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Arbeit & Sinn

Lebenslauf? Kenne ich nicht!

Nach ihrer Ankunft in Deutschland möchten viele Flüchtlinge nur eins: endlich arbeiten. Doch der Wunsch nach einem Job scheitert meist jäh – an der Anerkennung ausländischer Abschlüsse und der schriftlichen Bewerbung.

Der Weg nach Deutschland war hart und lang. Getrieben von der Angst vor einer ungewissen Zukunft in seiner Heimatstadt Damaskus, quälte sich Omar 40 Tage durch den Osten Europas, durchquerte die Türkei, harrte Nächte auf dem Schlauchboot nach Griechenland aus und reiste von dort weiter mit dem Auto, per Bus, zu Fuß. 3500 Euro wollten die Schleuser von ihm haben, um ihn durchzubringen und von Grenze zu Grenze zu schleppen. Das Ziel der Flucht war Omar egal. Hauptsache, weg vom Krieg.

Omar Ali ist einer von Hunderttausenden Flüchtlingen, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland kamen. Sie alle flohen vor den Bomben, die ihre Häuser zerstören, vor Terroristen, die ihr Leben bedrohen, und vor dem unabwendbaren Schicksal, das ihre Familien im Nahen Osten zu zerrütten droht. Die meisten von ihnen reisen allein, ihre Verwandten lassen sie in ihrer Heimat zurück. Doch sie alle hoffen, dass sie ihre Liebsten irgendwann nachholen können.

Weit weg von der Familie

Auch Omar gehört zu den Hoffenden. Der junge Syrer floh letzten Winter nach Deutschland, vor sieben Monaten, als die Wellen im Mittelmeer besonders hoch waren und das Wetter in Europa besonders kalt. Die Bedingungen waren widrig, doch bei Weitem besser als das, was Omar in seinem Heimatland drohte: „Sie wollten mich einziehen für die Armee“, sagt der 18-Jährige, für den es nichts Schlimmeres gibt als die Vorstellung, Menschen zu töten. „Ich hätte meine Familie verlassen müssen und wäre wahrscheinlich niemals zurückgekommen.“

Omar hat seine Familie trotzdem verlassen. Nicht für den Krieg, sondern für seinen Traum von einer besseren Zukunft in Deutschland. Hier möchte er arbeiten, Geld verdienen – und damit die Flucht seiner Lieben bezahlen. „Ich kann gut mit Computern umgehen und will in die IT“, sagt Omar, dem man die Strapazen der letzten Monate in seinem gebügelten Hemd nicht ansieht. „Oder was mit Menschen, das wäre toll.“

Die Deutschen wollen Bewerbungen

Doch in Deutschland, weiß Omar, läuft vieles anders. Einen Job zu finden, das ist nicht so leicht wie in seiner Heimatstadt Damaskus. Drei Jahre lang hat er dort als Bauarbeiter gearbeitet, Pfähle gestemmt und Möbel gezimmert. „Lebensläufe gibt es in meiner Heimat nicht“, sagt der 18-Jährige. „Auch keine Bewerbungen.“

Sich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren, ohne Lebenslauf, ist dementsprechend schwer. Das musste auch Waseem Jawish erfahren. Der 22-jährige Syrer lebt seit 13 Monaten in Deutschland und hat sich seither auf 15 Minijobs beworben. „Ich möchte als Springer in einer Bar arbeiten, Kisten schleppen, Flaschen einsammeln und Getränke auffüllen“, sagt er. Doch auf eine Rückmeldung der Chefs, bei denen er sich mündlich beworben hatte, wartet er bislang vergeblich.

Die Anerkennung syrischer Abschlüsse ist schwierig

Inzwischen weiß Waseem es besser. Die fehlenden Rückmeldungen haben einen Grund: „Ohne schriftliche Bewerbung läuft in Deutschland nichts“, sagt er überrascht. In den Deutschkursen, die Omar und Waseem besuchen, sind Lebensläufe und Bewerbungen deshalb ein wichtiger Part. Wie formuliere ich ein Anschreiben? Welche Qualifikationen muss ich angeben? Und soll ich meine Hobbys nennen? Fragen, mit denen sich die beiden zuvor noch nie beschäftigt haben.

„Ich kann verstehen, dass es in Deutschland wichtig ist, eine Bewerbung zu schreiben“, sagt Waseem, der solche Schreiben in Syrien nur von internationalen Unternehmen kennt. Er selbst arbeitete in Damaskus jahrelang in einem Supermarkt, bei seinem Vater, füllte Regale auf und saß an der Kasse. Da brauchte er keine Bewerbung. Doch ob er in Deutschland einen Job finden wird, ist fraglich; noch weiß er nicht, ob sein syrisches Handelszeugnis anerkannt wird.

Einen Job in der Wirtschaft

Trotz Unsicherheit über die Anerkennung hat der 22-Jährige einen festen Plan. Oder besser gesagt: drei. Er möchte ein Studienkolleg besuchen und seine Handelskenntnisse verbessern. Oder ein Wirtschaftsgymnasium, um dort ein deutsches Abitur zu machen. „Wenn das nicht klappt, mache ich einfach eine Ausbildung“, sagt er betrübt, denn eigentlich will Waseem studieren. „VWL wäre toll. Damit versteht man die ganze Welt.“

Über uni-assist, eine Servicestelle für internationale Studienbewerber, hat er sich auf einen Studienplatz in Hamburg beworben. Geholfen haben ihm dabei die Lehrer seiner Sprachschule, mit denen er die erste Bewerbung seines Lebens verfasst hat. „Ich hoffe, dass ich damit endlich studieren kann“, sagt der 22-Jährige zuversichtlich. Doch selbst, wenn es nicht klappt mit der Anerkennung seiner bisherigen syrischen Abschlüsse: „Ich bin einfach nur froh, in Deutschland zu sein.“

Text: Sabrina Kessler

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