Karriere & Leben

Ladenhüter aus Leidenschaft

Kaum ein Wirtschaftszweig bietet jungen Berufstätigen so viele Möglichkeiten wie der Einzelhandel. Neben klassischen Verkäufern sucht die Branche vor allem Individualisten mit eigenen Ideen. Dieser Artikel ist im Original im Beileger “FOCUS Network – 44 Seiten Karriere-Extra” des aktuellen FOCUS-Magazins (Nr. 14/2016) erschienen. In Kooperation mit XING bietet der Beileger zahlreiche weitere Karriere-Themen, Interviews, Network-Tipps, Termine und Events (zum kostenlosen Download).

Die Mitarbeiterzahl von Paulibird wuchs innerhalb eines Jahres von null auf 18. Das Schmucklabel bietet ihnen eine entspannte Arbeitsatmosphäre

Die Mitarbeiterzahl von Paulibird wuchs innerhalb eines Jahres von null auf 18. Das Schmucklabel bietet ihnen eine entspannte Arbeitsatmosphäre

Veresterte Zellulose, Essigsäure und ein Hauch von Halfpipe. Die Kombination ist gewagt. Maurice Schadowske hat sie aber so gut gefallen, dass er darauf sein Geschäftsmodell stützte. Seit gut einem Jahr verkauft der gelernte Optiker handgemachten Schmuck aus Zellulose-Acetat – und gebrauchten Skateboards.

Der Mut wurde belohnt. Das Geschäft entwickelt sich rasant. „Meine ersten Schmuckstücke habe ich in Läden im Kiez verkauft“, erzählt der 32-Jährige. Heute beliefert er mit seinem Label Paulibird einen wachsenden Kreis von Stammkunden, betreibt einen eigenen Online-Versand und beschäftigt 18 Mitarbeiter. Der schnelle Erfolg überrascht den Hamburger manchmal selbst: „Ich habe nur gemacht, worauf ich Lust hatte. Aber ich habe mir dafür wohl den richtigen Zeitpunkt ausgesucht.“

Viel Luft nach obenAktuelle Zahlen des Handelsverbands Deutschland (HDE) stützen diese These. Mit 3,1 Prozent legte der hiesige Einzelhandel vergangenes Jahr das stärkste Umsatzwachstum seit 20 Jahren hin: 300 000 Unternehmen erwirtschafteten rund 470 Milliarden Euro Umsatz. Damit ist der Einzelhandel die drittgrößte Branche in der Bundesrepublik. Vor allem im Online-Segment laufen die Geschäfte blendend: Hier lag das Umsatzplus bei satten zwölf Prozent.

Auch das laufende Jahr verspricht gut zu werden. Zwei Prozent Umsatzwachstum sind nach Meinung des HDE gut zu machen. Im Online-Handel erwarten die Experten sogar ein Plus von elf Prozent. Damit läge der E-Commerce-Umsatz in Deutschland 2016 bei stolzen 46,3 Milliarden Euro.

Etwa drei Millionen Menschen verdienen ihr Geld im Einzelhandel, weitere 160 000 absolvieren hier eine Ausbildung. Entsprechend vielfältig sind die Karrierechancen: Neben verschiedenen Ausbildungsberufen bietet die Branche auch Hochschulabsolventen interessante Einstiegsmöglichkeiten und Jobs. Klassische Verkäufer sind ebenso gefragt wie Werbetexter und Logistiker, IT-Fachkräfte oder Betriebswirte.

Wirtschaftsbereic h gibt es derzeit so unterschiedliche und interessante Auf- und Umstiegsmöglichkeiten wie im Einzelhandel“, betont Pascal Skropke. Der 33-jährige Betriebswirt arbeitete nach seinem Hochschulabschluss zunächst als Anlageberater für einen renommierten Immobilienmakler. „In diesem Geschäftsbereich habe ich viel gelernt“, erinnert er sich. Irgendwann war dann aber die Sehnsucht nach etwas Neuem da. Skropke wechselte zu Navabi.

Das Portal hat sich auf den Verkauf hochwertiger Damenmode ab Größe 42 spezialisiert. Umsteiger Skropke ist nun seit knapp vier Jahren als Online- Marketing-Manager an Bord. Routine oder gar Langeweile ist in dieser Zeit nicht aufgekommen.

Im Gegenteil: „Bei einem E-Commerce-Start-up ist die Lernkurve extrem hoch“, sagt Skropke. Gerade in seinem Bereich gebe es kaum feste Regeln, an denen er sich orientieren könne. „Neues auszuprobieren ist daher noch immer ein wichtiger Teil meines Jobs – auch auf die Gefahr hin, dass nicht immer alles auf Anhieb funktioniert.“

Handel E-CommerceDiese Experimentierfreude ist typisch für den Bereich des E-Commerce, aber keineswegs ein Privileg dieses Handelszweigs. Auch bei vielen etablierten Unternehmen der Branche tut sich eine Menge. Die Digitalisierung bringt hier ebenfalls große Veränderungen. Anders als vielfach angenommen bringen die für die klassischen Ladengeschäfte durchaus Vorteile.

„Zu Zeiten, als ein feststehender PC im Arbeitszimmer das einzige Zugangstor zum Internet war, glaubte man, online bringe uns um“, erinnert sich Pieter Haas, Geschäftsführer der Media-Saturn-Holding. „Heute weiß man es besser.“ Natürlich könne es passieren, dass ein Kunde sich im Markt beraten lasse, um dann doch online zu kaufen.

Dieses sogenannte Showrooming hält Haas jedoch für unproblematisch – zumal es auch das entgegengesetzte Phänomen gibt. „Viele Kunden informieren sich zunächst im Netz und kaufen dann im Markt“, sagt der Experte. „Das zeigt, wie wichtig das physische Einkaufserlebnis ist.“

Die Verknüpfung von on- und offline, das sogenannte Multi-Channeling, rückt zunehmend ins Visier der Unternehmen. Immer mehr Handelsfirmen bieten Kunden daher beides: Märkte und Läden in den Städten, Online-Shops im Netz.

Früher verkaufte er Luxusvillen

Früher verkaufte er Luxusvillen, heute vermarktet Pascal Skropke exklusive Damenmode – in großen Größen

Für eine neue Regalwand etwa muss heute niemand mehr zu Ikea fahren: Die meisten Produkte lassen sich bequem im Online-Shop ordern. Auch Modebewusste haben die Wahl: Sie können zum Shoppen entweder in die Fußgängerzone pilgern oder sich bei H&M, Zara & Co. Im Internet eindecken. Selbst Supermarktketten wie Rewe präsentieren ihre Ware inzwischen nicht mehr nur in stationären Läden, sondern liefern Käse, Gemüse und Wurst auch nach Hause. Alternativ können Eilige online ihre Bestellung abgeben und den fertigen Einkauf zum Wunschtermin in der nächsten Filiale abholen.

Von den neuen Möglichkeiten lassen sich junge Berufstätige inspirieren: Gründer Schadowske etwa plant bereits, sein Sortiment zu erweitern. Die neuen Produkte will er online und offline verkaufen. Marketing-Fachmann Skropke kann sich gut vorstellen, neben dem Online- Vertrieb „irgendwann auch einmal stationäre Navabi-Boutiquen“ zu bewerben.

Bei Media-Saturn hat man auch weiterhin Großes vor: Das Unternehmen möchte zur weltweiten Nummer eins im Elektrofachhandel aufsteigen, stationär und im Netz.

Dafür allerdings braucht es qualifizierte Nachwuchskräfte, idealerweise aus den eigenen Reihen. „Neben der klassischen Ausbildung in den Bereichen Verkauf, Beratung, Service und IT investieren wir gezielt in innovative Neugründungen“, erklärt Haas. Die Gründer erhielten nicht nur finanzielles Investment, sondern auch Zugriff auf die Ressourcen und das Netzwerk von Media-Saturn. Umgekehrt komme aber auch das Unternehmen auf seine Kosten. „Wir profitieren von den neuen kreativen Ideen der Gründer“, sagt Haas.

Text: Catrin Gesellensetter, Foto: Sven Sindt, Dominik Asbach


Focus Network Cover4 x jährlich erscheint das “FOCUS Network – 44 Seiten Karriere-Extra” als Beileger des  FOCUS-Magazins. In Kooperation mit XING informiert der Beileger über Job & Karriere, die neue Arbeitswelt, mit Interviews, Reportagen, Network-Tipps, Terminen und Events. Die aktuelle Ausgabe „Job & Freiheit“ ist in der Woche vom 2. April bis 8. April 2016 am Kiosk erhältlich.

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