Arbeit & Bildung

Weiterbildung: Was ist sinnvoll, was kann der Karriere sogar schaden?

Lebenslanges Lernen liegt im Trend. Weiterbildung im Beruf war Angestellten selten so wichtig wie heute und die Seminarangebote sprießen wie Pilze aus dem Boden. Doch ist jede Weiterbildung auch wirklich sinnvoll oder kann sie Ihrer Karriere sogar schaden?

Ein Gastbeitrag von Karriere- und Business-Coach Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis richtet sich an Angestellte und Selbständige, die etwas in ihrem Beruf verändern möchten.

Dr. Bernd Slaghuis richtet sich an Angestellte und Selbständige, die etwas in ihrem Beruf verändern möchten.

Neues lernen steht ganz oben auf der Agenda der Angestellten, wenn es um ihre Karriereziele geht. Zu diesem Ergebnis kam auch meine Ende letzten Jahres durchgeführte Studie. Durch Weiterbildung möchten Arbeitnehmer sich fachlich auf der Höhe halten, um so für ihren aktuellen, aber auch für neue Arbeitgeber attraktiv zu bleiben.

Viele Unternehmen unterstützen ihre Angestellten heute durch einen eigenen Katalog an Seminarangeboten. Mancher Arbeitnehmer investiert zusätzlich privat in seiner Freizeit in Seminare, Trainings oder Coachings. Doch wie viel Weiterbildung ist tatsächlich sinnvoll? Ist zu viel des Guten sogar schädlich?

Wenn Weiterbildung zur Sucht wird

Die Logik ist simpel: Je besser qualifiziert, desto attraktiver für den Arbeitsmarkt. Ob als Job suchender Bewerber oder als Angestellter mit Wechselabsichten. Neues lernen erweitert den Horizont, eröffnet neue Perspektiven und füllt fehlendes Fachwissen auf. Und ganz nebenbei lernen Sie in Seminaren nette Menschen kennen und knüpfen Kontakte.

Und so erkennen Sie schnell, dass Ihnen Weiterbildung fachlich und auch persönlich gut tut. Doch was ist, wenn Sie derart erfolgshungrig nicht mehr genug davon bekommen? Wenn es nicht mehr ausreicht, ein oder zwei ausgesuchte Fortbildungen pro Jahr zu besuchen, sondern Sie ständig der Getriebene Ihres Wissensdursts auf der unbändigen Suche nach immer mehr frischem Input sind? Gibt es überhaupt zu viel Bildung und kann der Drang nach dem immer Neuen sogar süchtig machen?

Aus der anfänglichen Motivation, ab und zu etwas Neues zu lernen, kann das Gefühl entstehen, niemals gut genug zu sein. Mit jeder neuen Weiterbildung steigt die eigene Erkenntnis, was alles noch fehlt. Wer statt des realisierten Plus an Wissen nur noch die Lücke zu einem immer höheren Wissensniveau im Blick hat, der denkt in Defiziten statt in Fortschritt. Selbst gemachter Druck, innere Unzufriedenheit und auch eine Schwächung des Selbstbewusstseins können die Folgen sein. Hinzu kommt, dass permanent Wissensdurstigen das eigene Bewusstsein und auch die Zeit fehlen, das neu Erlernte in ihren Alltag zu integrieren. Als Jäger und Sammler häufen sie so ständig neues Wissen an, nutzen es aber nicht für sich.

Weiterbildung als Rechtfertigungslüge

„Erst muss ich diese und jene Weiterbildungen abschließen, erst dann kann/darf ich …“ Manche Angestellte denken so, bevor sie Führung übernehmen. Besonders häufig beobachte ich es bei Frauen und auch bei Selbständigen ist es ein Thema: Sie rechtfertigen ihre von Unsicherheit geprägte Haltung im komfortablen Pause-Modus damit, noch nicht ausreichend auf den nächsten Schritt vorbereitet zu sein. Sie fühlen sich noch nicht reif genug.

Doch hat Reife und die Entscheidung für den nächsten Karriere-Schritt wirklich nur etwas mit Fachwissen und einem Zertifikat zu tun? Ist ein 23-Jähriger Berufsanfänger deswegen ein guter Chef, weil er seit 5 Jahren Kurse für Nachwuchsführungskräfte besucht? Werde ich als Coach als kompetenter wahrgenommen, wenn ich 10 Zertifikate an der Wand hängen habe? Oder hätte ich mir selbst erst dann erlauben dürfen, mit meinen Angeboten in die Öffentlichkeit gehen?

Es ist Ihre eigene Entscheidung, was Sie benötigen, um den nächsten Karriere-Schritt zu gehen oder ein Produkt bzw. eine Dienstleistung auf den Markt zu bringen. Sie legen fest, wann die Zeit reif ist – und natürlich ist eine gute Basis an Fach- und Methodenkompetenz gut. Doch häufig kommt mir das Fehlen einer Weiterbildung nur als willkommene Ausrede vor, die eigene Komfortzone noch nicht verlassen zu müssen. Haben auch Sie dieses Gefühl, dann sollten Sie kritisch hinterfragen, ob das tatsächlich der Grund ist, etwas nicht zu tun oder ob nicht ganz andere Ängste oder Bedenken dahinter verborgen sind, an denen Sie lieber arbeiten sollten.

Weiterbildung aus Verzweiflung

Wenn Bewerber nur auf Ablehnung stoßen oder bei Angestellten die Karriere ins Stocken gerät, dann kann eine Weiterbildung bestimmt nicht schaden – so denken sie. Und so belegen sie einen Kurs nach dem nächsten. Ob die NLP-Ausbildung am Wochenende, das Fresh-up der letzten Excel-Version oder noch ein weiteres Kommunikationsseminar: Der Strauß an Qualifikationen wird so immer bunter. Mancher Lebenslauf kommt heute auf eine Seite mit Weiterbildungen der letzten 15 Jahre.

Ich erlebe viele Menschen, die im Affekt blindlings Kurse belegen, von denen sie glauben oder hören, dass sie sie brauchen. Je stärker die Verzweiflung, desto größer die Hoffnung, dass irgendwann etwas dabei ist, das sie aus ihrer Situation befreit. Doch blinde Weiterbildung aus Verzweiflung ist alles andere als ein guter Motivator. Hinzu kommt, dass zu viel Weiterbildung im Lebenslauf ein schlechtes Licht auf Sie werfen kann: Sie verwässern damit nicht nur Ihr Profil, sondern es könnte der Eindruck entstehen, dass Sie mehr Zeit in Seminaren als an Ihrem Arbeitsplatz verbracht haben.


So finden Sie heraus, welche Weiterbildung sinnvoll ist

1. Klären Sie Ihre beruflichen Ziele der nächsten Jahre

Weiterbildung soll Sie weiter bringen. Doch hierfür sollten Sie wissen, wo Sie hin möchten. Erst, wenn Sie Ihre Ziele der nächsten zwei bis fünf Jahre kennen, können Sie gezielt daran arbeiten, diesen Weg durch fachliche Weiterbildung und persönliche Entwicklung zu ebnen.

2. Machen Sie eine Inventur Ihrer Stärken und Kompetenzen

Was Sie wissen, brauchen Sie nicht zu lernen. Damit Ihnen Weiterbildung einen echten Nutzen verschafft, sollten Sie Klarheit über Ihr vorhandenes Fachwissen sowie Ihre Kompetenzen und Stärken besitzen. Haben Sie eine neue Zielposition im Blick, dann schaffen Sie zunächst Klarheit, was Sie hierfür bereits alles mitbringen.

3. Identifizieren Sie die Lücke

Kennen Sie Ihr Ziel sowie die hiermit verbundenen Anforderungen und besitzen Sie Klarheit über den Status Quo, dann können Sie erkennen, was Ihnen noch fehlt. Das können zum Beispiel SAP-Kenntnisse sein, wenn Sie in den Einkauf oder das Rechnungswesen wechseln möchten. Oder Sprachkenntnisse, wenn Sie zukünftig stärker international arbeiten möchten.

4. Finden Sie heraus, welche Maßnahmen am besten geeignet sind, die Lücke zu schließen

Recherchieren Sie verschiedene Weiterbildungsangebote und auch Anbieter. Klären Sie, was für Sie persönlich besonders wichtig ist: Umfang, Dauer und Kosten der Weiterbildung, Größe der Gruppe, räumliche Nähe, der Trainer etc. Zahlt Ihr Arbeitgeber, dann machen Sie ihm einen konkreten Vorschlag und erklären, warum Sie glauben, dass diese Weiterbildung gut für Sie ist.

5. Machen Sie den Nutzen-Check: Was ist hinterher anders?

Um weder in die Verzweiflungs- noch in die Sucht-Falle zu tappen, machen Sie vor Ihrer Entscheidung für eine Weiterbildung den Nutzen-Check. Malen Sie sich aus, was konkret nach Abschluss der Aus- oder Weiterbildung anders sein wird. Werden Sie Ihren Job besser machen können oder qualifiziert Sie das neue Wissen wirklich für eine andere Position? Welchen Wert hat die Weiterbildung auch für Ihre persönliche Entwicklung? Seien Sie ehrlich zu sich selbst, denn nur so können Sie zielgerichtet an sich und Ihrer Entwicklung feilen.

 

3 Kommentare

Ilja Thieme

20.05.2016

„Hinzu kommt, dass permanent Wissensdurstigen das eigene Bewusstsein und auch die Zeit fehlen, das neu Erlernte in ihren Alltag zu integrieren. Als Jäger und Sammler häufen sie so ständig neues Wissen an, nutzen es aber nicht für sich.“

Interessante und durch nichts belegte These. Der Rest des Artikels beschreibt des Autors Wissensoptimierungsbedürfnis, dabei vergessend, dass gerade heute aus der Verbindung von interdisziplinärem Wissen das Neue entsteht. Was also soll am Wissensdurst per se falsch sein?

Claudia Schröder

27.05.2016

Ich denke, es geht nicht um das wissenoptimierungsbedürfnis per se, sondern darum, dass man sich ggf. verzettelt oder aber bestimmte Schritt nicht macht, obwohl die Zeit längst reif ist. veränderungen machen Angst. Da kommt die Ausrede: „Ich muß dafür erst einen Kurs besuchen.“ vielleicht gerade recht.

Jörg Schönfelder

05.11.2018

„Wer nichts tut, hat schon verloren, wer etwas falsches tut, hat nur Geld verschenkt.“

Weiterbildung ist grundsätzlich problematisch:
Diverse „Titel“ sind zu erwerben, die jedoch von den diversen Anbietern für Weiterbildung unterschiedlich interpretiert werden, ebenso von Arbeitgebern (Beispiel: Sales Manager bei IHK vs. Sales Manager bei SGD, Führungskraft auf der Einen, reine Fachkraft auf der anderen Seite). So mag der Titel prima klingen, ein Personaler belächelt dies nur.

Permanent ändern sich auch tatsächlich Anforderungen in manchen Branchen bzw. auch bewerten Unternehmen die Titel unterschiedlich stark. Was heute ggf. als tolle Zukunftschance gilt, ist morgen schon Schnee von gestern. Zu oft werden tolle neue „Lernfelder“ erfunden, um Schulungsunternehmen eine Daseinsberechtigung zu geben. Darum prüfe, wer sich lernend bindet – macht es nicht Sinn, tatsächlich nur durch anerkannte Institute zertifizierte Weiterbildungen anzugehen? Hier: IHK, HWK, akademisch?

Ebenso problematisch: Manche Weiterbildungen sind privat gar nicht wirklich bezahlbar, seien es z. B. Schulungen im Bereich Software, die für eine zukünftige Stellensuche aber extreme Relevanz haben könnte (z. B. SAP, CAD,…).

Über Sinn und Unsinn von Kommunikations-, Persönlichkeits- bzw. auch Fachtrainings gerade im Vertriebsbereich kann man ordentlich streiten. Coaching-Unternehmen gibt es wie Sand am Meer, die Inhalte sind oft ähnlich, jedoch, so mein Empfinden, ist einem potenziellen Neuarbeitgeber diese fachliche Qualifizierung eher egal.

Ich lasse gezielt auch Schulungen weg, eine Zusammenfassung im Lebenslauf reicht meist auch. Aber was ist nun richtig: keine Schulung oder permanent auf Weiterbildung setzen. Egal wie, es gibt immer persönliche Meinungen im Personalerbereich, die entweder das eine kritisieren oder das andere als negativ bewerten.