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Transformation

"Die Digitalisierung ist nicht das Ende der Arbeit"

Der ehemalige schwedische Arbeitsminister Sven Otto Littorin über das unter Druck geratene Erfolgsmodell seines Landes, seinen digitalen Optimismus und die Folgen der zukünftigen Arbeitswelt

Sven Otto Littorin

Zur Person: Sven Otto Littorin ist einer der international gefragtesten Arbeits- und Sozialexperten. In seiner Zeit als schwedischer Arbeitsminister zwischen 2006 und 2010 startete er eine Reihe innovativer Reformen, die weltweit Beachtung fanden. Mittlerweile unterstützt er mit seiner Investmentfirma „Serio Group“ Unternehmen und öffentliche Institutionen bei Transformationsprozessen. (Foto © Anna Kallberg [CC BY 3.0] via Wikimedia Commons)

XING spielraum: Herr Littorin, über 20 Jahre haben Politiker, Wissenschaftler und Gewerkschafter aus der ganzen Welt Schweden für seine innovativen Arbeits- und Beschäftigungsstrategien und großen sozialen Errungenschaften als perfektes Vorbild gelobt. Aber unser Eindruck ist, diese Magie ist seit kurzem etwas verblasst. Liegen wir falsch, oder was ist passiert?

Sven Otto Littorin: Im Jahr 2008 verfügte Schweden über die am schnellsten fallende Arbeitslosenquote unter allen 34 Mitgliedstaaten der OECD. Wir hatten eine Rekordzahl von Produktivstunden in der Wirtschaft, die Erwerbsquoten waren auf einem Allzeithoch, während die Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt wegen Langzeitarbeitslosigkeit und -erkrankungen, Vorruhestand und Invalidität auf dem Rückzug war. Auch während und nach der Finanzkrise, in den Jahren 2008 und 2009, war die schwedische Wirtschaft der Star der EU.

In seiner globalen Konjunkturumfrage im Jahr 2011 urteilte die OECD: „Schweden hat die jüngste globale Finanz- und Wirtschaftskrise auch dank der starken wirtschaftlichen Institutionen und Grundlagen überwunden…. Frühere Reformen und die während der Krise ergriffenen Maßnahmen haben den Beschäftigungsrückgang begrenzt. “

In den letzten Jahren ist unser Modell allerdings durch viele Faktoren unter Druck geraten. Durch die extremen Einwanderungs- und Flüchtlingsströme von 2014 und 2015 wird der Andrang auf den Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren weiterhin zunehmen – auch in Bezug auf öffentliche Ausgaben und Sozialleistungen. In diesem Aspekt ähnelt Schweden sehr Deutschland.

Aber Schweden hat es geschafft,  sechs große Finanz- und Wirtschaftskrisen in den letzten 200 Jahren zu bewältigen. Wir haben den Übergang von der alten Agrarwirtschaft, als Schweden eines der ärmsten Länder Europas war, zum Industriezeitalter zu managen – und Schweden wurde damit zu einem der reichsten Länder weltweit. Wir können auch die aktuellen Herausforderungen und strukturellen Veränderungen schaffen. Wenn wir die richtigen Dinge zu tun.

Erfolgreicher Sozialstaat Schweden: "Auch wir werden länger arbeiten müssen" (©Foto: Getty Images)

Erfolgreicher Sozialstaat Schweden: „Auch wir werden länger arbeiten müssen“ (©Foto: Getty Images)

In den vergangenen Jahren erlangte Schweden hierzulande vor allem auch durch seine Arbeitszeit-Experimente großes Beachtung – zum Beispiel mit einem Sechs-Stunden-Arbeitstag, verbunden mit großer Flexibilität für den einzelnen Arbeitnehmer. Aber die meisten dieser Tests wurden bereits wieder gestoppt. Warum?

Littorin: Einzelne Unternehmen und Institutionen haben sich tatsächlich an kürzeren Arbeitstagen und -wochen versucht, aber die meisten von ihnen sind daran gescheitert. Wenn wir uns unseren Sozialstaat auch in den nächsten Jahren leisten wollen, müssen mehr Menschen besser und länger arbeiten. Die Flexibilität der Arbeitsbedingungen – über die Gesamtlebensdauer oder das Arbeitsjahr verteilt – ist nach wie vor ein großes Problem. Aber ich bin sicher, dass wir mehr „Pilotprojekte“ erleben werden, die versuchen, den richtigen Weg zu finden, gleichzeitig flexibel und produktiv zu sein. Die größte Herausforderung ist es, das starre System von Regierung und Arbeitsmarktorganisationen zu brechen und zu verstehen, dass der Arbeitsmarkt derzeit mehr ein Kartell ist als ein Markt. Wir müssen neue Wege finden, andere Formen der Arbeit, die nach meiner Überzeugung Schritt für Schritt die alten industriellen Regeln auf dem Arbeitsmarkt ersetzen werden.

Apropos Visionen: Man hat den Eindruck, dass sich viele Experten noch unsicher sind, ob Digitalisierung und Automatisierung nun viel zu viele Arbeitsplätze vernichten  und damit massive soziale Probleme verursachen werden – oder dazu beitragen, eine bessere Gesellschaft mit weniger Arbeit und mehr Freizeit für uns alle zu erschaffen . Was ist Ihre Meinung?

Littorin: Ich bin ein absoluter Optimist bei diesen technischen Entwicklungen. Ich glaube, sie werden unseren Horizont erweitern, Dienstleistungen und Wissen zugänglicher und billiger machen, und uns als Bürger ein leichteres und glücklicheres  Leben ermöglichen. Aber sie bedeuten auch eine große Herausforderung. Wenn man die Entstehung der neuen „nerdonomics“ betrachtet, kombiniert mit immer zunehmender Automatisierung und Digitalisierung, kann man vorhersehen, dass circa 40 Prozent der Arbeitsplätze von heute in den nächsten Jahren verschwinden werden. Aber das bedeutet nicht das Ende der Arbeit: Es werden neue Arbeitsplätze, andere Jobs kommen. Unsere Herausforderung ist es, diese Transformation zu bewältigen, als Individuen und als Wirtschaft.

Vision_Forum

Was sollten Führungskräfte Politik und Wirtschaft tun, um diesen Prozess zu unterstützen?

Littorin: Zunächst sollten sie versuchen zu verstehen, was geschieht, und welches die Herausforderungen eigentlich sind. Regierungen können vieles für die strukturellen Veränderungen tun, die im Augenblick beginnen. Wir werden nicht jeden einzelnen Job retten können, aber wir können an der „Beschäftigungsfähigkeit“ der Menschen arbeiten. Dazu gehören die Förderung der Anpassungsfähigkeit, durch bessere Bildung etwa, oder eine Verbesserung für Jobsucher und Jobanbieter auf dem Arbeitsmarkt – aber auch die Unterstützung all jener, die nicht mehr in den traditionellen, sozial abgesicherten Beschäftigungsverhältnissen stehen, in Sachen Gehältern, Renten und Urlaub.

In vielen der neuen Bereiche explodieren innovative Technologien und Geschäftsmodelle geradezu. Nehmen Sie zum Beispiel die deutsche Firma Linkando, bei der ich Vorsitzender des Beirats bin. Linkando hat eine Plattformarchitektur entwickelt, die ideal für die Kollaboration verschiedener Benutzergruppen ist – quasi ein Öko-System für die Zusammenarbeit in neuen Arbeitsformen oder freiwilligen Initiativen. Es sind Dienstleistungen, wie diese Linkando-Angebot, die wir brauchen, um die großen vor uns liegenden Herausforderungen zu bewältigen.

Das Interview führte Ralf Klassen


Veranstaltungstipp: Sven Otto Littorin ist einer der Referenten auf dem „VisionForum 2016“, das dem Thema „Innovation Valley – Wie gelingt ein ganzheitlicher technologischer, digitaler und sozialer Innovationsansatz?“ gewidmet ist. Hochkarätige Arbeits- und Sozialexperten aus Forschung und Praxis (Thomas Sattelberger, Sven Gábor Jánszky, Stephan A. Jansen, Andreas Boes, Valentina Kerst, Christoph Keese uva.) werden integrative Lösungsansätze aufzeigen, die Auswirkungen auf Arbeit und Gesellschaft diskutieren und mögliche Transformationswege und -erfahrungen skizzieren. XING ist Partner dieses von der „Zukunftsallianz Arbeit und Gesellschaft“ organisierten Events, das am 14./15. September 2016 im Allianz Forum in Berlin stattfindet. Mehr Informationen zu Anmeldung und Tickets gibt es hier.

2 Kommentare

Rolf Dindorf

17.08.2016

Die Digitalisierung ist nur ein weiterer technologischer Meilenstein. Weder der mechanische Webstuhl noch die Dampfmaschine oder die anderen technologischen Errungenschaften führten zum Ende der Arbeit. Littorin hat somit völlig recht optimistisch darauf hinzuweisen , dass das Ende der Arbeit nicht bevortsteht. Parallel zum digitalen verläuft auch noch der demographische Wandel. Beide Prozesse führen zu neuen Jobs. Natürlich wird es Gewinner und Verlierer der Transformation geben. Aufgabe der Politik und Wirtschaft wird es sein müssen, die Zahl der Verlierer so gering wie möglich zu halten. Hierzu wird ein gemeinsames Handeln aller Beteiligter notwendig sein.

Barbara

12.10.2016

Ich bin mir nicht sicher, ob noch mehr arbeiten und noch länger arbeiten tatsächlich DIE Lösung ist, wenn es denn überhaupt eine Lösung ist bzw. sein kann. Der Versuch sollte Bereichsübergreifend stattfinden und über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, sodass Erfolge bzw. Misserfolge sichtbar werden. (…) Es wird immer Jobs geben die wegfallen, dafür werden neue Jobs entstehen. Ein Beispiel wäre der Beruf des Buchdruckers und den IT Spezialisten. 1920 konnte niemand etwas mit dem Begriff IT Spezialisten oder IT selbst anfangen. Die Zeiten ändern sich und mit Ihnen auch die Berufe. Das ist ein ganz natürlicher Prozess, der nicht zwangsläufig heißt, dass unsere Jobs in Gefahr sind. Sie werden sich ändern aber nicht aussterben.

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