Glückliche Kaufleute

Wochenenddienste und lange Arbeitszeiten – der Einzelhandel bietet kein einfaches Job-Umfeld. Warum der Sieg der Drogeriemarktkette dm trotzdem nicht überrascht. Dieser Artikel ist im Original im FOCUS-Spezial „Die besten Arbeitgeber 2016“ erschienen – aktuell am Kiosk.

Auf dem hart umkämpften Markt für neue Mitarbeiter haben Unternehmen zwei potenzielle Asse im Ärmel: den eigenen Ruf und die Menschen, die bereits bei ihnen angestellt sind. Im Fall von Celine Ungemach stachen beide: „Mein Bruder hat seine Ausbildung bei dm gemacht und nur Gutes erzählt. Und als junge Frau, die sich für Kosmetik und Beauty interessiert, war dm eigentlich immer eine tolle Anlaufstelle für mich“, erzählt die 27-Jährige. Im kommenden Sommer ist sie zehn Jahren bei der Karlsruher Drogeriemarktkette beschäftigt.

Nach der Ausbildung als Drogistin ging es für Ungemach schnell voran. Heute ist sie nicht nur stellvertretende Leiterin einer Filiale im Karlsruher Norden. „Nebenbei“ ist die junge Frau mehrmals im Jahr in der Region unterwegs und schult ihre Kolleginnen in Sachen neueste Make-up-Trends. Zudem ist sie in Märkten als Kundenberaterin im Einsatz und erklärt Frau – und zuweilen auch Mann –, welches Shampoo, Deo oder welcher Puder am besten zum Einsatz kommt. Ungemachs nächstes Ziel: die Verantwortung für einen dm-Standort übernehmen.

Stellt die Inhalte für das Aus- und Weiterbildungsangebot von dm zusammen: Britta Grimm

Stellt die Inhalte für das Aus- und Weiterbildungsangebot von dm zusammen: Britta Grimm

Ihre Chancen stehen gut. „Mehr als die Hälfte unserer Filialleiter und fast ein Drittel aller Gebietsverantwortlichen haben eine Lehre bei dm gemacht“, unterstreicht Erich Harsch, Vorsitzender der Geschäftsführung der dm Gruppe. Das Unternehmen setzte in Deutschland in mehr als 1700 Märkten zuletzt gut sieben Milliarden Euro um. Europaweit sind es mehr als neun Milliarden. Harsch ergänzt: „Auch drei meiner Kollegen in der Geschäftsführung haben mit einer Ausbildung ihre Tätigkeit bei dm begonnen.“

Im FOCUS-Ranking der besten Arbeitgeber übernimmt im Jahr 2016 mit dm zum ersten Mal ein Handelsunternehmen die Top-Position. Eine erstaunliche Leistung, wenn man bedenkt, dass der Einzelhandel mit seinen langen Arbeitszeiten und den Wochenenddiensten ein eher anstrengendes und – für viele Arbeitnehmer – nicht gerade attraktives Job-Umfeld bietet. Die Karlsruher müssen also einiges richtig machen.

Das fängt damit an, dass der Händler wie kaum ein anderes Unternehmen auf die Fähigkeiten seiner Beschäftigten setzt. Zugleich gibt man ihnen den Raum, sie zu entfalten. Lernen und Fördern spielen eine große Rolle. Das motiviert die Belegschaft und beginnt schon beim Einstieg ins Berufsleben.

Die Ausbildung bei dm soll ein individueller Prozess sein, bei dem es nicht allein darum geht, sich Wissen anzueignen. „Um berufliche Aufgaben zu lösen, ist viel mehr gefordert: vor allem Kreativität, Offenheit und Einfühlungsvermögen“, betont dm-Chef Harsch.

Die Idee: Wenn der Vorgesetzte dem Auszubildenden keinen Lösungsweg vorgibt, wird er sich einen eigenen erarbeiten, setzt er sich mit seiner Arbeit intensiver auseinander. Die so entdeckten eigenen Lösungswege merkt sich der junge Mensch besser und entwickelt mehr Verantwortung für weitere Aufgaben. „Lernen in der Arbeit“ nennt das Unternehmen das Konzept.

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Was für ein Theater: Die dm-Lehrlingeüben Dramen und Musicals ein, die sie präsentieren.

Dieses geht, wie vieles bei Deutschlands größtem Drogeriemarkt- Betreiber, auf Gründer Götz Werner zurück. Nach dem anthroposophischen Menschenbild des 71-Jährigen sind Unternehmen keine bloße Größe mit Beschäftigten als Kostenfaktor. Sondern vielmehr ein Ort, der Menschen erlaubt, sich zu entfalten und zu entwickeln. Nur wer sich weitgehend selbst organisiert und eigenverantwortlich handelt, bleibt langfristig erfolgreich und profitabel, ist der Träger des Bundesverdienstkreuzes überzeugt.

Der große Wert, den Werner auf seine Mitarbeiter legt, bekommen schon die Auszubildenden zu spüren. Sie heißen bei dm „Lernlinge“, weil diese Bezeichnung so viel „aktiver“ ist. Um ihre Persönlichkeit zu entwickeln, stehen zum Beispiel Theaterinszenierungen auf ihrem Lehrplan. Eine Idee, die von Werners Ehefrau stammt, einer gelernten Schauspielerin. Im vergangenen Jahr fand bereits der 1000. Workshop dieser Art statt.

„Vor dem Workshop verstecken sich die Lernlinge auch mal hinter den Regalen – nachdem sie auf der Bühne standen, gehen sie auf Kunden zu“, unterstreicht Beatrice Werner. Nur so könnten aus ihnen eigenständige Mitarbeiter werden, die erkennen, was vor Ort in der jeweiligen Filiale genau zu tun ist.

Focus Sieger DM2Ähnlich erging es damals auch Lernling Ungemach. Sie hat im Zuge der dreijährigen Ausbildung gleich zwei dieser einwöchigen „Abenteuer Kultur“- Workshops mitgemacht. „Einmal haben wir den ,Sommernachtstraum’ aufgepeppt und einmal einen Mix aus ,West Side Story’ und ,Romeo und Julia’ vor Familien, Freunden und Kollegen aufgeführt“, erinnert sich die Karlsruherin.

Focus Expansion DMDie Erfahrung, Neues auszuprobieren und Grenzen zu überwinden, gab mächtig Rückenwind für das eigene Leben: „Es klingt vielleicht etwas pathetisch, aber ohne das wäre ich heute nicht die Person, die ich bin, und nicht in der Position, wo ich bin“, ist sich Ungemach sicher.

Britta Grimm entwickelt bei dm seit sechs Jahren Angebote für die Aus- und Weiterbildung. „Wir versuchen, den Mitarbeitern ehrliche und realistische Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen“, sagt die 32-Jährige. Zusagen, die man nicht einhalten könne, sollten vermieden werden. „Natürlich kann es immer mal passieren, dass ein Plan aus verschiedenen Gründen nicht umgesetzt werden kann.“ Die Gründe dafür müssten jedoch offen aufgezeigt werden, Transparenz und Ehrlichkeit seien dabei außerordentlich wichtig.

Eine klassische „Personalabteilung“ wie in anderen Unternehmen gibt es bei dm nicht. Die Verantwortlichen vor Ort besprechen mit dem Team die Ziele und leiten daraus gemeinsam den Entwicklungsbedarf ab. Schließlich müssen sie auch mit dem- oder derjenigen arbeiten. Grimm erklärt: „Natürlich ist es für alle Arbeitnehmer wichtig, fair bezahlt zu werden. Aber wir erleben immer wieder, dass nicht nur das Einkommen im Vordergrund steht.“ Zu dm kämen Menschen, die Lust hätten, nicht nach Schema F zu arbeiten, sondern immer mal wieder etwas Neues ausprobieren und dafür die Verantwortung übernehmen möchten.

Das trifft auch auf Alexander Grunwald zu. Der 29-Jährige ist verantwortlich für 25 Filialen in Bayern mit einem Umsatz von rund 100 Millionen Euro. „Ich schätze an der Arbeit in unserem Unternehmen die flachen Hierarchien und dialogische Unternehmenskultur. Dadurch gelingt es uns, allen Kolleginnen und Kollegen auf Augenhöhe zu begegnen.“

13 Jahren in Konstanz mit einer Drogistenausbildung bei dm. Nach der Lehre leitete er zunächst stellvertretend, dann hauptverantwortlich eine Niederlassung der Kette. Parallel machte Grunwald eine Ausbildung zum Handelsfachwirt, schließlich stieg er zum Gebietsverantwortlichen auf. Und damit ist der Karriereweg des jungen Mannes noch lange nicht am Ende: Ein nächster Schritt könnte der Umzug nach Karlsruhe sein.

In der dortigen Zentrale gibt es viele ehemalige Vertriebsprofis, die inzwischen Verantwortung für die Logistik oder einen Teil des Sortiments im ganzen Konzern tragen. „Wir fördern den Wechsel zwischen den Filialen und der Zentrale, damit möglichst viele Mitarbeiter beide Seiten kennen“, sagt Konzernboss Harsch.

Sein Unternehmen bekommt pro Jahr etwa 220 000 Bewerbungen. Es gibt keine Probleme, die jährlich mehr als 2300 neuen Stellen zu besetzen – auch nicht in Gebieten wie Nord- oder Ostdeutschland, wo dm als Marke bisher noch weniger bekannt ist. „Lediglich in Städten wie München ist es schwerer, genügend Bewerber zu finden“, weiß der für Bayerns Landeshauptstadt zuständige Gebietsleiter Michael Winkler. Da muss das Einzelhandelsunternehmen – wie alle anderen Firmen auch – um die Talente von morgen Kämpfen.

Focus Osten DMDiese bildet beispielsweise Caroline Hager aus. Mit gerade einmal 28 Jahren leitet die Rheinländerin schon ihre vierte Filiale. Ihr Arbeitgeber hat ihr eine Turbokarriere ermöglicht: Nach dem Abitur startete sie eine verkürzte zweijährige Ausbildung, die sie im Jahr 2010 als beste Jungdrogistin deutschlandweit beendete. Der Abschluss als Handelsfachwirtin an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn schloss sich an. Bereits 2012 führte sie dann ihren ersten dm-Markt.

„Die Aufgaben unterscheiden sich von Filiale zu Filiale. Bei meinem letzten Job in Düsseldorf war es eine Neueröffnung, die organisiert werden musste“, erzählt Hager. Als das geschafft war und das Geschäft in normalen Bahnen lief, suchte sie neue Herausforderungen. Ihr Chef übertrug ihr deshalb eine umsatzstarke Filiale in der Neusser Innenstadt. „Die Rotation ist für die Weiterentwicklung sehr wichtig“, betont die erprobte Ladenchefin.

In ihrem stressigen Job mit 4000 bis 4500 Kunden, die täglich in ihre dm-Niederlassung strömen, kommt Hager zwar kaum zur Ruhe. Auf ihrem persönlichen Weg bei dem Einzelhändler bleibt sie dafür aber auch nicht stehen.

Text: Jochen Schuster, Fotos: imago, BLATTGRUEN Fotografie


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