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Debatte um das Homeoffice: Schluss mit Heimarbeit?

Nachdem IBM tausende Mitarbeiter aus dem Homeoffice wieder in die Firmenbüros zurückrief, ist auch in Deutschland wieder eine Debatte um die moderne Heimarbeit entbrannt. Dabei gehen der Trend und die Wünsche der Arbeitnehmer eindeutig in eine Richtung.

Eigentlich gilt das Homeoffice schon seit einigen Jahren als etablierte Methode der modernen Arbeitswelt. Weltweit nutzen Millionen von Menschen bereits die Möglichkeiten, die ein regelmäßiger oder flexibler Arbeitsplatz zuhause bieten kann. Auch die Zahl der Kritiker, die beim Homeoffice oft fehlende Kontrolle und Ineffizienz des Arbeitnehmers bemängeln, ging kontinuierlich zurück.

Doch seit der Technologiekonzern IBM vor einigen Wochen verkündete, alle im Homeoffice arbeitenden Mitarbeiter seiner Marketingabteilungen wieder in die Büros der sechs größten Firmenstandorte in den USA zurückzuholen, unken viele Medien wieder über das nahende Ende des Homeoffice-Trends. Viel zitiert wurde in diesem Zusammenhang stets eine Harvard-Studie, die zum Ergebnis hat, dass eine physische Nähe von Team-Mitarbeitern besser sei, um innovative Ideen hervorzubringen. Darauf hatten sich vor IBM schon andere US-Unternehmen wie Yahoo oder Reddit berufen, die ebenfalls Mitarbeiter zurück in ihre Zentrale beordert hatten.

Selbst in Deutschland bröckelt das Bollwerk „Präsenzpflicht“

Doch der vermeidliche Trend über das Ende des Homeoffice ist keiner – und genau genommen zeigt er sogar in die andere Richtung. Selbst in Deutschland – jahrhundertlang ein Bollwerk der Präsenzpflicht – werden in den kommenden Jahren nicht weniger, sondern immer mehr Arbeitnehmer einen Teil ihrer Arbeit von zu Hause aus erledigen. Bereits jetzt bieten rund 40 Prozent aller deutschen Unternehmen ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, zumindest teilweise zuhause zu arbeiten. Eine Steigerung um 60 Prozent gegenüber 2014. Weitere 30 Prozent wollen in den nächsten Jahren flexiblere Arbeitsplatzlösungen anbieten.

Damit treffen sie einen Nerv ihrer Beschäftigten. Denn auch immer mehr von denen wünschen sich Homeoffice-Angebote von ihrer Firma. Einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge möchten zwei Drittel aller Deutschen die grundsätzliche Chance haben, ihre Arbeitsweise – im Rahmen des logistisch Machbaren und Sinnvollen – selbst zu bestimmen. Sowohl was die Zeiteinteilung angeht als auch die Wahl der Arbeitsortes. Und bei Letzterem präferiert eine große Mehrheit die eigenen vier Wände – zumindest für ein oder mehrere Tage in der Woche.

Die meisten Studien geben den Arbeitnehmern recht: Weil E-Mail, Chat-Apps und Videokonferenzen das flexible Arbeiten von überall her komfortabler machen, überwinden Heimarbeiter die Kommunikationsbarrieren heute besser als früher – so besteht viel weniger Gefahr der „Entfremdung“ von der eigenen Firma. Und weil Homeoffice-Arbeiter zufriedener seien, so die Wissenschaftler, seien sie auch engagierter und produktiver. Und obwohl sie häufiger mehr Zeit insgesamt für ihre Arbeit aufwenden würden, auch jenseits von Tarifvereinbarungen, hätten sie oft trotzdem das Gefühl, dass ihre Work-Life-Balance besser ist als bei Kollegen aus den Firmenbüros.

Insgesamt also deutet nichts darauf hin, dass das Modell Homeoffice zum Sterben verurteilt ist – nicht nur, weil sich eine immer größere Mehrheit der Beschäftigten genau das wünscht. Auch werden die Erfahrungen mit der Heimarbeit besser in neue Organisationsformen umgewandelt. Dazu gehören auch sogenannte „Officeoffice“-Tage, die für Arbeitnehmer eingerichtet werden, die eigentlich ausschließlich zuhause arbeiten. Denn – auch das zeigen Homeoffice-Studien – am besten funktionieren Teams, wenn man die lieben Kollegen wenigstens ab und zu mal persönlich trifft. Es muss ja nicht immer Montag bis Freitag sein.

Text: Thorben Hansen

Aufruf zur Diskussion: Was halten Sie, liebe Spielraum-User, von der Diskussion über Homeoffice-Angebote? Welche Erfahrungen haben Sie mit der Heimarbeit gemacht? Verraten Sie es uns, unten in den Kommentaren.

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4 Kommentare

Marco Lutz

27.03.2017

Home-Office an 1,5 Tagen die Woche hat die Effizienz und Zufriedenheit gesteigert. An Präsenztagen finden viele Meetings und Kommunikation statt und im HO können konzeptionelle Arbeiten besser erledigt werden. Als Familienvater kann man seien Kinder auch mal sehen und am Abend noch die EMails abarbeiten o.ä.
Für mich ist klar eine Kombination aus Präsenz und HO ist ein goldener Weg!

Gordana M.

29.06.2017

Hallo,
ich denke die Idee vom Office ist super, nur wurde sie nicht vernünftig umgesetzt.Der „Lifestyle“ des modernen Home Office ist im Hinblick der zunehmenden Vernetzung ein allgegenwärtiges Thema.
Besser fände ich es, wenn man Freelance in bestehnde Projekte einbringen könnte. Somit könnte man eine Win-Win-Situation für jeden schaffen.

Ich denke die Zukunft heißt nicht „Home-Office“, sondern wechselseitige Interdependanz. Ein Team besteht aus Individuen und jeder bringt verschiedene Ansichten an den Tisch. Nur so können im 21. Jahrhundert sehr gute ‚Produkte und Dienstleistungen entstehen.

Vg
Gordana

Ilse L

04.09.2017

Leider gibt es noch immer sehr viele Führungskräfte, deren Führungsstil streng konservativ bis rückständig und stark kontrollorientiert ist. Das sind oft „altgediente“ Management-Mitglieder, die vor 20 oder 30 Jahren eben nichts anderes gelernt haben als eine autoritäre Hierarchie, in der der „Obere“ seine „Unteren“ jederzeit „im Griff“ haben muss. Das beinhaltet detailliertes Anweisen von Tätigkeiten wie ständige, kleinmaschige Kontrolle. Arbeitnehmer werden als reine Befehlsempfänger verstanden, das „untere und mittlere Management“ als reine Multiplikatoren der obersten Befehle – eine Organisation ähnlich wie beim Militär. Eigenständigkeit wird als Aufbegehren und Ungehorsam geahndet, ein „guter“ Mitarbeiter ist zur zugewiesenen Zeit am zugewiesenen Platz, fleißig und unterwürfig. Das Delegieren von Verantwortung ist nur im kleinsten Rahmen üblich. Der Chef will ständig sehen können, wer wo was tut.


Aber die Arbeit an sich hat sich gewandelt. Sie ist komplexer geworden, Fachkenntnisse werden zunehmend in Spezialgebiete aufgesplittert. Demgemäß wird heute von qualifizierten Mitarbeitern eigenständiges Denken und Handeln erwartet. Der Mitarbeiter soll stets die Interessen des Unternehmens im Sinn haben und aufgrund seiner Kenntnisse und Erfahrungen selbstständig Entscheidungen fällen, oft auch kurzfristig. Da kann er gar nicht ständig den Chef fragen. (Zumal dieser den Mitarbeiter dann eigentlich gar nicht braucht, wenn er sowieso alles selbst tun und entscheiden muss.) Abgesehen davon ist es gar nicht mehr erforderlich, dass der Mitarbeiter zu bestimmten Zeiten an einem zugewiesenen Arbeitsplatz präsent ist. Im Gegenteil, seine Arbeitszeit ist flexibel geworden und hängt von der Notwendigkeit ab. Kein verantwortungsbewusster, motivierter Mitarbeiter wird um 17 Uhr eine wichtige Besprechung verlassen oder einen technischen Test abbrechen, weil seine angeordnete Arbeitszeit abläuft. –

Daneben ist unsere Siedlungsstruktur streng genommen fehlerhaft. Ein Problem, dass durch häufige Standortverlegungen und Jobwechsel immer größer wird. Die meisten Arbeitnehmer wohnen weit entfernt von ihren Arbeitsstellen. Täglich wälzen sich Massen von Fahrzeugen durch Straßen und Städte, mit den bekannten Problemen – Stau, Abgase, Feinstaub, Lärm. Die öffentlichen Nahverkehrsmittel wurden seit Jahrzehnten kontinuierlich abgebaut, so dass in etlichen Regionen gar keine Bahn- oder Busverbindung mehr verfügbar ist. Und wenn, dann ist ihre Nutzung häufig unkomfortabel, umständlich und beschwerlich. Also keine wirkliche Alternative zum Autofahren.

– Vor diesem Hintergrund bietet sich natürlich Homeoffice als zeitgemäßes Tätigkeitsumfeld an. Es hat Vorteile für beide Seiten. Als Arbeitnehmer kann ich weite Wege vermeiden, meine Einrichtung selbst bestimmen, meine Arbeit weitgehend selbst einteilen und meine Zeiteinteilung so vornehmen, dass sie mir und dem Arbeitszweck entgegenkommt. Abgesehen davon muss ich ja nicht immer zu Hause arbeiten, man kann z.B. Bürotage vereinbaren, an denen sich alle Kollegen treffen.
Als Arbeitgeber brauche ich weniger teure Bürofläche vorzuhalten, habe ein weiter gefasstes Bearbeitungspotential gegenüber Kunden und Zuarbeitern – und vor allem motivierte Mitarbeiter.

Nur hat sich das eben unter den Arbeitgebern noch nicht so ganz herumgesprochen.
Selbst partielle Homeoffice-Tätigkeit wird häufig entschieden abgelehnt. Ohne Begründung, einfach mit der Aussage „Das haben wir nicht und wollen das auch nicht“. Wenn man nachhakt, ist schlicht Unwissen die Ursache. Führungskräfte fürchten um ihre Kontrolle, auch wenn sie die in Wahrheit jetzt schon nicht mehr haben (ein beschäftigt aussehender Mitarbeiter kann auch private Emails lesen oder Filme gucken). Oder sie befürchten versicherungstechnische Nachteile, auch wenn das gesetzlich sogar zu ihrem Vorteil geregelt ist. (Wenn der Arbeitnehmer irgendwo in der Wohnung einen Unfall hat, ist das sein Risiko – in den Räumen der Firma ist diese zuständig).

C.K.

05.09.2017

Hallo,
Ich arbeite selbst pro Woche 1-2 Tage immer mal wieder im Homeoffice. Mein Arbeitsweg sind mindestens 45 min , je nachdem ob ich morgens mein Kind in die Kita bringe oder gleich durchfahren kann.
Wo wir schon fast bei meinen Hauptfaktor für Homeoffice sind. Es geht hier nicht mal darum morgens länger schlafen zu können, sondern eher darum, dass ich nicht für jeden Arzttermin oder jedes Elterngespräch der Kinder einen halben oder ganzen Tag frei nehmen muss. Meine Arbeitszeit verschiebt sich dann maginal um die Zeitaufwendung die man in das Familienmanagement steckt. Soweit die Vorteile.
Es gibt aber auch Gefahren: man neigt natürlich eher dazu sich ablenken zu lassen wenn man sich in den eigenen 4 Wänden befindet. Dann macht man schnell noch die Wäsche und putzt die Badewanne und verpulvert dann an solche Tätigkeiten einen wichtigen Teil seiner Konzentrationsfähigkeit des Tages.
Wenn man die Disziplin hat sich von solchen und anderen Dingen nicht ablenken zu lassen dann ist es eine gute Alternative.
Ich persönlich bevorzuge jedoch das Büroklima da es ein stimmulierenderes Arbeitsklima bietet, werde aber weiterhin meiner Work-Family-Life-Balance zu Liebe auch immer wieder 1-2 Tage im Homeoffice arbeiten.