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„Er ist wahrlich der Chef – gerade weil wir ihn wählen“

Die 1882 gegründeten Berliner Philharmoniker sind weltweit das einzige Spitzenorchester, das seinen Chefdirigenten selbst wählen kann. Im Juni 2015 einigten sich die 124 festangestellte Musiker auf Kirill Petrenko als neuen Musikdirektor. Stanley Dodds, Medienvorstand des Orchesters, erklärt diese besondere Form der Mitarbeiterdemokratie.

(Lesetipp: Dieses Interview ist im Original im aktuellen XING New Work E-Book „Aufbruch in eine neue Arbeitswelt“ erschienen, das zum kostenlosen Download hier verfügbar ist.)

Herr Dodds, ein Orchester, das seine Dirigenten selbst wählt, ist fürwahr außergewöhnlich. Woher ist diese Tradition der Berliner Philharmoniker begründet?

Diese Selbstbestimmungseigenschaft geht zurück auf die Gründung 1882, als die Musiker der Bilsesche-Kapelle gegen die damaligen sehr schlechten Konditionen rebellierten – und einen eigenen Klangkörper gründeten. Sie formierten sich als unabhängiges Orchester neu.

Dieser Akt der Souveränität, statt abhängig zu sein das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – mit all den Risiken -, bestimmt auch heute noch den Geist des Orchesters. Doch ganz allein konnten die Musiker selbstverständlich nicht seit 135 Jahren bestehen – es gab Hilfe von Agenturen und von berühmten Dirigenten wie Hans von Bülow, die dazu beitrugen, das Orchester als Qualitätsensemble zu etablieren.

Dieser „Geist der Gründung“, die Selbstbestimmung, wird von Generation zu Generation als Orchesterkultur weitergegeben. Ich empfinde mich als Mitglied in diesem Orchester mit seinen Selbstbestimmungsrechten in einer beneidenswerten Position. Wir wählen als Musiker auch unsere Kollegen aus, mit denen wir schließlich sehr, sehr viele Jahre zusammen spielen. Das ist ein Riesenprivileg. Ich habe es noch nicht erlebt, dass jemand, der es bis hierher geschafft hat, zu einer gleichwertigen Position in ein anderes Orchester wechselt. Wenn jemand geht, dann um eine Soloposition, eine Professur oder Dirigentschaft anzunehmen.

Das hat nicht nur etwas mit unserem Ruf als eines der besten Orchester der Welt zu tun, es gibt viele Superorchester. Oder dass wir die besten Künstler zu uns einladen können oder es bei den Gastdirigenten mit den Besten der Besten zu tun haben. Wir genießen eine Verantwortung, die von der Gemeinschaft getragen wird. Das ist etwas ganz besonderes und kein Selbstläufer, von allein läuft gar nichts. Aber es ist eine positive Arbeit, die belohnt wird.

Wie läuft denn der Auswahl- und Abstimmungsprozess bei Ihnen genau ab?

Vor dem Wahlprozess gibt es viele Orchesterversammlungen. Wir überlegen gemeinsam: Was genau suchen wir, und welche Dirigenten oder Dirigentinnen kommen infrage? Wenn wir eine Chefwahl haben, treffen wir uns im Vorlauf mindestens einmal im Monat. In diesen Versammlungen kann man viel über Demokratie lernen, über Streitkultur, Macht und Verantwortung.

Die Dirigenten von Spitzenorchestern kommen ja meist nicht aus dem eigenen Haus, sondern aus aller Welt. Wie kann man da sicher sein, dass man den Richtigen findet?

Man muss einfach daran glauben, dass man den Richtigen gefunden hat. Ein Kandidat muss eine gewisse Summe von Eigenschaften mitbringen, jeder hat dabei seine ganz eigenen. Entscheidend ist vor allem, wie hoch wird das gemeinsame Entwicklungspotenzial eingeschätzt. Die Wahl findet auf mehreren Ebenen statt – keiner wählt einen Kandidaten, nur weil alle anderen ihn wählen. Jedes Orchestermitglied hat seine individuelle Einschätzung von der möglichen Zusammenarbeit und wie das Orchester funktionieren wird. Letzten Endes ist man natürlich auch beschränkt auf die Kandidaten, die in dem Moment zur Verfügung stehen.

Ich finde es erfreulich, dass mit der Wahl des künftigen Chefdirigenten Kirill Petrenko auf jeden Fall der künstlerische Aspekt im Mittelpunkt stehen wird. Wir hatten und haben mit der schillernden Persönlichkeit Simon Rattle eine sehr schöne Zeit – mit vielen musikalischen Sternstunden. Nun schlägt das Pendel zurück, eine ganz andere Persönlichkeit übernimmt das Ruder. Aber ich denke, das ist normal und in vielen Unternehmen auch so. Nach einer gewissen Zeit kommt der Wunsch nach einem anderen Führungsstil.

Was macht denn einen guten Dirigenten aus Musikersicht aus?

Er muss während eines Konzertes in der Lage sein, das Orchester zu begeistern und für magische Momente sorgen. Wenn man von einem unvergesslichen Konzerterlebnis spricht – dann hatte der Dirigent auch eine sehr wichtige Rolle dabei gespielt und dafür gesorgt, dass der Funke überspringt. Ein guter Dirigent setzt die Kräfte der Musiker frei. Er nimmt die Musiker mit und übt zugleich Einfluss auf sie aus.

Dirigent ist ein sehr kommunikativer und sozialer Beruf: Eine Gruppe von hoch gebildeten Instrumentalisten – die alle eine bestimmte Vorstellung von den Musikstücken haben – müssen wiederum von der Vorstellung des Dirigenten überzeugt werden. Es muss ein besonderes Klangbild entstehen.

Und wie ist das im Alltag mit einem solch „demokratisch“ gewählten Chef ? Gibt es da auch immer wieder Diskussionen und Abstimmung über wichtige Entscheidungen?

Ich denke, dass wir uns unserer Verantwortung etwas mehr bewusst sind, als wenn wir jemanden vorgesetzt bekommen hätten. Das ist wie in jeder anderen menschlichen Beziehung auch. Wie wenn sich zwei Menschen füreinander entschieden haben: Man möchte miteinander auskommen. Wer hat schon etwas davon, wenn diese Beziehung in die Brüche geht? Es liegt auch an uns.

Hat ein „gewählter“ Chef automatisch weniger Autorität als ein „von oben verordneter“?

Ganz im Gegenteil: Er hat mehr. Er ist wahrlich der Chefdirigent, gerade weil wir ihn wählen.

Könnten die Philharmoniker nicht auch Vorbild für andere Branchen und Unternehmen sein? Würde dieses Modell auch in der Wirtschaft funktionieren?

Selbstverantwortung ist eine Bereicherung. Doch die Demokratie ist ein starkes Instrument und will geübt sein. Zu einer wichtigen Entscheidung, wie die Wahl des Chefs, gehören Kenntnisse. Wir haben dieses Verständnis für die Aufgaben eines Dirigenten, das ist ein Vorteil. Demokratische Prozesse sind allerdings langwierig und problembehaftet, eine gesunde Streit-, Gesprächs- und Diskussionskultur ist nötig. Wenn diese Kultur gefördert werden würde in Unternehmen, kann unser Modell vielleicht eingesetzt werden. Das Schlüsselwort ist Verantwortung. In der Wirtschaft verändert sich allerdings vieles so rasend schnell, dass es vielleicht manchmal schwer möglich ist …

Ich hoffe, dass das Modell, das wir haben, für andere Orchester als Vorbild fungiert. Denn mehr Mitbestimmung würde das Arbeitsklima sicher verbessern.

Das Interview führte Silja Schriever


Über Stanley Dodds

Stanley Dodds ist seit 1994 festes Mitglied der Berliner Philharmoniker. Der mehrfach ausgezeichnete Geiger und Medienvorstand des Orchesters verfügt über umfangreiche solistische und kammermusikalische Erfahrung. Als Dirigent hat er Kurse bei Jorma Panula absolviert; er ist seit 2014 Principal Conductor vom Sinfonie Orchester Berlin.


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Über das New Work Book

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