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Personaler auf "HR-Safari": Ausflug in die Moderne

Zu wenig Verständnis, Innovation, Wagemut: In vielen Personalabteilungen sind New Work und Digitalisierung noch nicht angekommen. Eine spezielle „HR-Safari“ will das ändern.

Text: Maria Zeitler

Personaler bei "HR-Safari": Startups und Feelgood-Manager in freier Wildbahn sehen (©Alle Fotos: Good School)

Personaler bei „HR-Safari“: Startups und Feelgood-Manager in freier Wildbahn (©Alle Fotos: Good School)

Am 27. Oktober ist es wieder so weit: Im Morgengrauen werden 20 Personalexperten in einen alten grau-blauen Oldtimer-Schulbus (s. Aufmacherfoto) steigen. Zwei Tage machen sie eine Safari: Doch statt durch Botswana fahren sie durch Berlin und statt Steppenelefanten und Faultieren bestaunen sie Startups und Feelgood-Manager in freier Wildbahn. Sie lernen neue Tools und neue Organisationsformen kennen– eben alles, was Personaler brauchen, um ihre Abteilungen so umzubauen, dass sie in einer digitalisierten Welt noch funktionieren können.

Denn im Moment tun das die allermeisten überhaupt nicht. So lautet jedenfalls das vernichtende Urteil von Stephan Grabmeier, Experte für Digitale Transformation. „Die HR ist zur Erfüllungsgehilfin von Chefs und Führungskräften geworden“, kritisiert auch Simone Ashoff von der Good School. Was also tun? Die beiden taten sich zusammen und entwickelten die Idee der „HR Safari“. Weil viele Personalabteilungen „Lichtjahre von Innovation, technischem Verständnis und dem Bewältigen der Digitalisierung entfernt“ sind, wie Grabmeier sagt, musste die Idee auch etwas ganz Neues, etwas Andersartiges sein. „Von seminarraumgeprägten Vorträgen gibt es da schon viel zu viel“, sagt Grabmeier.

„Viele HR’ler haben keine Ahnung vom Digitalen“

Das Thema liegt den beiden am Herzen, denn wenn die Digitale Transformation in den Personalabteilungen nicht klappt, dann können ganze Unternehmen darunter leiden und zugrunde gehen. Simone Ashoff sagt: „Bei unserer Arbeit mit Unternehmen, die digital transformieren wollen, haben wir immer wieder festgestellt, dass die Digitalisierung außer mit Technik ganz viel mit Menschen zu tun hat. Und dass die, die für diese Mitarbeiter zuständig sind, also HR’ler, keine Ahnung vom Digitalen haben.“ Um ein Unternehmen erfolgreich zu transformieren, brauche es aber innovative HR’ler, „die gemeinsam mit den Kollegen das Geschäft und die Kultur neu erfinden wollen und zu großen Veränderungen bereit sind“.

Und genau an diesen Punkten setzt die HR Safari an: Auf der Tour durch Berlin machen die Personaler einige Stopps bei Unternehmen, die neue Tools einsetzen oder anbieten, die sie technisch weiterbringen. „Das fängt ja schon bei Feedbackprozessen an: In vielen Personalabteilungen gibt es Beurteilungsfragebögen, die werden – wenn man Glück hat – alle zwei Jahre mal aktualisiert.“ Mit Apps könne man Zufriedenheit und Feedback längst in Echtzeit abgreifen – oder sich agile Systeme bauen lassen, in denen man klassische Fragebögen und Tools koordinieren und jeweils dort anwenden kann, wo es Sinn macht“, sagt Stefan Grabmeier. Auch beim kollaborativen Arbeiten tue sich da viel Neues, zum Beispiel bei Netzwerken, auf die jeder Mitarbeiter auch von seinem mobilen Device zugreifen kann.“

HR'ler bei Besuch im Berliner Startup: "Es geht um Inspiration und um Beispiele für innovatives Verhalten, dass Personalern noch so oft fehlt"

HR’ler bei Besuch im Berliner Startup: „Es geht um Inspiration und um Beispiele für innovatives Verhalten, dass Personalern noch so oft fehlt“

Aber nicht nur technisch lernen die Personaler viel. Wenn der Oldtimer-Bus weiterfährt, kann der nächste Stopp auch ein Workshop mit einem Querdenker oder Visionär sein. Bei einer der letzten Safaris war das zum Beispiel ein Talent Management für YouTube-Stars. „Natürlich kann man sich da nicht direkt etwas für die HR in Unternehmen abschauen, aber es geht ja auch um Inspiration und um Beispiele für innovatives Verhalten, dass Personalern noch so oft fehlt“, sagt Stefan Grabmeier.

„Es gibt eine große Sehnsucht der Menschen, anders zu arbeiten“

Einer der spannendsten Parts an der Safari ist der Besuch verschiedener Berliner Startups. Bei der letzten Safari haben die Teilnehmer Sina Haghiri von Blinkist getroffen. Die App fasst Sachbücher zusammen, so dass man sie in wenigen Minuten lesen kann. In der „Personalabteilung“ arbeitet Haghiri aber ebenso wenig, wie er „Head of HR-Management“ oder Inhaber einer anderen Position ist: Denn zusammen mit den App-Gründern hat er bei „Blinkist“ die Hierarchien abgeschafft und „Holacracy“ eingeführt: Ein Organisationssystem, bei dem es kein klassisches Oben und Unten gibt und keine Posten mit mehr oder weniger Macht. Alles und alle sind darauf ausgerichtet, das Unternehmensziel zu erreichen. Doch dabei herrscht keine Anarchie: Die Mitarbeiter haben verschiedene Rollen inne mit einem bestimmten Ziel. So kann auch die Rolle „HR“ von mehreren Menschen eingenommen werden. „Rolle A steht dann in einem bestimmten Verhältnis zu Rolle B, C und D – es gibt natürlich auch Rollen mit Entscheider oder „Chef“-Verantwortung, aber auch die können sich mehrere Menschen teilen“, sagt Haghiri.

Dadurch entsteht kein klassisches Organigramm mit einem Boss oben und vielen Mitarbeitern unten, sondern ein großer Kreis mit dem Zweck, das Unternehmen erfolgreich zu machen und darin vielen Kreisen und Rollen, die dazu dienen, diesen Zweck zu erfüllen. Einfacher wird es dadurch nicht: „Es gibt eine 40-seitige Konstitution und man braucht eigentlich einen Mitarbeiter, der sich nur damit beschäftigt, dass ‚Holacracy’ richtig angewandt wird.“ Wenn das gelingt, ist der Erfolg wie bei „Blinkist“ riesig: Dadurch, dass alle eigenständig arbeiten, ist die Zufriedenheit der Mitarbeiter immens gestiegen, denn jeder macht, was er am besten kann – und gibt anderes ab. „Ich bin ja zum Beispiel für die meisten HR-Themen zuständig, Recruiting liegt mir aber zum Beispiel nicht. Das kann ich sagen, und dann ist es keine meiner Rollen und ein anderer, der Lust dazu hat, macht es. Wo könnte ich sonst als Personaler arbeiten und sagen, ich will kein Recruiting machen? Da fliege ich sofort raus. Also mache ich es mehr schlecht als recht und das schadet dem Unternehmen.“ Doch letztlich hat er mit der Einführung von „Holacracy“ doch den Grundstein gelegt, dass hochkarätige Fachkräfte sich für Blinkist interessieren: „Es spricht sich herum, dass man eigenständig arbeiten kann und es wird bald eine ganze Generation geben, die man nicht mehr anders erreichen kann“, sagt Haghiri.

Vortrag während der "HR-Safari": "Personaler müssen sich auf Augenhöhe mit dem CEO bewegen."

Vortrag während der „HR-Safari“: „Personaler müssen sich auf Augenhöhe mit dem CEO bewegen.“

Das sieht auch Marion King so: Seit zehn Jahren arbeitet sie in der Organisationsentwicklung, 2015 hat sie die „enfants terribles“, die „Schule für neues Arbeiten“ gegründet und begleitet die Personaler auf der HR-Safari. „Es gibt eine große Sehnsucht der Menschen, anders zu arbeiten. Sie merken, dass das alles nicht mehr gesund ist“, sagt sie. Heute berät King nur noch Firmen, die schon an sich arbeiten: „Wenn Geschäftsführer oder Personaler kommen und sagen: `Können sie dafür sorgen, dass es hier besser wird´, sage ich: Nur wenn sie auch dafür sorgen, dass es besser wird.“ Das Tolle an der HR Safari ist für sie: Hier machen genau die Leute mit, die etwas verändern wollen, aber noch lernen wollen, wie.

„Personaler brauchen ein neues Selbstbewusstsein“

Doch wenn die Personaler dann nach zwei Tagen Safari ganz viel wissen, ist ja noch nicht alles verändert. Sie müssen immer noch ihr Rollenverständnis ändern und von der „lebendigen Leiche“, wie Ex-Vorstand der Telekom Thomas Sattelberger die Branche nennt, zu einem lebenden, innovativen Part im Unternehmen werden: „Ich versuche den Teilnehmern dann auch mitzugeben, das sie sich auf den Weg machen müssen, sich auf Augenhöhe mit dem CEO zu bewegen, damit sie rauskommen aus der Dienstleisterrolle und rein in ein neues Selbstbewusstsein“, sagt King.

Ein guter Tipp ist dabei, nicht alles auf einmal, und überstürzt anzugehen, sondern die Transformation als Prozess zu begreifen und im Kleinen anzufangen: Auch Blinkist hat die „Holacracy“ erst in einem von vier Unternehmensbereichen eingeführt, bis die anderen Bereiche eingefordert haben, es auch zu übernehmen.

Im Kleinen anfangen, so hat das auch Tanja Friederichs gemacht: Sie war 2015 Teilnehmerin der Safari: „Ich habe mich schon länger mit Digitalisierung beschäftigt aber ich hatte keine Ahnung, wo die Trends hingehen und was ‚State of the Art’ ist“, sagt die Personalerin beim Netzteil-Hersteller Puls. „Ich habe total viel mitgenommen aus der Safari, es hat mich richtig angesteckt.“ Sie hat ein Pilotprojekt im „Active Sourcing“ gestartet, bei dem man aktiv in persönlichen Kontakt möglichen Mitarbeitern tritt, statt passiv auf Bewerbungen zu warten. „Wir haben auch eine ‚Change-Gruppe“, die versucht, aus jedem ‚geht nicht’ ein ‚geht doch’ zu machen.“ Frriederichs findet, die HR muss noch viel stärker Innovationstreiber sein: „Man muss sich behaupten und als Gestalter auftreten, nicht als bloßes ausführendes Organ.“ Als ihr CEO vor kurzem davon sprach, eine Wissensdatenbank einzurichten, „habe ich gleich klar gemacht: Das ist ein HR-Thema.“ Mittlerweile ist eine Kollaborationsplattform entstanden. Am eindrucksvollsten fand sie aber den Funken, mit dem sie bei der Safari angesteckt wurde: „Am liebsten hätte ich gleich alle Führungskräfte gepackt und da hingeschickt, damit sie auch den Spirit mitbekommen“, sagt sie.

In Fällen wie diesem und einigen anderen konnten die Macher der Safari ganz konkret beitragen, die Rolle der HR zu verändern und die Digitalisierung voranzutreiben. Und das Beispiel von Tanja Friederichs zeigt: Es funktioniert nicht nur dort, wo man Mate trinkt und in der Mittagspause kickert.

(Mehr Infos zur nächsten HR-Safari im Oktober gibt es hier.)

1 Kommentare

Stephan

01.09.2016

Absolut empfehlenswert, die Tour.
Waren 2 1/2 super lehrreiche und spaßige Tage – bin bei Version 2.0 wieder dabei!