Lebensläufe

Neustart als Ü35? Ja, das geht.

Was tun, wenn man spät merkt, den falschen Job gewählt zu haben?  Um sein Berufsleben umzukrempeln, braucht es einen guten Plan, ein finanzielles Polster – und viel Mut

In ihrem alten Beruf als Assistentin war Kerstin Till nicht glücklich. Heute arbeitet sie als selbständige Psychologin. (© Foto: Oliver Pracht / dpa)

In ihrem alten Beruf als Assistentin war Kerstin Till nicht glücklich. Heute arbeitet sie als selbständige Psychologin. (© Foto: Oliver Pracht / dpa)

Kerstin Till war total frustriert. Zwar hatte sie einen gut bezahlten Job als Direktionsassistentin in einer großen Firma, doch das war es irgendwie nicht. „Ich hatte keinen eigenen Verantwortungsbereich, konnte nicht selbständig arbeiten“, erinnert sie sich.

Während eines längeren Auslandsaufenthalts mit ihrem Mann in China reifte ein Entschluss in ihr: „Ich will studieren.“ Doch so einfach war das nicht. „Ich hatte kein Abitur, hätte über eine Eignungsprüfung BWL studieren können.“ Das allerdings wollte sie nicht, sondern erstmal die Allgemeine Hochschulreife machen, damit ihr alle Möglichkeiten offen stehen.

Während des Abiturs, das Kerstin Till mit 40 Jahren bestand, kam sie zum ersten Mal mit dem Fach Psychologie in Berührung – das Interesse war geweckt. Doch sie wollte keinen Bachelor machen und suchte so lange, bis sie 2005 noch eine Hochschule fand, an der sie auf Diplom studieren konnte. „Ich hatte einen Plan, aber ich habe festgestellt, dass man eine gewisse Flexibilität braucht, um zum Erfolg zu kommen“, sagt die selbstständige Psychologin heute. Und: „Der Frust war der größte Energiegeber und Motivator, um das durchzuziehen.“

Früher machte man frustriert bis zur Rente weiter – heute wird gewechselt

Till ist kein Einzelfall in der Arbeitswelt. Immer wieder stellen Menschen fest, dass ihr gewählter Beruf nicht der richtige ist, oder dass er sie nach Jahren nervt und frustriert. Früher ging man auch in solchen Fällen trotzdem im gewählten Job in Rente – oft auch aus Mangel an Alternativen. Heute sei das anders, sagt Michael Ziegelmayer. Er ist der Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Der Arbeitsmarkt habe sich völlig verändert, für viele sei es normal, dass die Arbeit sich immer wieder verändert. „Eigentlich ist das gut, denn dass man ein Erwerbsleben lang denselben Job macht, ist in der Psyche nicht angelegt.“

Auslöser für eine späte berufliche Umorientierung gibt es eine ganze Menge, sagt Gudrun Happich, Executive Coach in Köln. Das reicht von eigenen gesundheitlichen Problemen bis hin zu Sorgen, die man bei Verwandten und Freunden sieht. „Viele haben eine Sinnkrise so um die 40, manche auch zwischen 45 und 55.“ Oft sei dann nach außen hin alles prima – doch eigentlich sieht alles ganz anders aus. „Mancher kommt dann zu dem Schluss, dass Funktionieren nicht mehr funktioniert.“ Die Kinder sind groß, die Finanzen oft in trockenen Tüchern, „damit werden die Ablenkungsmanöver weniger, und man beschäftigt sich zwangsläufig mehr mit der eigenen Situation“, schildert Happich eine typische Ausgangslage für den Neustart.

Für Kerstin Till war die Situation irgendwann klar. „Ich wusste, dass ich nicht noch 20, 30 Jahre in einem Job bleiben will, der mich nicht ausfüllt.“ Also zog sie ihr Psychologie-Studium durch, umschiffte alle Hürden, die sich ihr in den Weg stellten. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich das Richtige mache“, sagt sie. Auch wenn das Studium mitunter kurios war, denn in Arbeitsgruppen saß sie mit Studenten, die ihre Kinder hätten sein können.

Vor einem Wechsel muss das Gerüst stehen

Bevor sie sich auf das späte Abenteuer Uni einließ, hatte sie viel nachgedacht und geplant. „Zwar braucht man viel Flexibilität, doch das Gerüst muss stehen.“ Auch Happich rät vor dem Sprung ins Ungewisse zu guter Planung: Ehe man tatsächlich kündigt und etwas ganz anderes macht, sollte man sich mit einem guten Freund, dem Partner oder etwa einem Coach beraten. „Viele kommen mit radikalen Ideen und wollen alles sofort umkrempeln.“ Doch dann gelte es, die Wurzel des Problems zu finden und einen Weg, die innere Leere und Unzufriedenheit abzustellen. Und das funktioniere am besten mit jemandem, der neutral zuhören kann.

Mitunter kann es schon reichen, mit einem Personalberater zu sprechen und sich eine neue Firma zu suchen. Und wenn es wirklich eine Selbstständigkeit sein soll oder ein ganz anderes Geschäft, müsse man auch die wirtschaftliche Seite beleuchten, sagt Ziegelmayer. „Dann braucht es einen Businessplan und eine kritische Analyse der ökonomischen Bedingungen.“ Schließlich ist nur eine Minderheit finanziell so abgesichert, dass sie sich eine Pleite leisten kann.

„Man muss das gut durchdenken, emotionale Schnellschüsse funktionieren nicht“, sagt Happich. Und: Es kommt die Zeit nach der Ausbildung oder der Eröffnung eines neuen Geschäfts, wenn die Ersparnisse vielleicht aufgebraucht sind oder es an die Bewerbung geht. „Die Unternehmen sind stark auf junge Leute ausgerichtet“, erzählt Till. Zwar bringe man als älterer Neueinsteiger viel mit, der Einstieg sei aber trotzdem schwer. Till hat sich für einen anderen Weg entschieden, den sie sich vielleicht in jüngeren Jahren nicht getraut hätte: Sie hat sich selbständig gemacht.

Text: Verena Wolff

9 Kommentare

Bianca Thiele

17.08.2016

Meinen großen Respekt an Kerstin Till und Glückwunsch zu diesem Weg! Veränderungswünsche, ob lediglich noch unentdeckt oder gar erfolgreich verdrängt, schlummern nicht selten über einen langen Zeitraum in uns. Zur Umsetzung braucht es oftmals erst äußere Faktoren. Auch mein Berufsweg erfuhr nach 30-jähriger Berufspraxis am Schreibtisch die Kehrtwende. Mit 47 Jahren ein nebenberuflicher Abschluss zur Geprüften Wirtschaftsfachwirtin IHK, im letzten Jahr mit knapp 51 Abschluss der nebenberuflichen Ausbildungen und Zertifizierungen zum Business-Coach und Tai Chi Lehrer. Seitdem lässt ein jeder Arbeitstag mein Herz singen! Für das Gelingen beruflicher Veränderung braucht es in erster Linie Begeisterung für die eigenen Pläne. Dann sind auch der erforderliche lange Atem und die unvermeidbare Bereitschaft zur Flexibilität von Leichtigkeit geprägt. Zur Finanzierung beruflicher Aus- und Weiterbildungsvorhaben halten die einzelnen Bundesländer Fördermitteltöpfe bereit. Keine Scheu vor dem Fördermittelaufwand, es gibt Berater und auch Coaches, die sich damit auskennen ;) Neustart als Ü35? Ja, das geht. Auch weit darüber, nur Mut!

Bianca Thiele

17.08.2016

Meinen großen Respekt an Kerstin Till und Glückwunsch zu diesem Weg! Veränderungswünsche, ob lediglich noch unentdeckt oder gar erfolgreich verdrängt, schlummern nicht selten über einen langen Zeitraum in uns. Zur Umsetzung braucht es oftmals erst äußere Faktoren. Auch mein Berufsweg erfuhr erst nach 30-jähriger Berufspraxis am Schreibtisch die Kehrtwende. Mit 47 Jahren nebenberuflicher Abschluss zur Geprüften Wirtschaftsfachwirtin IHK, im letzten Jahr mit knapp 51 Abschluss der nebenberuflichen Ausbildungen und Zertifizierungen zum Business-Coach und Tai Chi Lehrer. Seitdem lässt ein jeder Arbeitstag mein Herz singen! Für das Gelingen beruflicher Veränderung braucht es in erster Linie Begeisterung für die eigenen Pläne. Dann sind auch der erforderliche lange Atem und die unvermeidbare Bereitschaft zur Flexibilität von Leichtigkeit geprägt. Zur Finanzierung beruflicher Aus- und Weiterbildungsvorhaben halten die einzelnen Bundesländer Fördermitteltöpfe bereit. Keine Scheu vor dem Fördermittelaufwand, es gibt Berater und auch Coaches, die sich damit auskennen ;) Neustart als Ü35? Ja, das geht. Auch weit darüber, nur Mut!

Bianca Thiele

17.08.2016

Meinen großen Respekt an Kerstin Till und Glückwunsch zu diesem Weg! Veränderungswünsche, ob lediglich noch unentdeckt oder gar verdrängt, schlummern nicht selten über einen langen Zeitraum in uns. Zur Umsetzung braucht es oftmals äußere Faktoren. Auch mein Berufsweg erfuhr nach 30-jähriger Berufspraxis am Schreibtisch die Kehrtwende. Mit 47 Jahren ein nebenberuflicher Abschluss zur Geprüften Wirtschaftsfachwirtin IHK, im letzten Jahr mit knapp 51 Abschluss und Zertifizierung zum Business-Coach und Tai Chi Lehrer. Seitdem lässt ein jeder Arbeitstag mein Herz singen! Für das Gelingen beruflicher Veränderung braucht es in erster Linie Begeisterung für die eigenen Pläne. Dann sind auch der erforderliche lange Atem und die unvermeidbare Bereitschaft zur Flexibilität von Leichtigkeit geprägt. Zur Finanzierung beruflicher Aus- und Weiterbildungsvorhaben halten die einzelnen Fördermitteltöpfe bereit. Keine Scheu vor dem Fördermittelaufwand, es gibt Berater und auch Coaches, die sich damit auskennen. Neustart als Ü35? Ja, das geht. Auch weit darüber, nur Mut!

Thomas Nagel

18.08.2016

Den Titel hat dich eohl ein Dauer-Pubertierender ausgedacht: 35 Jahre soll schon “spät“ im Leben für eine Neuorientierung sein? So ein Unsinn. Man muss heute bis zur Rente jederzeit mig der Notwendigkeit rechnen, ob nun aus innerer Notwendigkeit oder wegen äußeren Zwängen.

Matthias S.

18.08.2016

Als ich die Überschrift gelesen habe, habe ich mich auf den Artikel gefreut. Das Thema trifft genau meine Lebenssituation. Leider geht der Artikel aus meiner Sicht aber nicht wirklich auf die verschiedenen Aspekte eines Neustarts im Sinne eines Wechsels in einen komplett anderen Beruf als Angestellter ein.
In die Selbständigkeit gehen… das kann man doch in jedem Alter. Da kommt es darauf an, dass die Idee gut ist, ausreichend Mittel vorhanden etc.. Aber ob man 21, 36 oder 51 Jahre alt ist – das ist doch egal. Da fragt ja keiner. Interessant wird es doch wenn man tatsächlich in eine andere Branche oder in einen komplett anderen Beruf als Angestellter wechseln will. Mich würde interessieren wie groß denn die Chance ist, als 46-jähriger einen Ausbildungsplatz oder als Quereinsteiger eine Chance zu bekommen. Gibt es vielleicht Branchen, die dem offener gegenüber stehen als andere oder Quereinsteiger sogar gerne aufnehmen? Meine Erfahrung – vor allem mit Personalvermittlern – ist, dass man hier in Deutschland immer noch sehr danach „abgestempelt“ wird, was man an fachlicher Erfahrung hat und dann entsprechend in eine Schublade gesteckt wird. Egal was man sonst für Eigenschaften und Schlüsselqualifikationen hat, die man auch in anderen Berufen gut einsetzen könnte. Und wer hilft einem dann im Zweifel, sich zu orientieren, wenn man zwar weiß, dass man etwas ändern muss und will, aber keinen Überblick hat, wo (in welcher Branche/Unternehmen) die eigenen Skills gefragt sein könnten? Stellenanzeigen lesen sich heutzutage wie Einheitsbrei. Da wird man nicht wirklich schlau, wen genau ein Unternehmen sucht. Das Arbeitsamt? Wohl kaum. Vielleicht gibt es in meiner Stadt zwei Blöcke weiter ein Unternehmen, dass genau so jemanden wie mich sucht. Aber wie finde ich das heraus?

M.Tilsner

18.08.2016

Glückwunsch an Kerstin Till und alle, die eine Entscheidung für ihr Leben getroffen haben, oder noch treffen. Ich finde es sehr gut , wenn Menschen ihre Geschicke in die eigenen Hände nehmen (…) Die Arbeitswelt ändert sich und wenn ich mich nicht der Veränderung stelle, bleibe ich das was ich bin und sollte dann auch nicht frustriert sein.

Andreas Kakerbeck

18.08.2016

Den Glückwünschen an Frau Till schließe ich mich gerne an. Ich gehöre der Generation an, die noch mit der Losung „Kind, du musst auch an später denken, mach‘ etwas sicheres, geh‘ zum Staat, den Banken oder Versicherungen“ aufwuchs, sich widerspruchslos daran gehalten und nie wirklich Erfüllung im Job gefunden hat. Ich habe zwar den Mut, einen Schnitt à la Kerstin Till zu vollziehen, nicht selber aufgebracht, aber ein Buch zu diesem Thema mit den Lebensgeschichten genau solcher Charaktere geschrieben. Das Manuskript ist fertig und liegt zur Zeit noch im Verlags-Lektorat. Erscheinen wird es (voraussichtlich) unter dem Titel „Arbeitszeit ist Lebenszeit – Warum Sie bei der Berufswahl Ihrer Intuition folgen sollten“ und handelt von den spannenden Werdegängen bauchgesteuerter Berufswechslern (vom Topmanager zum Flugbegleiter, vom Elitepolizisten zum Schauspieler etc.) und Menschen, die schon in frühester Kindheit eine klare Vorstellung von der eigenen beruflichen Zukunft hatten, diesen Weg konsequent (und entgegen der Vernunft und monetärer Aspekte) gegangen und dabei absolut glücklich geworden sind. Ja, „es“ geht wirklich, Kerstin Till befindet sich in illustrer Gesellschaft mit vielen anderen mutigen und intuitiv handelnden Menschen, den ich allesamt meinen größten Respekt zolle.

Andreas Kakerbeck

18.08.2016

Den Glückwünschen an Frau Till schließe ich mich an. Ich gehöre der Generation an, die noch mit der Losung „Kind, du musst auch an später denken, mach‘ etwas sicheres, geh‘ zum Staat, den Banken oder Versicherungen“ aufwuchs, sich widerspruchslos daran gehalten und nie wirklich Erfüllung im Job gefunden hat. Ich habe zwar den Mut, einen Schnitt à la Kerstin Till zu vollziehen, nicht selber aufgebracht, aber ein Buch zu diesem Thema mit den Lebensgeschichten genau solcher Charaktere geschrieben. Das Manuskript ist fertig und liegt zurzeit noch im Verlags-Lektorat. Erscheinen wird es (voraussichtlich) unter dem Titel „Arbeitszeit ist Lebenszeit – Warum Sie bei der Berufswahl Ihrer Intuition folgen sollten“ und handelt von den spannenden Werdegängen bauchgesteuerter Berufswechslern (vom Topmanager zum Flugbegleiter, vom Elitepolizisten zum Schauspieler etc.) und Menschen, die schon in frühester Kindheit eine klare Vorstellung von der eigenen beruflichen Zukunft hatten, diesen Weg konsequent (und entgegen der Vernunft und monetärer Aspekte) gegangen und dabei absolut glücklich geworden sind. Ja, „es“ geht wirklich, Kerstin Till befindet sich in illustrer Gesellschaft mit vielen anderen mutigen und intuitiv handelnden Menschen, den ich allesamt meinen größten Respekt zolle.

Bernd Jensen

24.08.2016

Toll, das Kerstin Till das geschafft hat.
Dass Sie selbstständig geworden ist, ist allerdings nicht verwunderlich:
Heutzutage, mit den immer schablonenhafter arbeitenden Personalabteilungen, hätte sie mit einer Bewerbung als Angestellte nicht die geringste Chance!