New Work Check 2016

Erfolgsmodell Sabbatical: Die Deutschen machen Pause

Noch vor wenigen Jahren galten Arbeitnehmer, die ein Sabbatical beantragten, eher als Exoten in ihren Unternehmen. Doch mittlerweile ist die mehrmonatige Auszeit vom Job ein Erfolgsmodell geworden – für alle Seiten.

Barbara Stäbler, Personalentwicklerin für Führungskräfte, hat sich gemeinsam mit ihrem Mann eine berufliche Auszeit genommen und war in dieser Zeit unter anderem in Singapur, Bali, Spanien, Uganda und Marokko. (©Foto: Matthias Balk / dpa

Barbara Stäbler, Personalentwicklerin für Führungskräfte, hat sich gemeinsam mit ihrem Mann eine berufliche Auszeit genommen und war in dieser Zeit unter anderem in Singapur, Bali, Spanien, Uganda und Marokko. (©Foto: Matthias Balk / dpa

Endlich mal Zeit haben für eine Weltreise, den Hausbau, soziales Engagement oder mehr Gemeinsamkeit mit den Liebsten – dafür nehmen immer mehr Deutsche eine mehrmonatige Auszeit vom Job. Der Ausstieg aus dem Alltag, häufig Sabbatical genannt, ist mittlerweile selbstverständlich geworden – für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. 2016 wollen 63 Prozent der Deutschen mehr für ein stressfreieres Leben tun, wie aus einer repräsentativen Umfrage für die DAK hervorgeht – viele, indem sie eine Arbeitspause einlegen.

Barbara Stäbler zum Beispiel wollte mehr von der Welt sehen, als sie dem Alltag im September 2014 für ein Jahr „Lebewohl“ sagte. Gemeinsam mit ihrem Mann machte sich die 47-Jährige, die bei der Allianz-Versicherung für die Entwicklung von Führungskräften zuständig ist, auf Entdeckungstour. Singapur, Bali, Spanien, Uganda, Marokko und Sri Lanka waren Stationen, an denen sie haltmachten. Zwischendurch kamen sie immer wieder zurück nach München.

Zwölf Monate ging die Auszeit. Währenddessen hätten sie auch ein Entwicklungsprojekt an einer ugandischen Schule besucht und in Marokko mit Berbern eine Tour durchs Atlas-Gebirge unternommen – mit Trinkwasser, „das ich mir hart erarbeiten musste“. „Ich wollte mich mal wieder erden„, sagt Stäbler. Die Motivation für die Auszeit: die Welt sehen, Natur erleben, soziales Engagement. Selbstverwirklichung.

Diesen Trend zu immer mehr Selbstverwirklichung sieht auch Johanna Aichmüller, Personalleiterin bei der Allianz. Der Großteil jener Mitarbeiter, die eine mehrmonatige Auszeit nehmen, gehe ihrer Erfahrung nach auf Reisen. Auf Platz zwei folge soziales Engagement, etwa die Unterstützung eines Entwicklungshilfeprojekts.

Für die 18- bis 45-Jährigen seien heute andere Faktoren entscheidend als für die „Babyboomer“, sagt Katharina Heuer, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Personalführung in Düsseldorf. Jüngeren sei die Balance zwischen Job und Freizeit oft wichtiger als die nächste Gehaltsstufe. Diese Haltung hat sich mittlerweile in der Wirtschaft etabliert: Ein Sabbatical – „das ist nicht gleich ein Karriereknick“, sagt Heuer. Im Gegenteil, sogar ältere Generationen begegneten diesem Trend mit Wohlwollen.

„Die Unternehmen merken, dass sie attraktiver werden müssen“

Dem Wunsch nach Selbstverwirklichung kommen viele Firmen mittlerweile von sich aus nach. „Die Unternehmen merken, dass Sie attraktiver werden und mehr bieten müssen“, sagt Heuer. Sie könnten nicht mehr davon ausgehen, dass die Mitarbeiter – einmal angestellt – bis zum Ruhestand in der Firma bleiben.

BMW-Sprecher Jochen Frey spricht von einem „höheren Wunsch nach Flexibilität und Individualität“. Der Autobauer kommt dem seit 2008 mit dem Modell „Vollzeit Select“ nach, das seinen Mitarbeitern 20 zusätzliche Urlaubstage gewährt. Die Zahl der beanspruchten Sabbaticals – bei BMW entspricht das einer Auszeit von bis zu sechs Monaten – ist seitdem von mehr als 1300 auf knapp 500 zurückgegangen. Gleichzeitig hätten allein bis Ende September fast 3500 Mitarbeiter das Plus auf dem Urlaubskonto in Anspruch genommen, sagt Frey.

Eine ähnliche Entwicklung machen auch andere große Unternehmen aus – egal, ob die Auszeit nun drei, sechs oder gar zwölf Monate beträgt. Die Nachfrage nach Sabbaticals bis zu einem Jahr habe sich seit dem Geschäftsjahr 2012/2013 (30. September) auf rund 1000 verdoppelt, sagt Siemens-Sprecher Michael Friedrich. „Wir stellen generell eine hohe Nachfrage nach flexiblen Arbeitszeitmodellen fest.“ Dazu gehöre auch das Arbeiten von zu Hause aus.

Für die Unternehmen bedeutet diese Kultur der Flexibilität zwar mehr Verwaltungsaufwand, aber oft auch einen Gewinn. Die Angestellten seien „in der Zeit, in der sie da sind, womöglich motivierter und tatkräftiger“, sagt Jochen Frey von BMW. Allianz-Personalleiterin Aichmüller sagt, die Kollegen kämen „mit großer Motivation“ aus dem Sabbatical. Und Katharina Heuer glaubt: „Kompetenzentwicklung findet nicht nur im Job statt“ – sondern eben auch im Atlas-Gebirge.

Einen Sabbatical-Kater, hat es so etwas beim Wiedereinstieg gegeben? Nein, sagt Barbara Stäbler. Kein Kater, nur ein paar Wochen der Einarbeitung. „Manchmal ist es mir nach einem zweiwöchigen Urlaub schwerer gefallen, wieder anzufangen.“

(©Aufmacherfoto: Westend61 / getty images)

10 Kommentare

Regulus Loew

14.03.2016

Toll, da schreibt jemand über ein Thema, das mit Sicherheit seit Adam und Eva relevant ist. Ich selber stellte mir diese Frage nicht ein, sondern zig-mal, doch es scheiterte immer an dem kleinen unscheinbaren Veto, wie ernährt sich in dieser Zeit meine Frau und meine kleine Tochter, wenn der Ernährer sich seinem Hobby widmet und um die Welt reist.
Nicht einen Satz hierüber finde ich in dem Artikel, das wäre doch zu Vervollständigung nicht uninteressant oder beispielsweise wie ein Steuerberater seinen Klienten erklärt, ich bin dann mal weg und postwendend wären auch die Kunden auf und zur Konkurrenz.
Alles wäre doch so toll, wenn nur nicht das blöde Geldverdienen und die Verantwortung für die Familie wär.

Ulrike Mix

14.03.2016

Die Finanzierung geht in vielen Unterhnehmen inwzischen über ein Zeitwertkonto. Bei der Telekom heißt es Lebensarbeitszeitkonto. Der Mitarbeiter stellt vorher schon Bruttoentgeltbestandteile zurück, die das Unternehmen dann insovenzgeschützt anlegt. Dafür hat der Gesetzbeber mit §7 SBG IV die Grundlage gelegt.
Als selbständiger Steuerberater geht das aber leider nicht.

Ralf Steuernagel

14.03.2016

Ja, das ist ein interessanter Artikel, über das Sabbatjahr, der mir gerade auffiel. Frau Mix schreibt dazu, wie auch eine mögliche Finanzierung dessen aussehen kann.
Wie Herr Loew stelle ich aber auch die Frage, wie würde so etwas, in der Realität, für normale Werktätige aussehen ?
Was passiert mit dem eigenen Haus, bzw. der Wohnung, sowie mit Rechnungen, Reparaturen, etc., die dann anfallen.
Da muß man dann wohl gute Freunde, die Familie, oder andere Personen, einspannen und vom ‚housesitting‘ überzeugen. Ist sicher nicht jedermanns/jederfraus Sache. Da heißt es dann für die, die das nicht wollen, oder können : ‚weiterträumen‘ .

Junge-Rappenberg

14.03.2016

Für Selbständige ist das wohl kaum umsetzbar – leider !
Wie soll man seinen Kunden erklären, dass man ein Jahr unterwegs ist?! Und selbst wenn,
laufen die Kosten für Haus, Kranken – und Rentenversicherung , Auto etc. ja weiter .
Also weiter träumen …

A. Schaupp

14.03.2016

Der Angestellte in Verantwortung der keine Überstunden sammeln kann weil sie im Gehalt verarbeitet sind hat trotz 10 Stundentage keine Chance anzusparen

Die graue Imminenz

14.03.2016

Hallo,

ich denke es versteht sich von selbst, dass so ein Sabbatical auch etwas von Luxus hat, den man sich gönnen können muss. Es sei denn man engagiert sich freiwillig für Hilfsprojekte, wo Unterkunft und Versorgung bereitgestellt wird.

Es ist aber schön, wenn man es sich finanziell gönnen kann und möchte, diese Auszeit vom Arbeitgeber ermöglicht zu bekommen und diese positive Entwicklung diesbezüglich zu verzeichnen ist. Selbstverständlich ist die Organisation und Ermöglichung des Ganzen in größeren Unternehmen leichter, einem selbständigen Einzelunternehmer eigentlich unmöglich. Dafür ist dieser aber sein eigener Herr, selbstbestimmt und nicht wie ein Angestellter im Unternehmen weitestgehend fremdbestimmt.

Und schon könnte man eine pro und contra Liste entstehen lassen, welche Vor-/Nachteile welche Art eines Beschäftigungsverhältnis hat.

Und das Modell trifft wie viele Modelle (z.B.leistungsorientierte Vergütung) nicht auf alle Organisationsformen zu. Aber wenn eine steigende Tendenz bei den Organisationsformen zu verzeichnen ist, wo es anwendbar ist, halte ich das persönlich für einen sehr positive Entwicklung im Hinblick auf Arbeitgerattraktivität und Mitarbeiterbindung, ich müsste nicht kündigen, um mir einen Traum zu verwirklichen oder die nötige Auszeit zu nehmen, die mein Geist vielleicht nach einer gewissen Arbeitsphase braucht.

Viktor Reupke

14.03.2016

Hallo zusammen, ich glaube einige haben zu schnell gelesen und manches überlesen.

Nicht Jeder, der ein Sabbatical einlegt, muss und möchte eine einjährige Weltreise unternehmen. Auch wenn gleich es eine wunderbare Gelegenheit ist viel Neues zu entdecken und sich selbst klarer zu sehen.

Ein Sabbatical kann viele Facetten haben, wie auch im Artikel beschrieben.

Für all die Selbständigen und auch für kleinere Unternehmen ist ein volles Sabbatjahr schwer darstellbar. Trotzdem bin ich mir sicher, dass auch diese individuelle Lösungen finden können, um private Ziele zu erreichen oder sich mal so richtig zu erden.

Angelina

14.03.2016

Ich bin gerade im Sabbatical und finde hier einige „Beschwerden“ etwas an den Haaren herbeigezogen. Meine Wohnung ist untervermietet, Krankenkasse für 50€ im Monat stillgelegt, Auto steht und verursacht keine Kosten, Rechnungen überweise ich online. Wo ein Wille da ein Weg!

Arleta Perchthaler

15.03.2016

Eine Auszeit muss sorgfältig geplant werden. Dazu gehört auch die Prüfung von Finanzen: wie viel habe ich, wie viel brauche ich unbedingt, was muss ich tun, damit der finanzielle Rahmen gesichert ist. Mein Mann und ich haben 2 Jahre zuvor schon angefangen unsere Ausgaben zu reduzieren (alles Unnötige gestrichen), unseren Lebensstandard entsprechend geprüft und angepasst. Da gibt es je nach Unternehmen verschiedene Möglichkeiten: Urlaub ansparen, in der Zeit vor der Auszeit sich nur ein Teil des Gehalts auszahlen lassen, etc. Für Selbständige ist sicherlich etwas andere Herausforderung aber je nach Branche auch machbar.
Für mich persönlich erschien ein Sabbatical am Anfang als total unmöglich und unrealistisch. Aber als ich angefangen habe, mich damit tiefer zu befassen, einfach so, noch ohne konkrete Pläne zu machen, sah das Ganze auf einmal ganz anders aus. Meine Erfahrungen habe ich hier beschrieben, wenn es jemanden interessiert. http://tryhappiness.de/beruflicher-ausstieg/
Ich will damit nur sagen: meine Erfahrung ist, dass die Dinge oft nur auf den ersten Blick nicht machbar sind.

Arleta Perchthaler

15.03.2016

„Der Angestellte in Verantwortung“ muss sich aber auch mal ernsthaft Gedanken darüber machen, was ihm in seinem Leben wichtiger ist – die Arbeit oder Leben. Ich war vor meinem Sabbatical Teamleiterin. Mit unbezahlten Überstunden. Wie hier schon jemand geschrieben hat: Wo ein Wille da ein Weg!