Arbeit & Gesundheit

So krank wie lange nicht mehr

Mehr psychische Erkrankungen, (noch) mehr Rückenprobleme – der Krankenstand in Deutschland ist gegenwärtig so hoch wie seit 20 Jahren nicht.

Das geht aus aktuellen Zahlen hervor, die das Bundesministerium für Gesundheit nun auf seiner Webseite veröffentlicht hat. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Untersuchung der DAK. Verantwortlich für diese Entwicklung sollen demnach vor allem psychische Leiden und Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen sein. Die Grafik unseres Kooperationspartners Statista zeigt den Verlauf des durchschnittlichen Krankenstandes in der gesetzlichen Krankenversicherung in den letzten 20 Jahre.

Infografik: Höchster Krankenstand seit 20 Jahren | Statista

3 Kommentare

Henning Olesen

12.08.2016

Dieses können wir im Rahmen der Übergangstherapie (Begleitung von Arbeitnehmern mit psychischen Erkrankungen) auch wahrnehmen. Die Anzahl der zu begleitenden Arbeitnehmer ist in den letzten 12 Monaten stark angestiegen, ebenso die telefonische Vorabberatung. Wir gehen davon aus, dass sich die Zahlen zum Jahresende noch weiter erhöhen werden. Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass Arbeitgeber die Verantwortung für die psychische Gesundheit Ihrer
Mitarbeiter übernehmen, einen signifikaten Rückgang der Krankentage verzeichnen können.

Stephan Frederik Becker

16.08.2016

Die Deutsche Arbeits- und Unternehmensführungskultur braucht einen grundlegenden Wandel!

Billie

25.08.2016

Das ist kein Wunder. Schließlich ist es in der kapitalistischen Welt für den Besitzer (Investor oder Aktionär) eines Unternehmens unabdingbar, ständig wachsende Gewinne einzustreichen. Das erreicht man durch Wachstum oder Kostensenkung. Das Wachstum ist nun mal naturgegeben begrenzt – man kann nur der Konkurrenz Kunden abjagen, ansonsten stagniert der Markt in den meisten Sparten, einfach weil jeder schon alles hat, was er sich irgendwie leisten kann.

Also müssen Kosten gesenkt werden, koste es was es wolle. Das Mittel der Wahl ist meist, den Personalbestand zu reduzieren (= Entlassen oder Rausekeln von Mitarbeitern). Da aber die Produktivität insgesamt nicht sinken soll (man will ja weiterhin viel verkaufen), müssen die verbleibenden Mitarbeiter eben mehr arbeiten. Das erreicht man mit diversen Mitteln, Tenor: „du machst Überstunden – bzw. übernimmst zusätzlich die Aufgaben von XY- oder du bist der nächste auf der Kündigungsliste“. Das erzeugt ein Klima überhitzter Selbstausbeutung, die zum sozialen Standard erhoben wird. Urlaub haben nur Faulenzer, Feierabend ist etwas für Weicheier. Der echte, knallharte Businessheld ist um die Uhr verfügbar und höchst leistungsbereit. Bis zum Burnout, das ist eine ehrbare Krankheit, auf die man stolz sein kann.

– Häufig werden Überstunden nicht vergütet, ja nicht einmal erfasst. Genausowenig wird jemand gerne zugeben, eigentlich zu kaputt zu sein, um weiter so mitzumachen. Deshalb dürfte die Dunkelziffer da sehr hoch sein.

Dazu kommt der gnadenlose, von aussen aufgezwungene Konkurrenzdruck unter Kollegen. Die nächste Entlassungswelle kommt bestimmt, dann kann derjenige, dem du jetzt weiterhilfst, dir den Job wegschnappen. Also muss jeder versuchen, ein Überflieger zu sein, unentbehrlich und allwissend. Und sein Know-How tunlichst für sich zu behalten. – Auch das erzeugt hohen psychischen Druck. Die Teamkollegen, mit denen man den Alltag und die Arbeit teilt, müssen gleichzeitig als potentielle Feinde gesehen werden. Der nette Teanmleiter, der mit allen gut kann, muss irgendwann wieder jemanden rausschmeissen. Daran kann man schon zerbrechen, besonders wenn man die Arbeit an erster Stelle im Leben sieht.