Arbeit & Gesundheit

Süchtig nach Arbeit: Sind Sie ein Workaholic?

Sie sind als Erste im Büro und gehen als Letzte. Sie reißen jedes Projekt an sich und entspannen nie. Immer mehr Menschen sind arbeitssüchtig. Sie auch? 

Manche Menschen arbeiten viel. Und andere können gar nicht aufhören damit – sie sind süchtig. Nicht nach Alkohol oder Nikotin, nicht nach Pillen oder Drogen. Sondern nach ihrem Job. Ähnlich wie der Burn-out ist die Arbeitssucht nicht allgemeingültig definiert. Das sagt Diplom-Psychologe Stefan Poppelreuter, der verschiedene Bücher zum Thema Arbeitssucht veröffentlicht hat. Zwischen 200.000 und 300.000 Betroffene gibt es Schätzungen zufolge.

Völlig überarbeitet und trotzdem bis spätabends am Schreibtisch: Arbeitssüchtigen fällt es schwer, nach Hause zu gehen. Können sie nicht produktiv sein, werden sie unruhig. (©Foto: Westend61/Maria Rodriguez)

Völlig überarbeitet und trotzdem bis spätabends am Schreibtisch: Arbeitssüchtigen fällt es schwer, nach Hause zu gehen. Können sie nicht produktiv sein, werden sie unruhig. (©Foto: Westend61/Maria Rodriguez)

Nicht jeder, der exzessiv arbeitet und viele Stunden im Büro verbringt, ist süchtig. „Vielmehr geht es darum, dass einen die Arbeit nicht mehr loslässt und man meint, die Welt bricht zusammen ohne die eigene Leistung“, erklärt er. Psychologische Studien zeigen, dass Betroffene sich unwohl fühlen, wenn sie nicht schuften. „Arbeitssüchtige benötigen das Gefühl, permanent produktiv zu sein und gebraucht zu werden“, erläutert Prof. Ute Rademacher, Dozentin an der International School of Management (ISM) in Hamburg.

Doch wo ist die Grenze? „Wer das Telefon und den Computer ausschalten kann und einen Tag mit der Familie genießt, ohne an die Arbeit zu denken, braucht sich keine Sorgen zu machen“, sagt Poppelreuter. Schwierig ist, wenn das nicht mehr geht. Viele Arbeitssüchtige sind morgens als Erste da und gehen als Letzte. Dabei sind sie allerdings nicht immer produktiv. Workaholics arbeiten häufig sehr ineffizient. „Sie können nicht delegieren und keine Prioritäten setzen und eignen sich nicht, mit anderen zusammenzuarbeiten“, erzählt der Psychologe.

Zwischen Männern und Frauen gibt es keinen Unterschied, was die Zahl der Arbeitssüchtigen angeht. Allerdings seien in den helfenden und kreativen Berufen sowie bei den Selbstständigen mehr Menschen mit einer Neigung zum Suchtverhalten vertreten, erzählt Poppelreuter. Arbeit ist dabei häufig eine Flucht vor anderen Konflikten im Leben. Workaholics sind nicht selten Getriebene. „Vielen fehlt die innere Erfüllung“, sagt Werner Gross, Mitbegründer des Psychologischen Forums Offenbach.

Das ist auch der Punkt, an dem Freunde und Verwandte die Sucht erkennen können. „Die Arbeitssüchtigen sind zwar physisch präsent, aber geistig abwesend, folgen Gesprächen nicht und schreiben dauernd Mails“, sagt Poppelreuter. Die Folgen der Arbeitssucht äußern sich oft körperlich durch Kopfschmerzen, Magengeschwüre oder Schlafstörungen. Körper und Psyche geben damit ein Stoppsignal. Betroffene müssen aber nicht immer gleich in eine langwierige Therapie. „Der erste Schritt ist, es selbst zu probieren, mit Vertrauten zu reden.“

Außerdem gebe es verschiedene Selbsthilfegruppen für seelische Gesundheit, auch die Anonymen Arbeitssüchtigen können Betroffene kontaktieren. Erst wenn das nicht reicht, sind die Profis gefragt. Psychotherapie oder sogar die stationäre Rehabilitation können dann helfen. Es gibt viele Therapeuten, die sich auf das Thema Sucht spezialisiert haben. Allerdings kann es dabei nur selten eine permanente Heilung geben, sagt Poppelreuter. „Ziel einer Behandlung kann nicht die Abstinenz sein, dazu ist Arbeit zu wichtig und notwendig.“

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4 Kommentare

Josef Kittl

09.02.2016

Ich glaube kaum, dass jemand der arbeitssüchtig ist, sich in dieses Forum verirrt. Denn dazu muss man in der Lage sein, sich einfach mal zurück zu lehnen, und die XING Artikel zu lesen.
Wenn es bei mir stressig zu geht, was heute dank dem Faschingsdienstag nicht der Fall ist, werden die XING-emails einfach gelöscht, weil einfach zu wenig Zeit bleibt, sich die jeweiligen Artikel anzusehen.
Ich halte mich nicht für arbeitssüchtig, denn ich kann am Abend durchaus auf sämtliche Telefone verzichten, sowohl auf die geschäftlichen, als auch die privaten.

Andres Koch

09.02.2016

Nun in der Psychologie und Psychiatrie wird in den letzten Jahren alles als Sucht betitelt, was mehr Umsatz für ihre Beratungen und Medikation bringen kann. Aber was wissen diese „Experten“ schon vom Arbeiten. Über die letzten Jahrzehnte wird immer mehr über die Arbeitslast und das viele Arbeiten geklagt. Dass es wirklich schlimm ist, wenn jemand nicht arbeiten darf oder keine Stelle hat, darüber wird kaum gesprochen. Dass Arbeit eine Erfüllung sein kann und auch Spass macht, das ist in der heutigen Gesellschaft tabu. Burnout kommt nicht von zuviel erfüllter Arbeit, sondern von Ausbeutung der arbeitgebenden Firma und Unehrlichkeit am Arbeitsplatz. Dann hat man mit „Burnout“ Grund zu gehen. Dass auch von Arbeitgeberseite nicht immer alles zum Besten ist, sollte auch bewusst sein. Aber wenn man Arbeit hat, dann sollte man diese mit Freude tun und sich so seinen Arbeitsplatz und seiner Firma den Platz auf dem Markt sichern. Ich bin mir bewusst, das meine Meinung unpopulär ist. Aber ich arbeite mit viel Spass seit vielen Jahrzehnten und gedenke es weit über das Pensionsalter aus zu tun.

Daniel

09.02.2016

Ich denke, das zeigt einfach nur dass entsprechende Personen mehr Spaß an ihrer Arbeit haben als im Privatleben. Aus welchem Grund auch immer.

Daniela

15.02.2016

Ich hatte einen echten Workaholic als Kollegen. Ein Vergnügen war das nicht. Versuchen Sie mal, als normaler Mensch (mit normalem Vertrag und normaler Überstundenbereitschaft) neben jemandem sichtbar zu sein, der kein Privatleben hat / haben möchte, 70 h in der Woche arbeitet, und alles an sich zieht. Zumal der Kollege mit diesem Verhalten großen Erfolg bei den Chefs hatte.
Entweder, Sie lassen sich auch auf diese tour de force ein (und sich dann privat irgendwann scheiden) oder steigen nach vielen vergeblichen Gesprächen aus, bevor Sie wahnsinnig werden. Ich habe mich für Letzteres entschieden und das Feld geräumt. Soll jemand anders mit ihm glücklich werden!