gassen zusätzlich zu ihrem Business mit erledigen müssen.
Das wiederum brennt diese so aus, dass aus dem brennen sehr schnell der „Burn Out“ wird.
Ich stimme vollständig zu, dass man seinen Job mit kaltem Kopf und heißem Herz erledigen sollte. Aber das bedingt zwangsläufig, dass man nur soviel auf sich nehmen sollte wie man auch (selbst) erledigen kann und will, sonst ergibt sich kein gutes Resultat.

Martin Theo Carbon

16.03.2017

Auch ich musste bei dem Beitrag zunächst schmunzeln. Woher die Behauptung kommt, dass „Nur wer leidenschaftlich arbeitet, bringt gute Ergebnisse und wird glücklich“ gesellschaftlicher Konsens ist, bleibt offen. Ich denke es ist eher Konsens (weiß es jedoch nicht), dass es einfacher ist einer Tätigkeit nachzugehen, die man gerne macht. Und dass es so wiederum gelingt, Expertise und Exzellenz zu entwickeln. Dass Leidenschaft genügt um erfolgreich zu werden, habe ich ehrlich gesagt selten gehört. Wie heißt es so schön: 5 Prozent Inspiration und 95 Prozent Transpiration. Und, auch wenn ich die angeführten Fernseh-Formate wirklich meide – ich finde es begeisternd welche Fertigkeiten Menschen in Ihrer Freizeit aus Leidenschaft entwickeln. Wenn Unternehmen es schaffen, diese Energie für sich freizusetzen, tun sie definitiv etwas Gutes – das ist Win Win.

Frank Scharr

16.03.2017

Ich möchte mich dem KOmmentar von Georg Jansen anschliessen. Leidenschaft für eine Aufgabe zu haben, bedeutet nicht gleichzeitig, den Verstand auszuschalten. Der Mix macht es. Besonnene Leidenschaft könnte man sagen. Den die Praxis zeigt uns auch, dass wir, wenn wir dauerhaft Dinge tun müssen, für die wir nicht brennen, das Risiko des Versagens bis hin zum Burn-Out enorm steigt.
Etwas ohne Leidenschaft rein rational zu tun, hilft vielleicht, die beschriebenen Flops zu verhindern. Doch aussergewöhnlichen Erfolg zu haben, geht nicht ohne Leidenschaft. Ohne Leidenschaft bleibt es eben bei Mittelmaß.

Gayala Ricoletti

16.03.2017

Und doch ist es die Leidenschaft, die uns antreibt etwas zu wagen, zu experimentieren und neue Wege zu gehen. Einen guten Job zu machen mag bisher wichtig sein, doch wenn die Roboter und digitalen Assistenten unsere Arbeit übernehmen, dann brauchen wir die Leidenschaft als Wegweiser für das, was uns zukünftig begeistern wird, denn wir werden keine Arbeit mehr haben. Die Leidenschaft ist der Motivator, der uns in Bewegung setzt, der die intrinsische Motivation schafft, die wir benötigen, um weiter zu wachsen und uns zu entwickeln. Die Energie, die uns träumen lässt und uns hilft, eine neue Zukunft auszumalen, fern ab von Arbeitslosigkeit, Sinnentleerung und Funktionieren…

Mareike Schmitten

16.03.2017

Es kommt auf den Beruf selber an, für den man „brennen“ oder „nicht brennen“ sollte.
Wenn man im Vertrieb arbeitet und dem Kunden das Firmenprodukt verkaufen soll, dann kann Leidenschaft vielleicht gerade richtig sein, um Kunden zu überzeugen. Auch als Tänzer/Sänger kann Leidenschaft nicht verkehrt sein. Als Buchhalter, der gewissenhaft die Zahlen und Bilanzen prüfen soll, braucht es eventuell weniger. Der muss sehr gewissenhaft und konzentriert sein. Spätestens, wenn man in Berufe geht, die eventuell lebensgefährlich sein könnten, ist Leidenschaft fehl am Platz.
Das alles setzt natürlich voraus, dass diejenige Person seinen Job auch kann. Wenn ich schüchtern bin und mit fremden Menschen nicht sprechen kann, dann kann das Produkt noch so gut sein, ich verkaufe aber nichts. Oder wenn ich nicht tanzen oder singen kann (s. Beispiel mit DSDS), dann bringt Leidenschaft auch nichts.

Wenn man den Job kann, den man macht, dann reicht meistens schon ein einfaches „Glimmen“ als i-Tüpfelchen aus. Man muss nicht unbedingt lichterloh für seinen Job brennen, denn dann ist man irgendwann ausgebrannt (Burn-out). Wenn man aber nur leicht vor sich her glimmt, dann macht der Job auch Spaß, man handelt trotzdem rational und man kann dort Erfüllung finden.
Aber selbst das „Glimmen“ ist keine Voraussetzung. Mein Job kann mich auch nicht komplett erfüllen und ich kann trotzdem gute Arbeit vollrichten. Erfüllung kann ich auch wo anders finden.

Dr. Hermann Stapenhorst, 3A Partner

16.03.2017

Für seinen Job muss niemand brennen, wohl aber der wirkliche Entrepreneur für sein Unternehmen. Leidenschaft und Arbeitsqualität gehören eng zusammen; sie sind zwei Seiten der selben Medaille; durchgängig gute Arbeit ist Ausdruck von Leidenschaft und ohne sie nicht zu leisten.

Mike Freche

16.03.2017

Sorry aber auch ich kann in meinen Jobs nur meine volle Leistung abrufen wenn ich Leidenschaft spüre. Dann gerne 150%. Es war bisher immer so, dass wenn ein Job zur Routine wurde……die Leidenschaft flöten ging…..ich mich nach Veränderung umgesehen habe. Für mich ist es jedesmal traurig zu sehen wenn Menschen ihre tägliche Arbeit ohne Spirit und Leidenschaft leisten. Einfach so, ganz rational. Dann frage ich mich oft wie lange es dauert bis diese durch elektronische Lösungen ersetzt werden. Naja….da habe ich lieber Ecken, Kanten und Leidenschaft.

Nesrin Göker

16.03.2017

Leidenschaft ist überbewertet, es braucht Können, Professionalität und Verantwortungsgefühl und vieles Andere nebst Motivation (Leidenschaft)

Susanne Kühn

16.03.2017

Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf! Ich sehe das ganz genau so. Gerade die Menschen, die für Ihren Job brennen, sind auch die die schlussendlich ausbrennen, enttäuscht sind weil „nichts“ zurückkommt und keiner sieht wie sehr Sie sich doch engagieren und aufreiben. Das Ergebnis ist Burnout. Und dann wenn man ausgebrannt und krank ist stellt man fest, dass es auch ohne einen geht und die anderen mit viel weniger Engagement und Enthusiasmus für Ihren Job genau die gleichen Ergebnisse erzielen!

Michael Gerz

16.03.2017

Meines Erachtens ist es sehr hilfreich, die Gedanken von Herrn Kitz ernst zu nehmen. Man singe auch einmal das Lob des so gescholtenen „Mittelmaßes“. Ohne den „Mittel“stand (in anderem Zusammenhang: das Rückgrat der deutschen Wirtschaft), ohne die Masse an soliden, pflichtbewussten Mitarbeitern ist jeder leidenschaftliche „Top-Performer“ hilflos. Die begriffliche Inflation in unserer Umgangssprache – besonders als Führungskräfte – verschleiert, was jedermann schon der Gaussschen Normalverteilung entnehmen kann. Als Berater erlebe ich oft genug, wie der leichtfertige und unreflektierte Umgang mit Begriffen und Ansprüchen eher Ursache für Frustration von Mitarbeitern als für deren wohl beabsichtigte „Motivation“ ist. Lasst also die „Leidenschaftlichen“ ihr Ding machen – aber zivilisiert ihren Übermut durch Realitätssinn und ethische Rahmenbedingungen. Und hört auf, dem pflichtbewußten Mitarbeiter ein schlechtes Gewissen zu machen, weil er neben der Arbeit noch andere menschliche Werte kennt und seine Energie auch dafür investiert.

Romy Leberling

16.03.2017

Wenn ich Leidenschaft als das betrachte, was ich wirklich gern tue und was mich brennend interessiert und dann meine Werte sowie meine Talente dazunehme, geht es – sofern die Rahmenbedingungen stimmen – nach meiner Erfahrung wieder auf.
Der Herzchirurg ohne Talent zum Fahren eines LKW verliert dann schnell seine Leidenschaft am LKW fahren. Und ein talentierter aber leidenschaftsloser Herzchirurg ohne Interesse an seinem Job, der desinteressiert und gleichgültig operiert, sollte über einen Job-Wechsel nachdenken. Und das nicht nur zum Wohle seiner Patienten, sondern auch vor dem Hintergrund, dass Arbeitszeit immer auch Lebenszeit ist.

Dr. Bernd Schmid

16.03.2017

Ich kann dem nach 40 Jahren Erfahrung mit Qualifikation von Professionellen und Entwicklung von Lernkultur in Organisationen nur zustimmen. Die Bedeutung von persönlicher Motivation für Engagement und Zufriedenheit bei der Arbeit wird überschätzt. Manche setzen in einseitigem Übermass auf Begeisterung und Selbstverwirklichung. Und das kann sich zur Realitätsverdrängenden Sucht auswachsen. Propaganda für diese Art der Überforderung von Individuen gibt es in Medien, auf Kongressen und auf dem Bildungsmarkt genug. Da müssen sich manche fragen, ob sie sich nicht als Dealer mit solchen Suchtmittel ungerechtfertigt bereichern. Begeisterungsfeuerwerke sind auch einfacher abzubrennen als nachhaltig die Schmelzöfen für Kultur von Lernen und Arbeiten in Gang zu halten. Gute Kultur bringt das Beste der Individuen in den Vordergrund und vernetzt es untereinander, so dass sie zum Selbstläufer wird. Dafür muss allerdings zunächst viel und intelligent investiert werden. Dass es ohne Motivation der Einzelnen nicht geht, wurde ja als Umkehrschlussfalle deutlich gemacht. Ob Leistung und Zufriedenheit in Organisationen hoch sind, hat also mehr mit nachhaltiger Pflege von Arbeits-, Führung- und Lernkultur zu tun. Werden hier Strukturen, Prozesse und Strategien nicht klug gestaltet, verbrennen sich Einzelne im Versuch dennoch Außerordentliches zu leisten.

Charles Kunow

16.03.2017

Na ja, warum soll „für etwas brennen“ ausschliessen, sich das notwendige Professionelle dazu auch anzueignen? Durfte schon bei vielen dazu beitragen, dass ihr Hobby zur Profession wurde – mit exzellenten Erfolgen … Es braucht Herz und Verstand zum Gelingen .. ohne Herz kein Top Ergebnis und ohne Verstand auch nicht ..

Josef Kittl

16.03.2017

Für seine Arbeit zu „brennen“ ist nicht verkehrt. Aber leider nicht bei sämtlichen Arbeiten möglich.
Ich glaube kaum, dass jemand der notgedrungen im Logistikbereich Päckchen für einen Hungerlohn ausfährt, für seine Arbeit „brennt“. Eher macht er das, um überhaupt einen Job zu haben.
Ich selbst „brenne“ für meine Arbeit, sprich mir macht sie Spaß. Dennoch gibt es Zeiten, wo ich am Liebsten alles hinwerfen würde. Nämlich immer dann, wenn es einfach zuviel wird.
Aber, wenn man Verpflichtungen hat, dann kann man nicht einfach alles hinwerfen.

Gunther Tutein

17.03.2017

Danke. Schöne Worte.
Ich glaube auch, dass das Vorhalten des Optimal Bildes des leidenschaftlichen Arbeiters mehr Druck erzeugt als dass es sinnvoll ist. Natürlich ist es schön, seinen Job so zu wählen oder zu gestalten, dass er möglichst gut zu mir passt.
Als Soll-Bild die Leidenschaft hoch zu halten macht in meinen Augen nur alle unglücklich. Denn für 99% der Leute halte ich alltägliche Leidenschaft für nicht erreichbar.

Lars Hahn

17.03.2017

Wer zu lange brennt, brennt aus.

AD

22.03.2017

Sehr guter Artikel! der die dumme Floskel „für den Job brennen“ / „für das Produkt brennen“ / „für das Unternehmen brennen“ kritisch beleuchtet.
Denn wie alle Floskeln, wird auch diese völlig unreflektiert reproduziert, und bis zur absoluten Unsinnigkeit verbraten. Wo etwas brennt, entsteht temporär Hitze, und übrig bleiben VerbrennungsRückstände die niemand haben will. Wem es also nur um ein StrohFeuer geht, für den mag die Methapher „für etwas brennen“ zutreffend sein. Impliziert aber auch ein ständiges Nachlegen von neuem Stroh und die Entsorgung der BrennStoffReste. Und da kein Feuer ewig währt, wird der Brand erlöschen. Diejenigen aber, denen Nachhaltigkeit wichtiger ist, als ein StrohFeuer, müssen auch nachhaltigere Fähigkeiten und Eigenschaften in den Fokus nehmen. Begeisterung mag beim Verkaufen helfen, aber gekauft wird aus Überzeugung. Freude an der Arbeit tut gut, aber dauerhaft gute Arbeit ist mehr. Um positive Ergebnisse nachhaltig zu erzielen, benötigt es bedeutend mehr, als nur einen Brand. So gesehen ist die Floskel „für etwas zu brennen“ im Zusammenhang mit langfristigem Erfolg im Job und im Unternehmen völlig widersinnig, oberflächlich und dumm. Wer mit Begeisterung überzeugen kann, muss nichts abbrennen. Ausgenommen Feuer-Werker, Feuer-Wehren, Heizer, Griller …

Stephanie Huber, Mediatorin

24.03.2017

Sehr geehrter Herr Dr. Kitz,
ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie in Ihrem Leben wahre Leidenschaft kennen lernen. Das Gefühl für eine Sache oder Person zu brennen. – Diese Gefühle erwärmen das Herz und lassen es leuchtend brennen.
Mit den besten Wünschen

sven

18.06.2017

Ich stimme dem Artikel bedingt zu. Ich habe 15 Jahre lang meinen Traumjob gelebt und bin dadurch zum führenden Experten geworden, ohne Leidenschaft wäre das gar nicht möglich gewesen. Doch stimme ich auch bedingt einigen Kommentaren zu, in denen es heisst „Wer brennt, brennt aus“ oder „es wird einem nicht gedankt“.
Die Erfahrungen als Angestellter waren für mich anders, als in der Selbstständigkeit. Selbstständig zu sein ohne Leidenschaft geht natürlich, wenn es vielleicht nur ums Geld verdienen geht, aber Träume (wenn man denn die Möglichkeit hat sie zu verwirklichen) werden nur wahr, wenn man sich „Leidenschaftlich“ hingibt.
Die Wahrheit oder besser gesagt „Realität“, liegt in den -wohlhabenden Industrieländern- für mich irgendwo zwischen „Gejammer“ und „Unglück“.
Als Deutscher hat man „global gesehen“ den Hauptgewinn im Lotto gewonnen und das „Übel“, sich für einen Beruf -ob aus Leidenschaft oder anderen Gründen- entscheiden zu dürfen. Das Gejammer ist groß, wenn man sich seine Träume nicht erfüllen kann oder man unglücklich wird/ist…
Mein Beruf hat mich in sehr viel ärmere Länder geführt, deren Glück nicht vom Beruf abhängt, sondern von Gesundheit, regelmäßigen Mahlzeiten und Familie.
Die Deutschen (sowie auch andere Nationen) fangen erst langsam an, aus alten „Gedanken“- Strukturen auszubrechen (hauptsächlich die jüngere Generation) und verfolgt eher das persönliche Lebensglück, als das Berufliche.
Ja, Deutschland ist aufgrund unserer Tüchtigkeit und anderen Eigenschaften sowie gedanklichen Einstellungen und Arbeitsmoral eine der führenden Wirtschaftsnationen auf der Welt- dafür sind wir auch als die unwitzigste Nation verschrieen, haben „Wutbürger“ und „Gutmenschen“…
Was ich sagen will: Alles läuft darauf hinaus, dass wir uns mehr und mehr darüber bewusst werden, dass es nicht nur um Arbeit, Arbeitswillen, Tüchtigkeit und Jahrezehntelang weitergegebene strenge Arbeitsmoral geht, sondern, dass z.b. Work/Lifebalance immer mehr in den Fokus gelangt. Kurzum, die Menschen kapieren langsam, dass es ums Glücklichsein geht, dieses Glück erreicht man nicht durch Arbeit (sicher einige Menschen oder zum Teil), sondern durch Achtsamkeit, Liebe und Gesundheit. Welche Arbeit man dann vollzieht, ist letztendlich vollkommen egal, denn viele Menschen in ärmeren Ländern sind viel glücklicher als die Deutschen, woran das wohl liegt?- Klar, die kennen es nicht anders, haben sich damit abgefunden und sind entsprechend auch nicht wohlhabend- doch sie sind glücklicher!

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