Transformation

"Kollektive Klugheit statt kollektive Verblödung"

Schluss mit stumpfsinniger Arbeit, bloßem Profitstreben und blinder Technologiegläubigkeit. Die Arbeitswelt von morgen muss geprägt sein von einem sozialen Miteinander und vielfältigen, innovativen Lösungen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Stephan A. Jansen. 

Stephan A. Jansen

Zur Person: Prof. Dr. Stephan A. Jansen ist Leiter des „Center for Philanthropy & Civil Society | PhiCS“ an der Karlshochschule in Karlsruhe und lebt privat in Berlin. Er hat zuvor von 2003 bis 2014 als Gründungspräsident die Zeppelin Universität aufgebaut. In 2016 wurde er als einer der ersten Deutschen nominiert in dem globalen Ranking für Management-Denker „Thinkers50“. Jansen hat zahlreiche wissenschaftliche Beratungs- und Beiratsmandate in Unternehmen, Stiftungen, Bildungseinrichtungen und Ministerien inne. Er war Visiting Scholar an der Harvard Business School 2000 und 2001 sowie seit 1999 als Visiting Scholar regelmässig an der Stanford University. (©Foto: dpa)

XING Spielraum: Herr Jansen, Sie halten „Soziale Innovation“ für einen zentralen Bestandteil der künftigen Arbeitswelt. Unter diesem Begriff scheinen viele Menschen aber ganz unterschiedliche Dinge zu verstehen. Wie lautet Ihre Definition?

Stephan A. Jansen:  Soziale Innovationen werden dann notwendig, wenn gesellschaftlicher Wandel mit alten Politiken, alten Regulatorien, alten Geschäftsmodelle nicht mehr greifen. Sie reduzieren die durch bisherige kulturelle Praxen entstandenen Zeitverzögerungen von technologischen Erfindungen zu ihrer Einsetzung bzw. von einer Krisenerkenntnis bis zu ihrer Bewältigung.

So wie es bei bei unseren Problemen mit Digitalisierung, Hochtechnologie und Künstlicher Intelligenz derzeit der Fall ist?

Jansen: Ja, wir kommen aus einem Jahrhundert der Technologisierung und glauben, das nun fortsetzen zu können. Aber dieses Jahrhundert ist anders, die Digitalisierung und Algorithmisierung funktionieren anders – sozialer. Unsere in Deutschland herrschende Ingenieurskultur hat Beeindruckendes in der Technologie geleistet, aber offen gesagt, schon seit Jahrzehnten Produkte und Erfindungen hervorgebracht, die auf Unverständnis und sogar Skepsis bei vielen Menschen stoßen. Dann wurde das als Technikfeindlichkeit ausgelegt und dass unsere Gesellschaft zu langsam sei, um noch hinterher zu kommen. Ingenieure und Techniker sind sogar manchmal ärgerlich, wenn man manche ihre tollen Dinge nicht genau so begeistert annimmt, wie man das von Autos und Maschinenbau kannte und nun aus der Silicon-Valley-Reiseberichts-Folklore kennt.

Aber wir müssen genau auf diese kulturell bedingten Verzögerungen achten. Und uns gemeinsam umstellen, um vom Fetisch dieser technologischen Lösungsproduktion hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Problemorientierung: ob bei den Energie-, Mobilitäts-, Bildung-Wenden, dem Wandel der Urbanität, des Klimas, des Verschuldungskapitalismus oder des Terrorismus.

„Die digitale Rationalisierung hat noch nicht einmal richtig begonnen“

Aber wo und wie genau ist unsere Arbeitswelt davon betroffen?

Jansen: Überall. Wir reden seit geraumer Zeit über die Zukunft der Arbeit und damit viel auch über das Ende, was wir bisher unter Arbeit verstanden haben. Arbeit, die wirklich Arbeit gemacht hat. Das beginnt mit neuen Formen der mensch-maschinellen Arbeitsteilung, mit neuen Governance- und Partizipationsideen jenseits der heiligen Hierarchie hin zu nachbarschaftlicher Netzwerkkollaboration. Aber das sind nur kleine Bausteine einer großen Veränderung. Denn wenn die regelbasierte Arbeit im wissbaren Bereichen in Zukunft von tatsächlich dafür regelmässig besser dafür geeigneten Algorithmen erledigt wird, dann kann das tatsächlich störungsfreier und bürokratiekostenreduzierter durchgeführt werden. Wenn sich nicht nur für knapp die Hälfte der Berufsfelder existentielle Veränderung andeutet, dann verbunden wieder einmal mit der rationalisierenden Frage aller vier industriellen Revolutionen: „Was bleibt übrig?“ Verbunden mit der gesellschaftlich und gerechtigkeitsinduzierten mindestens ebenso wichtigen Frage. „Für wen?“

Wir werden lernen müssen, als Gesellschaft insgesamt mit den Rationalisierungsmaßnahmen umzugehen, die durch die Digitalisierung erfolgen – und die Digitalisierung hat in dieser Hinsicht noch nicht einmal richtig begonnen.

Digitalisierung: Jobkiller oder Segen? "Algorithmen können nicht immer die letzte Entscheidung übernehmen" (©Foto: Peter Steffen / dpa)

Digitalisierung: Jobkiller oder Segen? „Algorithmen können nicht immer die letzte Entscheidung übernehmen“ (©Foto: Peter Steffen / dpa)

Das kann aber die Wirtschaft, sprich die Unternehmen, nicht allein lösen. Wenn sie es denn wirklich wollen.

Jansen: Nein, wir brauchen genau dafür neue soziale Innovationen. Sehen Sie, Singles leben ungesünder und kürzer. Das wird auch so bei Unternehmen sein. Der Ausweg sind Kooperationen zwischen den Sektoren Markt, Staat, Institutionen, Zivilgesellschaft. Wir müssen jetzt von einer technologischen Basis ausgehend in soziale Innovation umschalten – und zwar im Sinne von Systemen: Wir brauche keine Individualverkehrsträger mehr, sondern emissionsarme urbane wie überregionale Mobilitätssysteme, keine einzelnen Finanzinnovationen, sondern gesellschaftlich abgestimmte und generationsgerechte Altersvorsorgesysteme, keine einzelnen Ärztebewertungsportale und Medikamente, sondern ein datenbasiertes, vorsorgebasiertes Gesundheitssystem, wir brauchen ja derzeit auch keine Kraftwerke mehr, sondern eine Energiewende.

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Klingt schön und gut, aber was stimmt Sie so optimistisch, dass so ein fundamentaler Wechsel wirklich gelingen kann?

Jansen: Mein Eindruck ist: Wenn der Wettbewerbsdruck in einfachen Kapitalismus-Formen auf der Kostenseite bis zum Zusammenbruch erstarkt, kommt der Druck zur Zusammenarbeit automatisch – man bezeichnet das als Schicksalsgemeinschaft. In Krisenzeiten rückt ja selbst eine heillos zerstrittene Familie wieder zusammen. Dies erfordert aber Verständnis aller Akteure für die Sorgen und Nöte der jeweils anderen und zwingt auch den Staat in eine neue Moderationsrolle.

„Die Schule muss mehr Kreativität und Individualität lehren“

Provokant gefragt: Geht das mit Menschen, die 20, 30, 40 Jahre nach ganz anderen Regeln gearbeitet, gewirtschaftet und gemanagt haben?

Jansen: Es ist eine Herausforderung, aber es wird gelingen, weil das aktuelle Scheitern ja gesehen wird – wie die Umfragen über alle Generationen hinweg nach mehr Sinnstiftung und Relevanz der eigenen Arbeit für Gesellschaft deutlich zeigen. Es kommen jetzt viele hochkomplexe und schwierige Situationen auf, in der Algorithmen eben nicht die letzte Entscheidung übernehmen können. Da wo ethische Dilemmata, Unwissbares, Ungeregeltes auftauchen, da werden andere Fähigkeiten gebraucht. Da muss ein anderes Verständnis von Arbeit und Wirtschaft her, und das geht natürlich auch nur mit einer anderen Art von dem, was wir nicht ohne Grund „Bildung“ nennen – also das Nicht-Downloadbare, das Nicht-Vermittelbare.

Wozu muss man in der Schule noch wissbares Wissen wie immer reproduzieren, wenn man doch Siri fragen kann? Warum üben wir nicht mehr Befähigung von Intelligenz, also das Umgehen und Entscheiden im Nicht-Wissen und vermitteln das Recherche-Wissen besser? Die Schule versteht die Generation unserer Schulkinder schon nicht mehr. Da müssen andere Kompetenzen geschult werden, die mehr auf Kreativität und Individualität abheben, die dazu befähigen, Urteile zu treffen, navigationsfähig zu sein, Strukturen zu erkennen und zu verändern – nicht mehr nur wiederzugeben und zu verwalten. Kindergärten, Schulen und Universitäten müssen viel mehr an die Zukunft der Arbeit ran als bisher – und das ist doch mal eine gute Nachricht für alle Beteiligten.

Ihre Botschaft lautet also: Wir können das schaffen, Algorithmen hin, Roboter her – aber wir müssen was dafür tun.

Jansen: Soziale Innovationen werden durch neue Formen der inklusiven Interaktion viel wahrscheinlicher – zwischen Bürger und Staat, zwischen Migranten und Einheimischen, zwischen Unternehmen und Mitarbeitern, zwischen Assistenzbedürftigen und Selbständigen, zwischen Hauptschülern und Studierende, zwischen Senioren und Kleinkinder, zwischen Eliten und anderen Randgruppen. Inklusion – bei Nutzung der Unterschiedlichkeit – ist die unheimliche Geheimwaffe. Wir verändern so endlich die kollektive Verblödung zu einer kollektiven Klugheit.

New Work Award"-Sieger Auticon: "Wir machen keine Beschäftigungstherapie, wir machen Gewinn"

New Work Award“-Sieger Auticon: „Wir machen keine Beschäftigungstherapie, wir machen Gewinn“

Beispiele, bitte.

Jansen: Gerne, Sie haben ja auf XING Spielraum im kleinen Rahmen auch selber darüber berichtet: Über das Erfolgsmodell, bei dem Blinde am besten geeignet sind, Brustkrebs zu ertasten, oder der preisgekrönten Firma „Auticon“ wo Autisten eingesetzt werden für Softwareentwicklung.

Oder, im großen Rahmen: Nike fördert universitäre Gender-Forschung in muslimischen Ländern – wohl auch um irgendwann Women Sportswear zu verkaufen. Kleine Sozialunternehmen und große Multis sorgen für Bildungs- und Finanzkonzepte zum Vertrieb von komplexen Bewässerungs- und Energiesystemtechnik in Äthiopien, Indien oder Pakistan. Bisher für unmöglich gehaltene Kooperationen werden möglich: Public Private Partnerships, Wohlfahrtsverbände mit Sozialunternehmen und Konzernen, Stiftungen mit ehrenamtlichen Senioren, Parteien mit NGOs, Universitäten mit Entwicklungshilfeorganisationen und vieles mehr. Alles im Sinne der unkonventionellen Problemlösung – und um uns aus diesen trivial-kapitalistischen Ansatz „Höher, schneller, weiter“ in die nächste nachhaltigere Entwicklungsstufe zu einem inklusiven Kapitalismus der Sozialen Digitalen Marktwirtschaft führen.

Spielraum: Aber herrscht nicht gerade eine starke Tendenz, diesen Weg wieder zu verlassen? Überall machen sich derzeit doch Empathieverlust, Egoismus und Nationalismus breit – also genau das Gegenteil eines kooperativen Netzwerkes, das Nachhaltigkeit und Sinn vor kurzfristiger Gewinnmaximierung setzt.

Jansen: Das mag wirklich so erscheinen, wenn man den medialen Erregungen folgt – und die Normalität vergisst. Die alten Koordinatensysteme der letzten industriellen Revolutionen funktionieren nicht mehr. Die neuen sind noch nicht gefunden. Auf der einen Seite gibt es eine große Offenheit und einen fast schon naiv erscheinenden, zumindest gutgläubigen Optimismus der konsequenten Lösungsorientierung, gerade auch bei der jungen Generation. Und auf der anderen Seite wieder gestiegene Abschottungstendenzen, international koordinierte Nationalismen und Intoleranz durch übertriebene Problemorientierung.

Darum müssen Demokratien als Töchter des Wissens durch die konsequente Weiterentwicklung der Bildungs- und Wissenschaftssysteme die Neugier und die kritische Reflexion ermöglichen. Dieser Prozess mag 10, 15 Jahre dauern, aber ich habe – gerade nach einem Jahr an der Stanford University und im Valley – große Hoffnung in die Neuerfindung der eigenwilligen deutschen Industrie und neuer Geschäftsmodell-Systeme, in die Neuerfindung bewährter sozialer Institutionen wie der Caritas, und auch der Fähigkeit der Regierungsarbeit hierzulande, sich selber mit neuen Politikverfahren in neuen, moderierenden Rollen zu erfinden. Und das wird eine Menge Arbeit bedeuten, die uns hier eben gerade nicht ausgeht, sondern auch noch unregelmässig Freude und Sinnstiftung schenkt.

Das Interview führte Ralf Klassen


Veranstaltungstipp: Stephan A. Jansen ist einer der Referenten auf dem „VisionForum 2016“, das dem Thema „Innovation Valley – Wie gelingt ein ganzheitlicher technologischer, digitaler und sozialer Innovationsansatz?“ gewidmet ist. Hochkarätige Arbeits- und Sozialexperten aus Forschung und Praxis (Thomas Sattelberger, Sven Gábor Jánszky, Andreas Boes, Valentina Kerst, Christoph Keese uva.) werden integrative Lösungsansätze aufzeigen, die Auswirkungen auf Arbeit und Gesellschaft diskutieren und mögliche Transformationswege und -erfahrungen skizzieren. XING ist Partner dieses von der „Zukunftsallianz Arbeit und Gesellschaft“ organisierten Events, das am 14./15. September 2016 im Allianz Forum in Berlin stattfindet. Mehr Informationen zu Anmeldung und Tickets gibt es hier.

4 Kommentare

Andreas Kranzl

28.07.2016

(…) Die neuen Werkzeuge sozialer Innovation sind schon da. Dann braucht es nur noch ein bisschen Mut und die notwendige Zeit sich als Einzelperson und als Organisation auf sich selbst und seine Gefühle einzulassen. Denn eins ist all diesen Werkzeugen gemein, dass sie zwar die Ratio-Ebene beinhalten, allerdings erst nachdem auf der emotionalen Ebene Klarheit und Verbindung geschaffen wurde. Das schafft Offenheit für Innovationen, die wie im Artikel angesprochen dann wieder den Wow-Effekt haben, weil es Lösungen für unsere innersten Bedürfnisse hervorbringt.

Mit herzverbundenen Grüßen
Andreas Kranzl

Wolfram Junge

28.07.2016

Ein kluger Beitrag, den ich in seiner optimistischen Grundhaltung begrüße und zur Diskussion empfehle.
Wolfram Junge aus Chemnitz

Sabine Focke

28.07.2016

Vielen Dank für die Veröffentlichung des Interviews. Ich bin sehr froh, meine persönlichen Ansichten hier wiedergetroffen zu haben.

Ben Tausendschuh

22.05.2017

Ein Beruf darf nicht nur auf Erfolg und viel Geld abzielen. Meiner Meinung nach braucht man ein Ziel, eine Mission, eine Aufgabe, die nachhaltiger ist, als persönlicher Erfolg. Arbeit mit Sinn führt auch zu Glück und Freude an der Arbeit. Versucht es in der Sozialen Branche. Helft den Menschen um euch herum, die in der Not sind!

LG Ben