Entspannter arbeiten

Schluss mit Druck und Ehrgeiz: Die anderen Wege zum Joberfolg

Viele Menschen setzen sich im Job enorm unter Druck. Ehrgeizig, oft sogar verbissen, treiben sie ihre Ziele voran. Doch manchmal kommt der Erfolg gerade dann, wenn man loslässt und seine Pläne nicht so hartnäckig verfolgt.

Interview: Kristin Kruthaup

Jobcoach Simone von Stosch: "Wir werden nicht besonders gut, wenn wir uns besonders anstrengen" (©Foto: Simone von Stosch)

Jobcoach Simone von Stosch: „Wir werden nicht besonders gut, wenn wir uns besonders anstrengen“ (©Foto: Simone von Stosch)

Die nächste Stufe auf der Karriereleiter, das größere Projekt, mehr Verantwortung: Viele Menschen treiben ihre Karriere mit großem Ehrgeiz voran. Doch Hartnäckigkeit führt nicht immer ans Ziel. Warum Loslassen die bessere Alternative sein kann, erklärt Simone von Stosch, die in Berlin als Coach arbeitet:

Frau von Stosch, wer etwas erreichen will, muss sein Ziel doch mit Ehrgeiz verfolgen. Sie sagen aber das Gegenteil. Um Ziele zu erreichen, sei es wichtig, sie loszulassen. Warum das?

Simone von Stosch: Wer etwas zu viel will, übt Druck aus. Das mögen wir nicht. Unbewusst halten wir von solchen Menschen Abstand. Man erreicht oft mit zu viel Druck das Gegenteil von dem, was man eigentlich möchte. Häufig ist es besser, gelassener ranzugehen. Unsere Gesellschaft legt den Fokus häufig zu sehr auf Ehrgeiz, Druck, und Leistung durch Anstrengung.

Können Sie Beispiele für das Berufsleben geben, wo zu viel Druck eher hinderlich ist?

Von Stosch: Ja, zum Beispiel bei Karriereschritten oder wenn es darum geht, einen Chefposten haben zu wollen. Dann ist es eben nicht gut, sehr stark zu insistieren und zu sagen, dass man das will. Das war mal eine Weile die Philosophie. Es ist viel besser, zu zeigen, was man kann und Kompetenz durch sein Selbstverständnis und souveränes Auftreten zu präsentieren. Gerade wenn es darum geht, einen Job zu bekommen, ist zu viel Druck oft hinderlich.

Was für ein Verhalten haben Sie vor Augen? Wie sieht zu viel Druck konkret aus?

Von Stosch: Man merkt es Menschen an, die nicht so stark um der Sache selbst willen agieren, sondern die sehr stark unter Druck stehen und bestimmte Ansprüche erfüllen wollen. Das sieht man den Menschen an und spürt es. Und wir merken es an uns selber, wenn wir ständig unter Druck agieren und nicht aus Gelassenheit heraus. Symptome sind etwa, dass man immer wieder grübelt und die Gedanken um dasselbe kreisen. Es ist schlecht, sich an Vorstellungen abzuarbeiten: Was muss ich erreichen? Was wird von mir verlangt? Sieht mein Chef, wie gut ich bin? Sind andere besser als ich? Alle diese Gedanken sind das Gegenteil von Gelassenheit. Das führt auf Dauer zu Erschöpfungszuständen.

Loslassen klingt schnell wie aufgeben. Ist das für Sie das Gleiche?

Von Stosch: Ich würde sagen, Loslassen ist das Gegenteil von Aufgeben. Loslassen heißt im Grunde genommen: Ich kenne meine Ziele, und ich weiß, was ich will. Diese Klarheit, zu wissen, was man will, was man kann, ist die Voraussetzung dafür, loszulassen und gelassen sein zu können. Und natürlich heißt es nicht, dass man keine Ziele mehr haben soll. Es heißt nur, sie nicht mit ganz so viel Angespanntheit zu verfolgen. Auch da wo sich Widerstände auf Dauer immer wieder auftun, sollte man manchmal einfach den Weg loslassen. Es bringt nichts, immer wieder das Gleiche zu machen, wenn man immer wieder an einen Widerstand stößt.

"Loslassen ist das Gegenteil von Aufgeben" (©Foto: Fotolia / kite_rin)

„Loslassen ist das Gegenteil von Aufgeben“ (©Foto: Fotolia / kite_rin)

Wer sollte sich im Loslassen üben? Ist jemand träge und ambitionslos, führt Loslassen eher in die Lethargie. Wen haben Sie vor Augen?

Von Stosch: Hinter der Lethargie steckt auch etwas, was losgelassen werden müsste. Dahinter steht oft der Grundsatz: Ich schaffe das eh nicht. Menschen, die dazu neigen, müssten diese Glaubenssätze loslassen. Aber generell: Wem ist das besonders zu raten: Denen, die in unserer Leistungsgesellschaft Leistungsträger sind und die Verantwortung tragen. Die Hirnforschung zeigt: Wir werden nicht dann besonders gut, wenn wir uns besonders anstrengen, sondern wenn wir uns wie Kinder einer Sache hingeben und ganz in dem Moment sind. Da entsteht der Flow-Moment, ein Moment hoher Produktivität.

Wie lässt man los?

Von Stosch: Es funktioniert über die Gedanken. Es ist ein Vergegenwärtigen: Jetzt bin ich wieder ganz schön angespannt und will mit dem Kopf durch die Wand, oder es geht mir gar nicht mehr um die Sache, sondern die Macht. Dann hilft Gelassenheit, zu lächeln und zu sagen, ach komm. Wir sagen uns selber öfter: «Komm‘, streng‘ Dich mehr an.» Es ist viel besser, sich beim Zähneputzen zu sagen: «Ach komm‘, vertrau‘ mal. Das wird schon!» Natürlich müssen wir auch an Dingen dranbleiben. Ganz klar. Wichtig ist, den Unterschied herauszufinden: Ist es eine Konvention, der ich entspreche, ist es ein innerer Antreiber wie «Du musst die Beste sein» oder ist es die Sache selbst. Ist es mein Weg.

Zur Person:

Simone von Stosch arbeitet als systemischer Coach und berät Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft. Außerdem ist sie TV-Moderatorin und hat unter anderem zehn Jahre die Tagesschau moderiert, sowie das Politikmagazin Klartext vom RBB.

7 Kommentare

Uwe Janikovits

21.01.2016

Verttauen sinkt wenn Druck steigt oder besser gesagt…Selbstvertrauen sinkt wenn der Selbstdruck steigt.

Rüdiger Frey

25.01.2016

Überdruck ist der natürliche Feind der Souveränität.

Michael Neuweiler

25.01.2016

Der Artikel passt gerade zu meinem Karriereschritt. Nach 5 jahren in der Führung und entsrpechendem Druck, gehe ich zurück zu dem, was ich wirklich gut kann und gerne mache. Selbst bei der Stellensuche ging ich mit der Einstellung los „wenn’s nichts wird, dann hat das einen guten Grund und es ist besser so – das Universum wird schon das richtige für mich finden..“. Seither findet mein Umfeld, ich sehe besser aus, ich bin und wirke entspannter.. Es war gut, dass ich mal „Chef“ war, sonst hätte ich’s immer verbissen verfolgt – erst so kann ich richtig loslassen. Es ist wohl wie mit der Liebe ;)

Hesler

25.01.2016

Der Artikel ist sehr präzise und real geschrieben. In meiner gesamten Karriere habe ich schon einiges an Positionen getätigt. Das höchste Glücksgefühl war jedoch wenn ich Positionen an eine/n Nachfolger /in „Die ich selber angelernt und ausgebildet habe“ abgeben konnte. Vertrauen,Respekt und Wertschätzung sind Eigenschaften die in meinen Augen in der Berufswelt unabdingbar sind. Bei Ehrgeiz ohne Maß. ist ein scheitern vorauszusehen. Soviel zum loslassen.

Aufzeiger

25.01.2016

Das Berufsleben lehrt täglich, daß bloße Leistung zu nichts führt (außer zu noch mehr Arbeit), während der Schleimer oder Ellbogentaktiker befördert wird.
Die Dame mag schon recht haben, aber die Erklärung im Artikel ist leider etwas esoterisch. „Loslassen aber trotzdem mit Ehrgeiz dran bleiben“, hmm…

Michael Brin

25.01.2016

Klingt alles sehr gut, allein, die Realität sieht oft anders aus. Ich habe genau das getan, was in diesem Artikels empfohlen wird, nämlich losgelassen, sprich, im Sommer letzten Jahres meinen stressigen Job, in dem ich massiv unter Druck stand, aufgegeben und mir eine Zeit der Ruhe gegönnt. Mit dem Ergebnis jetzt riesige Probleme zu haben, einen adäquaten neuen Job zu bekommen, was mich psychisch mindesten genauso unter Druck setzt. Ich bin 45 Jahre alt, promoviert und habe mehr als 16 Jahre Berufserfahrung.

Corinne Fasana

25.01.2016

Genau, vertrauen sinkt, wenn der Druck steigt…und zwar auch das Selbstvertrauen, nicht durch selbstgemachten Druck, sondern am meisten durch Druck von aussen. So sehr, dass man das Gefühl entwickelt nicht zu genügen und nichts richtig zu machen/zu können. Die Wertschätzung geht heutzutage gänzlich verloren, dabei würde dies Wunder bewirken.