Change 2017

Immer mit der Ruhe: Wie der "Slow-Trend" die Arbeitswelt verändern kann

Stress und Hektik, nein danke: Bei immer mehr Menschen wächst die Sehnsucht nach Entschleunigung zugunsten höherer Lebensqualität. Der „Slow-Trend“ hält mittlerweile auch im Job Einzug – auch zum Vorteil für achtsame Arbeitgeber.

Matthias Horx

Matthias Horx

Der Zukunftsforscher und Soziologe Matthias Horx sieht in der Gesellschaft einen wachsenden Drang nach Entschleunigung: „Der Slow-Trend wird sich in vielen Bereichen durchsetzen. Es gibt ein tiefes Bedürfnis nach Entschleunigung im Sinne höherer Lebensqualität“, sagt der Publizist und Leiter des Zukunftsinstituts in Frankfurt.

Eine Weiterführung des Slow-Trends sei der Achtsamkeits-Trend, der zu einem der großen kulturellen Leit-Trends der Zukunft avanciere.Horx erklärt: „Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie Opfer eines Wandels sind, auf den sie keinen Einfluss haben.“ Achtsamkeits-Management setze genau an diesem Problem an. Das bisher propagierte Arbeitsmodell der Rationalisierungs-Effizienz – möglichst hoher Output und Profit bei gleichbleibenden Ressourcen – sei an Grenzen gelangt.

„Achtsamkeits-Management zielt hingegen auf Effektivität im Sinne besserer Motivation und Kooperation zwischen Mitarbeitern, sowie besserer Sinngebung. Jedes Unternehmen muss ja eine Zukunfts-Aufgabe lösen. Wenn die Mitarbeiter diese Zukunft im Herzen spüren, dann wird Arbeit wieder lebendig“, sagte Horx.

„Vieles von dem, was wir Arbeit nennen ist eigentlich tote Zeit“

Arbeit, erläutert Horx, diene schließlich nicht nur zum Lebensunterhalt, sondern gebe auch Gestaltungsräume und bestimme die Identität. Neben finanziellen Aspekten sorgten vor allem Anerkennung, Spaß an der Arbeit, Kreativität sowie gemeinsame Ziele und Werte für eine hohe Arbeitsmotivation der Beschäftigten. Organisationen, die ein Achtsamkeits-Management beherzigten, seien kreativer und könnten die Potenziale ihrer Angestellten besser nutzen. Horx ist sich sicher: „Die Arbeitswelt wird sich weiter aus dem alten Joch der Industriegesellschaft befreien, allen Unkenrufen zum Trotz wird dabei auch viel Positives entstehen.“

Im Rahmen neuer Umverteilungs- und Lebensqualitätsdebatten sowie neuer Arbeitskulturen im Kontext von Coworking und Teamwork entstehe eine neue Diskussion über „positive Flexibilisierung“.Interessant seien laut Horx auch Fragen wie: „Wie kann man Arbeit auch für Ältere gestalten? Und: Sind 30 Stunden nicht genug in der Woche, wenn man Kinder hat – für beide Geschlechter?“ In Skandinavien tendiere die Arbeitszeit für Männer und Frauen Richtung 30 Stunden pro Woche, und erstaunlicherweise habe sich herausgestellt, dass dabei die Produktivität kaum zurückgehe. „Das bedeutet, dass ziemlich viel dessen, was wir Arbeit nennen, eigentlich tote Zeit ist.


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8 Kommentare

Jan Segbers

11.01.2017

…das Projekt in Skandinavien ist aber leider gescheitert.

Mal ehrlich.. ist das nicht ein Milchmädchen Rechnung?

Alexandra Specht

11.01.2017

Natürlich wäre es schön, wenn 30 Stunden Arbeit pro Woche dauerhaft ausreichten – leider ist das finanziell dann oft nicht der Fall. Denn: Arbeiten mit Kind bedeutet auch gleichzeitig Mehrkosten durch Tagesbetreuung für ebendieses Kind und weniger Einzahlung für die Rente (Exkurs: Welche Rente? Ob es die noch gibt, wenn ich soweit bin?) für denjenigen Partner, der „weniger“ arbeitet als Vollzeit.
Achtsamkeit und Entschleunigung sind sicher gute Motivatoren für den Spaß an der Arbeit. Doch wenn die Unsicherheit bleibt, wie lange man diesen Spaß noch machen darf (Stichwort: Befristete Verträge), kann man die Motivation auch dauerhaft vielleicht nicht aufrechterhalten.

Birgit

11.01.2017

Ich arbeite schon seit 15 Jahren in Schweden. Standard ist 40 Stundenwoche. Auch für Eltern! Wenn jemand in Schweden aufgrund von Kindern Teilzeit arbeitet, wird auch das Krankengeld/Rente weniger. Ansonsten habe ich überwiegend schlechte Erfahrungen mit dem Kinderversorgungssystem in Schweden gemacht. Mit den Erfahrungen stehe ich übrigens nicht allein da. Politiker sind wohl Politiker geworden, weil sie Misere als etwas Positives verkaufen können!?!

Conny S.

11.01.2017

Also, nach meiner Kenntnis ist das Projekt in Skandinavien nicht gescheitert, sondern endete planmäßig nach zwei Jahren „Testlauf“ und wird jetzt ausgewertet. Für mich ist es unverständlich, dass es angesichts des technischen Fortschritts allein in den letzten 40 Jahren nicht schon längst eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit gab. Ein Vollzeitjob sollte heute 30-32 Wochenstunden nicht überschreiten, selbstverständlich bei vollem Gehalt/Lohn. Die Menschen wären nicht schon mit 50 völlig verschlissen, es gäbe weniger stressbedingte Unfälle, weniger krankheitsbedingten Ausfall (z.B. Burnout), die Qualität der Arbeit wäre höher (geringere Fehlerquote), weil eine höhere Lebensqualität die Freude an der Arbeit steigert und der Stressfaktor erheblich reduziert würde. Darüber hinaus könnten einige Arbeitssuchende in die entstehenden (Zeit-) Lücken springen, was die Gesellschaft ebenfalls entlastet. Von dem Wunsch, lebenslänglich im gleichen Job zu arbeiten, müssen wir uns allerdings lösen. Aber auch für eine parallele Weiterbildung oder ein zweites Standbein wäre bei den oben beschriebenen Bedingungen mehr Zeit. Ich bin über 50, selbstständig, und praktiziere dieses Modell seit längerer Zeit – es funktioniert !

Dieter T.

11.01.2017

Conny S. – super, bin voll bei dir, gebe dir zu 100% recht. Wie komme ich in Kontakt mit dir, würde mich gerne mit dir austauschen. Kenne niemand der es aktuell schafft nach diesem Prinzip zu leben.

Franz J. Schweifer

11.01.2017

Der vermeintliche oder tatsächliche „Slow-Trend“ ist an sich ein überaus positives wie not_wendiges Signal. Schon vor 20 und mehr Jahren – also in einer vergleichsweise „langsamen“ Zeit – hielt ich das tempomanische Getue für höchst zweifelhaft und widersinnig. Dennoch scheint die „Sehnsucht nach Entschleunigung“ mehr denn je eine Illusion und „Achtsamkeit“ im umtriebigen Alltag weithin noch nicht angekommen zu sein. Denn die „4.0.-Wirklichkeit “ bildet das pure Gegenteil von „slow“ ab und suggeriert Schnelligkeit als d i e (h)eilige Maxime: schneller produzieren, studieren, konsumieren, kaufen, laufen, lieben, leben… Oder wie es in einem Werbe-Clip eines Telekom-Anbieters heißt: „Wer wartet, kommt auf dumme Gedanken.“

Und Hand aufs Herz: Wie schwer oder leicht fällt es, etwas erwarten zu können? Oder einfach einmal nichts zu tun? Oder jemand geduldig zuzuhören? Gut möglich, dass schon Sokrates es ab und zu eilig hatte, obwohl er die Muße als eine Schwester der Freiheit beschrieb. Aber er würde wohl nicht müde werden, uns doppelbödig zuzurufen: „Wer schneller lebt, ist früher fertig!“

Mathias M.

12.01.2017

Danke für den richtigen und wichtigen Beitrag Herr Horx.
Das Bewusstsein für Entschleunigung und Achtsamkeit wird gestärkt. Wenn es uns darüber hinaus gelingt, den Stellenwert guter Mitarbeiterführung umzusetzen , wäre viel gewonnen. Das werden (hoffenlich bald ) auch unsere Mitmenschen aus anderen Kulturkreisen erkennen

Lorenzo

12.01.2017

In der Summe ergibt 30 + 30 das gleiche wie 40 + 20. Nur dass es gerechter aufgeteilt ist. Warum 30 + 30 von den gleichen Leuten verteufelt wird, die ansonsten eine 3 jährige „Erziehungspause“ mit anschließendem 40+20 predigen, kann ich einfach nicht nachvollziehen.