Wo der Job richtig rockt

Das große FOCUS-Arbeitgeber-Ranking 2016 zeigt, welche Unternehmen in Deutschland ihren Beschäftigten herausragende Arbeitsbedingungen bieten. Dieser Artikel ist im Original im FOCUS-Spezial „Die besten Arbeitgeber 2016“ erschienen – aktuell am Kiosk.

Hier ist der Mittelpunkt des Hightech-Musikgeschäfts in Europa“, erklärt Daniel Sennheiser. Der Co-Chef spricht vom Sitz seines Unternehmens im niedersächsischen Wennebostel. Hier, in einem barocken Fachwerkhaus mit zahlreichen Anbauten, befinden sich Akustik-Labors, Werkstätten und Produktionshallen. Hier sitzt der Marktführer für hochwertige Audio-Produkte in Europa.

Focus 1Sennheisers Erfolgsrezept: vollendete Ingenieurskunst und Beweglichkeit. Das waren auch die Maßgaben für den neuesten Bau auf dem Gelände – den „Innovation Campus“. Das 20-Millionen-Euro-Bauwerk bietet Platz für 300 Angestellte, beherbergt ein Café, einen Flagship-Laden und einen Konzertsaal.

Aber: „Es gibt keinen einzigen fest installierten Tisch“, betont Andreas Sennheiser, der gemeinsam mit seinem Bruder Daniel das Unternehmen leitet. Man erprobe dort „neue Arten zu arbeiten“: Teams aus dem Marketing, Ingenieure, Entwickler und Konstrukteure finden sich in der flexiblen Arbeitsumgebung zu verschiedensten Projekten zusammen. Mitunter gehören diesen Gruppen auch Mitarbeiter aus dem Ausland an, die auf ein bestimmtes Projekt angesetzt sind. „Sie ziehen dort ein, bis weißer Rauch aufsteigt“, erzählt Sennheiser.

Innovative Arbeitsumgebungen, demokratische Strukturen, flexible Arbeitszeiten – die Unternehmen in Deutschland sind stark im Wandel. „Sie wissen, dass sie nur mit hochmotivierten Mitarbeitern langfristig Erfolge erzielen“, erklärt Sarah Müller, Marketingleiterin bei der Bewertungsplattform Kununu in Wien. Viele von ihnen sehen ihre Beschäftigten inzwischen nicht mehr als klassische Arbeitnehmer, sondern mehr und mehr als Partner.

Dieser Paradigmenwechsel fällt nicht allen leicht: Hier und da finden sich noch dominante Vorgesetzte, die ihren Untergebenen Aufgaben zuweisen und keinen Widerspruch dulden. Eine wachsende Zahl Führungskräfte jedoch diskutiert auf Augenhöhe mit ihren Teams und bezieht sie in Entscheidungen mit ein. „Im Moment herrscht in den Unternehmen deshalb ein sehr starker Veränderungswille“, erklärt Matthias Meifert, Gründer der Berliner Personalberatung HRpepper.

„Der Arbeitsmarkt kippt und entwickelt sich in vielen Branchen zu einem Nachfragemarkt – für die Arbeitgeber“, XING-Chef Thomas Vollmoeller

„Vertrauen und Freiheit spielen eine zentrale Rolle“, betont Thomas Vollmoeller, Chef der Hamburger Karriere-Plattform Xing. Die Unternehmen müssten daher eine neue Führungskultur pflegen, um Nachwuchs zu ködern oder ihn zu binden. „Der Arbeitsmarkt kippt und entwickelt sich in vielen Branchen zu einem Nachfragemarkt – für die Arbeitgeber“, so Vollmoeller. Die Zahl aktiver Bewerber gehe zurück. Viele Unternehmen würden sich glücklich schätzen, wenn sie tatsächlich eine Auswahl an Bewerbern hätten.

Einige Beispiele gefällig? Das Baugewerbe sucht händeringend nach Fachkräften und akademischem Nachwuchs. Das stellte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einem seiner „Aktuellen Berichte“ Mitte des Jahres 2015 fest. Schwierigkeiten bereitet es auch Unternehmen aus der ITund Telekommunikationsbranche, Mitarbeiter zu rekrutieren. Laut dem IAB scheitert die Suche hier vor allem an den fehlenden Qualifikationen der Bewerber. Engpässe gibt es zudem bei der Besetzung von Stellen, für die Arbeitgeber Maschinenbau- und Elektroingenieure, Informatiker oder Datenverarbeitungsfachleute benötigen.

Focus 2Um in diesen herausfordernden Zeiten als Arbeitgeber zu glänzen, braucht es Mut, traditionelle Konzepte wie feste Arbeitszeiten und hierarchische Organisationsstrukturen aufzubrechen. Gemeinsam mit dem Karriere- Netzwerk Xing (Hubert Burda Media), dessen Bewertungsplattform Kununu und dem Statistikunternehmen Statista ermittelte FOCUS im Herbst 2015, welche Arbeitgeber in Deutschland ihren Arbeitnehmern wirklich attraktive Beschäftigungsbedingungen bieten (siehe S. 140).

Für die Untersuchung berücksichtigten die Statista-Datenexperten Bewertungen aus allen Hierarchie- und Altersstufen. Die Studienteilnehmer beantworteten einen umfangreichen Fragebogen rund um ihren Job. Statista wollte unter anderem wissen: Erkennt Ihr Arbeitgeber gute Leistungen an? Bringt Ihnen Ihr Vorgesetzter Wertschätzung entgegen? Bewegen sich die Arbeitszeiten im normalen Rahmen? Sind Räume und technische Ausrüstung auf dem neuesten technischen Stand?

In die Beurteilung der Unternehmen flossen zudem Erfahrungsberichte ein, die Beschäftigte auf der Plattform Kununu über ihre Arbeitgeber abgegeben haben. In Summe ermittelte Statista aus mehr als 70 000 Urteilen Deutschlands beste Arbeitgeber.

FOCUS präsentiert neben der Liste der Top-50-Arbeitgeber Deutschlands jeweils 22 Branchenlisten. Das Ranking unterscheidet weiter nach Firmengröße. Denn eines ist klar: In einem Dax-Unternehmen herrscht ein anderes Arbeitsklima als in einem Familienbetrieb mit 500 Mitarbeitern.

Wie bereits in den vergangenen Jahren schneiden auch 2016 die Autokonzerne in der Bestenliste besonders gut ab: Platz zwei und vier gehen an Audi und BMW, Porsche und Volkswagen belegen die Ränge sechs und sieben. Bei den Autoherstellern lockt offensichtlich das Image des Produkts. Natürlich bieten die Konzerne, egal, ob jungen Talenten oder Fachexperten, interessante Aufgaben. Allein das Thema Elektromobilität ist Innovation pur.

Der Münchner Autobauer BMW beispielsweise investiert in die Weiterbildung seiner Arbeitnehmer nach eigenen Aussagen „das Jahresbudget einer kleinen Universität“. Um neue Mitarbeiter zu gewinnen beziehungsweise top qualifizierte Talente anzulocken, vergibt der Konzern etwa 7000 Praktikumsplätze jährlich – allein in Deutschland. Und der Autohersteller bietet seinen Arbeitnehmern nicht nur Karrierechancen, sondern noch viele Extras: Von Kinderbetreuung bis hin zum Fitness-Center. „Wir schaffen Rahmenbedingungen, in denen sich unsere Mitarbeiter voll einbringen können: mit Leistung und Kreativität, aber auch mit Leidenschaft und mit Spaß an den Herausforderungen der Zukunft“, sagt Milagros Caiña-Andree, Personalvorstand der BMW Group.

Solch eine Philosophie schreibt auch der diesjährige Gesamtsieger dm-Drogeriemarkt groß. Erstmals seit Einführung des FOCUS-Rankings im Jahr 2013 erobert ein Einzelhändler die Spitze der Bestenliste.

Offensichtlich trifft dm mit seiner Führungskultur den Zeitgeist der Mitarbeiter: Vertrauen und Freiheit sind bei den Karlsruhern selbstverständlich. „Wir setzen auf die Fähigkeiten unserer Beschäftigten und geben ihnen den Raum, sie zu entfalten“, betont Erich Harsch, Vorsitzender der Geschäftsführung.

Das Thema Individualität der Mitarbeiter sieht Personalexperte Meifert „als nachhaltigen Trend, um den kein Unternehmen inzwischen mehr herumkommt“. Mit Zusatzleistungen wie Firmenwagen, Handy oder Boni allein sei kein Arbeitnehmer mehr zu locken. „Die Unternehmenskultur und das Führungskonzept müssen in sich stimmig sein“, fährt Meifert fort.

Focus 3Das schaffen Deutschlands beste Arbeitgeber unter anderem mit einem bewährten Mittel: Ob kleiner Betrieb oder Konzern – die Firmen setzen auf eine familiäre, vertrauensvolle Atmosphäre. Das kommt bei den Arbeitnehmern sehr gut an, obwohl sie energisch auf Home-Office und Selbstständigkeit pochen.

Der schwäbische Bauriese Leonhard Weiss beispielsweise schnürt für seine Facharbeiter geradezu ein Wohlfühlpaket: Er berücksichtigt bei der Besetzung seiner Baustellentrupps – soweit machbar –, dass junge Väter nicht zu weit von zu Hause zum Einsatz kommen. Zusätzlich versuchen die Bauleiter – je nach Möglichkeit –, die Einsatzpläne so zu strukturieren, dass sie auch einmal an einem Freitag früher Dienstschluss haben oder freimachen können. „Unter solchen Voraussetzungen fühlen sich Mitarbeiter heimisch und bleiben gerne“, erklärt Alexander Weiss, einer der sechs Geschäftsführer des Bauunternehmens.

Zugleich schreiben Deutschlands beste Arbeitgeber Sicherheit und Fitness groß. Gesundheitsprogramme gehören bei vielen Unternehmen inzwischen zum Standardrepertoire. „Immer mehr Firmen pochen inzwischen streng darauf, dass die Mitarbeiter sich nicht verpflichtet fühlen, auch noch am Wochenende ihre Mails zu checken“, sagt Führungsexperte Meifert. Auf diese Weise sammeln sie wertvolle Pluspunkte bei ihren Arbeitnehmern.

Für Unternehmen, die sich mit den neuen Ansprüchen und Wünschen der Arbeitnehmer bereits auseinandergesetzt und an die neuen Zeiten in der Arbeitswelt angepasst haben, spielt am Ende selbst der Standort kaum mehr eine entscheidende Rolle.

Ob Installationstechnikspezialist Viega in Attendorn, Elektrowerkzeugproduzent Metabo im schwäbischen Nürtingen oder Spülenhersteller Blanco im baden-württembergischen Oberderdingen – stimmt die Unternehmenskultur, gewinnen auch Städtchen weit abseits aller Zentren enorm an Attraktivität und lassen die Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber schwärmen. Bei Blanco haben die Beschäftigten dafür sogar schon seit langem einen eigenen Begriff geprägt – den „Blanco-Spirit“.

Text: Steffi Sammet, Illustrationen: Otto Steininger für FOCUS-Spezial


FocusSpezial Beste ArbeitgeberDie FOCUS-SPEZIAL-Ausgabe zu den besten Arbeitgebern 2016 (Januar/Februar 2016) ist aktuell am Kiosk und hier erhältlich. Neben dem großen FOCUS-Ranking mit 1.000 Top-Firmen aus 22 Branchen präsentiert die Ausgabe zahlreiche ausführliche Unternehmensporträts sowie interessante Einblicke in neue Arbeitswelten und Ratgeber-Beiträge.

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