New Work Check 2016

"Slow Business"-Trend: Achtsamkeit statt Fließband

In der vernetzten Wirtschaft verschmelzen die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Umso wichtiger wird es für Unternehmen, neue Auszeiten und Ruhezonen für ihre Mitarbeiter zu finden. Teil 11 in unserer Serie „Zukunftsräume“ in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut

Von Lena Papasabbas und Christian Schuldt

Wissensarbeit ist keine Fließbandarbeit, die sich an geregelte Zeiten oder fixe Orte binden lässt. In der Netzwerkökonomie hat das klassische Nine-to-Five-Modell ausgedient. Wir leben im Zeitalter des Work-Life-Blendings, in dem sich beide Hemisphären zunehmend durchdringen – und neue, flexiblere Lösungen ermöglichen und erfordern.

Immer mehr Unternehmen setzen in Sachen Arbeitszeit und -ort auf eine lockere Policy. Microsoft  schaffte bereits 1998 die festen Arbeitszeiten für seine Mitarbeiter ab, inzwischen ist auch die Anwesenheitspflicht im Büro Geschichte. Ähnliches gilt für die Mitarbeiter von SAP, Deutsche Bank und Google.

Der Modus des flexiblen Work-Life-Blendings birgt aber auch das Risiko der ständigen Erreichbarkeit und einer kontinuierlich schrumpfenden arbeitsfreien Zeit. Eine Möglichkeit, um dieser Gefahr vorzubeugen, sind explizite Abschaltzeiten. So können BMW-Mitarbeiter mit ihren Vorgesetzten Zeiten vereinbaren, in denen sie grundsätzlich nicht zu erreichen sind. Der New Yorker Designer Stefan Sagmeister gestattet den Mitarbeitern seines Designstudios alle sieben Jahre eine ganzjährige Auszeit. Und wer beim Streamingdienst Netflix beschäftigt ist, darf so oft und so lange er will Urlaub machen – auf Vertrauensbasis und ohne administrative Umwege. So entsteht kostbare Frei-Zeit, die echten Abstand von der Arbeit ermöglicht.

"Pausenkicker"-Angebot Yoga: Für Computerarbeiter ideal (©Foto: Pausenkicker)

„Pausenkicker“-Angebot Yoga: Für Computerarbeiter ideal (©Foto: Pausenkicker)

Auch im Arbeitsalltag selbst setzt sich der Trend zur Achtsamkeit immer mehr durch. Beschäftigte von Daimler-Benz können Business-Yoga-Kurse belegen, um in der Hektik des Alltags Klarheit und Orientierung zu finden. Und mittlerweile ist auch der Manager mit der Aktentasche in der Hand und der Yogatasche auf dem Rücken nichts Besonderes mehr. In den USA treffen sich CEOs nicht mehr auf TED-, sondern auf „Wisdom 2.0“-Konferenzen, um Weisheit zu (er)finden. Und das von Google konzipierte „Search Inside Yourself“-Programm hilft Managern, ihre Führungs- und Leistungsfähigkeit steigern – indem ihr Wohlbefinden optimiert wird.

Die Sehnsucht nach Ruhe und Ausgeglichenheit spiegelt sich auch in neuen Konsumprodukten. Während Energydrinks oft dazu dienten, die letzten Kräfte für nicht enden wollende Überstunden zu mobilisieren, steigt heute die Nachfrage nach Anti-Energydrinks, die beruhigend, entspannend oder regenerierend wirken sollen. So verspricht das Getränk „Heldenpause“ durch seine Zusammensetzung aus verschiedenen Kräutern Tiefenentspannung für gestresste Gemüter.

All das belegt: Entschleunigung und Achtsamkeit sind die Schlagwörter dieser Tage. Auf breiter Basis wächst die Erkenntnis, dass Ruhephasen zwingend notwendig sind, um Kraft zu sammeln und in den entscheidenden Phasen das Maximum leisten zu können. Wer auf Achtsamkeit achtet, steigert emotionale Intelligenz und schafft Raum für Konzentration und Kreativität.

Dieses Mindset wird in der Arbeitswelt von morgen von immer mehr Unternehmen aktiv gefördert werden. Erst wenn es gelingt, eine konstruktive Balance zwischen flexiblen Arbeitszeiten und gesicherten Ruhezeiten für die Mitarbeiter zu finden, können die Potenziale des Work-Live-Blendings wirklich ausgeschöpft werden.

Über die Autoren:
Lena Papasabbas ist Expertin für die Megatrends der Gegenwartskultur. Für das Zukunftsinstitut arbeitet sie als Autorin, Redakteurin und Referentin.
Christian Schuldt ist Experte für Digitale Transformation und Systemtheorie. Für das Zukunftsinstitut arbeitet er als Autor, Redakteur und Referent.
Gemeinsam leiten sie das Trend Update, den Online-Service des Zukunftsinstituts.

Das 1998 gegründete Zukunftsinstitut gilt heute als einer der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung und ist eine zentrale Informations- und Inspirationsquelle für Entscheider und Weiterdenker. Mehr über das Thema New Work und die Megatrends, die unsere Zukunft prägen, erfahren Sie auf zukunftsinstitut.de.

2 Kommentare

Maurice Renck

26.02.2016

Ich glaube eine gute Balance wird in Zukunft immer relevanter werden. Die rasante Entwicklung der Technik wird sonst an vielen Stellen dafür sorgen, dass Menschen auf der Strecke bleiben, weil sie nicht mehr Schritt halten können. Im Kleinen kann jeder ein bisschen für sich selber sorgen und sich genug Ausgleich schaffen. Aber es kann auch nur im Sinne der Arbeitgeber sein, ihren Mitarbeitern dabei zu helfen, ein ausgewogenes (Arbeits-) Leben zu führen.

Stephan Eimterbäumer

12.03.2016

Endlich ein Artikel, der nicht unreflektiert der Optimierung durch Beschleunigung das Wort redet. Natürlich gibt es Wettbewerbsstrategien, die auf Geschwindigkeit basieren. Interessant wäre, ob es nicht ausdrücklich auch erfolgreiche Strategien gibt, die nach außen zum Kunden wie nach innen zum Mitarbeiter nicht primär auf Schnelligkeit setzen.
Die Autoren blicken hier auf die Innenseite des Unternehmens: die Rhythmen der Mitarbeitenden. Ich halte ihre Formel für denkbar: einerseits zwar eine Aufweichung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit ; parallel dazu aber neue Formen fest verabredeter Freiräume / Auszeiten / Entschleunigungsinseln.
Meine These ist, dass sogar Organisationen als ganze solche Zeiten oder Sphären der „kreativen Pause“ oder der „geduldeten Ineffizienz“ benötigen, um langfristig erfolgreich zu bleiben. Ein Berater sprach davon, dass nach seiner Erfahrung dafür 15% nötig sein (100% Effizienz sei langfristig auch nicht wirtschaftlich erfolgreich).
Man kann sagen (in Anlehnung an Hegels Vorstellung vom wahrhaft Unendlichen): Die wahrhaft effiziente Organisation umfasst auch bewusst Bereiche der Ineffizienz. Das wahrhaft schnelle Business umfasst auch Phasen oder Räume der Langsamkeit.
Vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (nicht nur in der Hannoverschen Landeskirche) bieten wir z.B. jedes Jahr viertägige Pilgertouren für Menschen im Beruf an. Ein Beitrag zum „Slow Business“.