"Wer gestaltet eine neue Arbeitskultur? Warum New Work eine Frage der Selbstständigkeit ist"

Wir erwarten heute viel von einem Job: Geld, Sinn, Erfolg, Work-Life-Balance und selbstverständlich Sicherheit. Gleichzeitig monieren viele die Realitäten der abhängigen Beschäftigung. Vor allem in Konzernen und den Großraumbüros, die einst die sichere Laufbahn einer idealtypischen Karriere versprachen, sinkt die Mitarbeiterzufriedenheit. Aber die Konzerne versprechen Besserung. „New Work“ ist das Zauberwort. Neue Freiheiten, neue Bedingungen, „neue Arbeit“.

(Lesetipp: Der Text ist im Original im aktuellen XING New Work Book „Aufbruch in eine Neue Arbeitswelt“ erschienen, das zum kostenlosen Download hier verfügbar ist.)

Doch was genau ist so neu an der Arbeit, die wir heute so revolutionär New Work nennen? Jobsharing etwa ist bereits seit den 80er-Jahren in Deutschland bekannt, Homeoffice, Gleitzeit, Sabbatical – alles keine neuen Ideen und selbst die Originalutopie von „New Work – neue Arbeit – neue Kultur“ ist nunmehr über 30 Jahre alt. Die in jüngster Zeit populär gewordene Vorstellung, dass New Work vor allem agile Büroorganisationsstrategien seien, ist nur eine neue Interpretation des alten Begriffs. Eigentlich verband man mit New Work die Ideen von Frithjof Bergmann, nicht etwa die der Konzernwelt. Der Vordenker der ursprünglichen Idee einer New-Work-Bewegung sieht das Ganze als Do-it-yourself-Konzept für eine von der Lohnarbeit befreiten Welt(!).

In der aktuellen Auslegung von New Work jedoch geht es nicht mehr um DIY oder darum, wie Bergmann es ausdrückt, „zu tun, was man wirklich, wirklich will“, oder gar um die Befreiung aus dem gegenwärtigen Jobsystem. Die einst mutige Utopie ist eine Frage des herkömmlichen Changemanagements geworden. Jetzt haben die Politik und Konzernwelt New Work für sich entdeckt und tun so, als würde sich die Revolution bei ihnen abspielen. Natürlich ist es auch Aufgabe der Politik und Arbeitgeber, für moderne Arbeitsbedingungen zu sorgen, aber was derzeit passiert, ist genau genommen nicht New Work, sondern lediglich New Office. Und so wird New Work auf Feel-good-Manager, den perfekten „Wohlfühlarbeitsplatz“ ohne festen Schreibtisch und Kabellosigkeit reduziert.

Für mich als Gründerin verschiedener Unternehmen und Projekte hat New Work wenig mit internen Veränderungsprozessen in Großraumbüros zu tun, sondern in erster Linie mit den Gestaltungsprozessen für eine selbstbestimmte Arbeitswelt. Mit den Inhalten von Arbeit, mit Gestaltungsfreiheit und der Unabhängigkeit, die eine neue Arbeitskultur bringt. Als ich gekündigt habe, wollte ich keinen besseren Job, ich wollte ein besseres Leben. Und ich wollte nicht warten. Ob nun New Work oder Entrepreneurship – es geht nicht um Begrifflichkeiten, auch an der Selbstständigkeit ist erst mal nichts Neues. Neu sind aber die Freiheiten, mit denen sie gestaltet werden kann.

Sobald man selbst Mitarbeiter hat, stellt sich natürlich die Frage, wie man ein Unternehmen aufbaut, das niemanden in Strukturen zwingt, aus denen man selbst geflohen ist. Also setzen Kogründerin Sophie Pester und ich auch auf Selbstständigkeit innerhalb unserer Unternehmen und auf besser organisierte Zusammenarbeit, die auf Vertrauen baut statt auf Kontrolle. Nicht jeder möchte selbst gründen, aber unsere Erfahrung ist, dass Mitarbeiter freie Formen der Zusammenarbeit und Unterstützung in der Selbstführung sehr schätzen. Dies setzt jedoch die Selbstständigkeit des Einzelnen voraus und das Bewusstsein dafür, welche Inhalte die eigene Arbeit antreiben. Wer mit uns arbeiten will, muss wissen warum. Zu einer neuen Arbeitskultur gehört es zu honorieren, wenn jemand seine Selbstständigkeit entdeckt und seine Arbeit entsprechend über Inhalte definiert. Wir wollen kein System, das Menschen mit Annehmlichkeiten bei der Stange und in Jobs hält, die ihnen nichts bedeuten. Die Arbeit, Zeit und Kreativität aller Beteiligten, die Projekte erfolgreich machen, müssen Anerkennung finden, und zwar nicht nur in Form von Bezahlung und Sozialversicherungsbeiträgen, sondern auch in Form von Respekt und der Unterstützung selbstbestimmter Arbeitsmodelle. Seiner Verantwortung als Unternehmer kann man auch nachkommen, ohne Abhängigkeiten zu schaffen.

Was für kleine Unternehmen und einige Soloselbstständige schon funktioniert, ist so kaum auf große Organisationen übertragbar. Neben sinngetriebenen Inhalten sind Vereinbarkeit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung Faktoren, die eine neue Arbeitskultur ausmachen, in den meisten Unternehmen aber nicht gewährleistet sind. Und genau aus diesem Grund wird es auch eine Gleichzeitigkeit verschiedener Ausprägungen von New Work geben. Es ist also wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, welche Arbeitskultur man selbst mitgestalten will. New Work kann eine Freiheitsbewegung und Übernahme von Verantwortung zugleich sein. Dazu gehört es, das „Normalarbeitsverhältnis“ neu zu definieren. Dazu gehört es auch, sich nicht als Arbeitnehmer zu verstehen, sondern als Unternehmer seiner eigenen Ideen von Arbeit und Leben. Und es beinhaltet, sich ernsthaft Gedanken zu machen, in welcher Gesellschaft man leben möchte.

New Work wird erst dann richtig interessant, wenn mehr Menschen wirklich anders arbeiten wollen und eigene Konzepte dafür haben. Wenn unsere Sicherungssysteme die Selbstständigkeit und Kombinationen aus Selbstständigkeit und Festanstellung nicht mehr erschweren, sondern honorieren. Wenn mehr Menschen beginnen, auf ihre Gestaltungsmacht zu vertrauen, anstatt auf ein Karrieresystem, das hauptsächlich Anpassung und Folgebereitschaft belohnt. Nicht irgendein Konzern repräsentiert New Work, sondern unabhängige Menschen mit Ideen, für sich selbst und bessere Formen der Zusammenarbeit.

Die Zeit für eine DIY-Ökonomie und wirklich freie Arbeitsmodelle, die sich auch von herkömmlicher Selbstständigkeit abgrenzen und dafür nach den Prinzipien des Entrepreneurships funktionieren, ist schon lange hier. Es ist nicht nur möglich, anders zu arbeiten, es entspricht auch der heutigen Zeit mit neuen Lebensentwürfen, anderen Wünschen und mehr Freiheiten. Der persönliche Wandel geht dem gesellschaftlichen Wandel voraus. New Work ist eine Frage der Selbstständigkeit, nicht nur eine Frage des Changemanagements besonders moderner Konzerne oder von „Arbeiten 4.0“ auf der politischen Agenda. Ob New Work in Zukunft wirklich die Arbeitswelt revolutioniert, hängt davon ab, wie ernst wir unsere Freiheiten wirklich nehmen. Es geht darum zu wissen, wie man leben möchte, darum, besser zusammenzuarbeiten und seine eigene Zuständigkeit wahrzunehmen, um eine neue Arbeitswelt mitzugestalten. Wer New Work will, muss sich etwas aus seiner Freiheit machen. Ansonsten bleibt Arbeit nur ein Job und New Work nur New Office.


Über Catharina Bruns

Catharina Bruns ist Entrepreneurin und Autorin des Buches „Work is not a job“. Ihre Unternehmen und Projekte supercraft, Lemon Books, superwork und workisnotajob. haben eins gemeinsam: Sie inspirieren andere dazu, selbst zu gestalten. Ihr neues Buch „Frei sein statt frei haben“ erscheint im Frühjahr 2016 im Campus Verlag.

 


NewWorkBook Klein FrontpageÜber das New Work Book

Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Was müssen wir künftig anders machen, um sowohl die Innovationsfähigkeit der Unternehmen sicherzustellen als auch die Bedürfnisse der Berufstätigen nach mehr Freiheit, Autonomie und Flexibilität zu bedienen? Diese und viele weitere Fragen beantwortet des neue, von XING herausgegebene E-Book „Aufbruch in eine neue Arbeitswelt“ – das New-Work-Buch“, das ab sofort kostenlos unter www.newworkbook.de heruntergeladen werden kann.

Im ersten deutschsprachigen New-Work-Standardwerk finden Leser Beiträge von insgesamt 35 Autoren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Praxis zu den zentralen Ansätzen der neuen Arbeitswelt: von der Unternehmenskultur und dem demokratischen Unternehmen über die Führung von morgen und den Zusammenhang von Zeit und Arbeit bis hin zu neuen Werkzeugen und Methoden sowie Social Entrepreneurship.

1 Kommentare

Mandy Sale

06.05.2016

Sehr gut geschrieben.
Danke dafür