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Arbeit & Bildung

Für die Arbeitswelt der Zukunft: Neue Bildung braucht das Land

Kreativität, Selbstorganisation, Flexibilität – die moderne Gesellschaft braucht von der Schule bis in die Unternehmen eine grundlegend andere Wissensvermittlung

Diese neuen Kollegen! Sie jammern nie, schaffen (fast) alle Aufgaben, die man ihnen gibt und brauchen nur ein bisschen Strom: Maschinen und Computer werden uns Menschen in den kommenden Jahren immer mehr Arbeit, vor allem Routineaufgaben, wegnehmen. Die Digitalisierung verstärkt noch einmal die Effekte einer global vernetzten und voneinander abhängigen Arbeitswelt, in der die alten Strukturen vieler Branchen förmlich pulverisiert werden.

Ein zentraler Aspekt dabei lautet: Wer künftig einen attraktiven Job haben will, muss sich auf Dinge konzentrieren, die die Maschinen nicht so gut können. Denn auch der klügste Computer hat (noch) Kompetenzlücken. Er ist nicht sonderlich kreativ, kann nur nach hochkomplexen Vorgaben wirklich neue Ideen entwickeln, und auch keine „spontane“ Kommunikation betreiben. Vom motivierenden Sozialverhalten gar nicht erst zu sprechen. 

Pflegeroboter "Care-o-bot": Auch der klügste Computer hat (noch) Kompetenzlücken (Foto: Fraunhofer IPA)

Pflegeroboter „Care-o-bot“: Auch der klügste Computer hat (noch) Kompetenzlücken (Foto: Fraunhofer IPA)

Und darum bleibt auch für uns und unsere Kinder im Maschinenzeitalter noch genug Arbeit übrig, urteilen Experten. Wenn wir denn die richtigen Fähigkeiten haben. Doch bekommen wir diese in unserem Bildungssystem, ob in Schulen, Universitäten, Ausbildungsbetrieben  oder Weiterbildungseinrichtungen wirklich vermittelt? Die Zweifel sind groß. Zur Social-Media-Legende wurde hierzulande eine Schülerin, die auf Twitter ihre eigene verkorkste Lage  beschrieb: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“

Noch immer dominieren in den hiesigen Schulen das stumpfe Auswendiglernen sowie die lernplanstarre  Vermittlung klassischer Lese-, Schreib- und Rechenkompetenz. Und spätestens mit den Bachelor- und Master-Abschlüssen würden diese Prinzipien auch wieder an vielen Hochschulen gelten, klagen Pädagogikwissenschaftler. Sie sprechen in harschen Worten von einem „Bulimie-Lernen“, mit dem sich die Studenten für ihre zahlreichen Klausuren vollstopfen – um das Gelernte dann einfach wieder „auszubrechen“.

„Schulen und Hochschulen sind zu Effizienzmaschinen verkümmert“

Eine Vorbereitung auf die moderne Arbeitswelt, in der Fähigkeiten wie Selbstorganisation, Flexibilität und Kreativität verlangt sind? Eher nicht. Für Arbeitsexperten wie Thomas Sattelberger sind die Schulen und Hochschulen „zu Effizienzmaschinen verkümmert, wie die Firmen. Denn die Bildungsreformen der letzten zwei Jahrzehnte haben nur formale Input-Output-Relationen verbessert, aber nicht die Kreativität gesteigert“. Dabei sei „die Bedeutung informell erworbener Kompetenzen längst bekannt“, so Sattelberger weiter: „Wir müssen also schauen: Gibt es Ökologien in Deutschland? Gibt es zum Beispiel zusammen mit Hochschulen und Schulen High-Tech-High-Touch-Gründungsinitiativen oder Einrichtungen, wo Schüler und Studenten gerne sind und ihre Freunde treffen? Wo hat man Spaß an der Veränderung der Dinge?“

Auch für den Zukunftsforscher Peter Spiegel muss die bisherige „Schlüsselressource Bildung“ in unserer Wissensgesellschaft eine „nächste Stufe“ nehmen, nämlich „die zur lebensunternehmerischen Kompetenzgesellschaft, in der soziale, kollaborative, kreative, Umsetzungs- und flexible Lernkompetenzen im Zentrum stehen“. Die Bedeutung von Bildung werde dadurch noch einmal radikal nach oben katapultiert, schreibt Spiegel in einem aktuellen Blogbeitrag für die Online-Plattform „Good Impact“ im Vorfeld des Bildungsgipfels „eduAction“ (s. Veranstaltungshinweis unten). Es fände, so Spiegel, eine „Verschiebung von „Was wir lernen“ (Wissen) zu „Wie wir lernen“ (Bildung im umfassenden lebensunternehmerischen Sinne) statt.“

"Schule im Aufbrauch"-Gründerin Magret Rasfeld: "Wir müssen weg vom Arbeitsblattlernen"

„Schule im Aufbrauch“-Gründerin Magret Rasfeld: „Wir müssen weg vom Arbeitsblattlernen“

Eine der bemerkenswertesten Initiativen, diese Verschiebung schon in dem frühen Bildungskanon abzubilden, ist die von Berlin ausgehende „Schule im Aufbruch“, die sich dafür einsetzt, „dass jede Schule zu einem Ort wird, an dem Schülerinnen und Schüler ihre Talente entdecken und ihre Potenziale entfalten können.“ Die von Margret Rasfeld, Stephan Breidenbach und Gerald Hüther  gegründete Initiative, die mittlerweile viele Regionalgruppen und Kooperationspartner in Deutschland und Österreich hat, versteht sich selbst als „Plattform, Ressource und lernendes Netzwerk für eine Lernkultur der Potenzialentfaltung“.

Margret Rasfeld, die als Schulleiterin die Evangelische Schule in Berlin zu einer der innovativsten Bildungseinrichtungen in Deutschland gemacht hat, möchte Schülern „Selbstorganisation, Teamkompetenz, Umgang mit Verschiedenheit, Komplexität, Unsicherheit und Scheitern, Handlungsmut, Querdenken, Herzkraft, Kreativität, Innovations- und Begeisterungsfähigkeit“ vermitteln, wie sie es in einem Interview mit der Berliner Morgenpost beschrieb: „Wir müssen weg vom Arbeitsblattlernen im Gleichschritt, hin zu individualisiertem Lernen. Dafür muss man neue Formen finden, damit die Schüler eigenständig lernen können und die Möglichkeit haben, in unterschiedlichem Tempo auf unterschiedlichen Niveaus zu arbeiten“, so Rasfeld: „Lernen läuft über Beziehung, die lässt sich im 45-Minuten-Häppchen-Plan kaum aufbauen. Diese kurzen Einheiten sind ein Gehetze, sie zerstückeln den Schulalltag, und wenn ein Lehrer bis zu 150 verschiedene Schüler am Tag unterrichtet, ist eine Beziehung ohnehin nicht möglich. Der Schlüssel für Motivation ist Anerkennung und Wertschätzung. Der Schlüssel für Begeisterung ist Sinn.“

Die Individualisierung von Lerninhalten, also das Anpassen von Tempo und Tiefe an den jeweiligen Lernenden, gilt als eine der Schlüsselfaktoren für die „neue Bildung.“ Und ausgerechnet da kann die mitunter immer noch skeptisch betrachtete Digitalisierung eine entscheidende Rolle spielen.

„Humboldt hätte an der Digitalisierung Gefallen gefunden“

„Studien ergaben, dass sich mit dem digitalen Lernen der Aufwand zur reinen Wissensaneignung bis zum Faktor Vier reduziert“, berichtet Peter Spiegel: „In 10 Minuten lernt man so viel wie in einer traditionellen 45-Minuten-Unterrichtseinheit. Gleichzeitig bessert sich das Wissensverständnis deutlich. Durch digitale Übungen, die sofort Rückmeldung geben, wo man vorhandene Lücken durch das Aufnehmen anderer Lerneinheiten schließen kann, und durch die beliebige Wiederholbarkeit von Lerneinheiten kann sich jeder in seinem Tempo jederzeit jegliches Wissen zuverlässig und nachhaltig aneignen. Und gleichzeitig bleibt viel frische Zeit übrig – für den Erwerb neuer Lern-, Anwendungs-, Kreativitäts- und sozialer Kompetenzen.“

Auch Jörg Dräger, ehemaliger Wissenschaftssenator von Hamburg und Buchautor („Die digitale Bildungsrevolution“), unterstützt die in den USA und anderen europäischen Ländern bereits viel weiter vorangeschrittene Entwicklung digital unterstützter Lerninhalte („Humboldt hätte an der Digitalisierung Gefallen gefunden“), warnt aber auch vor Risiken: Mit steigendem Einsatz der modernen Techniken und Tools „hinterlassen wir unser Leben lang Lernspuren und die Schlussfolgerungen, die sich daraus ziehen lassen, können missbraucht werden. Unternehmen könnten beispielsweise bei der Auswahl neuer Mitarbeiter anhand von Lerndaten ermitteln, welcher Bewerber ein erhöhtes Burnout-Risiko hat. Da muss man durch Regulierungen einen klaren Riegel vorschieben“, so der Bildungsexperte. „Die Lerndaten dürfen nicht irgendwo im Netz zugänglich sein. Eine festgeschriebene Datensouveränität ist ganz wichtig: Meine Lerndaten gehören mir, und ich entscheide darüber, wem ich sie geben möchte.“

Datensicherheit, die vor allem auch für die weitere Berufslaufbahn des Einzelnen wichtig ist. Denn Bildung endet künftig nicht mit dem Abschluss eines Hochschuldiploms. Unter dem Druck der immensen gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen wird auch die Weiterbildung von Beschäftigten und Selbstständigen zu einer Kernherausforderung des New-Work-Prozesses.

Immerhin: Fast Dreiviertel der deutschen Unternehmen, hauptsächlich Betriebe über 100 Mitarbeiter, nutzen derzeit Weiterbildungsmaßnahmen zur Qualifizierung ihrer Beschäftigten. Ein Großteil davon sind aber noch klassische Formate wie Lehrgänge, Kurse und Seminare. Andere Formen, wie zum Beispiel kompakte Informationsveranstaltungen, Job-Rotationen und selbstgesteuertes Lernen finden nur zögerlich Verbreitung.

Arbeitsexperte Thomas Sattelberger: "Unternehmen müssen zu Orten des Lernens werden

Arbeitsexperte Thomas Sattelberger: „Unternehmen müssen zu Orten des Lernens werden

Dabei ändern sich die Methoden rasant. Fand Weiterbildung früher überwiegend in der klassischen Unterrichtssituation statt, mit Lehrer oder Dozent, festem Lehrplan und Teilnehmern, sind die neuen Konzepte viel flexibler. Ein großer Teil der Wissensvermittlung ist inzwischen virtuell, Digitalisierung ist eines der Schlagworte der vergangenen Jahre. „Man merkt, dass das Lernen mit Apps immer stärker auf den Markt drängt“, sagt Michael Cordes, Weiterbildungsexperte bei der Stiftung Warentest.

Der Trend zum Mobile Learning ist schon seit einigen Jahren ein Thema. „Was das zeitliche und räumliche Lernen angeht, wird es flexibler“, so Cordes. Denn wer Lerninhalte per Video, Podcast oder Online-Reader einfach auf seinem Smartphone oder Laptop abrufen kann, muss sich nicht an feste Stundenpläne oder Kapitel halten. Damit geht auch der Begriff der „Bildungs-Nuggets“ einher: Inhalte werden in kleine Häppchen verpackt, die je nach Bedarf abgerufen werden können, zum Beispiel als Erklär-Video oder Podcast. Das heißt allerdings nicht, dass klassischer Unterricht ausstirbt: „Blended Learning“, also die Verbindung von Präsenzphasen mit E-Learning, war in den vergangenen Jahren das Schlagwort der Weiterbildungsbranche.

Experten wie Thomas Sattelberger fordern, dass auch Unternehmen noch stärker zu „Orten des Lernens“ werden: Damit das gelinge, so Sattelberger, „muss allerdings auch das Wissen aller im Unternehmen transparenter werden. Denn es geht weniger darum, Volkshochschulen in den Firmen zu errichten. Lernen und Arbeiten müssen miteinander verwoben werden. Dafür benötigen die Menschen Raum und Zeit, sich mit kreativer Bildung und Arbeit auseinandersetzen. Gleichzeitig brauchen wir Führungskräfte, die das auch honorieren und bei dem Thema selbst gute Vorbilder sind. Das Ziel muss sein, dass es das vernetzte, andere Wissen auf die Vorderbühne schafft und zu intelligenteren Managemententscheidungen führt.“

Text: Ralf Klassen


eduaction_BannerVeranstaltungstipp:  XING Spielraum ist Medienpartner des „EduAction“-Bildungsgipfels, der am 1. und 2. Juli 2016 in Mannheim und Heidelberg stattfindet. Auf dem hochrangig besetzten Event geht es nach dem Ziel der Veranstalter darum,  die „7 großen Herausforderungen der ZukunftsBildung gemeinsam, innovativ und umsetzungsorientiert zu diskutieren und anzupacken. Auf der Grundlage eines Gipfels starker Impulsgeber und gleichzeitig eines Gipfels zukunftsweisender Praxisbeispiele treten die Akteure aus allen Bildungsbereichen (Lehrende, Lernende, Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft) in einen Austausch einer neuen Qualität an Vernetzung und wechselseitiger Inspiration“.  Mehr Informationen zum Programm, Speakern und Ticketbestellungen gibt es unter diesem Link.

2 Kommentare

Hendrik Epe

31.05.2016

Volle Zustimmung! Danke für den Artikel!

Nicole Schmidbauer

09.06.2016

Der wichtigste Satz des Artikels hinsichtlich Bildungsbedarf: Bildung und Arbeit müssen miteinander verwoben werden. Das Relevanzprinzip der Inhalte ist unabhängig von der konkreten Vermittlungsform und -weise der Schlüssel zum Lernerfolg.

Die Themen müssen konkrete Schwierigkeiten und Fragen des Lernenden lösen. Das tun sie jedoch erst dann, wenn in der Praxis eine signifikante, vom Lerner positiv empfundene Veränderung eintritt.

Insofern ist für mich nicht die Frage entscheidend, welche mediale Form zum Einsatz kommt, sondern wie sich der Tranfer gestaltet.

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